Flugplatz Zweedorf: Zwischen Ostsee und Salzhaff
Nördlich von Wismar liegt der kleine Ort Rerik, an den sich die Halbinsel Wustrow anschließt. Deren wechselvolle Geschichte und die schöne Umgebung reizten unseren Autor zum Erkundungsflug.
Unter den Ferienorten an der mecklenburgischen Ostseeküste hat Rerik einen ganz eigenen Charakter: nicht so schick wie die Kaiserbäder (Ahlbeck, Heringsdorf, Bansin) oder das nahegelegene Kühlungsborn, schon gar nicht so luxuriös wie Heiligendamm, aber auch nicht so abgeschieden wie manche Orte auf Fischland oder dem Darß. Das Städtchen hat etwas angenehm Unaufgeregtes, dabei ist die Lage zwischen Meeresstrand und Salzhaff eine der schönsten weit und breit. Keine drei Kilometer entfernt befindet sich der Flugplatz Zweedorf, der Rerik für fliegende Gäste besonders attraktiv macht.
Er ist für Luftfahrzeuge bis zwei Tonnen zugelassen und verlangt PPR – was zu beachten ist, erfährt man telefonisch. Bei früheren Besuchen haben wir dort Fahrräder geliehen und sind zum Strand geradelt, wofür man etwa 15 bis 20 Minuten braucht. Diesmal bleibe ich mit der Familie über Nacht, wir benötigen ein Taxi. Ganz so leicht ist das leider nicht: Das einzige freie kommt von weiter weg und braucht eine gute Stunde, bis es da ist. Offenbar lohnt es sich, den fahrbaren Untersatz vorab zu organisieren.
Piper Archer am Flugplatz ZweedorfWo Salzhaff und Ostsee nur wenige Schritte trennen
Der erste Weg führt uns zur von Lokalen gesäumten Promenade am Salzhaff, wo sich der kleine Sportboothafen befindet und ein Ausflugsdampfer auf Passagiere wartet. Um zum Meer zu gelangen, brauchen wir dann nur noch die Straßenseite zu wechseln, so schmal ist die Wustrower Hals oder Düne genannte Landenge. Bei einer Sturmflut ist sie schon mal komplett durchgebrochen. Genau genommen stehen wir also auf einem Deich. Bei schönem Wetter ist am Strandzugang von der Dünenstraße ganz schön was los, aber Sand gibt’s hier ja so weit das Auge reicht, und man braucht nur etwas weiter weg zu gehen, um seine Ruhe zu haben.
SportboothafenDie Seebrücke wurde vor ein paar Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen und bisher nicht neu aufgebaut. Ersatzweise kann man den Blick aufs Meer vom 16 Meter hohen Schmiedeberg genießen, wo sich einst eine slawische Burgwallanlage aus dem 8. Jahrhundert befand. Wanderweg über die Steilküste. Nachdem dort ein Sturm Balkenreste freigelegt hatte und archäologische Funde gemacht wurden, glaubte ein mecklenburgischer Heimatforscher in den dreißiger Jahren, die sagenumwobene Wikingersiedlung Reric entdeckt zu haben.
Steilküste der Halbinsel WustrowWas Rerik mit einer Wikingersiedlung zu tun hat
Heute weiß man, dass sie bei Groß Strömkendorf in der Nähe von Wismar lag. Aber in dem von allem Nordischen trunkenen NS-Staat nahm man die vermeintliche Entdeckung zum Anlass, sich des bisherigen Ortsnamens zu entledigen, der slawischen Ursprungs war und Burg bedeutete. Aus Alt Gaarz wurde 1938 Rerik. Gleich hinter dem Schmiedeberg und der weithin sichtbaren ehemaligen Villa Krone, in der sich heute eine Bäckerei befindet, beginnt der Wanderweg über die Steilküste. Immer wieder tun sich zwischen den Bäumen herrliche Ausblicke auf. Und alle paar hundert Meter führen Treppen zum Strand hinab, sodass man die Länge des Spaziergangs selbst bestimmen und jederzeit am Strand zurücklaufen kann.
Im Ort ist die Kirche mit dem markanten Turm sehenswert, der – wie viele küstennahe Kirchtürme – früher auch als Seezeichen diente. Das Innere überrascht mit seiner farbenfrohen Ausmalung aus dem 17. Jahrhundert. Der Turm mit dem Glockenstuhl kann erstiegen werden. Mehrmals entdecken wir in Fenstern und Vitrinen im Ort selbstgebastelte »Einfahrt-verboten«-Schilder, auf deren weißem Balken »Wustrow« steht.
Blick auf RerikVom Militärgelände zur verbotenen Halbinsel
Erst allmählich werden uns die Hintergründe klarer. Auf der gleichnamigen Halbinsel befand sich einst die größte Flakartillerieschule der Nazis mit Kaserne, Nebengebäuden und Versorgungseinrichtungen – eine komplette Kleinstadt. Auch ein Feldflugplatz gehörte dazu, auf dem Ju 52 für Zieldarstellungsflüge, zeitweise aber auch Jagdflugzeuge stationiert waren.
Nach dem Krieg übernahm die Rote Armee das Gelände und nutzte es für die gleichen Zwecke weiter. Vier Jahrzehnte lang blieb Wustrow komplett abgeschottet, es wurde zur »verbotenen Halbinsel«. Beim Abzug der Sowjets lagen dort nicht nur Unmengen von Schrott und Munition herum, es hatte sich in der kaum genutzten Südhälfte auch eine unberührte Naturlandschaft gebildet, die bald unter Schutz gestellt wurde.
Flugplatz ZweedorfWie Wustrow zur Geisterstadt wurde
Kurz vor der Jahrtausendwende kaufte die Fundus-Gruppe, die auch Heiligendamm saniert hat, die Halbinsel, um dort Hotels, Golfplatz, Marina, Reiterhof und Hunderte von Ferienwohnungen zu bauen. Allerdings kam es zu keiner Einigung mit der Stadtverwaltung. Die Zufahrt für all die Tausenden von Menschen hätte nämlich durch den Ort erfolgen müssen. Im seither vergangenen Vierteljahrhundert wurde Wustrow zur Geisterstadt, wie man vom Strand aus, aber noch besser aus der Luft sehen kann. Die Zukunft der inzwischen wieder abgesperrten Halbinsel ist ungewiss.
Manche kennen Rerik aus dem Roman »Sansibar oder der letzte Grund« von Alfred Andersch, einem Klassiker der deutschen Literatur, der häufig Schullektüre war. So auch bei mir. Ein Viertel der Besucher komme deswegen, lese ich in einem – allerdings schon etwas älteren – Zeitungsartikel im Heimatmuseum. Doch wer nach den Romanschauplätzen sucht, wird wenig finden, denn die meisten wurden Wismar nachempfunden.
AirparkVon der Steilküste zurück zum Flugplatz Zweedorf
Erstaunlich populär ist Rerik dagegen neuerdings als Handlungsort von Kriminalromanen wie »Die Frau vom Strand«, »Letzte Spur Ostsee« oder »Tod an der Steilküste«. Orte wie die Schustertreppe, die Liebes- und die Teufelsschlucht und natürlich die dramatische Kulisse der Steilküste als solche scheinen die Fantasie der Krimiautoren besonders anzuregen.
Wir müssen allmählich an den Rückflug denken und machen uns wieder auf den Weg zum Flugplatz Zweedorf. Mir gefällt der unkomplizierte, schön gelegene Platz in der Nähe des Salzhaffs, dessen Ursprünge in der Agrarfliegerei liegen.
Blick vom SchmiedebergWas erwartet Piloten am Flugplatz Zweedorf?
In den neunziger Jahren wurde hier der erste deutsche Airpark geplant, aber nicht fertiggestellt. Immerhin: Fünf Häuser stehen und sehr viel mehr Baugrundstücke mit Hangar-Option sind noch erhältlich. Der Flugplatz ist sehr zu empfehlen, nur der gemähte Streifen auf der Bahn war bei unserem Besuch zwar zum Landen breit genug, aber nicht zum Wenden. Beim unvermeidlichen Backtrack fräste sich der Propeller ins mehr als kniehohe Gras und färbte die Maschine schön grün. Wenigstens blieb ja bis zum Eintreffen des Taxis viel Zeit zum Putzen …
Das gleiche Problem beim Abflug. Um am Ende der Bahn in Startrichtung zu wenden, hieß es: Motor wieder aus, Passagiere raus – und dann mit der Schubstange hin- und her bugsiert, bis es passte. Bei einer Piper Archer braucht man dafür auf Gras ordentlich Kraft. Mindestens ein Wendehammer sollte doch drin sein. Aber vielleicht gibt’s den ja beim nächsten Mal.


