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Vom Niederrhein nach Ungarn: Zum Balaton mit Eurofox und CT

Weite Urlaubsreisen mit dem UL – nicht nur Fußgängern muss man erstmal erklären, dass so etwas überhaupt funktioniert. Es macht sogar richtig Spaß! Allzu viel Gepäck darf man natürlich nicht mitnehmen wollen

Von Martin Naß
Foto: Martin Naß

Da haben wir den Salat. Kaum hab ich mich an den ultraleichten Vogel gewöhnt, den ich zusammen mit Freund Bernhard in Haltergemeinschaft erworben habe, schon droht die erste echte Bewährungsprobe. Die neuen Kerkener Clubkameraden haben uns beide nicht nur freundlich in ihrer Mitte aufgenommen, sondern auch gleich in ihre Urlaubsplanung einbezogen. „Wir fliegen im Juni für ein paar Tage weg, und ihr kommt einfach mit!“ „Oh … und wohin?“ „Erstmal so Richtung Hannover, da ist Party, und dann weiter nach Prag. Und dann mal sehen.“ „Ja, äh, super, klingt doch gut …“ Leichtes Gepäck würden wir brauchen, so viel stand fest. Der Rest sollte fast bis zuletzt frei und spontan bleiben. Aber so etwas mag ich eigentlich sogar.

Von Kerken aus starten wir mit vier Eurofox und einer CT – die erste Station ist Peine-Eddesse

Von Kerken aus starten wir mit vier Eurofox und einer CT; die erste Station ist Peine-Eddesse. Wir fliegen dem Platz, der mittlerweile geschlossen ist, über den Wolken und mit starkem Rückenwind entgegen. Erwartet werden wir dort von Peter Toncek, der aus der Slowakei angereist ist. Herbert, einer aus unserer Reisegruppe, hat Peter auf der Friedrichshafener Messe kennen gelernt: Er ist Miteigentümer von Aeropro und baut den Eurofox. Seit die beiden befreundet sind, nimmt sich Peter jedes Jahr im Sommer eine Woche frei, um mit den Kerkenern durch die Gegend zu fliegen.

Foto: Martin Naß
Goldene Stadt: Prag direkt zu überfliegen ist nicht erlaubt, doch bei gutem Wetter erkennt man einige Sehenswürdigkeiten auch aus der Ferne (Foto: Martin Naß)

Bernhard und mir gefällt der Gedanke, mit einem Muttersprachler durch Tschechien und nach Prag zu fliegen. Und dann vermutlich weiter durch die Slowakei. Eventuell nach Ungarn, an den Plattensee. Vielleicht Jugoslawien, an die Adria. Oder ganz woanders hin. Wir hören langsam auf, die anderen nach dem exakten Ziel zu fragen. Hört eh keiner richtig zu, denn gleich ist Party: die Geburtstagsfeier eines Reiseteilnehmers vom letzten Jahr. Herzlichen Glückwunsch!

Solide vorbereitet, das UL ist frisch gewartet, der Kaffee wirkt – Abflug!

Kaum zu glauben, aber am nächsten Morgen sind alle rechtzeitig nüchtern und mit der Flugplanung beschäftigt. Ich übertrage die Wegpunkte in unsere Karten und dann ins GPS. Peter kümmert sich um den Flugplan. Plötzlich kurz vor dem Start gedämpfte Stimmung: Das FLYdat eines Eurofox gibt Rätsel auf, die angezeigten Motordaten ergeben keinen Sinn. So verlieren wir den ersten Teilnehmer, der sich mit dem defekten Gerät zwar auf den Heimweg traut, aber verständlicherweise nicht auf fremdes Terrain. Durch die Verzögerung wird es auf einmal hektisch, die Zeit für den Flugplan läuft, wir müssen los! Na toll. Mir fallen Lehrbuchsätze aus der Ausbildung ein. Genauso wie jetzt sollte es eigentlich nicht sein: Zeitdruck, schlecht geschlafen, Gruppenzwang … Auf der anderen Seite sehe ich uns solide vorbereitet, unser UL ist frisch gewartet, der Kaffee wirkt, und Bernhard und ich sind ein gutes Team – also los!

Über Magdeburg, Dessau und Bautzen erreichen wir die Grenze zu Tschechien, nehmen vorbei an Liberec Kurs auf Prag. Wir behalten die Nummer 1 im Auge, Peter im rot-weißen Taildragger. Er übernimmt den Funk mit Praha Info und hat Kontakt mit der Gruppe über Helmar in seiner CT: Dessen Funkgerät empfängt zwei Frequenzen. So hält Peter Kontakt mit FIS, die Gruppe bleibt auf einer gemeinsamen Frequenz und bekommt dennoch alles wichtige mit.

Im UL-Formationsflug mit gemeinsamer Funkfrequenz

Die Landschaft ist hügelig und grün, mit eingestreuten Städten; die größeren mit ihrer wuchtigen Plattenbauarchitektur zeigen, dass wir im Osten Europas unterwegs sind. Dazwischen immer wieder Wälder, Seen und kleine Flugfelder. Die Bebauung wird mit einem Mal dichter, Prag kommt näher. Peter meldet uns zum Anflug auf Letnany, einem Grasplatz im Nordosten der Stadt. Er ist auch sonst der Held des Tages und organisiert die Übernachtung im Clubheim, zwei Euro pro Nacht, auf Isomatten und mit Schlafsack, Benutzung der Waschräume inklusive. Camping-Standard mit drei Sternen: perfekt!

Foto: Martin Naß
Da kommt was: Die Ferienflieger erwartet in Balatonkeresztúr ein weiteres kurzes Unwetter (Foto: Martin Naß)

Prag ist umwerfend. Als wir am Platz der Republik aus der U-Bahn steigen, erwischen wir das letzte Licht der Sonne, das die Altstadt noch einmal zum Leuchten bringt. Für mich wird schlagartig klar, warum Prag die Goldene Stadt ist. Überall ist Partystimmung, heute abend findet ein Fußball-Länderspiel statt, es gibt große Monitorwände und noch mehr Touristen als sonst, so scheint es. Nach einem sehr guten Essen und einem ausgedehnten nächtlichen Spaziergang fahren wir per U-Bahn zum Platz und unserer improvisierten Unterkunft zurück. Morgen haben wir frei.

In der Eurofox sehen wir uns Prag aus der Luft an

Nach dem Frühstück macht Peter seinen Eurofox klar, er will uns nacheinander die Stadt von oben zeigen. Direkte Überflüge sind tabu, doch die Sicht ist gut, und so kommen wir dennoch in den Genuss, Prag aus der Luft zu sehen, wenn auch aus der Distanz. Am Nachmittag besichtigen wir das Museum auf dem Flugplatz Kbely. Als wir uns am nächsten Morgen auf den Weiterflug vorbereiten, spritzt Herbert beim Tanken seines ULs versehentlich Sprit auf das Makrolon der rechten Tür, die sofort blind wird. Damit steht zumindest das Tagesziel endgültig fest: Auf nach Nitra, wo der Eurofox herkommt! Dort werden wir auch über Nacht bleiben und dann in Ruhe überlegen, wohin genau die weitere Reise geht. So ganz klar scheint das immer noch nicht zu sein. Bernhard nimmt es sehr gelassen, ich bin stolz auf ihn.

Der Flug ist ruhig, zuerst nach Osten und dann auf direktem Kurs nach Nitra über die Grenze in die Slowakei. Das Fliegen im Verband klappt immer besser, auch die Verständigung zwischen Nummer 1 und der Gruppe über die „Relais-CT“ ist reibungslos. In Nitra werden wir herzlich empfangen, auch wenn für Peter sofort nach dem Aussteigen der Urlaub unterbrochen ist – es gibt immer etwas zu tun, und ich ahne, dass er sich schon auf den Weiterflug morgen freut. Die Reparatur an Herberts blauem Fox ist am Nachmittag erledigt, er hat auch gleich die Krümmerrohre erneuern lassen. Bernhard hat irgendwoher einen kleinen Becher roter Farbe organisiert und bessert kleine Platzer am Rumpf aus – wenn man schon mal an der Quelle ist.

Tanken in Ražnany, dann die letzte Etappe zum Balaton

Wir lassen uns von Peter am Abend Nitra zeigen und übernachten in schlichten Quartieren direkt am Flugplatz. Am nächsten Tag haben wir viel vor: Zum Balaton geht es, nach Ungarn. Also doch. Auf dem Weg dorthin möchten wir einen Bogen im Norden drehen, auch wenn die Gipfel der Hohen Tatra vermutlich im Dunst verborgen bleiben. Sehr schön gelegen ist der Grasplatz Ružomberok, unser erster Zwischenstopp: Hier gibt es leckere Käsespezialitäten aus Schafsmilch, mit denen wir uns reichlich eindecken. Gut eine Stunde später erreichen wir den Flugplatz Ražnany. Wir tanken auf für das letzte Teilstück zum Balaton. Peter meldet uns nach dem Start bei Bratislava Info an und aktiviert den Flugplan für den Einflug nach Ungarn.

Foto: Martin Naß
Wenn ich den See seh … Kurz vor dem Ziel, über Siófok am Balaton. Wie weit man doch in nur wenigen Flugstunden mit dem UL kommen kann! (Foto: Martin Naß)

Der Radarlotse erklärt, dass über dem Flugplatz Košíce, der auf unserem Weg liegt, starke Schauer niedergehen. Für uns sieht er darin kein Problem, doch wir bleiben skeptisch. Der Himmel wirkt alles andere als einladend, ein Durchkommen erscheint unmöglich. Wir wählen eine alternative Route und erhalten von FIS einen neuen Entrypoint für den Grenzüberflug. Jetzt sieht es voraus deutlich besser aus, der Wind hält den Regen von uns fern. So klappt es! Die Anspannung fällt ab, und ich bin begeistert von der wildromantischen Landschaft, die unter uns vorbeizieht. Aus dem Dunst schält sich die Donau heraus, Budapest müsste dahinten liegen. Das Wetter wird immer besser, am Horizont beginnt es zu glitzern: der Balaton!

Neuer Entrypoint: Der Grenzüberflug nach Ungarn wird geändert

Der Flugplatz Balatonkeresztúr liegt ganz am südlichen Ende des gewaltigen Sees. „Einfach dem Ufer folgen bis zum Schluss, dann auf eine Bahnstrecke achten, da sind wir dann“, hat uns der freundliche Betreiber am Telefon erklärt. Wir ziehen in ruhiger Luft an der Stadt Siófok mit dem riesigen Grasflugplatz vorbei, finden etwas später die Bahnlinie und unser Ziel, lösen die Formation auf und landen – geschafft!

Von Westen ziehen dunkle Wolken heran: Wir verzurren die Flieger, bevor wir in zwei Gruppen zu einem kleinen Hotel am Seeufer gebracht werden. Hier bleiben wir zwei Tage und entspannen, genießen das gute und vor allem preiswerte Essen und die beruhigende Weite des Plattensees. Die warmen Juni-abende werden lediglich von Scharen Moskitos getrübt, die uns anscheinend wirklich leersaugen wollen.

Foto: Martin Naß
Postkartenblick: Die ungarische Hauptstadt bietet beeindruckende Perspektiven
(Foto: Martin Naß)

Budapest ist das nächste Ziel. Der Flugplatz Budaörs versprüht einen morbiden Charme, der riesige Hangar ist aber gut gefüllt mit Sportflugzeugen und ULs, auch ein Agrarflugzeug vom Typ PZL 104 Wilga steht hochbeinig in einer Ecke. Ein freundlicher Flugplatzmitarbeiter organisiert für uns die Fahrt in ein nahes Hotel. Budapest lassen wir uns bei einer Stadtführung im Doppeldeckerbus zeigen. Es tut gut, mal nicht auf Kurs und Wetter achten zu müssen, sondern sich einfach treiben zu lassen und der Ansage zu lauschen. Wir lernen eine Menge über die beiden Teile der Stadt, Buda und Pest, über die Geschichte des Landes und der Bevölkerung, und treten ein in eine neue Dimension, indem wir die angebotenen Informationen des Bordsystems einfach mal auf „Finnisch“ schalten.

Neben Sportflugzeugen und ULs auch ein Agrarflugzeug vom Typ PZL 104 Wilga im Hangar

Am nächsten Morgen fliegen wir wieder nach Nitra, tanken auf, erfrischen uns und verabschieden uns von Peter: Sein Urlaub ist vorbei. Völlig spontan fällt der Entschluss, über Görlitz die Heimreise anzutreten. Dreieinhalb Stunden später sind wir wieder in Deutschland, verbringen einen freien Tag in der schönen Stadt an der Neiße. Auf dem Untermarkt wird das Sommertheater aufgeführt, die Görlitzer spielen in mittelalterlichen Kostümen als Statisten mit. Auf der letzten Etappe nach Hause landen wir zum Tanken in Eisenach. Nach so vielen beschaulichen Grasplätzen komme ich mir ganz verloren vor, als ich den Eurofox auf der langen und breiten Betonpiste aufsetze.

Foto: Martin Naß
Aufgereiht: Vier Eurofox und eine CT (Foto: Martin Naß)

Hinter Kassel drehen wir noch einmal nach Norden, lassen die Kontrollzone von Dortmund im Süden und erreichen am Nachmittag Kerken. Nach einer Ehrenrunde landen wir, strecken die Beine aus und grinsen uns an. Zehn Tage waren wir unterwegs, doch mir kommt es vor, als wären es drei Wochen gewesen. Mit einem so kleinen Flugzeug ins Ausland? Na klar geht das!

Fliegen in Osteuropa: Tipps und Infos

Allgemeines: Keine Flugplanpflicht für Flüge von Deutschland nach Tschechien; vor dem Einflug Kontakt mit Praha Info oder dem nächstgelegenen kontrollierten Flugplatz aufnehmen. Für Flüge von Tschechien in die Slowakei ist kein Flugplan erforderlich, in der Slowakei gilt aber ELT-Pflicht auch für ULs. Tipps und Adressen der vielen inoffiziellen ungarischen Flugplätze im UL-Pilotenführer Ungarn (Bezug über www.up2sky.org, 14,50 Euro). Von Vorteil ist ein persönlicher Ansprechpartner bei einem heimischen Fliegerclub, der Sie unterstützt und im Zweifel vermitteln kann. Flugplan, Funk und Transponder sind Pflicht beim Einflug aus Schengen-Staaten.

Kartenmaterial: ICAO-Deutschland, Jeppesen VFR+GPS Czech Republic, Slovakia und Hungary.
Unterkünfte: Am Balaton gibt es viele Möglichkeiten, preiswert zu übernachten. Doppelzimmer ab zirka 35 Euro. Budapest und Prag bieten die gesamte Bandbreite einer Großstadt.

Fotos: Herbert Ulland, Peter Toncek, M. Naß, fliegermagazin 6/2010

Über den Autor
Martin Naß

Martin Naß ist seit 2005 UL-Pilot. Der gelernte Journalist liebt Flüge über die Nordsee, auf die Ost- und Nordfriesischen Inseln. Er war einige Jahre viel mit dem eigenen Spornrad-Eurofox unterwegs, heute chartert er ULs in Itzehoe und Husum.

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