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De Havilland DHC-2 Beaver in Kanada: Historic Mail Flight auf Vancouver Island

Noch aus dem 18. Jahrhundert stammen manche der Siedlungen, die der Kanadier Mike Farell mit seinem Wasserflugzeug regelmäßig in der Provinz British Columbia ansteuert. Er bringt Post und Lebensmittel – und zeigt Touristen seine Heimat

Von Redaktion
Foto: Walter Kreuzer

Genau wie Lieutenant Kojak!“ Schlagartig wird mir klar, an wen mich Mike Farell erinnert. Zwar will ich mir keinen alten Krimi ansehen, sondern an einem so genannten Historic Mail Flight teilnehmen – außerdem hat der Beaver-Pilot nun wirklich keinerlei Ähnlichkeit mit dem US-Schauspieler Telly Savalas in seiner Paraderolle als cooler Fernsehpolizist. Doch seinen Lolly nimmt auch unser Pilot nur selten aus dem Mund. Für den Chef von Corilair, einem Wasserflug-Unternehmen an Kanadas Westküste, ist der Postflug von Campbell River auf Vancouver Island zu einigen abgelegenen Inseln ebenso Alltag wie für Kojak die Verbrecherjagd. Doch von Gefahr für Leib und Leben kann während unserer Flüge mit der De Havilland Beaver keine Rede sein.

Allerdings: Trotz des blauen Himmels spricht Mike von „einigen der schwierigsten Bedingungen“ für das Wasserflugzeug. Es brauche je nach Temperatur, Ladung und Wind zwischen 350 und 1800 Meter Anlauf. „Wir haben viel Ladung, es ist ziemlich heiß und fast windstil“, erklärt der ebenso hemdsärmelige wie erfahrene Pilot grinsend. Wir brauchen also Platz für den Start. „Man muss auf die Außentemperatur achten, damit der Motor nicht überhitzt. Daraus ergibt sich in dieser Jahreszeit, wie hoch der Steigflug führt. Und heute ist es f***ing hot!“ Frei übersetzt sind das knappe dreißig Grad. Vom Corilair-Dock am Hafen von Campbell River, der »Welthauptstadt des Lachses«, gleiten wir mit halber Kraft zwischen vielen kleinen Booten hindurch. Wir wollen in die Quathiaski Cove zwischen der 450 Kilometer langen Vancouver Island und der zehn Fährminuten entfernten Quadra Island.

Foto: Walter Kreuzer
Holz ist alles: Die gerodeten Stellen dürfen vom Wasser nicht zu sehen sein (Foto: Walter Kreuzer)

Er gibt Gas, die Maschine macht zwei sanfte Hüpfer, an den Kufen spritzt Gischt auf, und nach einigen Sekunden heben wir fast unmerklich vom glatten Wasser ab. Der Start von einer Graspiste ist doch holpriger, denke ich. Mike lutscht an seinem Lolly und zieht die Beaver schön langsam hoch. Mehr als 2000 Fuß sind heute nicht drin, dann braucht der Motor etwas Ruhe. Meistens sind wir nicht einmal 1500 Fuß hoch: So bietet sich uns ein toller Blick auf die Inselwelt. Wir sehen kleine Siedlungen, auf den größeren Eilanden auch Straßen und einsam stehende Häuser, die man nur vom Wasser aus erreichen kann. Hier und da spiegelt sich die Sonne in einem See. Kahle Flächen inmitten der Wälder geben den Blick auf felsigen Untergrund frei. Sie erinnern an blutende Wunden.

Holz wird an der Küste gemacht, seitdem hier Leute leben. Die Praxis des Abholzens ist aber nicht mehr so schlimm. Die kahlen Stellen dürfen vom Wasser aus bloß nicht zu sehen sein. Deshalb werden nur kleine Bereiche abgeholzt und möglichst bald wieder bepflanzt“, erläutert Phil Richter beschwichtigend. Der Besitzer der Marina Blind Channel Resort, den wir nach unserer ersten Landung aufsuchen, hat Wurzeln in Süddeutschland und lebt mit seiner Familie seit den siebziger Jahren auf West Thurlow Island. Im Sommer vermietet er einige Ferienhäuser und versorgt Segler, auch jene Frau, die auf ihrer Jacht stehend Fotos von unserem Flugzeug macht, mit allem Nötigen. Er zeigt uns seinen Laden mit einem breiten Angebot an Bier und harten Alkoholika, und das Restaurant mit deutschen Gerichten wie Schnitzel und Roulade auf der Speisekarte: „Als Erinnerung an meine Mutter, die sie jahrelang selbst gekocht hat.“

Dreimal pro Woche kommen die Postflüge in die entlegenen Orte von Vancouver Island

Nächster Stopp ist Big Bay auf Stuart Island. Mike dreht vor der Landung noch eine Runde über dem hier durch eine Holzwand vor dem Wind geschützten Dock. Unter uns liegen gewaltige, von den Gezeiten verursachte Stromschnellen: Durch die Strudel mit Namen wie „Devil’s Hole“ oder „Suck Monster“ schießt das Wasser mit 18 Knoten – angeblich so schnell wie in keinem anderen Meer der Welt. Die Extrarunde würde Mike aber auch über ruhigerem Gewässer drehen: „Vor der Landung musst du sicherstellen, dass kein Hindernis im Wasser ist.“

Vom Wasser aus sind die Rapids noch beeindruckender als aus der Luft, denke ich. Erst gestern sind wir auf dem Weg zur Grizzly Safari mit den Homalco-Indianern genau hier mit dem Boot vorbeigekommen, ehe wir in das Bute Inlet eingebogen sind. Es hat uns dabei ziemlich durchgeschüttelt. Wenig später sind wir in den Bus der Homalco umgestiegen und über eine einst von Waldarbeitern auch als Landepiste benutzte Schotterstraße zu mehreren Beobachtungsplattformen am Orford River gefahren. Die etwa ein Dutzend Grizzlys, die in der Gegend umherstreifen sollen, kommen an den fischreichen Fluss, um sich Winterspeck anzufressen – und uns ein besonderes Erlebnis zu bieten.

Foto: Walter Kreuzer
Arbeitspferd: Die Beaver ist Farells Liebling; Cessnas hat er auch noch (Foto: Walter Kreuzer)

Die Wasserlandung holt mich aus meinen Gedanken zurück. Mike macht neben einer Luxusjacht fest. Als wir ausgestiegen sind, holt er – akrobatisch auf dem seitlich angebrachten Tritt balancierend – eine Plastikbox mit Briefen aus dem Laderaum und bringt sie ins Postamt. Er füllt die Begleitscheine aus und unterschreibt sie. Kein Postdienst ohne Bürokratie, das gilt ganz offensichtliche auch für die kanadische Wildnis. Gern nutzen Corilair-Passagiere die Gelegenheit, um selbst Postkarten samt Briefmarken zu kaufen, mit Adresse und Text zu versehen und gleich aufzugeben. Postlerin Cathy Minor reicht die heutigen Briefe und Päckchen an Mike weiter: Sie fliegen mit uns. Cathy bleibt. „Ich lebe in zwei Welten. Im November gehe ich nach Seattle, wo meine Kinder leben“, erzählt die gebürtige Vancouverin, die von beiden Metropolen schwärmt: „Seattle hat viel Kultur, Theater und alles. Vancouver dagegen hat viel Grün, etwa im Stanley Park.“

Wir steigen wieder in die Beaver. Über die Frequenz 123,2 MHz steht der 47-Jährige in Funkkontakt mit den übrigen Flugzeugen in der Gegend und informiert fortlaufend das Büro von Corilair, wo wir uns gerade befinden. Starts und Landungen auf den Wasserflugplätzen sprechen die Piloten untereinander ab. Für Mike ist die Fliegerei bei aller Freude daran längst zu einem Alltagsjob geworden. Der Reiz des Besonderen ist nach etlichen Jahren am Steuer dahin. „Was die Gäste oder Verträge verlangen, bestimmt, wohin ich fliege. Jedes Ziel ist anders. Ob es einfach oder schwierig anzufliegen ist, hängt zum Großteil von den Wetterbedingungen ab“, erklärt er.

Daran hat sich für ihn nichts Wesentliches geändert, seitdem er vor etwa elf Jahren Corilair übernahm und nun sein eigener Chef und Besitzer von vier Wasserflugzeugen ist. Vor allem fliegt seine Firma für die kanadische Post – aber nicht nur: „Alles was mit dem Flugzeug sicher mit kann, transportieren wir. Lebensmittel, Ersatzteile für Boote und Autos, Geräte für die Holzindustrie und für Waldarbeiter sowie Ersatzteile für Maschinen. Wir bringen auch frischen Fisch zu den Fabriken, wo er weiter verarbeitet wird.“

Vier Wasserflugzeuge hat Corilair im Hafen von Campbell River stationiert

Die drei Postflüge pro Woche sind fest terminiert; wer aber seine Waren schnell an einem Ort haben will, weil etwa Ersatzteile für eine kaputte Maschine gebraucht werden, muss notfalls außerplanmäßig ein Flugzeug chartern. An manchen Tagen fliegt Farell zehn oder gar zwölf Stationen an, wenn viel Fracht hinzukommt. Heute ist die Beaver mit Passagieren voll beladen. Es bleibt also bei den üblichen vier Stopps und Flügen von meist nur zehn oder fünfzehn Minuten. Am liebsten steuere er das Terminal von Corilair an: Dann sei er nämlich dem Glas Wein zum Feierabend schon ziemlich nahe. Doch so weit sind wir noch lange nicht. Nach einigen scherzhaften Ausflüchten verrät uns der Kanadier den Unterschied zu Landflugzeugen. Wer Wasser als Runway nutzen wolle, benötige besondere Fähigkeiten: „Du musst das Wasser ergründen und dich mit Strömungen, Gezeiten, Windbedingungen und den geografischen Begebenheiten auskennen. Sie haben großen Einfluss auf Start oder Landung. Man hat über ein Wasserflugzeug viel weniger Kontrolle, solange man nicht in der Luft ist.“

Foto: Walter Kreuzer
Jetzt nur nichts vergessen: Für manche der Siedlungen sind die Corilair-Flüge die einzige Verbindung zur Zivilisation (Foto: Walter Kreuzer)

Refuge Cove hat Mike als den ärmlichsten Ort auf unserer Route angekündigt. Vom Dock geht es eine Treppe hoch zu einem Laden. Er wird von Bonnie McDonald geführt und gehört den 18 Leuten, die ganzjährig hier auf West Redonda Island leben. Ihr Angebot reicht von Briefmarken über Lebensmittel, Angelbedarf, einem Waschsalon und einer Dusche bis zu Alkohol und Kraftstoff für die Serviceleute und Bootsurlauber, die den Desolation Sound erkunden wollen. „Hierher kommen nur Bootsfahrer. Straßen gibt es nicht“, erzählt Bonnie, die selbst auf der drei Meilen entfernten Nachbarinsel Cortes Island lebt: „Dort gibt es zwei große Ortschaften. Als unsere Tochter ins Schulalter kam, sind wir rüber gezogen.“

150 Kilometer nördlich von Vancouver gelegen, ist Refuge Cove eine der älteren Siedlungen an der Küste British Columbias. So abgelegen sie ist – einmal schaffte sie es doch ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit, nämlich mit dieser verrückten Geschichte: Ein Berglöwe fühlte sich von einem Lachs angezogen, den ein Fischer in seinem Boot liegen hatte, und lief in die Siedlung. Er schnappte sich den Fisch, und während die Menschen in einem nahegelegenen Haus Schutz suchten, rannte ein kleiner Spaniel aus dem Haus auf den Berglöwen zu. Der wiederum ließ den Fisch fallen, packte den armen Hund und rannte ins Haus. Alle darin schrieen durcheinander, nur der Opa stand vom Sofa auf und schlug mit dem Gehstock nach der Raubkatze. Die war so verblüfft, dass sie sich einfach am Kamin hinsetzte. Der Berglöwe wurde erschossen, Opa und Hund erholten sich, und die Geschichte ging um die Welt. „Anschließend kam haufenweise Post, auch aus Deutschland“, erinnert sich Bonnie. Heute hat Mike aber nur wenige Briefe und Päckchen für Refuge Cove dabei.

Die Historic Mail Flight der Beaver erfüllen einen wichtige Funktion

Unser letzter Halt ist Surge Narrows, das auf Read Island liegt. Renate Kyvit kommt uns am Dock entgegen, wo Mike Farrell inzwischen eine Stiege mit Johannisbeeren und einen Postsack ausgeladen hat. Rund 80 Menschen leben auf der Insel, das Postamt ist aber für etwa viermal so viele Einwohner zuständig. „Jeder muss sich hier seine Briefe selbst abholen. Wer Post will, braucht ein Boot oder Auto, nur wenige gehen zu Fuß. Die meisten kommen aber mit dem Boot“, erzählt sie. Vielleicht einzigartig ist die angeschlossene Bibliothek: Neben und über den von außen frei zugänglichen Postfächern sind Bücher aufgereiht. „Das ist eine freie Bücherei. Jeder kann ein Buch mitnehmen oder bringen. Die Tür ist 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr geöffnet“, erzählt sie den staunenden Europäern. Für uns wäre auch die Häufigkeit der Postzustellung gewöhnungsbedürftig: Die Lieferung erfolgt nur dreimal die Woche mit dem Historic Mail Flight von Corilair – es sei denn, es ist zu windig. „Im Winter kommt das ziemlich oft vor. Öfter als zweimal nacheinander ist der Flug aber noch nicht ausgefallen. Wir mussten damals also eine Woche auf unsere Post warten“, erinnert sich Kyvit.

Foto: Walter Kreuzer
Weitsichtig: Den mitfliegenden Passagieren bieten sich immer wieder beeindruckende Blicke
(Foto: Walter Kreuzer)

Zu unserem und auch ihrem Glück passt heute das Wetter, auch wenn inzwischen ein paar Wolken aufgezogen sind. Mike ist es aber immer noch zu heiß, und so fliegt er niedrig, um im Steigflug keine Überhitzung zu riskieren. Über Quadra Island geht es zurück nach Campbell River, wo wir neben der Zapfsäule anlegen. Der offene Wagen, den unser Pilot vor Stunden voll beladen die steile Rampe hinuntermanövriert hatte, steht immer noch hier. Die mitgebrachten Boxen finden darauf locker Platz. Den ungeliebten Papierkram überlässt Farrell einem seiner Mitarbeiter und widmet sich angenehmeren Dingen. Mit einigen Passagieren plaudert er noch eine Weile – ohne Lolly im Mund. Stattdessen spendiert er die eine oder andere Dose Bier. Schließlich ist Feierabend.

Text und Fotos: Walter Kreuzer, fliegermagazin 4/2012

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