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Ultraleichtes Ärzte-Taxi in Kenia

Ndege Ndogo – auf Suaheli heißt das „kleiner Vogel“, und der Name ist Programm. 
Ein UL des Typs Savannah bringt in Kenia die Ärzte zu ihren Patienten

Von Redaktion
Foto: Apende

Kenia, nordöstlich von Nairobi: Die ehrenamtlichen Helfer der nicht-konfessionellen Organisation „Apende“, die hier in Meru ihr medizinisches Hilfsprojekt gestartet haben, kommen aus Italien. Mit ihrem Ultraleichtflugzeug können sie zwar keine Krankentransporte durchführen – da müssen dann andere Helfer mit größeren Maschinen ran –, aber sie bringen einen Arzt rasch zu Siedlungen, die fernab der befahrbaren Straßen liegen und nur mühsam oder gar nicht mit Fahrzeugen erreichbar sind. Die dort lebenden Menschen erhalten auf diesem Weg eine bessere medizinische Versorgung.

Die ist in Zentralafrika nach wie vor sehr dürftig, und die Kindersterblichkeit hoch. Kranke und Verletzte müssen oft strapaziöse mehrstündige Fahrten mit dem Auto über unebene Schotterpisten auf sich nehmen oder gar in die nächste Versorgungsstelle laufen. Zwar gibt es in Afrika, ähnlich wie in Australien, seit längerem einen Flying Doctor Service (AMREF), doch die Crews setzen auf Flugzeuge wie Cessna 172 oder King Air. So effektiv diese Maschinen sein mögen: Sie brauchen eine relativ lange und ebene Landebahn und sind – für die örtlichen Verhältnisse – teuer.

Foto: Apende
Landen oder nicht? Die Mitarbeiter der Hilfsorganisation müssen sich selbst um den Zustand der Pisten kümmern (Foto: Apende)

Es war die Überlegung der Helfer von Apende (der Name stammt vom Suaheli-Wort für jemanden, der sich frisch verliebt hat), die Bevölkerung vor Ort mit einem kleinen, leichten Flugzeug zu versorgen, das nahezu überall landen kann und noch dazu günstig im Unterhalt ist. So entstand das Pilotprojekt „Ndege Ndogo“. Der „kleine Vogel“, eine Maschine vom Typ Savannah, bietet zwar nur zwei Personen Platz, braucht aber gerade mal 70 Meter zum Landen und Ausrollen – eine einigermaßen ebene Piste von 250 Metern Länge reicht für einen sicheren Flugbetrieb völlig aus. Zusätzlich kann das UL mit herkömmlichem Superbenzin betankt werden – in Afrika, wo längst nicht jeder Flugplatz Avgas hat, ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Ins UL passen nur zwei Personen, doch der Flugbetrieb ist günstiger

Die Standard-Besatzung besteht aus dem Arzt und einem Piloten. Wenn das Flugzeug morgens um 8.30 Uhr startet, warten bereits in den verschiedenen Stationen, die im Tagesverlauf angeflogen werden, zwischen 30 und 60 Patienten auf ihren Doktor. Dieser hat neben Medikamenten oft auch die Ergebnisse von Blutuntersuchungen im Gepäck, die er bei seinen vorherigen Visiten durchgeführt und im Labor ausgewertet hat. Die Piloten von Apende sind derzeit noch alle Italiener und ehrenamtlich tätig. Wenn sich das Projekt bewährt, sollen auch Einheimische ihre Fluglizenz machen und die Savannah fliegen können.

Das UL erreicht bequem Ortschaften in einem Radius von 60 bis 100 Kilometern Entfernung zur Basis in Meru; die Ärzte haben somit deutlich verbesserte Möglichkeiten, die medizinische Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Neben den Verletzten und Erkrankten, denen dadurch schneller geholfen werden kann, kommt die bessere und regelmäßige Versorgung vor allem Schwangeren und Neugeborenen zugute. Das ist in einem Land, das immer noch eine der höchsten Kindersterblichkeitsraten weltweit hat, von besonderer Bedeutung. An Bord des Flugzeugs ist daher immer ein kompaktes Ultraschallgerät, um die werdenden Mütter zu untersuchen. Sollte der Arzt dabei feststellen, dass etwas mit dem Baby nicht stimmt, überweist er seine Patientin an das nächstgelegene Krankenhaus. Diesen Weg muss die zukünftige Mama dann allerdings anderweitig antreten, und auch schwer Erkrankten bleibt die Mitnahme im UL verwehrt, was den wohl einzigen Nachteil der Savannah ausmacht: das begrenzte Platzangebot.

Foto: Apende
Bitte recht freundlich! Die Helfer von Apende an ihrer Basis in Meru nordöstlich von Nairobi
(Foto: Apende)

Margherita Vaira Vizio, die Präsidentin des Projekts, erklärt: „Normalerweise fliegen unsere Ärzte zu den Versorgungsstellen, um dort die Krankenschwester zu unterstützen, die immer vor Ort ist. Im Regelfall sind zwischen 20 bis 30 Patienten in den kleine Praxen und warten auf Hilfe.“ Wenn es sich herumspricht, dass Apende einen Arzt bringt, dann werden es auch schnell mal doppelt so viele. „Wir bringen die nötigen Medikamente zu den Erkrankten und nehmen Laborproben mit ins Krankenhaus. Natürlich kann man uns auch im Notfall alarmieren, allerdings können wir keinen Patienten mitnehmen. Wir können aber durchaus den Transport mit einem anderen Verkehrsmittel organisieren.“

Wenn sich „Ndege Ndogo“ bewährt, möchte Apende noch in diesem Jahr den Flugbetrieb weiter ausbauen; die Testphase ist Mitte November abgelaufen und wird nun ausgewertet. Zurzeit stehen zwei Maschinen bereit: Die erste mit der Registrierung I-AFYA wurde noch von italienischen Ingenieuren aus einem Kit in Heimarbeit zusammengebaut, das zweite Flugzeug hat die Firma ICP gespendet. Eine weitere Savannah ist gerade per Container auf dem Weg nach Kenia. Ziel ist es, an fünf Tagen in der Woche jeweils für zwei bis vier Stunden durch den Busch zu fliegen. Auf diese Weise könnten vier bis fünf Siedlungen pro Tag versorgt werden. „Wenn alles gut funktioniert, planen wir sogar vier bis sechs Stunden täglich in der Luft zu sein, um acht bis neun Siedlungen zu erreichen“, erläutert Margherita Vaira Vizio.

Die Bürokratie ist schwieriger zu verstehen als das Fliegen im Busch

Auch wenn die Buschfliegerei hohe Anforderungen an die Piloten stellt, sind es vor allem bürokratische Hürden, mit denen Apende zu kämpfen hat. Das Projekt ist bisher einmalig, zudem waren in Kenia noch nie Ärzte mit Ultraleichtflugzeugen unterwegs (die im Land übrigens nicht als solche zugelassen werden, sondern als ganz normales Kleinflugzeug). Die hiesige Luftfahrtbehörde betritt damit Neuland, was oft zu Schwierigkeiten führt. Margherita zuckt mit den Schultern: „Die kennen so etwas hier einfach nicht, da sind nicht immer alle Vorgaben wirklich klar und verständlich.“ Natürlich hoffen alle Mitarbeiter bei Apende, dass sich ihr Flying Doctor Service schnell etabliert. Sollte alles reibungslos funktionieren, möchte die Organisation das Personal künftig gezielt vor Ort schulen und kenianische Piloten, aber auch Techniker für die Wartung der ULs ausbilden.

Foto: Apende
Ärztvisite in Kaningo (Foto: Apende)

Margherita Vaira Vizio weiter: „Viele hier denken, dass ein Flugzeug generell teuer und schwierig zu bedienen ist, was auf unsere Savannah gerade nicht zutrifft. Zum Glück sehen die Menschen vor Ort mittlerweile, dass sie von dem Programm profitieren; die medizinische Versorgung wird so um vieles besser und leichter für alle. Wir hoffen, dass sich unser Service schnell herumspricht und wir auch von den Einheimischen noch mehr Unterstützung erhalten. Und wer weiß: Wenn alles gut läuft, können wir vielleicht sogar bald länderübergreifend agieren.“ So ungewöhnlich die kleine, gelbe Savannah als Arztzubringer zunächst erscheinen mag – vielleicht setzt sich das Modell ja tatsächlich durch auf dem afrikanischen Kontinent. Für einen „kleinen Vogel“ wäre das ein ziemlich großer Erfolg.

Text: Caterina Heßler, Fotos: Apende, fliegermagazin, 12/2011

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