NEWS

/

Vom Rivalen zum Eigentum: Archer übernimmt Wisk Aero von Boeing

Vom Gerichtssaal zum Deal-Tisch: Archer Aviation kauft seinen früheren eVTOL-Rivalen Wisk Aero samt SkyGrid und Insitu von Boeing.

Von Isabella Sauer
Die Archer Midnight (Kennung N302AX) ist das Vorzeige-Fluggerät des kalifornischen eVTOL-Herstellers – mit der Übernahme von Wisk Aero baut Archer seine Technologiebasis weiter aus.

Fünf Jahre nach einer der bittersten Patentstreitigkeiten der jungen eVTOL-Branche gehört Wisk Aero nun offiziell zu seinem einstigen Kontrahenten: Archer Aviation hat die vollständige Übernahme des Boeing-Tochterunternehmens bekanntgegeben – zusammen mit den beiden weiteren Boeing-Töchtern SkyGrid und Insitu. Die Details gehen aus einer am Montag veröffentlichten Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC hervor.

Der Deal: Aktien statt Bargeld

Nach Angaben aus der Regulierungsmitteilung erhält Boeing im Rahmen der Transaktion neu ausgegebene Archer-Aktien im Umfang von 19,75 Prozent der zum Zeitpunkt des Abschlusses ausstehenden Anteile. Nach Vollzug des Deals entspricht das einer Beteiligung von rund 16,5 Prozent an Archer. Es handelt sich damit um eine reine Aktientransaktion ohne Barzahlung. Neben Wisk Aero wechseln auch SkyGrid, ein Anbieter von Software für digitales Luftraum- und Flugverkehrsmanagement, sowie der Drohnenhersteller Insitu den Eigentümer.

Von der Klage zur Partnerschaft: Die Vorgeschichte

Die Übernahme markiert den vorläufigen Schlusspunkt einer außergewöhnlich konfliktreichen Firmengeschichte. Im April 2021 verklagte Wisk Aero seinen damaligen Konkurrenten Archer vor einem US-Bundesgericht in Nordkalifornien wegen mutmaßlichen Diebstahls von Geschäftsgeheimnissen und Patentverletzung. Wisk warf Archer vor, ehemalige Wisk-Mitarbeiter hätten beim Wechsel zu Archer Ende 2019/Anfang 2020 vertrauliche Konstruktionsunterlagen mitgenommen – konkret ging es um auffällige Ähnlichkeiten im Rotordesign der jeweiligen eVTOL-Flugzeuge. Parallel dazu ermittelten FBI und US-Justizministerium wegen desselben Sachverhalts strafrechtlich gegen einen ehemaligen Wisk-Ingenieur, der zu Archer gewechselt war.

Wisk Aero präsentierte die fünfte Generation seines Wisk eVTOL auf dem größten Fliegertreffen der Welt im US-amerikanischen Oshkosh.Wisk Aero präsentierte die fünfte Generation seines Wisk eVTOL auf dem größten Fliegertreffen der Welt im US-amerikanischen Oshkosh.
Wisk Aero präsentierte 2025 die fünfte Generation seines Wisk eVTOL auf dem größten Fliegertreffen der Welt im US-amerikanischen Oshkosh. Bild: Wisk Aero

Ein Gericht lehnte im Juli 2021 Wisks Antrag auf eine einstweilige Verfügung ab, die Archer die Weiterentwicklung seines Prototyps untersagt hätte. Der Fall sollte im Januar 2023 vor einer Jury verhandelt werden, kam jedoch nie so weit. Kurz zuvor einigten sich Wisk, Archer und Boeing auf einen außergerichtlichen Vergleich mit nicht offengelegten Konditionen. Aus der einstigen Klage wurde eine strategische Partnerschaft: Archer machte Wisk zu seinem exklusiven Lieferanten für autonome Flugtechnologie, während Boeing im Gegenzug in Archer investierte.

Wisks Wurzeln bei Kitty Hawk und Google

Wisk Aero ging ursprünglich aus dem von Google-Mitgründer Larry Page unterstützten Startup Kitty Hawk hervor und entwickelte sich als Gemeinschaftsunternehmen mit Boeing weiter. 2023 übernahm Boeing das Unternehmen vollständig als hundertprozentige Tochtergesellschaft – nur um es nun, drei Jahre später, komplett an Archer weiterzureichen.

Archers Doppelstrategie: Lufttaxi und Verteidigung

Das 2018 gegründete, seit 2021 börsennotierte Unternehmen mit Sitz in Kalifornien hat sein Geschäftsmodell in den vergangenen Jahren deutlich diversifiziert. Neben dem ursprünglichen Fokus auf ein städtisches Lufttaxinetz mit dem vollelektrischen Fluggerät „Midnight“ ist Archer zunehmend im Verteidigungssektor aktiv.

Ende 2024 sicherte sich das Unternehmen 430 Millionen US-Dollar zur Finanzierung des Programms Archer Defense, 2025 folgten weitere 300 Millionen US-Dollar von institutionellen Investoren. Mit dem Rüstungskonzern Anduril besteht zudem eine exklusive Vereinbarung zur gemeinsamen Entwicklung eines hybriden VTOL-Fluggeräts für Verteidigungsaufgaben.

Mit der jetzigen Übernahme erhält Archer zusätzlich Zugriff auf Insitus profitables Drohnengeschäft – mehr als 200 Millionen US-Dollar Jahresumsatz aus über 3500 ausgelieferten unbemannten Systemen in 35 Ländern – sowie auf SkyGrids Luftraummanagement-Software, die künftig in Archers KI-Plattform „ZEE“ einfließen soll.

Was noch offen bleibt

Die Transaktion steht unter dem Vorbehalt marktüblicher Abschlussbedingungen, darunter kartellrechtliche Freigaben nach dem Hart-Scott-Rodino Act. Ein Abschluss wird bis Ende 2026 erwartet. Ob Wisks aktuelle eVTOL-Generation als eigenständiges Produkt weitergeführt oder vollständig in Archers Midnight-Programm integriert wird, ist bislang nicht kommuniziert.

LESEN SIE AUCH
Wisk Aero präsentierte die fünfte Generation seines Wisk eVTOL auf dem größten Fliegertreffen der Welt im US-amerikanischen Oshkosh.
News

Keine Piloten: Wisk präsentiert fliegendes eVTOL in Oshkosh

Joby Aviation Aircraft
Wissen

Passagierdrohnen im Überblick: Zukunft oder Utopie?

Über den Autor
Isabella Sauer

Isabella Sauer ist Jahrgang 1991, studierte in Bamberg Kommunikationswissenschaft und absolvierte anschließend ein Volontariat bei Auto Bild. Seit ihrer Jugend ist sie journalistisch tätig und arbeitete für große Verlagshäuser, darunter Axel Springer und die Funke Mediengruppe. Print, Digital, Social Media - für Isabella hat jeder Inhalt das Potenzial, vielfältig aufbereitet zu werden. Und wie kam sie zum fliegermagazin? Das Thema Mobilität interessierte sie immer schon sehr. Ob Auto, Bahn, Camper, Airliner oder Fahrrad: Die Welt lässt sich aus vielen Perspektiven entdecken. Nun geht es für Isabella Sauer in die Luft. Seit Mai 2025 hat sie eine Privatpilotenlizenz (PPL).

Schlagwörter