Reisen

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Mit einer Cessna 172S durch Australien
: Auszeit im Outback

Eine etwas andere Geburtstagsreise: Ein Deutscher, seine australische Frau und 
ihr Sohn fliegen von der Ostküste ins Innere des fünften Kontinents. Ihre Stationen: 
Pferderennen, der größte See Australiens und eine kleine Viehfarm in der Wüste

Von Redaktion
Foto: Jo-Anne Brannelly

Von manchen Sachen träumt man fast ein Leben lang. Ich wollte schon immer ein Flugzeug ins Innere Australiens steuern: Zum fünfzigsten Geburtstag wird der Wunsch war. Die Route ergibt sich aus der Verfügbarkeit von Avgas. Unsere fest anvisierten Ziele sind die Pferderennen in Birdsville, William Creek am Lake Eyre und die Farm Bonus Downs. Dazu kommen als Tankstopps Charleville, Windorah, Innamincka, Quilpie und Roma. In Innamincka müssen wir das Avgas vorbestellen, mit drei Australischen Dollar (etwa 2,25 Euro) pro Liter der teuerste Sprit der Reise.

Klar, dass ich meine Frau Jo-Anne Brannelly und den zweieinhalbjährigen Sohn Janis auf so eine Reise mitnehmen will. Wir starten in Archerfield Airport, Brisbanes Flugplatz südlich vom Stadtzentrum, mit einer gecharterten Cessna 172S der Brisbane Flying Group. Erste Hürde: die Maschine beladen und in den Weight-and-Balance-Grenzen bleiben. Ich habe eine Tabelle mit den bekannten Gewichten angelegt, Jo-Anne und Janis kommen zusammen auf 65 Kilo. Als wir vor Ort das Gepäck nachwiegen, sind wir allerdings 25 Kilo zu schwer. Also auswählen, worauf wir verzichten können: Campingtisch, einige Spielsachen von Janis, die Hälfte des Wasservorrats und ein paar andere Sachen bleiben im geparkten Auto. Zelt, Luftmatratze und Schlafsäcke brauchen wir aber unbedingt. Jo-Anne und der Kleine sitzen hinten.

Foto: Dirk Leßner
Nachtlager: In der Textilbehausung haben alle Familienmitglieder Platz (Foto: Dirk Leßner)

Um die Schwerpunktlage im Rahmen zu halten, wird ein Großteil des Gepäcks vorn auf dem rechten Sitz und im Fußraum davor verstaut. Mit dreieinhalb Stunden Verspätung heben wir ab. Eigentlich wollen wir in Roma tanken. 30 Minuten zuvor kalkuliere ich, ob die restliche Spritmenge direkt bis Charleville reicht: Wir haben 15 Knoten Rückenwind, es wird keine Probleme geben. Neben dem GPS habe ich sowohl ein iPhone als auch ein iPad an Bord; so stehen gleich mehrere mobile Karten zur Verfügung. Gut, denn immer mal wieder fällt das eingebaute Navi aus.

Mit dem Kleinen hinten sitzend genieße ich den Ausblick auf die Landschaft. Als wir über Südwestqueensland fliegen, ist kaum vorstellbar, dass der Staat 2010 eine Flut erlebte. Das Gelände unter uns ist ein Fleckenteppich verschiedener Brauntöne und nicht grün, wie ich es erwartet hatte. Aber die Flüsse, die sich unter uns durch die Ebene schlängeln, führen Wasser. Nach und nach werden aus den Asphaltstraßen befestigte Pisten, und die seltenen Lkw hinterlassen eine Staubfahne, sodass man sie gut erkennt. Am Horizont steigt der Rauch von Buschfeuern auf. Das macht die Sicht zwar etwas dunstig, aber die Sonnenuntergänge werden dadurch schöner, der Abendhimmel schwelgt in Rosatönen.

Ein Taxi bringt uns zum Charleville Motel. Am nächsten Morgen, dem 1. September, hab ich Geburtstag. Toll, ihn in 8500 Fuß auf dem Weg nach Birdsville zu feiern. Das Fest mit Verwandten und Freunden wird nachgeholt. Der weite Himmel – es ist einfach großartig. Janis schläft direkt nach dem Abheben ein, sonst wäre ihm bei den Turbulenzen vielleicht schlecht geworden. In Windorah stoppen wir kurz zum Tanken. Erstes Ziel unserer Reise sind die Pferderennen in Birdsville. Am ersten Freitag und Samstag im September kommen rund 6000 Besucher jeden Alters in den 115-Seelen-Flecken, um ein Wochenende lang Party zu machen. Als wir Donnerstags ankommen, sind noch nicht so viele Flugzeuge da, wie wir laut Unterlagen erwartet hatten. Die meisten anderen Piloten haben kleine Kuppelzelte unter dem Flügel aufgeschlagen, wir ein großes Zelt, damit auch Janis Platz hat. Wir haben nur zwei Stühle, doch keinen Tisch dabei – das reicht, um sich im Schatten gemütlich niederzulassen.

Wir fliegen mit einer gecharterten Cessna 172S der Brisbane Flying Group

Während der Rennen werden viele Flugzeuge erwartet. Airservices Australia hat ein 15-seitiges AIP-Supplement mit den Abläufen für An- und Abflüge als Notam herausgegeben. 50 Nautische Meilen vor dem Ziel beginne ich, nach anderen Maschinen Ausschau zu halten. 15 Nautische Meilen vor Birdsville melde ich mich im Funk und reduziere die Geschwindigkeit. Nun gilt es, Landelichter anzuschalten und als Meldepunkt die Rennstrecke von Birdsville in 1500 Fuß anzupeilen. Anders als erwartet, ist nur ein Flugzeug in der Platzrunde. Nach dem Tanken rollen wir hinter dem Follow-me zu unserer Stellfläche und schlagen das Zelt auf.

Das Wochenende bietet für jeden etwas: ein Country-Pub mit Bier, Livemusik, Boxvorführungen und die bekannten Rennen. Janis fühlt sich im siebten Himmel, denn es gibt jede Menge Dreck, in dem er sitzen und spielen kann. Ein paar Stunden verbringen wir sogar in der örtlichen Bibliothek, da sie eine Klimaanlage hat. Mit dem Kleinen können wir nicht wie die anderen im Pub feiern, aber wir sitzen mit Drinks vor unserem Zelt, bewundern den spektakulären Sternenhimmel und hören der Musik zu, die vom Hotel herübertönt – was will man mehr.

Foto: Jo-Anne Brannelly
Tschüss Farmleben: Aus der Vogelperspektive ist die Landebahn von Bonus Downs eine dunkelrote Erdpiste (Foto: Jo-Anne Brannelly)

Wieder in der Luft. Der Flug über den Lake Eyre ist wie die Sahnehaube auf dem Ausflugskuchen. Ich kannte schon viele Fotos und Berichte über den See – aus der Vogelperspektive übertrifft die Realität meine Erwartungen. Auch unsere Fotos können nur einen vagen Eindruck vermitteln, wie atemberaubend die Sicht war. Wir kommen von Norden zum See und sinken auf 2500 Fuß, während wir dem Ostufer folgen, bevor wir nach Westen abdrehen – auf den Weg nach William Creek. 


Lake Eyre in Zentralaustralien war in den vergangenen 150 Jahren gerade drei Mal gefüllt. Meist gibt es nur vereinzelte Pfützen zu sehen. Doch seit den letzten Regenzeiten bedeckt das Wasser etwa 80 Prozent der Fläche – wir haben unglaubliches Glück, ihn so voll zu sehen. Das Wasser glitzert in der Sonne, und das weiße Salz am Ufer reflektiert das Licht. Dirk sinkt auf 500 Fuß. An diese herrliche Aussicht werde ich mich noch lange erinnern. William Creek gilt als die kleinste Ansiedlung Australiens – mit gerade mal zwei dauernd ansässigen Einwohnern. Als Pilot muss man unbedingt die allgemeine Frequenz des Lake-Eyre-Gebiets abhören: 12 bis 15 Flugzeuge und Helikopter sind in der beeindruckenden Gegend unterwegs, wie ich den Positionsmeldungen entnehmen kann. Obwohl es so viel Verkehr gibt, sehe ich nur drei andere Maschinen.

Die Landebahn von Bonus Downs ist eine dunkelrote Erdpiste

Die Reise vermittelt ein Gefühl dafür, wie es gewesen sein muss, als die ersten Pioniere landeinwärts zogen, kilometerweit durch Sand und noch mehr Sand. Es gibt nur wenige Orte, die weit auseinander liegen. Schön für uns fliegende Entdecker: Abends wartet immer eine „Oase“ mit kaltem Bier auf uns. Die Kneipen, die sich Hotel nennen, liegen im Zentrum der Siedlungen und bieten nur Getränke an. Im Motel bekommt man eine heiße Mahlzeit und ein Bett zum Übernachten. Das kleine William Creek besteht überhaupt nur aus dem Pub, die Wände geschmückt mit Karten und Fotos der Durchreisenden. Auch Innamincka ist ein isolierter Außenposten nahe Lake Eyre. Doch der Ort hat ein modernes Motel, und wir verbringen hier eine sehr bequeme Nacht. Gott sei Dank kriegen wir auch ohne Reservierung ein Zimmer; wir sind schließlich nicht die Einzigen, die, von den Pferderennen kommend, hier Station machen.

Das Outback ist berühmt für seine Gastfreundschaft. Aber zunächst kriegen wir davon nicht wirklich etwas mit. Vielleicht, weil Birdsville und William Creek durch die ungewöhnlich vielen Gäste einfach überlaufen sind. Je weiter wir uns von dem Trubel entfernen, desto freundlicher werden wir aufgenommen, in Charleville, Quilpie und ganz besonders in Bonus Downs.

Foto: Dirk Leßner
Fly-in zum Rennen: Im Campingbereich von Birdsville übernachten die Piloten in Zelten (Foto: Dirk Leßner)

Bonus Downs ist eine private Viehfarm, 46 Kilometer vom Städtchen Mitchell entfernt. Sie wird von Lyle und Madonna Connelly geführt, die in ihren Gästehäusern die berühmte australische Gastfreundschaft bieten. Wir waren schon einmal mit dem Flugzeug dort – der Anflug fühlt sich fast wie Heimkommen an. Wie immer habe ich Janis ein Medikament gegen Reisekrankheit mit dem Frühstücksjoghurt verabreicht. Gleich nach dem Start schläft er ein. Doch als wir zum Tanken in Quilpie landen, muss ich ihn wecken, und er hat Hunger. Er isst einen Apfel und zwei Kekse – und ich hoffe sehr, dass das gut geht. Doch in 7500 Fuß ist es sehr turbulent, und dem Kleinen wird übel. Ich habe es ja geahnt – und kann das Meiste der Bescherung auffangen. Er schläft wieder ein, ich genieße die letzte halbe Flugstunde bis zur Farm. Das Highlight ist der tiefe Überflug der Piste, um Känguruhs und Emus zu vertreiben, bevor wir landen.

12 bis 15 Flugzeuge und Helikopter sind in der beeindruckenden Gegend unterwegs

Bonus Downs hat eine private Piste. Wer sich vorher telefonisch ankündigt, kann gerade mal drei Flugstunden von Brisbane entfernt die Ursprünglichkeit des Kontinents und das Landleben entdecken. Janis erlebt vier Tage Natur pur: Hundewelpen, Traktoren, wilde Jungziegen, die eingefangen werden, und jede Menge Rinder und Känguruhs. Statt zu campen, ziehen wir in ein komfortables Gästehaus. Eine gute Entscheidung, denn das Frühlingswetter schlägt überraschend um, es wird kalt, Wind und Regen verhindern den Abflug. Aus der Zehn- wird eine Zwölftagesreise. Madonnas leckeres selbstgemachtes Essen versüßt uns aber den längeren Aufenthalt.

Starker Wind und die aufgeweichte Bahn nach einer durchregneten Nacht zwingen uns, am Boden zu bleiben. Aber die Whisky-Papa-India ist bereits gebucht: Ich schicke eine E-Mail, dass die Maschine samstags nicht in Archerfield sein wird. Am nächsten Tag starten wir früh, aber nach 30 Minuten, beim Tankstopp in Roma, müssen wir unten bleiben: Es ist zu stürmisch. Wieder vertröste ich den Vercharterer. Gut, dass die nachfolgenden Piloten verständnisvoll reagieren. Als wir sonntags abheben, ist der Flug in 7500 Fuß zunächst ruhig. Doch von Kilcoy über Dayboro Richtung Heimat wird es turbulent. Endlich sehen wir die Platzrunde!

Foto: Jo-Anne Brannelly
Down Under: 500 Fuß unter der Cessna liegt der tiefste Punkt Australiens (Foto: Jo-Anne Brannelly)

Unten brauchen wir drei Stunden, um die Maschine zu waschen. Der Flug war eine tolle Erfahrung, aber ich werde einiges optimieren. Ich muss unbedingt effizienter packen. Janis wollte auch im Flieger kalte Milch, aber wie, wenn man nichts zum Kühlen hat? Wenn er älter ist, wird das Reisen gewiss einfacher. Und das nächste Mal nehme ich Karten und ein Fernglas mit, um auch hinten zu wissen, wo es lang geht – wir planen schon den nächsten Ausflug.

Planungstipps

Lizenz-Validierung: Die Civil Aviation Safety Authority (CASA) ist in Australien für die Allgemeine Luftfahrt zuständig. Von ihr können sich ausländische Piloten mit einem PPL eine temporäre australische Lizenz ausstellen lassen. Dieses „Certificate of Validation“ ist drei Monate gültig. Um es zu erhalten, müssen zwei Formulare ausgefüllt werden, Nummer 213 und 1162 (Download unter http://www.casa.gov.au/wcmswr/_assets/main/manuals/regulate/fcl/form213.pdf; http://www.casa.gov.au/wcmswr/_assets/main/manuals/regulate/fcl/form1162.pdf).


Benötigt werden auch beglaubigte Kopien von deutscher Lizenz, Medical und der Seite des Flugbuchs, die die Flugstunden auf dem gewünschten Flugzeugmuster nachweist. Die Originaldokumente müssen in jedem Fall mitgebracht werden und beim Fliegen am Bord sein. Ist die Validierung genehmigt, wird an einer Flugschule noch ein etwa zweistündiger Überprüfungsflug mit Lehrer durchgeführt.
Notwendig ist eine Bescheinigung über einen erfolgreichen English Language Proficiency Test (ELP) von mindestens Level 4 nach ICAO-Standard. Die CASA akzeptiert nur anerkannte Sprachtestzentren (Liste auf der Website). Der Test wird vor Ort absolviert, was eine genaue zeitliche Planung erfordert. preise Für eine Cessna 172 sollte man als Nichtmitglied eines örtlichen Aeroclubs etwa 285 Australische Dollar (213 Euro) fürs Nasschartern einkalkulieren. Dazu kommt ein Aufschlag für Kraftstoff, je nach täglichem Avgas-Preis. Der liegt zwischen rund zwei und drei Dollar (1,50 bis 2,25 Euro).

Foto: Jo-Anne Brannelly
Rückzugsort: Weite und Ursprünglichkeit – in Bonus Downs vergessen Städter den Alltagsstress (Foto: Jo-Anne Brannelly)

Kartenmaterial: Es gibt die World Areonautical Charts, die im Maßstab 1:1 000 000 ganz Australien abdecken; für die Ballungsgebiete Visual Navigation Charts im Maßstab 1:500 000 und Visual Terminal Charts im Maßstab 1:250 000. Es müssen Papierkarten mitgenommen werden! Die Flugplanung macht man am besten mit einer geeigneten Software auf einem Notebook. Die sollte mit dem Briefing-System von Airservices Australia (NAIPS) Daten austauschen können, um den Flugplan einfacher aufzugeben, aktuelle Wetterinfos und Notams zu erhalten. Im australischen Outback gibt es viele NDBs, aber wenige VORs: Man sollte ein ADF haben!

Text und Fotos: Dirk Leßner, Jo-Anne Brannelly, fliegermagazin, 12/2011

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