Unfallakte

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Motorausfall im Kunstflugzeug: Absturz einer Extra 300L

Zum ersten Mal steuert ein junger Pilot die Kunstflugmaschine Extra 300L vom hinteren Sitz aus. Kurz nach dem Start bemerkt er Motorprobleme. Es folgt ein dramatischer Überlebenskampf

Von Redaktion

Kunstflugpiloten haben ein anspruchsvolles Hobby. Sie fliegen nicht nur waghalsig erscheinende Manöver wie Loopings,  Rollen und Trudeln, sondern bewegen sich im Wettbewerb auch noch in einem engen zeitlichen und räumlichen Rahmen. Und selbstverständlich müssen sie – wie alle Piloten auch – ihren Treibstoffvorrat und dessen Management an ihr Flugvorhaben anpassen.

Am 30. April 2012 starten zwei Piloten von der Graspiste des Sonderlandeplatzes Hahnweide nahe dem schwäbischen Kirchheim unter Teck mit einer Maschine des Typs Extra 300L. Der verantwortliche Pilot sitzt zum ersten Mal auf dem hinteren Sitz, um sich mit dem agilen Zweisitzer vertraut zu machen. Vorn hat ein erfahrener Kunstflieger Platz genommen. Der 57-Jährige hat keine Lehrberechtigung und ist formal lediglich Fluggast, doch mit einer Flugerfahrung von über 3400 Stunden unterstützt er den hinten sitzenden PIC. Dieser war bislang fünf bis zehn Stunden mit der Extra unterwegs, doch bis zu diesem Tag immer auf dem vorderen Sitz.

Kurz nach dem Start: ein Stottern des Motors ist zu hören

Am späten Nachmittag rollt der Tiefdecker zur Startbahn und hebt ab. Der Pilot lenkt die Extra in den Querabflug und schaltet dabei den Tankwahlhebel vom Rumpftank auf die Flächentanks um. Danach zieht er den Propellerregler zurück, um die Drehzahl zu reduzieren. Die Maschine fliegt in etwa 150 bis 200 Metern über Grund, als der 24-Jährige ein Stottern des Motors zu hören glaubt.

Unfallstrecke: Nach dem Start von der Hahnweide dreht die Maschine nach rechts ab, kurz darauf stürzt sie in den angrenzenden Wald (Foto: BFU)

Zeugen am Boden sehen, dass die Maschine aus dem Querabflug in eine Rechtskurve dreht, sich einem nahe gelegenen Wald nähert und in etwa 30 Metern Höhe die Baumwipfel überfliegt. Dann verschwindet die Extra in einer Senke. Augenblicke danach ist ein lauter Schlag zu hören, und eine dunkle Rauchsäule steigt aus dem Waldstück auf. Als die ersten Helfer an der Absturzstelle eintreffen, finden sie auf der linken Seite des Wracks einen vom Feuer gezeichneten Leichnam. Er wird als der Pilot identifiziert, der auf dem vorderen Platz gesessen hatte. Der 24-jährige Pilot konnte sich mit leichten Verletzungen aus dem Wrack befreien.

Bei den Ermittlungen der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) wird der überlebende Pilot befragt. Er gibt an, dass der vorne sitzende Pilot ihn gefragt habe, was los sei, als er das Stottern des Motors bemerkte. Darauf habe er geantwortet: „Flieg du mal schnell, ich schaue nach dem Motor.“ Er habe dann den Kraftstoffhahn bewusst auf den mittleren Rumpftank gestellt und die eingeschaltete Benzinpumpe kontrolliert. Drehzahl-, Gemisch- und Gashebel habe er ganz nach vorn geschoben. Zu diesem Zeitpunkt sei der Motor komplett ausgefallen.

Das Kunstflugzeug überfliegt in 30 Metern Höhe die Baumkronen

Erst spät habe er dann bemerkt, dass die Maschine in einer extrem steilen Rechtskurve flog und in einen spiralartigen Sturz überging. Er habe sich noch über die ausbleibende Reaktion des vorn sitzenden Piloten gewundert und das Steuer übernommen. Durch heftiges Ziehen am Höhenruder habe er versucht, den nun unvermeidlichen Aufprall auf die Baumkronen „so energieraubend wie möglich“ zu gestalten.

Verbrannt: Das Wrack gerät nach dem Unfall in Brand. Dem Piloten gelingt es nicht mehr, seinen vorn sitzenden Mitflieger zu befreien (Foto: BFU)

Den Aufschlag selbst habe er nicht genau mitbekommen und die Augen erst wieder geöffnet, als die Maschine zum Stillstand gekommen war. Dann merkte er, dass das Flugzeug zu brennen begann, und schnallte sich los. Er habe „die Systeme ausgemacht“, den Brandhahn geschlossen und anschließend versucht, seinen bewusstlosen Mitflieger aus dem Wrack zu ziehen, in dem er ihn vom hinteren Sitz aus unter den Achseln fasste. Doch der Rettungsversuch misslang. Als es überall brannte, habe er es nur noch geschafft, den anderen Piloten mit dem Oberkörper auf der Tragfläche abzulegen, bevor er sich selbst in Sicherheit brachte.

Nach dem Motorausfall stürzt die Extra 300L in die Baumkronen: Das Feuer breitet sich rasch aus

Die Äußerungen des Überlebenden zeigen den enormen Stress, unter dem er gestanden hat, denn die von der BFU ermittelten Befunde zum Unfallgeschehen stimmen in wesentlichen Teilen nicht mit seinen Darstellungen überein. So weisen gleich mehrere Indizien an der Unfallstelle sowie Bruchspuren des Propellers darauf hin, dass das Triebwerk bis zuletzt unter Last gelaufen sein muss. Da der Pilot eine mögliche Fehlbedienung von Triebwerk, Prop oder Benzinhahn während des Flugs ausdrücklich ausschließt, lässt die BFU den Motor durch einen Fachbetrieb auf eine mechanische Störung untersuchen – doch es findet sich keine; technische Mängel sind am Triebwerk nicht nachweisbar.

Unlösbar: Ein Versuch soll zeigen, ob es möglich ist, vom hinteren Sitz der Extra einen vorn sitzenden Passagier zu evakuieren. Es geht nicht (Foto: BFU)

Auch wurde die Leiche des anderen Piloten außerhalb des Cockpits vorgefunden – was nach Ansicht der Ermittler nur den Schluss zulässt, dass der 57-Jährige das Wrack aus eigener Kraft verlassen haben muss. Am Ende bleiben viele Fragen offen, unter anderem auch, ob es zwischen beiden Piloten vor dem Start Absprachen zur Aufgabenverteilung bei einer möglichen Störung gegeben hat. Mit hoher Wahrscheinlichkeit, so die BFU, sei es kurz nach dem Start zu einem Leistungsverlust gekommen, in dessen Folge die Maschine mit den Baumkronen kollidiert sei. Der Grund für die Triebwerksstörung bleibt unklar.

Text: Samuel Pichlmaier, fliegermagazin 7/2017

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