Praxis

Allergien und Flugtauglichkeit

Piloten, Pollen und Probleme: Längst nicht alle Allergien 
führen zur Fluguntauglichkeit. Die individuelle Beratung 
beim Fliegerarzt schafft Klarheit

Von Redaktion
Frühlingsthema Allergien Foto: fliegermagazin-Archiv

Die Vögel zwitschern, das Gras und die ersten Blüten wiegen sich auf dem Flugplatz im leichten Frühlingswind – und gleich bei der ersten Vorflugkontrolle kommen sie wieder: die Symptome des typischen Heuschnupfens. Die Nase ist verstopft, die Augen tränen und jucken.


Ist das nun schon ein Problem für Piloten und ihr Tauglichkeitszeugnis? Kann man einfach ins Cockpit steigen und losfliegen? Oder muss erst der Fliegerarzt konsultiert werden?

Erst zum Fliegerarzt bei Allergien?

Grundsätzlich kann der Körper Abwehrreaktionen gegen alle Stoffe und sogar sich selbst entwickeln. Vom kleinen Schnupfen bis zum schweren Asthma-Anfall oder einem Kreislaufschock reicht die Bandbreite der allergischen Symptome. Es gibt Sofortreaktionen, aber auch erst Stunden später können massive Beschwerden auftreten.

Die Beurteilung, ob man als Pilot sicher agieren kann, hängt primär von der Gefahr einer plötzlichen Handlungsunfähigkeit ab. Wer seine Allergie schon jahrelang kennt, kann ihre Auswirkungen gut einschätzen, beim ersten Auftreten jedoch ist Vorsicht geboten.

Allergieauslösende Stoffe bei Heuschnupfen zu meiden, ist für Piloten besonders schwierig

Die einfache Empfehlung, den allergieauslösenden Stoff so weit wie möglich zu meiden, wird für Piloten bei der häufigsten Allergieform, dem Heuschnupfen, schwierig. Pollen können überall in der Atemluft vorhanden sein. Insbesondere im Frühjahr bis weit in den Sommer hinein schweben sie sogar bis in Höhen von 5000 Fuß über Grund. Allerdings hängt die luftgebundene Pollenbelastung sehr von Wetterfaktoren wie Luftfeuchtigkeit und Wind ab.

Piloten, die auf Grasplätzen zuhause sind, haben oft eine erhöhte Exposition. Die Aufenthaltsdauer ist weniger wichtig, da eine Allergie meist dosisunabhängig auftritt.

Ob Allergien mit der Tätigkeit als Pilot vereinbar sind, lässt sich letztlich nur im Einzelfall entscheiden. Sind allergische Symptome erstmals aufgetreten, sollte auch eine genauere Diagnose beim Allergologen erfolgen.

Kann man mit Allergien Pilot sein?

Doch nicht nur die Allergene können problematisch sein, sondern auch die Medikamente, die deren Auswirkungen dämpfen sollen. Leider gibt es Substanzgruppen, die als Nebenwirkung häufig Müdigkeit, herabgesetzte Reaktionsfähigkeit oder Schwindel haben können – alles Symptome, die man sich nicht im Cockpit wünscht.

Deshalb ist nach erstmaliger Einnahme zur Sicherheit eine fliegerische Pause von ein paar Tagen ratsam. Manche Therapien, etwa die systemische Kortisongabe, sind grundsätzlich nicht mit einer Fliegertauglichkeit vereinbar. Vor der Verordnung von antiallergischen Medikamenten durch den Arzt oder dem Kauf von rezeptfreien Mitteln in der Apotheke ist auf jeden Fall darauf hinzuweisen, dass die Fliegertauglichkeit nicht beeinträchtigen werden darf.

Medikamente können die Fliegertauglichkeit beeinflussen

Zwei Beispiele aus der Praxis zeigen die Bandbreite möglicher Symptome:

Fall 1: Ein 17-jähriger Segelflieger hat eine Frühblüher-Allergie (Haselnuss, Birke, Erle). Schon beim Aufrüsten der Segelflugzeuge kommen Niesreiz und juckende, tränende Augen. Der Pilot hat bereits mehrfach den neueren rezeptfreien Wirkstoff Cetirizin in Tablettenform probiert und keine pilotenrelevanten Einschränkungen wie Schwindel oder Müdigkeit beobachten können. Nach Rücksprache mit dem Fliegerarzt zur Abklärung von Wechselwirkungen kann das Mittel auch vor und während des Fliegens genommen werden.

Fall 2: Eine 55-jährige PPL-Motorflugaspirantin hat seit der Kindheit ein stark ausgeprägtes allergisches Asthma bronchiale, das durch Pollen, aber auch Hausstaub und Zigarettenrauchen immer wieder schnell zu Asthmaanfällen führt. Trotz Dauermedikation mit einem Kortisonpräparat als Tablette sowie zwei weiteren Medikamenten in Sprayform kommt es wiederholt zu Krankenhauseinweisungen bei starker Luftnot. In diesem Fall ist die Ausstellung eines Medicals auch mit der Einschränkung „OSL“ (nur mit Sicherheitspilot) unwahrscheinlich, da Flugschüler im Rahmen ihrer Ausbildung auch solo fliegen müssen und die Gefahr einer plötzlichen Handlungsunfähigkeit bei diesem unstabilen Krankheitsbild zu groß ist.

Auch die bei bestimmten Allergien angezeigte Desensibilisierung, die etwa bei Heuschnupfen in der Winterzeit durchgeführt wird, kann als mögliche Nebenwirkung zunächst eine verstärkte Allergie-Symptomatik bewirken.

Der Fliegerarzt ist nicht der Feind – er kann die Sorgen um das Medical verstehen

Es gilt auch hier, für die Dauer der Therapie zunächst nicht als Pilot tätig zu werden und den Verlauf zu beobachten.Im Zweifel ist der Fliegerarzt in jedem Fall der beste Ansprechpartner. Er ist meist selbst Pilot und kann die Sorgen um das Medical verstehen.

Text: Dr. Oliver Brock, fliegermagazin 05/2009

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