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Flugplatz Ganderkesee: Fliegerleben zwischen Springerbetrieb und Nordsee-Flügen

Auf dem platten Land im Nordwesten Niedersachsens bietet ein kleiner Flugplatz
westlich von Bremen alles, was Flieger brauchen.

Von Rolf Stünkel
Bremen aus der Luft: Die Hafenanlagen und den Stadtteil Vegesack trennt die Weser.

Die Sonne lacht, auf der Restaurant-Terrasse sind alle Tische besetzt. Eine rotweiße Turbo-Porter gefüllt mit Fallschirmspringern rollt mit summender Turbine zur Bahn 26. Der kultige Spornradflieger mit den lustigen Flügeltüren sieht aus wie aus dem Vollen gefräst. »Papa, ist das ein Jet?« erkundigt sich ein Kind. Nach kurzem Anlauf schwingt sich der kantige Vogel in die Luft, einige Flugzeuge warten an der Startbahn. „Nichts wie weg“, meint ein Pilot auf der Besucherterrasse und grinst. „Wenn die Springer in der Luft sind, darf niemand starten oder landen.“

Rund 20 Unternehmen und Vereine haben sich an dem sympathischen Flugplatz angesiedelt. Bild: Rolf Stünkel

Der Verkehrslandeplatz Ganderkesee (EDWQ) liegt am Westrand der Bremer Flughafen-Kontrollzone. Über ihm beginnt schon in 2.500 Fuß der Luftraum D gleich östlich sogar schon in 1.500 Fuß. Der Endanflug auf die Bremer Piste 09 führt direkt über Ganderkesee. »Das stört nicht«, erklärt Christian von Engelbrechten, Ausbildungsleiter der Flugschule vor Ort. „Wir profitieren sogar vom großen Bruder. Bremen ist übersichtlich, die Lotsen sind locker – das ist gut für unsere Schulung.“

Piloten brauchen in Ganderkesee keine Wetter-App: Sobald der 1.078 Fuß hohe rotweiße Sendemast im Nordwesten der Platzrunde ganz zu sehen ist, kann man fliegen. Der „Spargel“ ist auch eine gute Orientierungshilfe.

Ganderkesee ist aufgrund der Nachtflugerlaubnis beliebt bei Promis, die in Bremen auftreten und dafür eingeflogen werden. Bild: Rolf Stünkel

Betriebsleiterin Annette blickt aus dem Tower. „Moin, Delta Fox Mike“, funkt sie eine eben gelandete Cessna an. „Habt ihr euren IFR-Flugplan geschlossen?“ – „Sei so nett“, bittet der Pilot und rollt grüßend vorbei. Freizeit-Piloten besuchen sehr gern die Ostfriesischen Inseln, Helgoland oder Sylt. Ein Schweizer fährt jedes Jahr mit Frau und Hund nach Ganderkesee, um von hier mit einem Charterflugzeug aufzubrechen. „Ein kurzer Hüpfer, und wir gehen am Strand spazieren, essen Fisch oder baden in der Nordsee“, freut sich Mann aus dem Aargau. Eins fällt ihm immer wieder auf: „Eure Landebahnen sind so schön lang. Bei uns gibt´s meist nur 400 bis 500 Meter.“

Flugplatz Ganderkesee ist abends mit Beleuchtung

Manche Piloten kommen erst in der Dämmerung nach Ganderkesee. Die Piste ist beleuchtet, die PPR-Gebühr moderat. »So ein Takeoff bei Einbruch der Dunkelheit ist traumhaft«, schwärmt Fluglehrer Claus. Die Kurse sind gut gebucht. Nachtflüge führen rund um Hamburg oder Hannover, Fußballfans freuen sich über das hell erleuchtete Bremer Weserstadion. Die Nachteulen organisieren sich in einer WhatsApp-Gruppe.

Oft stoßen Flugzeuge von anderen Plätzen spontan hinzu. Die Ganderkeseeer Flugschule bietet auch Schnupperflüge und Kontrollzonen-Einweisungen an. Ein Bremer Fluglotse, der auch selber Pilot in Ganderkesee ist, hält einen kleinen Vortrag. Dann geht es „live“ in die Kontrollzone, und die Scheu vor dem Airport ist wie weggeblasen.

Unesco-Welterbe: Der Marktplatz von Bremen mit dem berühmten Rathaus und der Rolandsstatue. Bild: Rolf Stünkel

Ganderkesee wurde erstmals um 860 erwähnt als „Gandrikesarde“. Der Name setzt sich aus dem germanischen Vornamen „Gandrik“ und „Arde“ (Erde) zusammen. Eine andere Deutung des Namens bezieht sich auf die Gänsefigur vor dem Rathaus: Ein Ganter soll hier den Ort für eine Kirche aussucht haben, und „keese“ kommt vom altdeutschen „erkiest“ (auserwählt).

Einen See gibt es jedenfalls nicht. Heute leben hier rund 32.000 Menschen. Ganderkesee bietet viel Grün und einen kleinen Ortskern mit Cafés, Restaurants und Geschäften. Wer mehr will, ist in ein paar Autominuten in Delmenhorst, Bremen oder Oldenburg. Die Gemeinde lebt von Handwerks-, Gewerbe- und Dienstleistungsbetrieben.

Kultig – Der Enstrom-Hubschrauber wurde 1974 gebaut und verbringt nun seine letzten Tage in Ganderkesee – immerhin in der Luft. Bild: Rolf Stünkel

Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist das rund 55 Jahre alte Atlas Airfield, ein Teil der familiengeführten Atlas Air Service AG mit ihren Standorten in Ganderkesee, Bremen, Augsburg, Paderborn und Altenrhein (Schweiz). Der kleine Flugplatz mauserte sich mit Werft und Flugzeugverkauf früh zum General-Aviation-Hotspot. Mitte der achtziger Jahre verkaufte die damals einzige europäische Cessna-Vertretung Citation Businessjets und Enstrom-Hubschrauber. Als das Airfield aus den Nähten zu platzen drohte, verlegte man Verkauf, Werft und Jet-Charter an den Bremer Flughafen. In Ganderkesee verblieben die Abteilung für zerstörungsfreie Werkstoffprüfung, die Flugschule AAG Flight Academy und die Geschäftsleitung des Atlas Air Service.

Immer noch in Familienhand

Rund 20 Unternehmen und Vereine haben sich am Flugplatz angesiedelt, darunter eine Weft, ein Hubschrauber-Flugbetrieb, eine Firma für Flugzeugpolitur und -aufbereitung und eine Fallschirmspringerschule. Über 100 Menschen haben am Flugplatz ihre berufliche Heimat gefunden. „Wir sind ein Familienunternehmen in dritter Generation“, berichtet Ralf Sauer, Sohn des Flugplatzgründers. „Die Leidenschaft fürs Fliegen begleitet uns seit fast 60 Jahren. Wir blicken immer durch die Brille des Piloten und arbeiten daran, unser Airfield für Flugbegeisterte und Familien noch attraktiver zu machen.“

Wohnen am Platz: Vom Airfield Hotel mit angeschlossenem Restaurant lassen sich einige Touren in die Umgebung unternehmen. Bild: Rolf Stünkel

Ganderkesee ist ein „All in“-Platz: Das täglich geöffnete Airfield-Restaurant und sein 25-Zimmer-Hotel im waschechten US-Motel-Look bietet sich für Landausflüge nach Oldenburg oder Bremen an. Besonders schön sind die nahen Künstlerorte Worpswede oder Dangast. Mit dem Leihfahrrad radelt es sich schnell zu einer Klosterruine oder einfach ins Grüne. Groß-Events wie das jährliche Rock & Roll-Festival haben hohe Anziehungskraft für die gesamte Region.

Zur inneren Einkehr: Die Kirche in Ganderkesee ist eine spätgotische Kirche aus Feldstein- und
Backsteinmauerwerk aus dem 15. Jahrhundert. Bild: Rolf Stünkel

Reges Treiben

Die Fallschirm-Warnlampen an den Gebäuden blinken, auf dem Vorfeld verstummen die Motoren. Irgendwo am Himmel purzeln gerade Springer aus der rotweißen Turbo Porter, und bald sind kleine schwarze Punkte zu erkennen. „Guck mal, Papa!“ ruft ein Junge begeistert, als die bunten matratzenförmigen Schirme herbeischweben.

Die Kaffeegäste halten den Atem an, als die kühnen Springer mit einem Affenzahn auf den Flugplatz zuhalten, scheinbar im letzten Moment an den Seilen ziehen und ganz entspannt auf festem Boden auslaufen. Dann ist auch die rotweiße Absetz-Maschine wieder da. Sie schwebt wie ein großer Vogel mit staksigen Beinen heran und setzt nach wenigen Metern auf.

Ganderkesee bietet
direkt neben der Großstadt Bremen viel Grün. Bild: Rolf Stünkel

Kaum sind alle Springer unten, lassen die Flugzeuge wieder die Motoren an. Schon macht sich die nächste Fallschirmgruppe zum Abflug fertig und trottet im Gänsemarsch zum Flugzeug. Schulflugzeuge machen ihre Landungen, ein roter Hubschrauber hebt mit Rundfluggästen ab. Heute herrscht ein Betrieb wie im Taubenschlag.

Am Abend gehen im Flugplatzrestaurant die Lichter an, eine Geburtstagsgesellschaft feiert auf der beleuchteten Terrasse. Ein Airliner zieht vorbei, um in Bremen zu landen – ein Hauch der großen weiten Welt. Ganderkeseer Flugziele liegen eher um die Ecke, dafür gibt es weder Passagierkontrollen noch Gepäckband-Stress – wer braucht Honolulu, wenn er nach Helgoland fliegen kann.

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