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Baltrum Flug: Das ist Deutschlands kleinste Airline

Baltrum Flug hat ein einziges Flugzeug – eine Cessna 172. Die Maschine pendelt von und zur ostfriesischen Insel Baltrum. Gut zu wissen: Der Flugplatz Baltrum (EDWZ) ist ein Sonderlandeplatz mit PPR.

Von Redaktion
Ein einziges Flugzeug, das nur vier Plätze und einen Motor hat: Eine Cessna 172 pendelt ständig von und zur ostfriesischen Insel Baltrum. Sie gewährleistet die Versorgung der kleinen Insel und ihrer Bewohner und Touristen mit allem Notwendigen aus der Luft.
Ein einziges Flugzeug, das nur vier Plätze und einen Motor hat: Eine Cessna 172 pendelt ständig von und zur ostfriesischen Insel Baltrum. Sie gewährleistet die Versorgung der kleinen Insel und ihrer Bewohner und Touristen mit allem Notwendigen aus der Luft. Bild: Andreas Rohde

Es ist eine dichte Folge von Rekorden: Baltrum ist die kleinste der Ostfriesischen Inseln an der deutschen Nordseeküste. Sie hat die kürzeste Start- und Landebahn der Inselkette. Und die »eigene« Airline ist die kleinste Deutschlands, die den planmäßig kürzesten Linienflug der Republik bedient: Baltrum Flug. Wobei Begriffe wie »Fluggesellschaft« und »Airline « nicht ganz zutreffen: Für operationelle Belange greift Baltrum Flug auf das Luftverkehrsbetreiberzeugnis (Air Operator Certificate, kurz AOC) der FLN Frisia-Luftverkehr zurück. Für die vermarktet sie als Flugvermittlungsagentur die Flüge von und nach Baltrum. Lediglich ein einziges Flugzeug steht für die Baltrum- Linie zur Verfügung, das von FLN für Baltrum Flug betrieben wird, um die rund 500 Einwohner zählende Gemeinde mit dem Festland zu verbinden.

Die Cessna 172 versorgt die Insel mit eiligen Gütern und bringt auch Touristen – aber die meisten kommen mit der Fähre.

Zwar nutzen die meisten Reisenden – vor allem das Gros der Touristen – die Fähre von und nach Neßmersiel. Doch die ist gezeitenabhängig und fährt nur, wenn genug Wasser da ist. Baltrum Flug und FLN bieten eine gezeitenunabhängige Anbindung der Insel, die aufgrund der örtlichen Besonderheiten allerdings nur mit beschränkter Kapazität bedient werden kann. Mit Ausnahme von Spiekeroog haben alle ostfriesischen Inseln einen Flugplatz. Manche bekamen ihn schon vor dem Zweiten Weltkrieg. Baltrum dagegen erhielt erst 1972 eine 425 Meter lange Graspiste. Vier Jahre später übernahm Baltrum Flug das Gelände von der Inselgemeinde und fungiert seitdem als Flugplatzhalter. Ab 1977 startete sie dann auch als Bedarfsfluggesellschaft mit zwei eigenen Cessna 172. Das Muster ist bekanntlich das mit Abstand meistgebaute Flugzeug der Geschichte. Aber es bietet nur drei Passagieren Platz.

Baltrum hat seit 2002 eine befestigte Start- und Landebahn

Der Flugbetrieb in Baltrum unterlag anfangs ungewöhnlichen Herausforderungen. Die Piste war übersät mit Kaninchenlöchern und alles andere als komfortabel anzufliegen, was dem Platz unter den örtlichen Piloten bald den Spitznamen »Hoppel Island« eintrug. Auch Sandverwehungen vom nahegelegenen Südstrand behinderten immer wieder den Flugbetrieb. Ein weitaus gravierenderes Problem aber waren die an der Nordsee regelmäßig auftretenden Sturmfluten. Dabei wurde die vor dem Deich liegende Grasbahn oft überschwemmt und musste anschließend saniert und dabei für rund zwei Wochen geschlossen werden.

Abhilfe wurde 2002 geschaffen, als Baltrum eine befestigte Start- und Landebahn bekam. Mangels alternativer Freiflächen blieb der Flugplatz aber außerhalb des deichgeschützten Inselbereichs. Deswegen erhielt er keine geteerte, sondern eine gepflasterte Landebahn. Sie ist nach Überflutungen leichter zu reparieren und kann nach ein bis zwei Tagen wieder betriebsbereit sein. Außer Baltrum hat nur die Insel Juist ebenfalls eine Piste im überflutungsgefährdeten Teil. Alle anderen Inselflugplätze sind eingedeicht. Mit der Befestigung der Bahn ging allerdings eine Verkürzung auf 360 Meter einher, was den Einsatz zweimotoriger Maschinen ausschloss – auch den der auf den Inseln beliebten Britten-Norman BN-2 Islander.

Die Bahn ist kurz, aber An- und Abflug sind vollkommen hindernisfrei. Foto: Andreas Rohde

Wandel und Kontinuität: Die Geschichte der Baltrum Flug

1983 wurde Baltrum Flug Teil eines Verbunds mit LFH (Luftverkehr Friesland Harle). Sowohl der Flugplatzbetrieb als auch die Flugzeuge wurden übertragen. Fortan zeichnete LFH für die Anbindung Baltrums verantwortlich und nutzte dafür weiterhin vornehmlich die Baltrumer Cessna 172. Der Verbund mit LFH endete im Januar 2011, als LFH inklusive des Baltrumer Anteils durch die FLN Frisia-Luftverkehr in Norddeich übernommen wurde. Die auf der Baltrum-Linie eingesetzten Flugzeuge wechselten so in den Besitz der FLN und wurden dort im Auftrag von Baltrum Flug weiterbetrieben, die seitdem als Flugvermittlungsagentur agiert.

2013 übernahm Baltrum Flug allerdings wieder den Betrieb des Baltrumer Flugplatzes. Für die Flüge von und nach Baltrum nutzt FLN heute die letzte verbliebene Cessna 172 der Baltrum Flug. Es ist eine 172 Hawk XP. Sie hat ein stärkeres Triebwerk mit 195 PS Leistung und einen Verstellpropeller, was der Maschine ein wichtiges Extra an Leistung beim Betrieb mit oft voller Beladung auf der kurzen Baltrumer Piste bringt.

BN-2 Islander: Mit diesen Maschinen von Britten-Norman bedient die FLN Frisia- Luftverkehr die anderen Inseln. Foto: Andreas Rohde

Trotz all des Wandels in der Struktur des Unternehmens hat sich das Einsatzspektrum der Baltrum Flug über die Jahre hinweg kaum verändert. Charter- und Rundflüge sind nach wie vor ein Schwerpunkt. Außerdem verbindet Baltrum Flug im Verbund mit FLN die Insel im Bedarfsluftverkehr hauptsächlich mit den Flugplätzen Norddeich und Harle auf dem Festland. Neben Passagieren werden auf diesen Flügen auch Frachtsendungen und vor allem die besonders zeitkritischen Tageszeitungen für den Verkauf an Urlaubsgäste geflogen.

Mit Baltrum Flug ein Hüpfer übers Watt

Während wir frühmorgens auf unseren Flug nach Baltrum warten, herrscht am Flugplatz Norddeich bereits reger Betrieb. Alle paar Minuten starten und landen Islander der FLN nach Juist und Norderney. Dann mischt sich eine kleine Cessna in den Anflugverkehr. Gesteuert wird die Maschine vom Firmenchef der Baltrum Flug, Olaf Klün. Er kommt an diesem Vormittag bereits von einem Charterflug aus Borkum und rollt nach der Landung direkt zur Tankstelle. Da es auf Baltrum kein Flugbenzin gibt, müssen die Umläufe so geplant werden, dass der Treibstoff wieder bis zum Festland reicht. Vor dem Boarding verschwindet das Gepäck – eine Frachtsendung und die obligatorischen Tageszeitungen – im hinteren Laderaum. Mit zwei Erwachsenen und einem Kind ist der Flug nach Baltrum ausgebucht.

Während des kurzen Hüpfers in nur etwa 300 Metern Höhe bietet sich ein fantastischer Ausblick auf das Wattenmeer und die Insel Norderney. Nach acht Minuten setzt Olaf Klün schon wieder zur Landung an. Nur wenige Minuten später hat er die Maschine bereits verzurrt – sie bleibt über Nacht auf der Insel. Bis zu zehn Umläufe pro Tag können im Sommer zusammenkommen. Häufig sind die Passagiere Touristen, denen die Wartezeit auf die Fähre zu lang wird oder die für einen Kurzbesuch kommen. Auch Privatpiloten steht der Flugplatz offen. Deutlich ruhiger wird es im Winterhalbjahr. Aufgrund der starken Saisonalität des Tourismus auf Baltrum sowie der schwierigeren Wetterbedingungen im Winter pausiert Baltrum Flug ab November bis drei Wochen vor Ostern. Nur um die Weihnachtszeit steigt die Nachfrage. Dann muss aber das Wetter mitspielen.

Fliegender Koch: Olaf Klün ist Geschäftsführer der Baltrum Flug, Flugplatzbeteiber auf Baltrum, er arbeitet als Pilot für FLN Frisia- Luftverkehr und betreibt auch das
Inselhotel Witthus. Foto: Andreas Rohde

Als Privatpilot selbst nach Baltrum hinfliegen?

Der Flugplatz Baltrum (EDWZ) ist ein Sonderlandeplatz mit PPR und ohne Betriebspflicht. Man muss sich also vor einem Besuch per Telefon, E-Mail oder online (www.baltrum-flug.de) anmelden. Ersteres hat den Vorteil, dass man sich gleich über die Besonderheiten informieren kann. Der Platz ist begrenzt auf ULs, Motorsegler und Flugzeuge bis zu einer MTOM von 1400 Kilogramm sowie Cessna 182 und 206. Die Piste mit der Ausrichtung 09/27 besteht aus Pflastersteinen und hat eine Länge von 360 Metern.

An beiden Enden gibt es Sicherheitsflächen aus Gras. An und Abflug sind bis auf niedrige Zäune hindernisfrei, die Lampen entlang der Hafenstraße stehen weit voneinander entfernt. Die Insel ist eine der schönsten Nordseeinseln, weil sie sehr klein und beschaulich ist. Tagestouristen sind die Ausnahme, weil die Fähren nur gezeitenabhängig fahren. Zu Fuß sind Strand und Ort leicht zu erreichen.

Text & Fotos: Andreas Rohde

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