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Gecharterte Cessna 172RG: Flugreise von Australien nach Papua-Neuguinea

Zum ersten Mal ist eine Gruppe deutscher Piloten mit Chartermaschinen von Australien nach
 Papua-Neuguinea geflogen – und mit einzigartigen Eindrücken zurückgekommen

Von Redaktion
Foto: Karl Heinz Emmerich

Nach einer knappen Stunde über Wasser erreichen wir Land. Unter uns liegt unser Ziel, eines der letzten noch weitgehend unberührten Länder der Erde: Papua-Neuguinea. Zwischen den Wolken leuchtet das satte Grün scheinbar unendlicher Urwälder, manchmal glitzert silbern ein Flusslauf. Hier vermischen sich Wasser und Erde – es ist zu viel Wasser, um Fuß zu fassen, aber zu wenig, um Boot zu fahren. Aus der Luft sieht die Gegend unzugänglicher und lebensfeindlicher aus als die australischen Wüsten hinter uns.

Schon die Strecke, die wir bis hierher mit unserer Cessna 172RG zurückgelegt haben, wäre vielen deutschen Piloten einen ganzen Fliegerurlaub wert: 1300 Nautische Meilen in zwölf Flugstunden und drei Etappen waren es von Alice Springs mitten in Australien, wo wir unsere Maschine mit der Kennung VH-HTP gechartert haben, bis Horn Island am nördlichsten Zipfel des Kontinents. Von dort sind wir nur 80 Nautische Meilen über das Wasser der Torres-Straße bis nach Papua-Neuguinea geflogen. Werner Stadtkowitz (www.pilotenreisen.de) hat diesen ersten Gruppenflug deutscher Piloten nach Papua-Neuguinea geplant (der nächste soll 2011 stattfinden).

Ab Australien sind wir mit unserer C172RG sowie einer Cessna 172 und einer Piper PA-34 Saratoga unterwegs

Jetzt sind wir mit unserer C172RG sowie einer Cessna 172 und einer Piper PA-34 Saratoga unterwegs; insgesamt elf Personen, von denen neun Piloten sind. Dazu ist auf Horn Island noch Bob Bates gekommen, ein australischer Pilot mit einer Beech Baron. Er besitzt mehrere Lodges in Papua-Neuguinea, in denen wir wohnen werden. Seine Kenntnis der örtlichen Verhältnisse wird sich als unverzichtbar erweisen.

Gefährlicher Mix: Hinter den Wolken verstecken sich hohe Berge. Exakte Navigation ist unerlässlich – wegen Kartenmangels wird sie nach Sicht und per GPS erledigt
(Foto: Gerhard Hehl)

Unter uns schlängelt sich der bis zu elf Kilometer breite Fly River mit seinen zahllosen Seitenarmen, der sich nach rechts ins über 50 km breite Delta erweitert. Er ist einer der wenigen eindeutig zu erkennenden Wegpunkte auf unserem Flug nach Mount Hagen. Die Stadt, benannt nach dem Landeshauptmann der ehemaligen deutschen Kolonie, Curt von Hagen, ist unser Einreiseflughafen. Er liegt auf 5400 Fuß, ist aber von über 13 000 Fuß hohen Bergriesen umrahmt. Den Einflug durch den Talkessel haben wir in unseren beiden GPS-Navigatoren mit zahlreichen Wegpunkten markiert. Trotzdem beschleicht uns immer wieder ein ungutes Gefühl. Unter uns ziehen in den Wolkenlöchern steile, mit Urwald dicht bewachsene Täler und Flussläufe mit zahlreichen Wasserfällen vorbei.

Stolz wie die Könige: Wir sind die ersten deutschen Privatpiloten, die es hierher geschafft haben

Alles sieht gleich aus, keine Straßen, keine Siedlungen, keine eindeutigen Orientierungspunkte, nur Steilhänge, Wald und Wasser, und um uns herum Gipfel, die wir mit unserer Cessna nicht überfliegen können. Doch plötzlich reißt die Wolkendecke auf, wir erkennen Anpflanzungen. Vor uns öffnet sich der breite Talkessel von Mount Hagen. Schnell werden wir nach der Landung umringt von zahnlückigen, fröhlich lachenden Mündern, alle vom Kauen der anregend wirkenden Bethelnuss rot gefärbt. Die Luft auf dem Markt von Mount Hagen ist schwer und duftet süß-säuerlich. Jeder Verkäufer ist spezialisiert und hat seine Ware – seien es nun Karotten, Kartoffeln oder Knoblauch – fein säuberlich in kleinen Portionshäufchen vor sich aufgeschichtet.

Hier steht der Tourismus noch am Anfang, wir fühlen uns nicht als Störenfried, sondern sind selbst eine Attraktion. Wie betrunken torkelt unser Kleinbus eine schmale Schlammpiste 500 Höhenmeter bergauf. Der Weg ist gesäumt von Holzhütten auf Stelzen, inmitten von kleinen Gärten, in denen vor allem Maniok, Bananen und Kohl angebaut werden. Schwarze Hausschweine laufen überall frei herum. In 2100 Meter Höhe, mit einem herrlichen Blick ins Tal von Mount Hagen und auf die umliegenden Berge, liegt die luxuriöse Rondon Ridge Lodge. Leider überpünktlich setzen die nachmittäglichen Tropengewitter ein. In dem Bewusstsein, dass wir die ersten deutschen Privatpiloten sind, die es hierher geschafft haben, fühlen wir uns stolz wie die Könige und machen uns über die Hausbar her.

Es lockert auf – wir starten mit der Cessna 172

Am nächsten Tag blicken wir von unserer Terrasse auf eine geschlossene Wolkendecke, darunter liegt der Flugplatz. Die Gipfel über uns sind in durchbrochene Wolken gehüllt. So kommen wir hier nicht raus. Aber Bob hängt schon am Telefon und holt bei seinen Angestellten die aktuellen Sichtweiten ein. „Es lockert auf. Wir fahren los.“ Tatsächlich – als wir den Flugplatz erreichen, zeigen sich erste Lücken.

Alle „helfen“ mit: Das ganze Dorf versammelt sich um die Fliegergruppe. Tanken aus Fässern ist in Papua ganz normal. Am Karawari Airstrip regnet es dazu auch noch in Strömen (Foto: Karl Heinz Emmerich)

Es ist noch früh, aber die Dichtehöhe liegt schon bei fast 9000 Fuß. Nach dem Start auf der „12“ geht es im mühsamen Steigflug Richtung Bismarck Range auf immerhin 11 000 Fuß. Hinter dem Höhenzug sinken wir gleich wieder: Unser Ziel Madang liegt direkt am Meer. Die Stadt hieß früher Friedrich-Wilhelmshafen; sie gilt als eine der schönsten im Südpazifik und ist mit Sicherheit die schönste von Papua-Neuguinea.

Nach dem Start auf der „12“ geht es im mühsamen Steigflug auf 11 000 Fuß

Etwas weiter entlang der Küste erleben wir in der Malolo Plantation Lodge die Inszenierung aller gängigen Südseeklischees. Wir werden empfangen mit Blumenkränzen und frischer Kokosnuss. Im Nachbardorf Baldilgig bläst der Dorfälteste das Muschelhorn, dann spielen farbenfroh bemalte, nur mit Blättern und Federn bekleidete Tänzer und Trommler zum „Sing Sing“ auf. Das alles vor einem mit Palmen gesäumten Strand aus feinem, schwarzem Vulkansand. Zwei Tage machen wir Badeurlaub am Korallenriff.

Beim Briefing für den Weiterflug zum Karawari Airstrip erklärt Bob, gelandet werde dort immer auf der Piste 30. „Der Wind ist egal. Hier in Papua gehen die Winde rauf und runter, horizontale Windbewegungen könnt ihr vernachlässigen.“ Dann sagt er noch: „Ach ja, im Anflug ist ein Hügel mit Bäumen. Die Bahn hat 760 Meter, es geht leicht bergab, das Ende führt in den Fluss. Das erste Drittel ist Schlamm und nicht benutzbar, erst dann kommt Gras.“ Buschfliegen ist angesagt. Es gibt keine Karte, die Koordinaten im GPS müssen reichen. Wir fliegen an der Küste entlang, vorbei an den Kegeln dreier aktiver Vulkane, die sich direkt aus dem Meer erheben. Aus der knapp 6000 Fuß hohen Manam-Insel steigt schwefliger Rauch, glühende Lava brodelt im Krater. Die Mündung des Sepik ist unser Ziel. Dieser größte Strom von Papua mäandriert auf über zehn Kilometer Breite, die Überschwemmungsgebiete zu beiden Seiten reichen bis 70 Kilometer ins Land.

Wir sehen uns den Karawari Airstrip erstmal im Tiefflug an

Die Ufer sind erstaunlich dicht besiedelt, immer wieder sehen wir Rodungen im Regenwald und Hütten auf Stelzen, zum Teil mitten im Wasser. Dazwischen fahren Einbäume, die Einheimischen kennen ihren Weg. Wir sehen uns den Karawari Airstrip erstmal im Tiefflug an. Wie von Bob angekündigt, schüttelt es unseren „Schuhkarton“ kräftig durch. Am Abstellplatz werden wir von der begeisterten Dorfjugend empfangen. Alle drängen sich in den Schatten der Tragflächen. Es ist schwül und heiß, der Schweiß läuft in Strömen.

Gruppenreise: C172, C172RG und Piper Saratoga fliegen nach Papua. Die Cessna 210 bleibt aus Versicherungsgründen in Australien (Foto: Michael Reeb)

Der Karawari fließt träge dahin. In der drei Meter hohen Uferböschung sind glitschige Stufen in den Lehm gehauen. Ein Motorboot fährt uns in einer Viertelstunde zum Anleger der Karawari Lodge. Dort wartet ein alter Jeep, bei dessen Anblick jeder deutsche TÜV-Prüfer einen Nervenzusammenbruch erleiden würde. Schweißgebadet werden 13 Leute auf die Ladefläche gepfercht und ordentlich durchgerüttelt. Der Blick von der Lodge über die Weiten des Sepik-Tals mit dichtem Regenwald und den Bergen im Hintergrund entschädigt für alles. Mit einem isotonischen, eiskalten South Pacific Bier gleichen wir den Flüssigkeits- und Mineralverlust wieder aus.

Buschfliegen: Es gibt keine Karte, bloß Koordinaten im GPS

Im Dorf auf der gegenüberliegenden Flussseite bereitet ein Teil der Bewohner Sago zu, eines der Grundnahrungsmittel am Sepik. Dazu wird in einem komplizierten und zeitaufwändigen Verfahren aus dem Stamm einer Sagopalme eine Masse bereitet, die vom Fladenbrot bis zum Pudding vielfache Verwendung findet. Der Rest des Dorfes sitzt träge im Schatten.

Hier lebt man im Rhythmus der Tropen. Es sieht so aus, als sei dies eine intakte Gesellschaft, die wie seit Urzeiten im Einklang mit der Natur lebt. Wieviel ist davon für uns inszeniert und was ist echt? Etwas abseits schaut ein Junge missmutig aus seiner Totenkopfbemalung. Er sitzt auf einem Baumstamm neben dem Basketballfeld, dessen Körbe aus rohem Holz gezimmert sind. Sein Gesicht sagt mehr als tausend Worte: „Hoffentlich sind die Touris bald weg und wir können endlich wieder Basketball spielen.“

Zeitdruck über dem Regenwald: vor dem nächsten Gewitter wieder landen

Um sieben Uhr am nächsten Morgen zieht Regen auf, es blitzt und donnert. Der Dschungel ist erstaunlich ruhig. Die Zeit drängt, denn es kann nur schlimmer werden. Trotz der widrigen Bedingungen belagern wieder zig Leute den Airstrip und „helfen“ beim Tanken aus den von Bob bereitgestellten Fässern.

Pioniere im Dschungeldorf: die erste Gruppe deutscher Privatpiloten, die Papua-Neuguinea mit Charter-Flugzeugen von Australien aus besucht (Foto: Gerhard Hehl)

Die Wolken werden dichter, der Regen nimmt zu. In Tari, unserem Ziel in den Southern Highlands, sind die Bedingungen noch okay. Aber auch hier wird es mittags zuziehen. Fliegen in Papua bedeutet, fast auf die Minute pünktlich zu sein. Sofort abheben, sobald sich der morgendliche Nebel gelichtet hat, und vor Mittag landen, weil dann die Gewitter einsetzen.

Fliegen in Papua bedeutet, fast auf die Minute pünktlich zu sein

Unsere heutige Strecke ist mit nur 82 Nautischen Meilen Luftlinie die kürzeste. Allerdings erfordern auch hier die Berge große Umwege. Wieder haben wir unsere GPS-Empfänger mit Wegpunkten gepflastert. Der in Ermangelung käuflicher Karten selbst gemalte Routenplan im Notizbuch sieht wie eine Schatzkarte aus. Die Umgebung der Ambua Lodge kann man auf schmalen, steilen und glitschigen Dschungelpfaden erkunden. Der immer stärker werdende Regen und der modrige Treibhausgeruch sorgen für echtes Regenwaldgefühl. Nur die Tierwelt macht sich rar: kein Baumkänguru, kein Paradiesvogel, kein Kasuar.

Immerhin sehen wir eine 30 Zentimeter große Herkules-Motte, die größte der Welt. Den Rest des Tages widmen wir der Kultur der hier lebenden Huli. Bekannt sind die Männer für ihre prächtige Haartracht, wegen der sie auch Perückenmänner genannt werden. Damit die kostbare Frisur, die 15 Jahre braucht, um sich voll zu entwickeln, nicht zerstört wird, schlafen die Männer mit dem Nacken auf einem Holzstamm, der Hinterkopf schwebt frei in der Luft. Herausgeputzt und grellbunt bemalt, wobei im Gesicht Gelb dominiert, die aufwändigen Frisuren mit Federn besteckt, mit Kina-Muscheln und Eberhauern behängt – so tanzen die Huli zu monotonen Trommelschlägen.

Rückflug: Mit unseren Kleinflugzeugen wieder zurück nach Alice Springs, Australien

Der nächste Tag soll unser letzter in Papua-Neuguinea sein. Wir haben gut 300 Nautische Meilen zurück nach Horn Island in Australien vor uns, unterbrochen von einem Tank- und einem Zollstopp. Als sich die ersten Wolkenlöcher zeigen, starten wir. Unser Weg führt über eine der wohl abgelegensten und unbekanntesten Regionen der Erde. Erst Anfang September hatte eine englische Expedition hier über 40 neue Tierarten entdeckt, darunter die mit 82 Zentimeter Länge größte Ratte der Welt. Bei diesen Gedanken inspizieren wir erneut die Instrumente und horchen auf das Brummen des Motors. Rund 30 Meilen vor dem Tankstopp stürzen wir uns durch ein größeres Wolkenloch nach unten auf 1200 Fuß. Rundherum ist alles grün. Es ist nicht zu glauben, wie viele verschiedene Grüntöne von hell bis dunkel es gibt.

Tropenparadies: In der schmalen Torres-Straße zwischen Australien und Papua- Neuguinea passieren die Flugzeuge winzige Inseln im türkisblauen Meer (Foto: Michael Reeb)

Die 1000 Meter lange Graspiste von Kawito ist auch nur ein schmaler, hellgrüner Streifen im dunklen Grün des Regenwalds, das nahtlos ins Hellgrün des Flussufers und das Graugrün des Flusses übergeht. In 1000 Fuß fliegen wir schließlich auf das türkisblaue Meer hinaus, über eine Kette rosaroter Korallenriffe und palmenbewachsene Atolle. Auf Horn Island geht es direkt zur „14“ – und wir sind aus Asien wieder zurück in Australien. Die restlichen 1200 Nautischen Meilen nach Alice Springs sind fast schon Routine.

Text: Karl-Heinz Emmerich, Ingrid Hopman, Fotos: Karl-Heinz Emmerich, Gerhard Hehl, Ingrid Hopman, Michael Reeb, fliegermagazin 5/2010

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