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Heimat von oben: Hochalpen – Alpenflug im Kleinflugzeug

Dünne Luft, Eis und Schnee, Felsen und Geröll – die Hochalpen 
sind eine Extremregion: lebensfeindlich, aber auch faszinierend. 
Und aus dem Flugzeug schaurig-schön

Von Peter Wolter
Foto: Andreas Haller

Höhe? Von wegen! Alpenfliegen ist bodennahes Fliegen. Nicht immer, aber immer wieder. Im einen Moment 9000 Fuß Luft unterm Flügel, im nächsten nur noch 90 und Wanderer, die dir zuwinken, während sie am Gipfelkreuz Brotzeit machen – so schnell, wie sich im Gebirge der Bodenabstand ändert, kann man im Flachland nie Höhe gewinnen oder vernichten. Es genügt ein Horizontalflug: Die Erde kommt dir entgegen und taucht wieder ab. Du fliegst, aber sie scheint es zu sein, die sich bewegt.

Foto: Andreas Haller
Sanetschsee bei Gsteig, Berner Alpen (Foto: Andreas Haller)

Die Geschichte mit den Kontinentalplatten, die hier die Erdoberfläche aufgeworfen und im Zusammenwirken mit Gletschern geformt haben – sie wird wohl stimmen, aber wer sieht das den Alpen schon an? Was man sieht, ist Rebellion. Landschaften wie von einem Monsterverstärker durchgeschüttelt, Aufbruch in die Vertikale, die einzige Fluchtrichtung, die aus der einförmigen Ebene herausführt. Dreidimensionalität und Reliefenergie lassen Gebirgslandschaften lebendig erscheinen. Jeder Berg hat ein Gesicht – so viele Persönlichkeiten dicht beieinander: Was für eine Dramatik!

Klingt kurios: Alpenfliegen ist bodennahes Fliegen

Während Wind und Wolken im Flachland über die Landschaft hinwegbügeln, korrespondieren sie im Gebirge mit der Erdoberfläche: hier Kondensation über einem sonnenbeschienenen Hang, dort ein „blaues Loch“ im Lee eines Höhenzugs; Talwind aus Norden, weil eine thermisch aktive Region weiter südlich saugt, gleichzeitig Höhenwind aus Süden, den die großräumige Druckverteilung verursacht; Regen bei Staulage auf der einen Seite des Alpenhauptkamms, blauer Himmel in einer Föhnlücke auf der anderen Seite, dicht beieinander, aber durch die Wetterscheide getrennt.

Im Gebirge bildet der Himmel die Erde ab. Man kann ihn verstehen, wenn man die Erde versteht, viel leichter als im Flachland. Im engen Zusammenspiel von Oben und Unten gehen in den Alpen Gewissheiten verloren, und es tun sich neue Perspektiven auf: Abwind kann ein Motorflugzeug trotz Vollgas sinken lassen, während „Hammerbärte“ die Maschine im Leerlauf nach oben tragen.

Herausforderung: Im Flugzeug zwischen Thermik, Abwind und Rückenwind

Ein paar Fuß mehr, und man sieht neue Gipfel, ein paar weniger, und ganze Täler verschwinden. Gerade noch Rückenwind und viel zu viel Höhe für den Landeanflug, Augenblicke später Gegenwind und „Saufen“, sodass plötzlich Hindernisse vor dem Flugplatz emporwachsen. Selbst auf die natürliche Ordnung scheint kein Verlass: Beim Start im Wallis, Engadin oder Pinzgau ist im Sommer unten alles grün. Doch kaum hat man die hochalpinen Regionen erreicht, ist es Winter.

Foto: Andreas Haller
Am Sanetschpass zwischen Les Diablerets und Wildhorn in den Berner Alpen (Foto: Andreas Haller)

Fels, Eis, Schnee, dünne Luft – eine lebensfeindliche Gegend. Aber keine ferne, die einen weiten Anflug erfordert; man muss nur die Horizontale verlassen. Vertikal betrachtet, liegt in den Alpen das Ferne ganz nah. Verwirrend auch, wenn du dicht am Steilhang fliegend die Erde schräg über und womöglich Wolken unter dir hast. Wo bin ich? Was mach ich hier? Nicht dass die Bergwelt Antworten gäbe, aber Fragen können ja auch schon was bringen.

Fotos: Andreas Haller, fliegermagazin 2/2010

Über den Autor
Peter Wolter

Peter Wolter kam vom Drachenfliegen zur motorisierten Luftfahrt und von der Soziologie zum Journalismus. Er steuert ULs sowie E-Klasse-Maschinen und hat sein eigenes UL (eine Tulak) gebaut.

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