Reisen

Im Heißluftballon über den Yukon
: Die Kälte des kanadischen Winters

Freiwillig in die Eiseskälte des kanadischen Winters – 
da muss schon ein ganz besonderes Abenteuer locken. 
Fotograf Oliver Franke serviert es uns als Augenschmaus

Von Redaktion
Foto: Oliver Franke

Will uns die Natur zeigen, dass der Yukon auch in der Luft nicht einfach zu bezwingen ist? Bei minus 27 Grad müssen wir uns eingestehen, dass der Aufstieg unter solchen Bedingungen für Mensch und Material zur Grenzerfahrung wird. Das Display meiner Kamera ist vom Atem sofort weiß gefroren, wenn ich zum Auslösen ansetze. Die Technik trotzt den Temperaturen allerdings noch, meine Kleidung ebenso – ich weiß nicht, worüber ich glücklicher bin. 


Eine Fahrt mit dem Heißluftballon – da denken wir meist an laue Sommerabende, an Landschaften mit Kornfeldern oder an belebte Regionen, wo man Menschen von oben bei allem Möglichen zusieht. Doch Ballonfahren kann auch ganz anders sein. Extremer: 30 Grad minus, Schneefelder und eine Natur, in welcher der Mensch eher ein Fremdkörper ist. Hier im Nordwesten Kanadas mit einem Team erfahrener Ballonpiloten unterwegs zu sein, unterscheidet diese Variante des Sports so sehr von seiner mitteleuropäischen Spielart wie die Fahrt mit einem Range Rover durch die afrikanische Wildnis von jener zum Bäcker um die Ecke. Zwei Wochen haben wir für das Abenteuer Yukon. Die fünf Ballone unserer 23-köpfigen Gruppe sind extra aus Lübeck nach Kanada verfrachtet worden. Die norddeutschen Piloten nehmen regelmäßig an der „Balloon Sail“ teil, ein Event, das jedes Jahr im Rahmen der Kieler Woche findet.

Foto: Oliver Franke
Logenplatz: Gibt es einen privilegierteren Blick auf die unberührte Natur im Nordwesten Kanadas? (Foto: Oliver Franke)

Ausgangspunkt unserer Ballonfahrten überm Yukon ist Whitehorse, etwa 250 Kilometer östlich der Pazifikküste im Landesinneren gelegen. Von hier wollen wir mehrmals aufsteigen. Die heutige Provinzhauptstadt kam erst richtig in Schwung, als während des Zweiten Weltkriegs der Alaska Highway gebaut wurde. Die Fernstraße, die von der kanadischen Provinz British Columbia bis hinauf nach Delta Junction in Alaska führt, ist auch heute noch die Hauptlebensader der Stadt – sieht man mal vom internationalen Flugplatz ab.

Ballonfahrt bei minus 27 Grad

Bereits das Wort Yukon klingt, als ob es aus großer Ferne in unseren Alltag dringt. Da schwingt viel mit, vor allem Abenteuerliches – obwohl der indianische Name nichts anderes bedeutet als Großer Fluss. Seit zehn Jahren heißt auch die nordwestlichste Provinz Kanadas so, früher Yukon Territory genannt. Wagten sich einst Menschen, die auf Reichtum durch das Gold im Yukon River hofften, in das unwegsame Gebiet entlang des Flusses, so sind es heute vor allem mutige Welterkunder oder Extremsportler verschiedener Couleur, die hierher reisen. Nicht nur zu Zeiten des Goldrauschs war ein Vorankommen in diesem Teil der Erde schwierig, bis heute ist die Infrastruktur dünn. Die Fortbewegung im Ballon, über Wälder, Berge und Seen hinweg, erscheint da vergleichsweise einfach.

Doch der Eindruck täuscht. Bereits am Boden ist im kanadischen Winter vieles beschwerlich, was sonst zur Routine gehört. So kommt uns das Befüllen der Propangasflaschen an einer Tankstelle in der Kälte gefühlt wie eine Ewigkeit vor. Und dann hat auch noch der einzige nahegelegene Supermarkt wegen Stromausfalls geschlossen – dort wollten wir unseren Vorrat an Testluftballons auffrischen, die wir aufsteigen lassen, um die Windrichtung in der Höhe zu ermitteln. Ich schlage vor, stattdessen ein Kondom mit Gas zu füllen – wir einigen uns schließlich auf einen Erste-Hilfe-Handschuh. 


»Wir werden mit Grenzen konfrontiert: physischen, physikalischen und psychischen«

Oliver Franke

Am Start und in der Luft müssen wir dann darauf achten, dass die Temperatur des Gases nicht zu weit absinkt – wird sein Druck in den Flaschen zu gering, kommt nichts mehr am Brenner an. Es sind Grenzen in jeder Hinsicht, mit denen wir konfrontiert werden: physische, physikalische und auch psychische, wenn die Herausforderungen mit Unwägbarkeiten verbunden sind, die niemanden kalt lassen. 
Doch jedes Mal, wenn wir vom Boden abheben, werden wir für die Kältetortur belohnt. Unter uns entfalten sich Landschaften mit endlosen Schneeflächen, Gebirgsketten und Seen; wolkenbehangene Bergpanoramen bestechen durch ihre Mächtigkeit, sonnige Flecken schmücken die Gipfel, die an Sahnehäubchen erinnern. In besiedelten Gebieten sehen wir unter uns Lastwagen, die Schneefahnen hinter sich herziehen, Eispartikel erstrahlen darin zu Regenbögen. 


Schwierige Landung im Schnee

Schwierig gestalten sich vor allem die Landungen, denn zum einen ist auf Schnee oder Eis die Reise nicht automatisch zu Ende, wenn der Korb die Erde berührt, zum anderen ist noch nichts in trockenen Tüchern, nachdem die Fuhre zum Stillstand gekommen ist: Wie soll man das ganze Equipment in der verschneiten Landschaft vom Landeplatz zu einer Stelle bringen, die mit dem Auto erreichbar ist? Vorsorglich haben wir uns auf einem Schrottplatz außerhalb von Whitehorse für 30 Dollar drei Motorhauben von Autos gekauft (mit dem Versprechen, sie nach Gebrauch wieder zurückzubringen). Darauf stellen wir die Ballonkörbe und benutzen die Untersätze als Schlitten. Von Hand wäre es aber zu mühsam, sie über größere Distanzen zu schleppen. Deshalb spannen wir Helfer mit Schneemobilen ein. Dennoch dauern die Schlittenfahrten oft mehrere Stunden.

Foto: Oliver Franke
Gemeinschaftsstart: über Whitehorse, 
dem Ausgangspunkt der Fahrten

Komfortabler ist es, wenn wir in der Nähe einer Straße runtergehen. Dann müssen die Piloten ihre Ballone allerdings an Hochspannungsleitungen vorbeizirkeln; eine Berührung wäre lebensgefährlich. Nach der Landung kann ich es meistens nicht lassen zu fotografieren. Während sich die Mitreisenden mit heißen Getränken aufwärmen und Geschichten erzählen, ziehe ich es vor, im letzten Licht des Tages noch mehr Eindrücke mit der Kamera festzuhalten. Die Freundlichkeit der Menschen, die nach einer Ballonfahrt überm Yukon herbeiströmen, ist bemerkenswert. Wagen halten an, und die Insassen fragen, ob sie bei der Bergung helfen können. Diese Aufmerksamkeit begleitet uns während der ganzen Reise. Zum Beispiel in Ortschaften: Man steht an einer Straße, Autos stoppen, und mit einer freundlichen Geste signalisieren die Fahrer, dass man ruhig die Straßenseite wechseln könne. Ob es an der wilden, lebensfeindlichen Natur liegt, dass die Menschen hier umso mehr auf einander achten?

Text und Fotos: Oliver Franke, fliegermagazin 2/2013

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