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UL-Fliegen in Sansibar

Als ein Ultraleichtflugzeug über dem Strand auftaucht, packt Sansibar-Urlauber Ernst Bickmeier der Ehrgeiz: Wo kommt die Maschine her, wer sitzt am Steuer? Wenig später macht sich der neugierige UL-Pilot ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk

Von Redaktion

Eigentlich war ich ja zum Kitesurfen nach Sansibar gekommen. Doch mangels Wind döse ich in der Hängematte unter Palmen am Strand vor mich hin und genieße das Paradies. Plötzlich vernehme ich ein 
bekanntes Surren. Das hört sich doch wie ein Rotax an! Im nächsten Moment springe ich aus der Hängematte. Und da schwebt er vorbei, der bunte Hochdecker, in zirka 150 Meter Höhe über dem türkisfarbenen Meer. Ein wunderschönes Bild. 
Da will ich drinsitzen!


Dass es sowas hier gibt, hatte ich nicht erwartet. Kulturschock und das einfache Leben der Menschen hier hatten mich in eine andere Welt versetzt. Durch intensive Recherche bekomme ich eine Telefonnummer. Zwei Tage später sitze ich mit dem Piloten bei einem kühlen Drink in der Mittagshitze an der Strandbar. Cedrick Mottequin, 35 Jahre jung und gebürtiger Franzose, erzählt aus seinem Fliegerleben in Réunion und Sansibar. Mit zwanzig zog es ihn nach Réunion, eine aufgrund der bizarren Berg- und Vulkanformationen fliegerisch sehr schöne, aber auch sehr anspruchsvolle Insel. Dort widmete er sich intensiv der Fliegerei und dem Fallschirmspringen. Dann lernt er Sansibar und seine jetzige Frau kennen und verlegt seinen Lebensmittelpunkt auf diese ebenso traumhafte Insel.

Gut versteckt: Noch arbeitet die Flugschule ZRP Ultralight auf dem Gelände des internationalen Airports. Doch Firmenchef Mottequin will bald ein eigenes Flugfeld im Norden der Hauptinsel Sansibars aufmachen
(Foto: Gaby Bickmeier)

Fliegerisch ist Sansibar einfacher als Réunion, da die Insel recht flach ist. Hier betreibt Cedrick nun seit zwei Jahren einen kleinen Flugbetrieb und die einzige Flugschule für Privatpiloten in Tansania. Homebase ist zur Zeit noch der Kisauni Airport (englisch: Zanzibar Island Airport) nahe Zanzibar Town, der Inselhauptstadt. In Vorbereitung ist ein eigener Flugplatz im Norden der Insel nahe Nungwi, der noch in diesem Jahr in Betrieb genommen werden soll. Das einzige Flugzeug ist momentan der bunte Hochdecker, eine Rans S-6S Wing Coyote II als Spornradversion, doch es sollen bald noch zwei weitere Maschinen des amerikanischen Herstellers hinzukommen, eine S-6S in Bugradausführung und eine S7 Courier, ein Tandem-Spornradflugzeug. Neben der Flugausbildung bietet Cedrick Rund- und Fotoflüge an und bringt Fallschirmspringer in die Luft. Europäische Touristen mit Fluglizenz können bei ihm auch chartern.

Das einzige Flugzeug ist momentan der bunte Hochdecker, eine Rans S-6S Wing Coyote II

Schnell bin ich mit dem dynamischen Franzosen einig, dass ich mit ihm in die Luft gehe. Am letzten Tag meines Sansibaraufenthalts, meinem Geburtstag, ist es soweit: Ein Mitarbeiter von Cedricks Firma ZRP Ultralight holt mich in der Empfangshalle des Airports ab. Wir müssen das ganze Sicherheitsprozedere, wie an internationalen Airports üblich, über uns ergehen lassen. Jetzt verstehe ich, warum Cedrick seinen eigenen Flugplatz im Norden baut. Dann gehen wir über das Vorfeld vorbei an einer Boeing 767 der Ethiopian Airlines zum GAT, dem älteren Teil des Flughafens. Und da steht er nun, der kleine, schnuckelige Taildragger in einer riesigen offenen Halle neben einer Twin Otter, die sich gerade im Service befindet, und einer Cessna, die nach einer Nasenlandung auf die Reparatur wartet. Im hinteren Hallenteil befindet sich das ZRP-Büro, das gleichzeitig als Unterrichtsraum dient.

Cedrick beendet noch das Briefing mit einem Flugschüler, dann schieben wir die Rans aus der Halle. Nach einer kurzen Einweisung nehme ich auf dem linken Sitz Platz und fühle mich sofort wohl. Vieles erinnert mich an den mir vertrauten Eurofox. Wir starten den Motor, Cedrick übernimmt den Funk. Das ist auch gut so, denn die Controller reden gern und viel, und man sollte schon gut Englisch können. Wir müssen einen landenden Airbus der Condor abwarten, dann bekommen wir die Rollerlaubnis zur „36“. Nach der Startfreigabe Vollgas, und los geht’s. Nach wenigen Metern sind wir in der Luft: Wow! Ich hebe ab in Sansibar, was für ein Geburtstag!

Angekommen: Der Franzose Cedrick Mottequin hat in Sansibar sein persönliches Glück gefunden. Sogar der eigene Flugplatz ist schon in Arbeit (Foto: Ernst Bickmeier)

Unter mir auf dem Vorfeld der Airbus und die Boeing und einige kleinere Linienmaschinen. Passagiere strömen gerade zum Terminal, an dem in großen Lettern „Karibu Zanzibar“, „Willkommen in Sansibar“ steht. Links von mir habe ich einen fantastischen Blick auf Zanzibar Town mit seiner verwinkelten Altstadt Stone Town, die Weltkulturerbe der UNESCO ist. In der Ferne sind einige Daus unter Segeln zu sehen, die typischen Frachtsegler, die früher zwischen Indien und Afrika verkehrten und heute noch im inselnahen Bereich unterwegs sind.

Wir haben Anweisung, in 3500 Fuß Ostkurs beizubehalten, bis wir die Kontrollzone verlassen. Ich wäre gerne tiefer geflogen, aber damit muss ich warten, bis wir fast die Ostküste erreicht haben. So können wir aber in dieser Höhe vom Südzipfel bis fast zum Nordzipfel der Insel blicken. Ziel ist natürlich »mein« Strand in Paje, wo heute sicher einige Kitesurfer auf dem Wasser sind.Und dann sinken wir dem weißen Strand und dem türkisblauen Wasser des Indischen Ozeans bis auf 500 Fuß entgegen. Leider ist es heute etwas bewölkt. Das bedeutet zwar ruhiges Fliegen, aber die Sonne kann die unglaubliche Farbenpracht der Lagune zwischen Strand und dem einen Kilometer entfernt vorgelagerten Riff nicht so zur Geltung bringen wie gewöhnlich. Trotzdem raubt es mir fast den Atem, diese Wasserwelt von oben zu sehen. Tatsächlich, die Kitesurfer haben heute genug Wind und gleiten übers Wasser. Von hier oben sieht das aus, als ob sie wie durch die Luft schweben oder auf weißem Sand gleiten. Durch Flächenwackeln grüße ich einige Freunde da unten. Fragt sich, wer auf wen neidisch ist.

Nach wenigen Metern sind wir in der Luft: Wow!

Sehr klar sind die zahlreichen geometrisch ausgerichteten Algenfelder zu sehen, die bei Ebbe von den einheimischen Frauen angelegt und bewirtschaftet werden, ein wichtiger Rohstoff unter anderem für die Kosmetikindustrie. Am Strand sehe ich auch meine auf Stelzen stehende palmwedelbedeckte Hütte, in der ich zwei Wochen wie im Paradies gelebt habe. Und ich sehe die Hängematte zwischen den Palmen. Nein, im Moment habe ich den besseren Platz und möchte nicht tauschen. Wir drehen noch ein paar Runden mit geöffneter Tür zum Fotografieren bei reduzierter Geschwindigkeit und vollen Klappen. Dann fliegen wir noch einige Meilen Richtung Süden am Strand entlang bis Jambiani, einem weiteren ursprünglichen Dorf der Algenzüchterinnen, die in der flachen Lagune in ihren Feldern emsig bei der Arbeit sind.

Frauensache: Im flachen Wasser der Lagunen bauen die Seefarmerinnen Agar-Agar an. Die Algenart macht gut 20 Prozent des Export-Handelsvolumens von Sansibar aus (Foto: Ernst Bickmeier)

Dann geht’s zurück in nordwestlicher Richtung über den Jozani Nationalpark, dessen Besuch sich wegen der in einem Urwald lebenden endemischen Affenart lohnt, den Sansibar-Stummelaffen. Cedrick meldet uns vor Einflug in die Kontrollzone bei Zanzibar Tower an. Es ist hier einiges los im Moment, und wir sind Nummer zwei im anfliegenden Verkehr. Der Pilot einer nachfolgenden Linienmaschine beschwert sich mit dem Hinweis, er sei doch ein „commercial flight“ und hätte doch wohl Vorrang vor einem Microlight. Daraufhin entwickelt sich eine rege und kontroverse Diskussion zwischen Controller und Linienpilot. Schließlich hat der Tower ein Einsehen mit der schnelleren Turboprop und schickt uns noch einmal in eine Warteschleife, bevor auch wir landen dürfen.

Am nächsten Tag sitze ich wieder in einer startbereiten Maschine auf dem Zanzibar Airport, dieses Mal aber als Passagier in einer Boeing der Ethiopian Airlines nach Frankfurt. Wehmut erfasst mich beim Abheben. Mein Blick fällt noch einmal auf den kleinen bunten Spornradflieger, der da unten ein bisschen einsam vor der großen Halle steht.

Text: Ernst Bickmeier, Fotos: Gaby und Ernst Bickmeier, fliegermagazin, 10/2011

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