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Aéro-Club de France: Auf den Spuren von Saint-Ex

Im Zentrum der französischen Hauptstadt sitzt der älteste Fliegerclub der Welt. Seine Tradition ist beeindruckend, die Räumlichkeiten sind pompös. Die vielleicht größte Besonderheit ist die jährliche Preisverleihung für Bücher zu Luftfahrtthemen. Sie war der Anlass für einen Besuch in Paris.

Von Gernot Krämer
Aéro-Club de France
er Propeller zeigt es an In diesem Gebäude in der Pariser Innenstadt sitzt der Aéro-Club de France

Wer in Paris die am Triumphbogen beginnende Avenue Kléber in Richtung Eiffelturm hinunterläuft, bemerkt beim Blick in eine Seitenstraße vielleicht ein Haus mit einem riesigen Propeller an der Fassade. Es ist der Sitz des Aéro-Club de France. Abgesehen vom spektakulären Blickfang, der einst eine Transall voranbrachte, wirkt das Gebäude von außen eher nüchtern. Es lässt kaum erahnen, wie viel Prunk und Historie einen darin erwartet.

Der französische Aeroclub ist der älteste der Welt – und der einzige, der jährlich Literaturpreise für besonders gelungene Bücher zu Luftfahrtthemen vergibt. Darauf war ich aufmerksam geworden, weil mein Fliegerfreund Roger Gaborieau für seine Publikationen schon zweimal ausgezeichnet wurde. Er hat auch den Kontakt hergestellt, denn ich wollte bei der Preisverleihung einmal mit dabei sein und den Club von innen kennenlernen. 

Jubiläum 2023: Aéro-Club de France wird 125 Jahre alt

Ins Leben gerufen wurde der Aéro-Club 1898, als der Motorflug noch eine Utopie war und die »Aeronautik« vom Ballonfahrern dominiert wurde. Er wird 2023 also 125 Jahre alt. Dass der Abenteuerschriftsteller Jules Verne zu den Gründern zählte, wie unter anderem auf Wikipedia zu lesen ist, scheint nicht erwiesen zu sein. Der Club selbst behauptet es jedenfalls nicht. Aber es wäre zumindest gut erfunden, denn Vernes Begeisterung für Erfindungen und technische Visionen ist bekannt, ebenso wie sein Interesse an der Luftfahrt – »Fünf Wochen im Ballon« hieß sein Erstlingswerk.

Gediegen: Eine breite Treppe führt zu den ehrwürdigen Räumen des Aéro-Club de France.

Auch die älteste Fliegerzeitschrift der Welt, »L’Aérophile« (Der Luftfreund), ist eng mit dem Club verbunden. 1893 gegründet, war sie von 1898 bis zur Einstellung 1947 das Organ des Vereins. Heute erfüllt diese Aufgabe die halbjährlich erscheinende Zeitschrift »Aéro-Club de France«, in der immer wieder auch zurückgeblickt wird. Beispielsweise ging es in einer der letzten Ausgaben um die im Aérophile einst lebhaft diskutierte Frage, ob Esperanto die Sprache der Luftfahrt sein werde. Das ist bekanntlich anders gekommen. 

Im Erdgeschoss des Clubs gibt es ein Restaurant

Ich bin mit Roger Gaborieau am Club verabredet und habe vorher noch etwas Zeit, um die Speisekarte des Restaurants im Erdgeschoss zu studieren. Sie ist nicht wie andere in Vor- und Hauptspeisen sowie Desserts unterteilt, sondern in »Décollage« (Start), »Vol de croisière« (Reiseflug) und »Atterrissage en douceurs« (Sanfte Landung; im Französischen ist sanft und süß das gleiche Wort). Beim Blick durch das Fenster ahnt man schon, dass das Lokal nicht nur Gourmets gefallen, sondern mit seiner Einrichtung auch Fliegerherzen erobern wird. 

Dann steige ich mit Roger die große Treppe in die Belétage hinauf. Von außen war nicht mit einer solchen Pracht zu rechnen: Säulen, Balustraden, Holzvertäfelungen und goldverzierte Kassettendecken verraten, dass hier mal ein Bankier und Kunstmäzen mit seiner Familie wohnte. Sogar ein Privattheater gab es damals in dem Saal, wo gerade die letzten Vorbereitungen für die Preisverleihung laufen. Doch auch der Aéro-Club de France hat in den über 90 Jahren, die er hier schon residiert, die Einrichtung entscheidend mitgeprägt. Davon zeugen hübsche Details wie geschnitzte Luftfahrtmotive an den Türrahmen oder Wolkenmalerei an der Decke. 

Präsidentin ist Weltmeisterin im Kunstflug

Sogar die Büros, die sich im Stockwerk über den repräsentativen Veranstaltungsräumen befinden, sind alles andere als schlicht eingerichtet. Cécilia Angot-Fremont, eine leitende Mitarbeiterin, führt mich herum. Ich bekomme den Schreibtisch von Louis Blériot zu sehen, Trophäen historischer Flugwettbewerbe, den Korb eines Luftschiffs, mit dem der legendäre Alberto Santos-Dumont durch die Straßen von Paris schwebte, signierte Fotos von Raumfahrern und vieles mehr. Ein Plakat wirbt für ein Benefizkonzert des Chors von Air France mit dem Orchester der französischen Luftwaffe; der Erlös kommt der Organisation »Les Ailes Brisées« (Zerbrochene Flügel) zugute, die Opfer von Flugunfällen und deren Angehörige unterstützt. 

Arbeiten wie im Festsaal  So sehen die Büros aus, die sich im zweiten Obergeschoss des Aéro-Clubs befinden.  

Dann treffen wir Catherine Maunoury, Präsidentin des Clubs, die zehnfache französische Meisterin und zweifache Weltmeisterin im Kunstflug ist. Sie nimmt sich in ihrem kamingeschmückten Dienstzimmer die Zeit für ein Gespräch. Maunoury engagiert sich besonders für Innovationsprojekte und legt besonderen Wert auf die Vermittlung von Wissen über Luft- und Raumfahrt an Jugendliche.

Aéro-Club de France verleiht Grand Prix Littéraire

Die nichtadministrative Arbeit des Clubs findet in 14 Kommissionen statt, die sich verschiedenen Themen widmen, darunter beispielsweise Sicherheit und Umwelt, humanitäre Hilfe oder Fliegen mit Behinderung. Für die Verleihung der Preise am Abend ist die Kommission »Geschichte, Kunst und Literatur« zuständig, deren Vorsitzenden ich nun kennenlerne. Philippe Lacroute ist bei Air France Flugkapitän auf der Boeing 787. Neben dem Fliegen und der Literatur hat er noch eine dritte Leidenschaft: gutes Essen. Und so hat er mit seinem Kollegen Jean-Michel Buffet (Kapitän auf Boeing 777 und Chefredakteur der schon erwähnten Clubzeitschrift) das im Internet abrufbare TV-Format »Lacroute & Buffet« mit Tipps für gastronomisch interessierte Flugreisende geschaffen. 

Lacroutes Stellvertreter Jean-François Feuillette ist nur privat als Pilot (und Hochseesegler) unterwegs, von Beruf dagegen Psychoanalytiker. Er ist ein Kenner von Autoren und Büchern, die der Aéroclub de France in der Vergangenheit mit Preisen bedacht hat. Die ersten Medaillen seien schon in den zwanziger Jahren vergeben worden, erzählt er. Institutionalisiert wurde der Grand Prix Littéraire, also der große Literaturpreis, 1936, später kamen weitere Preise vor allem für Sachbücher hinzu. 

In Frankreich ist die Tradition fliegender Schriftsteller groß

In Frankreich sind die Sphären von Kultur und Technik nicht so scharf voneinander abgegrenzt wie bei uns, was der Breitenwirkung und der Akzeptanz der Fliegerei sicherlich zugute kommt. Es gibt auch viel mehr als in Deutschland eine Tradition fliegender Schriftsteller oder schreibender Piloten, von denen der unvergessene Antoine de Saint-Exupéry (»Nachtflug«, »Flug nach Arras«, »Der kleine Prinz«) nur der international bekannteste ist. 

Die Präsidentin  Catherine Maunoury beim Gespräch in ihrem Arbeitszimmer.

Der Saal füllt sich. Catherine Maunoury begrüßt die Gäste, dann geben Philippe Lacroute und der Juryvorsitzende Laurent Albaret einen Einblick in die Arbeit der neunköpfigen Jury: 168 Bücher mit Luftfahrtbezug seien im zurückliegenden Jahr verzeichnet worden, 69 davon in die engere Auswahl genommen und 14 schließlich nominiert worden. Mitglied der Jury ist stets auch der oder die amtierende Gewinnerin des Grand Prix Littéraire. Stéphanie Hochet überzeugte 2021 mit ihrem Roman »Pacifique« über einen japanischen Kamikaze-Piloten. 

Es werden auch zwei Sachbuchpreise verliehen

Wie üblich werden zunächst die Nebenpreise verliehen, hier sind es die »Diplômes de l’Aéro-Club de France«. Der erste geht an die Verfasser eines dicken Buchs über französische Fliegerasse im Ersten Weltkrieg. Hauptautor Claude Thollon-Pomerol nimmt die Urkunde stellvertretend für das dreiköpfige Team entgegen. Die zweite Urkunde erhält Bertrand Roux für sein Buch »Les mécanos, ces héros de l’ombre« (Mechaniker, die Helden im Schatten). Mit dem dritten Nebenpreis wird ein Gemeinschaftswerk zum 75-jährigen Bestehen der international angesehenen Testpilotenschule EPNER im provenzalischen Istres gewürdigt. 

Es folgen zwei Sachbuchpreise: Der Prix Alphonse Malfanti geht an eine schöne Veröffentlichung des Musée Air France über die zweistöckige Breguet 763, ein bulliges Verkehrsflugzeug der fünfziger Jahre, das trotz seiner Zuverlässigkeit recht glücklos blieb. Nur 20 Exemplare wurden gebaut. Manche sehen in ihm einen fernen Vorläufer des A380. 

Prix Littéraire de l’Aéro-Club de France für Claire Andrieu

Thierry Le Roy erhält den Prix Charles Dollfus. Sein Buch handelt vom Flugpionier Marc Pourpe, der im Fernen Osten und in Ostafrika unter anderem als Postflieger im Einsatz war und wenige Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs tödlich verunglückte. 

Die Spannung im Saal steigt nochmals, als es an die Verleihung der Hauptpreise geht. Mit dem Prix Littéraire de l’Aéro-Club de France wird die Politikwissenschaftlerin Claire Andrieu ausgezeichnet. Die Jury würdigt ihr Buch »Tombés du ciel« (Vom Himmel gefallen. Schicksale abgestürzter Piloten in Europa 1939 – 1945). Noch gibt es das Werk ausschließlich in der Originalfassung zu lesen. Eine englische Übersetzung ist aber in Vorbereitung. 

Großer Gewinner am Abend ist Autor Étienne Kern

Der große Gewinner des Abends heißt Étienne Kern: Er erhält den Grand Prix, der immer für ein erzählerisches Werk verliehen wird. Kerns Roman »Les Envolés« (Die Fortgeflogenen) ist im renommierten Verlag Gallimard erschienenen und erzählt die Geschichte von Franz Reichelt. Der aus Böhmen stammende Schneider sprang am 4. Februar 1912 mit einem selbstgenähten Fallschirmkleid, das er lediglich an Puppen ausprobiert hatte, vom Eiffelturm – in den Tod. Anders als der Absturz des Schneiders von Ulm 100 Jahre zuvor wurde das Verhängnis in einer frühen Filmaufnahme festgehalten. Sie stand am Anfang des Romanprojekts, wie der Autor bei seiner Ehrung verrät. 

Die Jury  Philippe Lacroute, Laurent Albaret, Jean-Marc Binot, Jean Feuillette, Stéphanie Hochet, Catherine Maunoury und Jean Ponsignon (v. l.). Zwei Jury-Mitglieder fehlten.

Der Film ist auch im Internet zu finden, und es schaudert einen anzusehen, wie der unselige Erfinder auf dem Geländer steht und lange zögernd in die Tiefe blickt, ehe er sich doch hinabstürzt. Übrigens ähnelt sein Kleid modernen Jumpsuits, wie sie im Fallschirmsport Verwendung finden – nur dass sich bei diesen nachher eben noch der Schirm öffnet.

Nach dem obligatorischen Gruppenfoto mit allen Beteiligten wird aber nicht gleich »fortgeflogen«, sondern feierlich das Buffet eröffnet und gemeinsam angestoßen. Der Aéro-Club de France versteht sich schließlich auch aufs Feiern. 

  • Vereinsgeschichte Aéro-Club de France

Der Aéro-Club de France wird am 20. Oktober 1898 gegründet. Schon 1900 hat er 400 Mitglieder, organisiert Wettbewerbe und zeichnet Rekorde auf. Zusammen mit sechs weiteren französischen Vereinen wird die Fédération Aéronautique Internationale (FAI) gegründet, die bis heute Luftfahrtrekorde anerkennt. 1909 organisiert der Club das erste große Luftfahrttreffen, La Grande Semaine de la Champagne.

Pierre-Etienne Flandin, damals Präsident des Vereins, veranstaltet 1922 die erste Luftrallye, die über 104 Kilometer führt. Charles Lindbergh wird 1927 nach seiner Atlantiküberquerung offiziell vom Aéro-Club begrüßt. Der erste Literaturpreis wird 1936 vergeben. Seitdem haben sich zusätzlich zum Grand Prix etliche Nebenkategorien entwickelt, die alljährlich ausgezeichnet werden. 

Über den Autor
Gernot Krämer

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