REISEN

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Heimat von oben: der Bodensee am Fuß der Alpen

Die Schweiz, Deutschland und Österreich; Flachland, 
sanfte Hügel und Alpengipfel; bleierne Schwere im Winter, 
südeuropäisches Klima im Sommer – am Bodensee 
kommt vieles zusammen. Sehen wir es uns aus der Luft an

Von Peter Wolter

Der Bodensee ist … falsch! Der Bodensee ist gar nichts. Und alles. Also alles mögliche. Hat man über Konstanz an einem klaren Tag etwas Höhe, breiten sich ringsum die unterschiedlichsten Landschaften aus: sanfte Höhenzüge, Vulkanberge, Flachland, Alpengipfel – von 400 bis 4000 Meter. Regionen, Länder und Staaten bilden ein Mosaik, in dessen Zentrum, am See, die einzelnen Elemente ineinander übergehen, während mit zunehmendem Radius die Gegensätze größer werden.

Deutschland, Österreich, Schweiz – vereint im Bodensee

Im Westen fällt der Blick auf den dunklen Schwarzwald, dahinter am Horizont die Vogesen, also Frankreich; nördlich die Schwäbische Alb mit ihren ausgedehnten Hochflächen, immer noch das gleiche Bundesland, aber zum Teil schon Württemberg und nicht mehr Baden; im Osten das hügelige Allgäu mit dem bayerischen Alpenrand, dessen Berge bereits über 2000 Meter erreichen; weiter im Uhrzeigersinn die Voralberger Alpen, wo manche Gipfel immer schneebedeckt sind; im Süden die Schweiz mit dem alles überragenden Säntis, 8200 Fuß hoch, südwestlich dahinter die Glarner und Berner Alpen, deren Drei- und Viertausender vom Bodensee aus zu sehen sind, und schließlich der Jura, der nur durch den Rhein vom Schwarzwald getrennt ist.

… und dahinter liegt Italien: Wie im Tessin auf der Alpensüdseite dominieren in der Bodensee-Region starke Gegensätze. Aus der Vogelperspektive strahlt der See Ruhe aus – anders als die wilden Formationen der österreichischen und Schweizer Alpen (Foto: Stanko Petek)

Sprachlich zieht sich ein Kontinuum um den See, in dem die Veränderungen, wie in der Landschaft, mal größer, mal kleiner sind. Zum Teil hört man Unterschiede von Ort zu Ort, woanders spielt die Staatsgrenze sprachlich keine Rolle. Reichenauer reden anders als Konstanzer, obwohl der Damm zur Insel die Platzrunde von EDTZ berührt; Badener am nordwestlichen Bodensee wollen nicht mit den Oberschwaben in der Gegend um Friedrichshafen verwechselt werden; die Österreicher nördlich von Bregenz machen sprachlich dort weiter, wo die Oberschwaben und Allgäuer aufhören, bis ihr Vorarlberger Dialekt im Rheintal fließend in Schweizerdeutsch übergeht. Lustenau (Österreich) und St. Margarethen (Schweiz) – kaum zu unterscheiden; die alemannischen Dialekte in Jestetten (Deutschland) und in Schaffhausen (Schweiz) liegen noch dichter beieinander.

Fotoflug ab Konstanz (EDTZ) um den Bodensee

Grenzen zwischen Nationalstaaten muten in solchen Gegenden sonderbar an. Beim Flug um den Bodensee kann man sie zunächst ignorieren. Auf deutscher Seite gibt’s Plätze in Konstanz, Radolfzell und Friedrichshafen. Für das österreichische Hohenems braucht man weder Zoll noch Flugplan. Altenrhein in der Schweiz, keine zehn Meilen entfernt, verlangt allerdings beides. Je nach Gegend und Wetter werden Piloten am Bodensee mit ganz unterschiedlichen Flugbedingungen konfrontiert. Im Winter legt Nebel häufig alles lahm: Der See ist ein Wärmespeicher. Tiefe Schichtbewölkung mag fliegerisch hie und da noch vertretbar sein – die bleierne Stimmung, die sie bei Windstille über den See legt, lähmt aber jede Initiative.

Die Altstadt von Meersburg (Foto: Stanko Petek)

Im Sommer können rings um den See Cumulonimben in die Höhe schießen wie rasend wuchernder Blumenkohl, während die kühlere Luft überm Wasser den Grundriss des Sees blau in den Himmel stanzt. Sonne und Wärme lassen auf der Insel Mainau tropische Pflanzen gedeihen – gleich daneben am Ufer, wo die Uni steht, bereitet das „kalifornische Klima“ den Studenten im Sommer Motivationsprobleme. Von der Mensa sehen sie die bis ans Ufer reichenden Weinberge bei Meersburg – von wo man in südliche Richtung auf hochalpine Gipfel blickt.

Westlich des Sees kreisen die Binninger Segelflieger

Am Säntis kann es Staubewölkung oder Eis und Schnee geben, im vorgelagerten Kanton St. Gallen Hitzefrei. Im Nachbarkanton Appenzell, wo Jörg Kachelmanns Meteomedia auf dem Schäbrig residiert, fliegt man durch glasklare Luft über liebliche Almen und ahnt nichts Böses – bis der Föhn hereinbricht und Flugzeuge in dem fruchtbaren Boden unterpflügen will. Derweil umkreisen im Hegau, westlich des Sees, die Binninger Segelflieger den Hohenstoffeln oder einen der anderen Vulkanberge, während der Windsack am Platz keinerlei Regung zeigt. Aufregend, das alles, besonders aus der Luft.

Fotos: Stanko Petek, fliegermagazin 6/2010

Über den Autor
Peter Wolter

Peter Wolter kam vom Drachenfliegen zur motorisierten Luftfahrt und von der Soziologie zum Journalismus. Er steuert ULs sowie E-Klasse-Maschinen und hat sein eigenes UL (eine Tulak) gebaut.

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