REISEN

/

Cessna 185: Von Zürich nach Ostafrika – Start in der Schweiz bis an die Quellen des Nils

Der britische Forscher David Livingstone hat 
den Ursprung des legendären Stroms sein 
halbes Leben lang gesucht – zu Fuß. Trude und 
Reto Godly sind dem Nil mit ihrer Cessna 185 
in der Luft gefolgt

Von Redaktion

Gattin Trude liebt die Ägyptologie, ich die Geschichten über die Entdeckung Afrikas. Also auf zu den Quellen des Nils: Libyen, Ägypten, Äthiopien, Sudan und Uganda liegen auf dem Weg. 


Wir starten Mitte April von Zürich aus und wollen direkt nach Tripolis. Das ist für eine behäbige Cessa 185 etwas ungewöhnlich, bringt uns aber in einer Etappe nach Afrika. Doch wegen Sandwinds und schlechter Sicht an der Küste Afrikas müssen wir auf Sizilien zwischenlanden. In Libyen ist Avgas zwar billig, fließt aber aus einem Hahn, der für Jumbos hergestellt wurde. Da gibt’s nur eins: Trichter mitnehmen und Tanken im Sandwind üben.

Die etwas häbige Cessa 185 bringt uns in einer Etappe nach Afrika

Am nächsten Tag fliegen wir nach Benghazi und dann gleich weiter nach Marsa Matruh in Ägypten. Dort geht nichts ohne einen Handling Agent. Jede Kleinigkeit kostet Geld. Die Preise variieren gewaltig. Am besten, man rechnet mit 500 US-Dollar pro Landung. In Ägypten muss man auch als VFR-Pilot den IFR-Routen folgen, und die führen auf FL70 durch die Wüste zu unserem Tagesziel Luxor. Ich bitte um eine Freigabe für den Überflug der Pyramiden von Gizeh – abgelehnt. Dem Nil folgen? Geht auch nicht. Auf Höhe des Fayum-Sees versuche ich es das siebte Mal. Endlich: „Cleared to follow the Nile!“

UNESCO-Welterbe: Felsentempel von Abu Simbel in Ägypten, erbaut unter Ramses II
(Foto: Trude Godly)

Trude schwelgt in der ägyptischen Geschichte, die Luft ist klar, der Fotoapparat läuft heiß. Vor Luxor frage ich den Controller, ob wir eine kleine Runde über Theben und dem Tal der Könige drehen dürfen. Klar, „descend 3500 foot and report three-sixties completed.“ Unglaublich! Wir zählen die Säulen der Hatschepsut und können den Staub auf der Treppe des Tut-anch-Amun-Grabtempels sehen. Am folgenden Tag zahlen wir 515 Dollar Handling Fee und 3 Dollar pro Liter Avgas. Auf nach Khartoum!

Erst nach dem siebten Mal: Genehmigung, in der Cessna 185 dem Nil zu folgen

Man lotst uns um Assuan herum, wir sind wohl zu gefährlich für den Staudamm. Nach Abu Simbel und Wadi Halfa beginnt die sudanesische Einsamkeit. Der Nil wird zur Kurslinie. Wir sinken auf 4500 Fuß. Bei Dongola geht’s direkt durch die Wüste nach Meroe, zu den Grabpyramiden. Es ist heiß, die Turbulenzen werden schlimmer, Trude wird übel – mir auch. Na gut, dann Meroe links liegen lassen und direkt nach Khartoum.

Eine schlechte Entscheidung! Riesenkrach, Tränen – was mir einfällt, das sei schließlich das Hauptziel der Reise und so weiter. Ich entschuldige mich für meine Rücksichtslosigkeit, natürlich fliegen wir nach Meroe. Das Pyramidenfeld ist eine Szenerie für Götter, Eingeweihte wissen es. Ich fliege tief, halte aber die Geschwindigkeit. Khartoum liegt am Zusammenfluss von Blauem und Weißem Nil. Wir wohnen im altehrwürdigen Hotel Holiday Villa. Churchill und andere Berühmtheiten waren schon hier! Die Armut Afrikas, der Bürgerkrieg und Darfur, das alles scheint hier weit weg zu sein, und ist doch so nah. Hungersnot? – Das Buffet im Hotel kommt aus Schlaraffia. Die Damen sind sichtbar gut genährt.

Khartoum, Sudan: Auf der Suche nach Avgas für unser Kleinflugzeug

Im Sudan gibt es offiziell kein Avgas. Das ist schlecht, weil Khartoum auf halber Strecke zwischen Mittelmeer und Ostafrika liegt. Mit Glück kann man über Firmen, die Sprühflugzeuge betreiben, an deren Restbestände kommen. Wir ergattern zwei Barrel mit je 200 Litern – und zahlen 577 Euro pro Fass! Die Anlieferung und das Tanken sind zwar arabisch kompliziert, aber am Ende klappt alles – für 877 Dollar Gebühren. Dann fegt ein Staubsturm über uns hinweg. Die Stadt versinkt in einer Art heißem, tosenden Mehl. Als der Spuk vorbei ist, dauert es eine Stunde, bis Cockpit und Luftfilter wieder sauber sind.

Tosendes Naturschauspiel: Die Tisissat-Fälle am Oberlauf des Blauen Nils nahe dem Tanasee in Äthiopien sind bis zu 45 Meter hoch und in der Regenzeit 400 Meter breit (Foto: Trude Godly)

Wir folgen dem Weißen Nil nach Süden und lassen den Blauen Nil gen Osten ziehen. Die Sümpfe des Bahr al-Jebel tauchen vor uns auf, dann überfliegen wir die Grenze zu Uganda – und plötzlich sind wir im Paradies: Die lebensfeindliche Wüste wird hier zu einer saftig-grünen Auenlandschaft. Tiefflug über die Stromschnellen des Victoria-Nils nach Entebbe: ein Genuss. In Uganda ist alles einfach, die Einreise, das Tanken – ausnahmsweise gibt’s genug Avgas – und auch die Formalitäten lassen sich unkompliziert und rasch erledigen. Die Gebühren sind bescheiden, und die Menschen lachen viel. Wir genießen die „Perle Afrikas“.

Das nächste Ziel unserer Reise ist Entebbe, Uganda

Ein Führer soll am Kayonza Airstrip auf uns warten – so der Plan. Die private Landewiese liegt mitten in einer Teeplantage nahe der Grenze zum Kongo – und nahe bei einem der seltenen Gorilla-Camps. Dann fliegen wir los. Die Sicht unter den Cumuli ist fantastisch. Der immergrüne Wald und das Licht darüber zaubern eine fast überirdische Stimmung. Ein Flug, der für mich Inbegriff dessen ist, wovon Piloten träumen. Das lässt alle Mühsal vergessen, die wir durchlebt haben, um hierher zu kommen.

Die Hügel werden höher, die Täler tiefer und die Wolken dichter. Wir erreichen die Grenze zum Kongo und sehen die schmale Graspiste in den Teefeldern. Zwei Rauchfahnen in der Nähe dienen als Hinweis auf die Windrichtung: butterweiche Drei-Punkt-Ziellandung. Ich bin etwas links der Mittellinie, korrigiere und spüre, wie die Maschine wie auf Eis nach links weggleitet. Gas rein! Plötzlich werden wir wieder in die Luft katapultiert. Ich kann gerade noch abfangen, dann rollen wir auch schon durch die Teebüsche. Immerhin haben wir wieder harten Grund unter den Rädern. Ich steuere zurück auf die Wiese. Plötzlich ein ohrenbetäubender Schlag, die Cessna dreht sich um 90 Grad und knickt auf der linken Seite ein.

Ohrenbetäubender Schlag: die Cessna dreht sich um 90 Grad

Wir haben den einzigen Termitenhügel auf dem ganzen Feld erwischt, und der hat unserer Cessna das linke Bein ausgerissen. Immerhin ist die alte Lady nicht explodiert – trotz gerissener Benzinleitungen und riesigem Avgas-See unter dem Rumpf. Was danach kommt, wünsche ich niemandem: In einer logistischen Herkulesarbeit wird die N185GW ins 1400 Kilometer entfernte Nairobi zur Reparatur gebracht.

Robust und langstreckentauglich: die Cessna 185 der Godlys auf dem Wilson Airport in Nairobi
(Foto: Trude Godly)

Exakt elf Monate später ist sie wieder flugfertig. Dazwischen liegen elf Bände von „Darüber könnte ich ein Buch schreiben“ und ein vier Mal verschobener Abholtermin. Wir wollen die alte Dame dennoch zurückfliegen und unsere Rundreise zu Ende bringen. Zwölf Stunden vor dem vierten Abholtermin ruft der Mechaniker aus Nairobi an und will die Sache erneut verschieben – er hätte noch keinen FAA-Inspektor gefunden, der seine Arbeit abnimmt. Wir brechen trotzdem auf.

Elf Monate dauert die Reparatur der Cessna in Nairobi

Was für ein Anblick: unsere N185GW wieder auf den Beinen! Der zu klein bestellte Propeller kann die Wiedersehensfreude nicht trüben. Das defekte HSI und ein kaputtes Stormscope nehmen wir ebenfalls gelassen zur Kenntnis, einzig der Hinweis auf den zeitweise rauchenden Autopiloten irritiert uns etwas. Nairobi Wilson dürfte der bekannteste GA-Flugplatz Kenyas sein. Das VFR-Verfahren ist exakt vorgeschrieben und kompliziert. Die Gebühren sind außerordentlich hoch, dafür gibt es in der Regel genug Avgas. Wir finden in ganz Ostafrika keinen FAA-Mechaniker, der die Arbeit der Werkstatt inspiziert. Ohne FAA-Segen wären wir aber illegal unterwegs, alle Versicherungen ungültig, vor allem die Haftpflichtversicherung!

Nach weiteren schier endlosen Stunden dann endlich die Entscheidung: Wir können starten. Zuerst geht es nach Uganda. Wir überfliegen eines unserer Ziele, die Quelle des Weißen Nils im Lake Victoria. Auf dem Landestreifen von Kajjansi blockiert das Heckrad. Da hilft nichts: Werkzeugkasten auspacken, Heckrad abmontieren, auseinandernehmen, hier und dort etwas hämmern und das Puzzle wieder zusammenbauen. Der geplante Rundflug wird gestrichen.

Der Rundflug ab Kajjansi muss wegen einer Reparatur ausfallen

Auf dem Weg nach Addis Abeba passieren wir nach zwei Stunden die ugandisch-kenianische Grenze. In der Ferne ist schon der Rudolfsee zu erkennen, in dem sich 40 000 Krokodile tummeln. Fliegerisch ist der Norden Kenias großartig, aber auch für einheimische Piloten anspruchsvoll. Die Airstrips sind von schlechter Qualität, die Oberflächenbeschaffenheit ändert sich täglich. Es gibt keine Infrastruktur, und man ist hier in der Regel allein. Von Camping wird abgeraten, nicht wegen der Tiere: Die Nachbarschaft zu Somalia bringt Gefahren über die Grenze; es hat auch schon Todesopfer unter Touristen gegeben.

Fruchtbare Region: das Quellgebiet des Weißen Nils in Uganda (Foto: Trude Godly)

Wir wechseln auf den ersten Reservetank. Dann fällt aus heiterem Himmel der Motor aus. Ich schalte zurück auf beide Haupttanks, Fuel-pump on – nichts. 1000 Fuß haben wir bereits verloren. Jetzt der linke Haupttank allein – es schnurrt wieder vor uns. Trude fotografiert nicht mehr. Als ich den zweiten Reservetank anzapfe, geht der Motor erneut aus. Das ganze rechte Benzinsystem scheint ausgefallen zu sein. Das linke reicht noch für 160 Nautische Meilen. Innnerlich höre ich schon wieder krachendes Blech. Wir müssen den Krokodil-See überqueren. Es gibt am Südostende eine Landebahn, etwa 100 Meilen entfernt. Eine Notlandung nahe der Küste bietet wenigstens Wasser.

Über Kenia fällt der Motor aus – Notlandung?

Über der Piste von Loiyangalany drehe ich in sicherer Höhe einen Vollkreis und schalte nochmals auf „both tanks“ – ohne Erfolg. Es folgt eine weiche Landung. Am Boden springt der Motor nicht mehr an. Anruf beim Mechaniker in Nairobi: Wir sollen alle Tankventile entwässern. Ich ziehe am zentralen Drainhebel und bitte Trude, den Strahl unter dem Motor zu kontrollieren. Wir lassen 1,5 Liter Wasser aus dem Benzinsystem ab. Ein Wunder, dass uns die N185GW mit dieser Mördermischung hierher gebracht hat. Der hintere Reservetank wurde nach dem Wiedereinbau nie entleert und die Entwässerungsvorrichtung einfach zugeklebt.

Am Tag darauf läuft der Motor wieder rund. Wir machen uns auf den Weg nach Addis Abeba. Äthiopien ist ein zerklüftetes Hochland, atemberaubend schön, aber fliegerisch anspruchsvoll. Zoll und Gebühren sind hier bescheiden. So könnte es überall sein! Endlich erreichen wir unser letztes Ziel: die Quelle des Blauen Nils im Lake Tana. David Livingstone wäre vor Neid erblasst.

Jetzt geht’s nach Hause. Erst nach Khartoum, dann über die Koufra-Oasen in Libyen zu den Grabpyramiden von Nuri. Und weiter nach Tripolis, übers Mittelmeer bis Genua. Bei strahlendem Sonnenschein schließlich der letzte Touchdown unserer Reise in Zürich-Kloten. Mission accomplished! Ich habe meine beiden Heldinnen wohlbehalten zurückgebracht. Sie tuscheln schon wieder. Ich höre was von „endlich mal entspannt Urlaub machen“ und „Alaska“. Wir werden sehen.

Text: Reto Godly, Fotos: Trude Godly, fliegermagazin 3/2010

Schlagwörter
  • Pilot
  • VFR
  • Kleinflugzeug
  • Italien
  • Cessna 185
  • Avgas
  • Privatflugzeug
  • Schweiz
  • Küste
  • Controller
  • Kenia
  • Nairobi
  • Zentralafrika
  • Afrika
  • Wüste
  • Airstrip
  • Zürich
  • Ostafrika
  • Sudan
  • ‎HELX
  • Ägypten
  • Äthiopien
  • ‎HKNW
  • C185
  • 185 Skywagon
  • Cessna 185 Skywagon
  • Nil
  • Quelle
  • Libyen
  • Uganda
  • Tripolis
  • Sizilien
  • LICC
  • ‎HLLT
  • Benghazi
  • HLLB
  • Marsa Matruh
  • HEMM
  • Pyramiden
  • Fayum-See
  • Gizeh
  • ‎LSZH
  • ägyptisch
  • Geschichte
  • Tut-anch-Amun
  • Khartoum
  • ‎HSSS
  • Assuan
  • Staudamm
  • Abu Simbel
  • ‎HEBL
  • Wadi Halfa
  • HSSW
  • Meroe
  • HSND
  • Pyramidenfeld
  • Blauer Nil
  • Weißer Nil
  • Sandsturm
  • Staubsturm
  • Bahr al-Jebel
  • Sümpfe
  • Victoria-Nil
  • Perle Afrikas
  • Kayonza Airstrip
  • Gorilla
  • Kongo
  • Entebbe
  • ‎HUEN
  • Unfall
  • Reparatur
  • Mechaniker
  • Lake Victoria
  • Kajjansi
  • Heckrad
  • HUKJ
  • David Livingstone
  • Rudolfsee
  • Somalia
  • Notlandung
  • Loiyangalany
  • HKLY
  • Hotel Holiday Villa
  • Bürgerkrieg
  • Churchill
  • Hatschepsut
  • Theben
  • Tal der Könige
  • Pyramiden von Gizeh
  • Tisissat-Fälle
  • Tanasee
  • Regenzeit