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EAA AirVenture 2011: Touch-Down in Oshkosh

In der letzten Juliwoche zieht es Flugbegeisterte nach Oshkosh. Das größte Fly-in der Welt bietet Airshows, zahllose Maschinen – und ein besonderes Gemeinschaftsgefühl

Von Redaktion

Superlative sind in Oshkosh irgendwie selbstverständlich: Über 10 000 Flugzeuge, 5000 freiwillige Helfer, rund 700 Aussteller – in diesem Jahr war das Fly-in besonders voll. Zum 59. EAA AirVenture vom 25. bis 31. Juli landeten die Piloten aus aller Welt bereits am Wochenende zuvor auf dem Wittman Regional Airport. Sie suchten sich einen Platz zum Zelten und/oder stellten ihre Maschinen zur Schau, ob Warbird oder Vintage Aircraft, Selbstbau oder UL – die ganze Welt des Fliegens war versammelt.

Sogar ein Zeppelin, der einzige in den USA, ging vor Anker. Auf seinen Rundflügen hatten auch Nichtpiloten die Möglichkeit, das riesige Gelände aus der Vogelperspektive zu sehen. FIFI, die weltweit einzige flugtaugliche B-29, landete am Dienstag. Am Freitag setzte eine Boeing 787 Dreamliner auf – diese seltenen Gäste lockten zahllose Besucher an. Zudem feierte man den hundersten Geburtstag der Marinefliegerei: Es waren rund 350 Navy-Maschinen zu sehen, auch die nachmittägliche Airshow wurden von ihnen mitgestaltet. So viele hatten sich noch nie auf dem Gelände eingefunden. Ebenfalls seit einhundert Jahren gibt es die Luftpost – zur Geburtstagsfeier war eine Reihe „Airmail“-Flugzeuge ausgestellt.

Foto: Brady Lane
Massenankunft: Ob Cessna, Cherokee oder hier 109 Bonanza – viele Muster fliegen am Wochenende als Formation an (Foto: Brady Lane)

Mindestens so spannend wie das Entdecken seltener Muster: Ausnahme-Piloten und -Flugzeugbauern zuhören. Besonders geehrt wurden Kunstflugpilot Bob Hoover und die Konstrukteure Burt Rutan und Chris Heintz. Über einhundert Rutan- und etwa 50 Heintz-Flugzeuge waren extra hergekommen. Die Fans konnten immer wieder mit ihren Helden sprechen: Da Burt Rutan seit April im Ruhestand ist, bot das AirVenture eine tolle Gelegenheit, ihn live zu erleben. Über 1000 Fans hörten auf der ConocoPhillipsPlaza gebannt Bob Hoover zu, als er Anekdoten aus seiner Fliegerkarriere erzählte. Eröffnungskonzert, Filme, jeden Nachmittag Kunstflug auf höchstem Niveau – Piloten und Aerobatic-Teams mit Pitts und T-6, Yak, Extra und Edge begeisterten Groß und Klein. Um Nachwuchs müssen Piloten sich hier keine Sorgen machen: Beim KidVenture schnupperten schon die Kleinsten in die Luftfahrt rein und bauten erste eigene Modelle – laut Burt Rutan die intuitivste Art, sich der Materie zu nähern.

Anflug zum größten Fly-in der Welt – Touch-Down in OSH

Ripon? Wo ist Ripon? Der Anflug auf das größte Fly-in der Welt beginnt bei einem Kaff südwestlich von Oshkosh. Immerhin: Dank seiner Getreidesilos ist Ripon selbst im Morgendunst weithin sichtbar. Direkt daneben verläuft die Eisenbahn, der wir ab jetzt Richtung Nordosten zum Örtchen Fisk folgen. Alle Lichter unserer TB-20 Trinidad sind eingeschaltet, der Transponder steht auf Standby. Wir haben die Arrival ATIS auf 125.9 abgehört, um zu wissen, welche Bahnen aktiv sind – das muss spätestens 15 Meilen vor Ripon geschehen sein.

Das 32-seitige NOTAM zum Anflug nach Oshkosh beschreibt jede Einzelheit des Ablaufs, der tausende Flugzeuge sicher auf den Boden bringt. Der wichtigste Punkt: nicht funken! Wir fliegen mit 90 Knoten in 1800 Fuß Höhe – nach Vorschrift. Das gewährleistet, dass alle Maschinen gleich schnell sind. Flugzeuge, für die das zu langsam ist, müssen 135 Knoten in 2300 Fuß einhalten. Wir suchen den Himmel nach anderen Piloten ab: Ab Ripon müssen Flieger sich hintereinander staffeln, im Abstand von mindestens einer halben Meile. Überholen und S-Kurven zum Verlangsamen sind strikt verboten. Wer nicht in der Reihe bleiben kann, muss wieder rausfliegen und zurück nach Ripon, sich einen neuen Platz suchen.Wir wechseln auf die Fisk-Approach-Frequenz. Dort sitzen Controller mit Ferngläsern vor einem Wohnwagen. Ab dem Ort Pickett müssen wir mit einem Funkspruch rechnen. „White and blue low wing“, das ist unsere TB-20. Wir sollen zur „27“ weiterfliegen und auf die Platzfrequenz wechseln. „Rock your wings“ – unser Flügelwackeln signalisiert, dass die Anweisungen verstanden sind. Wir haben noch kein Wort gefunkt, wie alle Piloten. Das verhindert die Überfüllung der Frequenz.

Foto: Judith Preuß
Aufsetzpunkt: Wir schweben genau bis zum orangefarbigen Punkt auf der Bahn und rollen auf dem nächsten Taxiway nach rechts raus (Foto: Judith Preuß)

Wäre zu viel Verkehr, hätten uns die Fisk-Controller in eine von zwei Warteschleifen geschickt. Doch wir folgen weiter der Eisenbahn, sie wird uns zum Gegenanflug führen. In der Verlängerung der „27“ huscht eine startende Maschine unter uns durch: Sie darf maximal 1300 Fuß hoch steigen, so sind 500 Fuß Sicherheitsabstand zwischen An- und Abfliegern gewährleistet. Querab der Bahnmitte ruft uns die Bodenstelle. Wir bekommen die Landefreigabe mit einem großzügigen Queranflug über Lake Winnebago, unser Aufsetzpunkt soll der orangefarbige Punkt sein. Wieder Flügelwackeln, „nice wing rock, have a good show“ kommt zurück. Vor uns ist noch eine Maschine, unten glitzert der See, voraus liegt die Betonpiste. Am Haltepunkt steht eine Piper Cub, die gleich hinter uns starten wird. Wir legen eine perfekte Ziellandung hin, die Einweiser winken uns zügig zum Taxiway. Die andere Maschine hebt ab. Während wir zum Parken rollen, setzt die nächste auf – bis zur Airshow wird es pro Minute mehrere Starts und Landungen geben.

Wasserflugzeuge am Lake Winnebago

Einen US-Dollar bekommt die Farmerfamilie Vette vom AirVenture-Veranstalter: Für diese symbolische Miete stellt sie den Wasserfliegern ihre Privatbucht zur Verfügung.“ Barry Neumann, unser Skipper auf dem Ausflugsboot, kann viel über die Seaplane Base und die 25 Flugzeuge, die gerade hier liegen, erzählen. Langsam schippern wir Besucher übers Wasser, bewundern Huskys oder Cubs auf Floats und eine Lake L4. Es ist regnerisch und eher wenig los. Doch dann brummen zwei Aeronca Sedan im Landeanflug heran. Sie gehen hinter den Bäumen auf der größeren Fläche außerhalb der Bucht runter. „Es kann hier sehr windig und rau werden, dann ist das Wassern sehr anspruchsvoll. Aber es hat sich noch nie eine Maschine losgerissen.“ Barry ist hörbar stolz. Er arbeitet schon seit Jahren freiwillig mit, machte lange Zeit als Point Controller auf der Landzunge am Buchteingang den Funk und zeigt in diesem Jahr den Neugierigen auf dreiviertelstündigen Rundfahrten die Flugzeuge.

Wie viele andere Oshkosh-Helfer war er schon in der Woche zuvor da. Zelte für Imbiss und Seminare wurden aufgebaut, die Stege auf Vordermann gebracht und die Bojen verankert. Nun gibt es ein Registration Office und eine Wetterberatung, ein Campinganhänger dient als Erste-Hilfe-Station. Versteckt liegt die Unterkunft der Civil Air Patrol. Die Kadetten der Air-Force-Jugendorganisation notieren alle einfliegenden Maschinen mit Typ und Kennzeichen: Sollte mal ein Flugzeug vermisst werden, forscht die Luftaufsicht in Oshkosh bei ihnen nach. Ansonsten funktioniert die Wasserflugstation autark.

Foto: Tyson V. Rininger
Prachtstück: FIFI, die einzige flug- tüchtige Boeing B-29 Superfortress, kommt erstmals seit 1995
(Foto: Tyson V. Rininger)

Alles läuft reibungslos, weil jeder seine Aufgabe kennt. Sobald die Flieger die Durchfahrt vom See in die Bucht passieren, werden sie an einen freien Anleger gewunken. Ein Volunteer steht bereit, um sie vorerst festzumachen. Kaum haben Pilot und Passagiere samt Gepäck den Steg unter den Füßen, werden sie von Jane Anderson begrüßt. Als einer der „Dock Greeter“ nimmt sie für die Registrierung alle Daten der Ankömmlinge auf und fragt, wann getankt werden soll, sofort oder beim Abflug. Sie und ihr Mann Tom sind Oshkosh-Veteranen, die bereits seit 1985 jedes Jahr herfliegen. An der Wasserflug-Station arbeiten die beiden zum ersten Mal mit: „Es ist eine ganz besondere, entspannte Atmosphäre hier.“

Wer nur einen Tag bleibt, zahlt 15 Dollar, die Woche Liegezeit während des gesamten Fly-ins kostet 25 Dollar. Fünf Gehminuten entfernt kann man in einem lichten Waldstück sein Zelt aufschlagen. Ansonsten sollte man lieber auf den Wegen bleiben – Schilder warnen vor giftigem Efeu. Hier ist man eben mitten in der Natur. Mike Monreal wird mit Sohn Andrew campen: Der Vierjährige hat den Berufspiloten zu dem etwas mehr als einstündigen Flug von Fox Lake in Illinois überredet: „Es ist ja viel schneller, mit der Aeronca auf dem Luftweg hierher zu kommen,“ sagt Mike. Später wird es mit dem Shuttle-Bus zum Wittman Regional Airport gehen, die Flugshow gucken – und all die Landflugzeuge.

Foto: Judith Preuß
Im Gegenanflug zur „27“: Von hier hat man einen guten Ausblick auf das Gelände des Fly-ins
(Foto: Judith Preuß)

Eine Maschine ist leer, zwei Helfer drehen sie vorsichtig um und befestigen Taue an beiden Seiten des Propellers. Dann wird das Flugzeug von einem Motorboot in Schlepp genommen: Es geht hinaus zum »Ankerplatz«. Kleinere Muster liegen am flacheren Ufer, inmitten von Wasserlinsen, das Schilf fast in Reichweite. Größere Flugzeuge sind auf der freien Wasserfläche vertäut, in Reih und Glied, immer die Nase im Wind. Bei Böen bocken die schwimmenden Maschinen; beim Festmachen müssen dann mehr helfende Hände zugreifen, damit es keine Kollision gibt.


Der „Dock Boss“ spricht nicht viel, doch von ihrem Stammplatz unter einem blauen Zeltdach hat sie alle Abläufe im Blick. „Kathy macht den Job schon seit Ewigkeiten“, erzählt Gary Schaut. Er hilft als technischer Berater – falls mal etwas nicht funktioniert oder repariert werden muss, ist er der richtige Mann. Da gerade niemand ankommt, gibt es erstmal Kaffee und Kekse: Pause.

Größere Flugzeuge sind auf der freien Wasserfläche vertäut

Es kommt ein Pärchen an, das abfliegen will. Alles läuft umgekehrt: Maschine vom See an der Steg holen, festmachen, Gepäck einladen und einsteigen. Nach dem Run-up geht es mit ganz wenig Fahrt Richtung Landzunge zum Durchgang auf den Lake Winnebago. Der Controller weiß, ob es eventuell Gegenverkehr gibt – zwei Maschinen nebeneinander kämen sich zwischen den Bäumen ins Gehege. Plötzlich sind Stehtische und Bänke leerer, viele Piloten sind im Vortragszelt verschwunden. Das Seminarthema: sichere Landung. Das interessiert alle, denn schließlich müssen Wasserflieger sich nicht nur mit dem Wind, sondern auch den Wellen auseinandersetzen.

Foto: Judith Preuß
Rudelverhalten: Die Maschinen sind an Bojen vertäut und drehen die Nasen je nach Windrichtung
(Foto: Judith Preuß)

Bis zum Wittman Airport sind es grade mal zehn Minuten Fahrzeit. Trotz größerer fliegerischer Freiheit legt das NOTAM daher auch für die Seaplane Base Rahmenbedingungen für VFRler fest. An- und abgeflogen wird über den Winnebago-See. Die Platzrunde soll möglichst von Nord nach Süd mit Linkskurven verlaufen. Ein Pluspunkt: Wer außerhalb eines Radius von fünf Nautischen Meilen um Oshkosh aufsetzt, darf dort auch während der nachmittäglichen Airshows landen. Allerdings ist dann der „Taxiway“ entlang des Seeufers recht lang. Die Sonne kommt raus, plötzlich tauchenvier Maschinen im Anflug auf. Alle sind voll beschäftigt – morgen wird Barry Neumann neue Muster zum Zeigen haben.

Text: Judith Preuß, fliegermagazin, 9/2009

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