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Das andere Amerika: Die US-Nordostküste per Kleinflugzeug

Von New York und Boston mit
dem Kleinflugzeug gut erreichbar, sind die Inseln Martha’s Vineyard, Nantucket und Block Island 
sowie die Landzunge Cape Cod ideale Ziele 
für Piloten, die Neuengland-Atmosphäre suchen

Von Redaktion
Foto: Ingo Wirth

Hier irgendwo muss es gewesen sein. Der Gedanke schießt mir durch den Kopf, 5500 Fuß über dem Atlantik im Anflug auf Martha’s Vineyard. Hier stürzte vor zwölf Jahren John F. Kennedy Jr. mit seiner Piper Saratoga bei Nacht und diesigem Wetter ins Meer. Doch bei meinem Flug zu der Insel ist heller Tag, die Sicht könnte nicht besser sein, nur der Wind bläst ordentlich – und dazu auch noch quer zur „33“. Die genau im Wind liegende Piste „24“ ist wegen Bauarbeiten gesperrt. Beim Ausschweben macht mir eine kräftige Böe zu schaffen – aber die Skyhawk setzt sicher auf.

Am Morgen bin ich mit der Cessna 172 etwa 170 Nautische Meilen landeinwärts gestartet. N83PD ist eine typisch amerikanische Chartermaschine: Baujahr 1980, nicht schön, aber technisch einwandfrei. Ich habe sie am Flugplatz Schenectady (ein Indianername, der sich Skenecktäddi spricht) nahe Albany übernommen. Die Stadt liegt etwa drei Autostunden nördlich von Manhattan und ist – für viele Europäer überraschend – die Hauptstadt des Bundesstaats New York. Der Ablauf war wie von früheren USA-Besuchen bekannt: Das Charterunternehmen prüfte meine US-Lizenz, das Medical und mein Flugbuch; es folgte ein Überprüfungsflug mit Fluglehrerin. 90 Euro kostet die Maschine pro Stunde. Am Platz kaufe ich aktuelle VFR-Karten, die in den USA „sectionals“ heißen. Dann bereite ich den Flug zu meinem ersten Tagesziel vor, Block Island.

Foto: Ingo Wirth
Ruhe vor dem Sturm: Im April ist Nantucket noch verlassen (Foto: Ingo Wirth)

Wer als deutscher Pilot endlich mal wieder persönlich mit einem Meteorologen sprechen will, ist in den USA richtig: Landesweit verbindet die kostenlose Telefonnummer 1-800-WX-BRIEF (WX für Weather, BRIEF für Briefing – die Buchstaben stehen auf der Telefontastatur) mit einem Experten, der sowohl Wetter- als auch Flugberatung übernimmt. Wichtig ist die Frage nach TFRs – kurzfristig eingerichteten Sperrgebieten, wenn etwa der Präsident auf Reisen geht. Der Wind entspricht der Vorhersage: In 7500 Fuß rase ich mit sensationellen 160 Knoten Groundspeed in Richtung Küste, immer mit „VFR Flight Following“, dem US-Äquivalent zu dem, was bei uns FIS bietet. Nach weniger als einer Stunde Flugzeit taucht die birnenförmige Insel vor mir auf.

Block Island liegt nur 9 Nautische Meilen vor der Küste Rhode Islands und 13 Meilen östlich der bekannten Halbinsel Long Island, an deren anderem Ende New York City beginnt. Die gute Sicht an diesem Tag erlaubt mir einen klaren Blick aus dem rechten Seitenfenster auf Montauk Point, die Spitze von Long Island. An den Mohegan Bluffs vorbei, der schroffen Steilküste im Süden von Block Island, sinke ich auf Platzrundenhöhe. Mit fünf mal elf Kilometern Ausdehnung ist die Insel überschaubar. 1614 landete hier Kapitän Adriaen Block als erster Europäer – daher der Name. Wenige Jahrzehnte später entstand der noch heute existierende Hauptort New Shoreham. Der Flugplatz wurde 1950 gebaut. Seine Asphaltbahn (10/28) ist für amerikanische Verhältnisse mit 2500 Fuß extrem kurz. Trotz der hohen Zahl von Flugbewegungen im Sommer ist das Flugfeld unkontrolliert. Ich adressiere also meine Meldungen im Anflug und die Position in der Platzrunde wie in den USA üblich an „Block Island Traffic“.

Beim Ausschweben macht mir eine kräftige Böe zu schaffen – aber die Skyhawk setzt sicher auf.

Flugleiter sind hier unbekannt, aber der Airport Manager empfiehlt über Funk die „28“. Sprit gibt es nicht, dafür aber etwas sehr Ungewöhnliches: eine Landegebühr! Zehn Dollar sind fällig. Bill, ein Altinsulaner, fährt mich in seinem Taxi nach New Shoreham, vorbei am 1873 errichteten Southeast Lighthouse, das aus Ziegelsteinen gemauert ist. In Shoreham sind die Straßen leer – ich bin im April hier, und die Saison beginnt erst Ende Mai. Dann strömen bis zu 20 000 Tagesgäste mit Fähren auf die Insel. Pensionen und Hotels fügen sich ins koloniale Ortsbild. Bill zeigt mir voller Stolz die natürliche Marina der Insel, die an Sommertagen bis zu eintausend Segel- und Motorboote beherbergt.

Leider sind für den späten Abend und die folgenden Tage Sturm und Dauerregen vorhergesagt. Ursprünglich wollte ich die 46 Meilen nach Martha’s Vineyard fliegen und dort übernachten. Doch zu groß ist die Gefahr, tagelang festzusitzen. Aber noch scheint die Sonne, es reicht für einen Kurzbesuch. Auf dem Weg dorthin passiere ich die Absturzstelle der Kennedys.

Foto: Ingo Wirth
Checkout muss sein: Fluglehrerin Barbara Jones mit Autor Ingo Wirth nach dem Rental Checkout
(Foto: Ingo Wirth)

Es ist unklar, woher der Name Martha’s Vineyard (gesprochen „vinjard“, nicht „weinjard“, zu Deutsch Weingut) stammt; auf jeden Fall hat die Insel keine üppigen Weinberge. Auch hier nimmt im Sommer die Zahl der Besucher und Teilzeitbewohner drastisch auf etwa 100 000 zu. Da verwundert es nicht, dass die Insel einen kontrollierten Flugplatz mit zwei langen Bahnen und Instrumentenanflügen hat.

Als ich die 172 abstelle, fällt mir das große Vorfeld auf. Hier stehen im Sommer nicht nur Kolbenflugzeuge, sondern Business-Jets aller Art und sogar der Hubschrauber Marine One: US-Präsident Obama verbringt auf „The Vineyard“ gerne seinen Sommerurlaub; Sport- und TV-Stars sowie jede Menge alte und aktuelle Polit-Prominenz sind regelmäßig auf der Insel anzutreffen. Martha’s Vineyard ist so etwas wie Sylt in Deutschland – der Promi-Treff schlechthin.

Als ich die Cessna 172 abstelle, fällt mir das große Vorfeld auf

Im Plane View Restaurant am Platz genieße ich die fantastische ortstypische Muschelsuppe namens Clam Chowder. Die Strandvillen der Reichen und Schönen in der Gemeinde Chilmark schaue ich mir später aus der Luft an, jetzt fährt mich ein Taxi nach Edgartown. Die Inseln haben ihre eigene Atmosphäre: Hier gibt es keine US-typischen Werbeschilder, keine Supermärkte, Fast-Food-Restaurants oder Drive-Thru-Bankfilialen. Alles ist eine Nummer kleiner, es gibt sogar noch äußerst beliebte Tante-Emma-Läden. Man hat das Gefühl, dass sich in den vergangenen hundert Jahren wenig verändert hat. An den wunderschön restaurierten Holzhäusern prangen Jahreszahlen aus dem 19. Jahrhundert. Das ist für Amerikaner schon so richtig historisch – die USA sind ein junges Land. Aber ich muss weiter: Der wetterbedingte Heimflug nach Schenectady dauert bei starkem Gegenwind fast zweieinhalb Stunden. Tatsächlich bin ich danach »grounded«. Erst am vierten Tag setzt sich endlich Hochdruckeinfluss durch. Nach dem Motto »carpe diem« stehe ich bereits um 5.30 Uhr am Airport und erledige den Preflight Check an meiner Cessna. Da der Tower um diese Zeit noch nicht in Betrieb ist, setze ich die für unkontrollierte Plätze üblichen Funksprüche ab und starte. Von Albany Approach erbitte ich VFR Flight Following für die Strecke zu meinem ersten Tagesziel: Provincetown, direkt auf der Spitze von Cape Cod.

Nach gut zwanzig Minuten werde ich an Boston Center weitergegeben und frage beim Controller einen Überflug der Stadt Boston an. Den kleinen Umweg nehme ich gern in Kauf. Ich werde an Boston Approach weitergereicht und lausche andächtig dem regen Treiben auf der Frequenz. Die Controllerin ist bereits über mein Vorhaben informiert und erteilt mir die Genehmigung für den Einflug in den Class B Airspace des Boston Logan International Airport auf 5000 Fuß. Kurze Zeit später erscheint zu meiner Linken die in morgendliches Sonnenlicht getauchte Skyline von Boston mit dem fast unmittelbar angrenzenden Großflughafen. Was für ein einzigartiger Anblick! Höflich bedanke ich mich für die freundliche Unterstützung und die nicht unbedingt selbstverständliche Durchfluggenehmigung. 


Foto: Ingo Wirth
Cape Cod: Der markant auslaufende Haken ist besonders aus der Luft sehenswert
(Foto: Ingo Wirth)

Schon von weitem ist die typische Hakenform der Landzunge Cape Cod erkennbar, an deren Spitze die Stadt Provincetown liegt. Mit dem Auto braucht man von Boston aus drei Stunden; ich lege die 42 Nautischen Meilen über Wasser in weniger als zwanzig Minuten zurück. Die abgeschiedene Lage der Stadt spiegelt sich nicht nur in ihrem Namen wider, sondern ist auch verantwortlich für das ungewöhnliche Spektrum der Einwohner, die sich hier nach der Walfangära ab Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelt haben. Künstler und Aussteiger ließen ein buntes Stadtbild entstehen, das einen Besuch lohnt. 
Direkt in die Dünenlandschaft an der nördlichsten Spitze des Kaps gebaut, erstreckt sich die Asphaltbahn des Flugplatzes. Bis in die Stadt sind es drei Kilometer, aber zu einem der schönsten Sandstrände geht man nur fünfhundert Meter. Auch ein Hotel samt Restaurant liegt in Laufweite. 
Nach Verlassen der Kapspitze melde ich mich im Steigflug bei Cape Approach. Dies ist nicht vorgeschrieben, aber die Verkehrshinweise sind nützlich, da der Luftraum an der Küste vor allem im Sommer stark frequentiert ist. 



Ein südlicher Kurs führt mich über Vogel- und Naturschutzgebiete Cap Cods, die malerisch in das blaue Meer und die imposanten Sandbänke eingebettet sind. Als ich das Festland verlasse, wird mir klar, woher mein letztes Inselziel seinen Namen hat. Nantucket hat als einzige der großen Inseln seinen indianischen Namen behalten, er bedeutet „Land in der Ferne“. Die Insel liegt mehr als 20 Meilen südlich der Küste Massachusetts und war bis Mitte des 19. Jahrhunderts die weltweite Hauptstadt des Walfangs. Hier beginnt in Herman Melvilles „Moby Dick“ Ismael seine Reise auf Käpt’n Ahabs Schiff, der „Pequod“.

Die Cessna Skyhawk ist vollgetankt und bereit für den Rückflug nach Schenectady

Die Bewohner- und Besucherstruktur auf Nantucket ähnelt sehr der von Martha’s Vineyard, jedoch sucht man eher die Ruhe der Zurückgezogenheit als das Sehen und Gesehen werden. Auch hier gibt es kilometerlange Sandstrände. Trotz einer ähnlichen Historie unterscheidet sich das Stadtbild doch merklich von Edgartown auf Martha’s Vineyard. Wesentlich „originaler“ wirken die Straßenzüge auf mich, weniger poliert und glatt. Die Hauptstraßen sind sogar noch mit uraltem Kopfsteinpflaster belegt. Neben einer Vielzahl von Restaurants und Galerien besitzt die Stadt auch ein „Whaling Museum“. Entgegen aller US-Klischees werden auf Nantucket auch Leih-Fahrräder angeboten; Inselrouten sind ausgeschildert.

Nach einem späten Lunch in Nantuckets ältestem Restaurant, dem Cy’s von 1932, fahre ich zurück zum Airport. Die Cessna ist vollgetankt und bereit für den Rückflug nach Schenectady. Auf der Towerfrequenz erbitte ich noch einen Überflug über die Stadt, den mir der Lotse auch gleich mit der gewohnten Hilfsbereitschaft gewährt. Auf dem zwei Stunden langen Rückflug wird mir leicht wehmütig klar, dass ich zu wenig Zeit gehabt habe. Auch eine Übernachtung auf einer der Inseln wäre schön gewesen. Ich beschließe: Hier war ich bestimmt nicht zum letzten Mal.

Text und Fotos: Ingo Wirth, fliegermagazin 8/2011

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