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Touch & Go Flugplatz Soest – Altstadt mit Action

Unser Autor rät zum Besuch seiner fliegerischen Heimat Soest im Sauerland. Besonderes Highlight in der zu jeder Jahreszeit bezaubernden Altstadt: die Allerheiligenkirmes um den 1. November herum.

Von Gernot Krämer
Die Allerheiligenkirmes in Soest aus der Luft
Lichterpracht: Die alljährliche Kirmes rund um Allerheiligen schlängelt sich als bunte Lichterkette durch die Altstadt. Die Allerheiligenkirmes in Soest aus der Luft

Was man im Anflug sieht, hat seinen Anfang vor 90 Millionen Jahren: Ein Flachmeer bedeckt das Gebiet der heutigen Soester Börde. Aus dem südlich gelegenen Festland – dem heutigen Sauerland – werden Sand und Schlamm ins Meer geschwemmt. Durch fossile Sedimente, hohen Druck und eine chemische Reaktion mit Salzwasser entsteht daraus der für das mittelalterliche Soest typische Baustoff: Grünsandstein. Entscheidender Faktor ist Glaukonit, ein relativ seltenes Mineral von grüner Farbe. 90 Millionen Jahre später stehe ich auf dem Flugplatz Soest, wo ich – vor nicht ganz so langer Zeit – Fliegen gelernt habe.

Soest aus der Luft

Hier ist meine fliegerische Heimat und die Stadt, in der ich aufgewachsen bin. In meinem Kopf spukt es: Ich denke an meinen damals schon sehr alten Fluglehrer Theo, der im Tandem-Motorsegler hinten rauchte, und an seine knarzigen Sprüche: „Da wirst Du ja zehn Stundenkilometer langsamer“, hieß es einmal, als ich mit einem Dreitagebart erschien. Der Name Soest enthält ein westfälisches Dehnungs-E, deshalb sagt man „Sooost“, nicht „Söhst“. Tipp: einen Stadtplan mitnehmen, denn kaum eine der krummen Gassen endet dort, wo man es vermuten würde.

Patrokli-Dom und Petrikirche in SoestPatrokli-Dom und Petrikirche in Soest
Patrokli-Dom und Petrikirche – Soest ist heute eher evangelisch geprägt, aber die Allerheiligenkirmes gibt es schon seit 700 Jahren, also deutlich länger als die Reformation. Bild: Gernot Krämer

Die einstige Hansestadt liegt an einer Fernhandelsroute zwischen Rhein und Elbe, dem Hellweg. Aus der Luft gut zu erkennen: Im Mittelpunkt der Stadt sind zwei Kirchen so merkwürdig angeordnet, als liefen sie im Gänsemarsch. Der imposante romanische Patrokli-Dom und die etwas zierlichere Petrikirche, beide natürlich wie alle Soester Kirchen aus Grünsandstein. Ein Stück weiter stehen um den dreieckigen Vreithof einige der schönsten Fachwerkhäuser der Stadt, in der über 600 denkmalgeschützte Bauten zu finden sind.

Von Kirmes, Wippen und Pumpernickel

Die oft fotografierte und gemalte Postkartenansicht der Stadt entsteht, wenn man über den Großen Teich zur Mühle und zur Wiesenkirche blickt. Das geht am besten von der Wippgasse aus. Dort steht eine Nachbildung der mittelalterlichen Wippe, von der die Straße ihren Namen hat. Sie diente einst dazu, Missetäter zur Strafe in den Teich zu befördern. Die Tradition lebt fort, nur dass heute keine Sünder mehr »gewippt« werden, sondern prominente Bürger, denen ein (meist nicht ganz ernst gemeinter) Fehltritt nachgesagt wird. Das mit historischen Kostümen inszenierte Spektakel zieht jedes Jahr tausende Besucher an.

Fachwerkhäuser in der Soester AltstadtFachwerkhäuser in der Soester Altstadt
Fachwerkidyll: Die Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen – hier am Loerbach – ist besonders sehenswert. Bild: Gernot Krämer

Aber das ist nichts gegen die Veranstaltung, für die Soest überregional bekannt ist: Mit 1,2 Millionen Besuchern ist die Allerheiligenkirmes die größte Altstadtkirmes Europas. Sie findet seit fast 700 Jahren statt. In diesen Tagen herrscht in Soest Ausnahmezustand. Die Kirmes ist nicht wie andere an einem Platz verortet, sondern verteilt sich über die gesamte Innenstadt. Wie die riesigen Fahrgeschäfte beim Aufbau durch die verwinkelten Gassen bugsiert werden, ist unbegreiflich. Auch Menschen, die mit Volksfesten sonst wenig anfangen können, sagen, dass die Allerheiligenkirmes ein besonderes Flair habe.

Fahrgeschäft auf der AllerheiligenkirmesFahrgeschäft auf der Allerheiligenkirmes
Fahrgeschäft vor der Kirche: Die Allerheiligenkirmes verteilt sich in den engen Gassen der Altstadt und zieht 1,2 Millionen Besucher an. Bild: Gernot Krämer

In Sankt Maria zur Wiese, kurz Wiesenkirche genannt, befindet sich das berühmte »Westfälische Abendmahl«, ein um 1500 geschaffenes Glasfenster, auf dem zu sehen ist, wie Jesus mit seinen Jüngern eine landestypisch deftige Mahlzeit einnimmt. Ob es sich beim Brot tatsächlich um Pumpernickel handelt, ist umstritten. Das haltbare tiefschwarze Roggenbrot, das sechzehn Stunden lang gebacken wird und dann leicht süßlich schmeckt, käme aber als Mitbringsel aus Soest in Frage.

Soest und der Grünsandstein

Die Türme der Wiesenkirche habe ich zuletzt als Jugendlicher ohne Baugerüst gesehen: Der Nachteil des malerischen Grünsandsteins besteht darin, dass er nicht sehr witterungsbeständig ist. Eindringendes Wasser ist Gift für ihn, das wusste man schon in früheren Jahrhunderten und machte deshalb alle Mauerkronen oben rund. Dieser »Soester Sattel« kam sogar schon mal als Quizfrage bei »Wer wird Millionär?« vor. Ein paar Schritte von der Wiesenkirche entfernt zeigt das Grünsandsteinmuseum, mit welchen archaischen Mitteln im Mittelalter monumentale Kirchen aus dem Material entstanden.

Das Osthafentor aus GrünsandsteinDas Osthafentor aus Grünsandstein
Wahrzeichen von Soest: Das Osthafentor aus Grünsandstein wurde zwischen 1594 und 1603 errichtet und ist das letzte erhaltene von acht Haupt- und zwei Nebentoren. Bild: Gernot Krämer

Ein Spaziergang um die Altstadt ist zu empfehlen, entlang der noch erhaltenen Stadtmauer, die natürlich ebenfalls aus Grünsandstein besteht. Je nachdem, ob man im ehemaligen Graben (in Soest „Gräfte“ genannt) oder auf der Mauer geht, bieten sich ganz unterschiedliche Perspektiven. Von den einst 26 Türmen und 10 Toren gibt es nur noch je ein Stück.

Im Frühjahr, während der Baumblüte, ist diese Runde, für die man eine knappe Stunde einplanen muss, ein Highlight. Für eine Stärkung liegt das Pilgrimhaus, der seit 1304 bestehende älteste Gasthof Westfalens, direkt an der Stadtmauer. Auch zu anderen Lokalen ist es nicht weit, etwa zum Wilden Mann, zum urigen Brauhaus Zwiebel oder zum Christ mit seinem Biergarten unter alten Kastanien.

Den Flugplatz gibt es bereits seit 50 Jahren

Der Flugplatz entstand in den fünfziger Jahren. Die Flugsportgemeinschaft Soest nutzte ihn lange gemeinsam mit der Royal Air Force, die dort eine Hubschrauberstaffel unterhielt. Ende der Achtziger musste ich noch jedes Mal an bewaffneten Wachposten vorbei, wenn ich bei Theo eine Flugstunde bekommen sollte. Geblieben ist aus dieser Zeit der Tower, der nach dem Abzug der Briten kürzer gemacht und neben die meist gut besuchte Gaststätte „Tante Ju“ versetzt wurde.

Sehr ernst genommen werden in EDLZ die Regelungen zum An- und Abflug, denn der Platz hat ein Problem mit Anwohnern umliegender Ortschaften, die alle nicht überflogen werden dürfen. Genaue Angaben, auch mit Bildern zur Veranschaulichung, sind auf der Website des Vereins zu finden.

Flugplatz Soest-Bad SassendorfFlugplatz Soest-Bad Sassendorf
Soest-Bad Sassendorf: Der Grasplatz wurde in den Achtziger Jahren von Hubschraubern
der Royal Air Force genutzt. Bild: Gernot Krämer

Zu rechnen ist außerdem mit Fallschirmsprüngen, denn hier sitzt die sehr aktive Firma Skydive Soest. Erst Ende August scheiterte aus Wettergründen ein penibel durchgeplanter und tagelang geübter Rekordversuch mit hundert Springern aus fünf Flugzeugen. Südöstlich des Platzes befindet sich die TMZ des benachbarten Flughafens Paderborn-Lippstadt.

Sonst ist die Umgebung des Flugplatzes unkompliziert zu befliegen und landschaftlich sehr reizvoll. Das gilt neben der Soester Börde besonders für das südlich angrenzende Sauerland mit seinen Stauseen und Wäldern. Dass die Bedingungen auch für Thermikflüge gut sind, weiß ich seit Theos Flugstunden: „Merkst du den Aufwind?“ fragte er beim Eindrehen in einen Bart. „Klar, sehe ich doch auf dem Variometer“, antwortete ich und kam mir recht souverän vor. „Ach was“, beschied Theo knapp, „ein Flieger hat das im Hintern!“.

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