Touch & Go Colmar Houssen – Winachtsbredele mit Lebküechebier
Frankreich ist für kulinarische Finesse bekannt – da macht auch das Elsass keine Ausnahme. Zur Weihnachtszeit ist Colmar ein besonderes Flugziel.
Kaum sind wir am Flugplatz losgefahren, umrunden wir die Freiheitsstatue. »Was macht denn die hier?«, frage ich die
Taxifahrerin entgeistert. »Na, die ist doch von Bartholdi«, antwortet sie knapp. Und als sie mit einem Seitenblick meine komplette Ahnungslosigkeit bemerkt, ergänzt sie: »Der Bildhauer der Freiheitsstatue. Der stammte aus Colmar.«. Ich habe ja mit allem möglichen gerechnet hier am Ostrand Frankreichs, wo Deutschland und die Schweiz ganz nah sind, aber nicht mit einem Gruß von jenseits des Atlantiks – auch wenn es sich um eine verkleinerte Nachbildung handelt, die 2004 zum 100. Todestag des Künstlers aufgestellt wurde. Immerhin kann das Elsass, zu dessen bekanntesten Städten Colmar gehört, als Drehscheibe zwischen den Kulturen gelten.

Seit jeher hat der fruchtbare, überdurchschnittlich sonnige Oberrheingraben die Menschen angezogen. Im Westen erheben sich majestätisch die bis auf 1400 Meter ansteigenden, klimatisch eher rauen Vogesen. Colmar selbst liegt in flachem Gelände und ist aus der Luft unproblematisch zu erreichen – nicht zuletzt auch wegen der komfortablen 1.610-Meter-Asphaltbahn. Der Flugplatz, nördlich der Stadt, ist von einem Gewerbegebiet umgeben und gut ausgebaut. Man merkt ihm an, dass er einem regionalen Flugverkehr Rechnung tragen sollte, den es so schon länger nicht mehr gibt. Wartesaal und Info-Desk zeugen von den Ambitionen. Da der Platz aber nicht (oder nicht mehr) mit öffentlichen
Verkehrsmitteln angebunden ist, bleibt uns zum Weiterkommen nur das Taxi.

Colmar besitzt eine Altstadt wie aus einem Märchenbilderbuch, die
sich um das gotische Martinsmünster gruppiert. An der Grand Rue (Hauptstraße) fällt unter vielen stattlichen Bauten das sogenannte Koïfhus mit seinen bunten Dachziegeln besonders auf. Es war das Zoll- und Lagerhaus der Stadt, deren Handelsbeziehungen bis nach Flandern und in den Donauraum reichten, zudem Ort politischer Versammlungen.
Wo Gerber und Fischer wohnten
Gleich dahinter erstreckt sich entlang eines Wassergrabens, der einst zum Gerben von Fellen diente, das Quartier des Tanneurs (Gerberviertel) mit seinen Fachwerkhäusern, in deren hohen Dachstühlen die Pelze einst zum Trocknen aufgehängt wurden. Heute reiht sich im üppig mit Blumen geschmückten Kiez rings um den Schwendi- Brunnen ein Lokal ans andere. Ein Stück weiter stößt man auf das Flüsschen Lauch mit dem Quai de le Poissonnerie (Fischerstaden), wo – kaum überraschend – die Bootsleute und Fischer wohnten. Auch als Transportweg spielte das Gewässer eine Rolle, weshalb dort Mitte des 19. Jahrhunderts die sehenswerte Markthalle errichtet wurde. Drinnen locken zahlreiche Stände mit elsässischen Spezialitäten, draußen gibt es Sitzplätze auf einer Terrasse, wo früher die Verladerampen für die Transportkähne waren. Die fahren heute nur noch Touristen durch die Stadt.

Das mit Abstand beliebteste Fotomotiv ist ein Flussabschnitt, der den
Beinamen Petite Venise (Klein-Venedig) trägt und in keinem Prospekt fehlt. Auf der Brücke an der Rue Turenne entsteht schon mal ein Gedränge wie vor der Mona Lisa. Dabei hat vor einigen Jahrzehnten, als das Viertel ganz heruntergekommen war, nicht viel gefehlt, und alles wäre wegen Baufälligkeit abgerissen worden. In der Rue des Marchands (Krämergasse) ist die Dichte der Feinkostläden besonders hoch. Weinhandlungen offerieren die edlen Tropfen der Gegend, hauptsächlich Riesling, Pinot Blanc und Gewürztraminer sowie den Schaumwein Crémant d’Alsace, nebenan sehe ich Honig- und Lebkuchenspezialitäten in exotischen Geschmacksrichtungen wie Mango oder Szechuan- Pfeffer, aber auch das regionale »Lebküechebier«.

In der gleichen Straße fällt mir etwas auf, das ich sonst noch nirgendwo gesehen habe. Ein ganzjährig geöffnetes Geschäft mit Weihnachtsartikeln. Der Laden ist ein klares Indiz dafür, dass das Fest hier ein ganz großes Ding ist und sich ein Besuch im Advent besonders lohnt. Der Weihnachtsmarkt ist weithin berühmt, er findet von der letzten Novemberwoche bis zum 31. Dezember in der gesamten Altstadt statt.
Wer hat’s geschaffen?
Auch Kunstfreunde pilgern in großer Zahl nach Colmar, vor allem wegen des spektakulären Isenheimer Altars aus dem 16. Jahrhundert, der heute im Museum Unterlinden zu bewundern ist. Bis heute weiß man nicht so ganz genau, wer das farbenprächtige und ungewöhnlich expressive frühneuzeitliche Meisterwerk eigentlich geschaffen hat. Der Künstler, dem mehrere erhaltene Gemälde zugeschrieben werden, pflegte bloß mit dem Monogramm »MG« oder »MGN« zu signieren. Ob sich dahinter ein Mathis Grün aus Nürnberg, ein Mathis Gothart-Nithart oder noch eine andere aktenkundige Person verbirgt, bleibt ungewiss.
Jetzt ein besonderes Abo-Angebot zur Power Week sichern!Fest steht jedenfalls, dass das Elsass zur Entstehungszeit des Altars ein Zentrum humanistischer Gelehrsamkeit war. Im 17.Jahrhundert geriet es unter französische Oberhoheit, blieb aber deutschsprachig und sogar Teil des Deutschen Reichs. Dann ging es mehrmals hin und her: Nach der französischen Revolution wurde das Elsass annektiert, kam durch den Sieg im Deutsch Französischen Krieg 1870/71 erneut für einige Jahrzehnte zu Deutschland und fiel 1918 endgültig an Frankreich. Jeder Wechsel war mit großen Verwerfungen und Auswanderungsbewegungen verbunden. Heute wird daher die Elsässer Mundart, die im Süden alemannisch, im Norden eher rheinfränkisch geprägt ist, im Grunde nur noch von Älteren gesprochen.

Geblieben ist eine einzigartige Mischung des kulturellen Erbes und der Lebensart, die sich auch im Kulinarischen zeigt. Viele elsässische Spezialitäten verraten selbst im Namen noch den alemannisch-deutschen Ursprung, etwa »Baeckeoffe« – ein Fleisch-Gemüse-Eintopf mit Weißwein, Roesti oder der allseits bekannte Flammkuchen. Auch Choucroute (Sauerkraut) ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Elsässer Küche. Nicht zu vergessen, die »Winachtsbredele« (Kekse) auf dem Weihnachtsmarkt. Für ein Wochenende hat man in Colmar genug zu gucken, aber wer die Zeit hat, sollte den Besuch im 15 Kilometer nördlich gelegenen idyllischen Ribeauvillé (Rappoltsweiler) einplanen. Dort führt ein Wanderweg durch die Weinberge hinauf zu drei eindrucksvollen Burgruinen. In Colmar selbst ist großen und kleinen Luftfahrtfreunden die Ausstellung »Histoires d’avions« im Musée du Jouet (Spielzeugmuseum) zu empfehlen, die noch bis September nächsten Jahres zu sehen ist.

