Ausbildung

Besuch bei der Tragschrauber-Flugschule Hildesheim

Wer heute fliegen lernen will und dabei 
vor allem Spaß sucht, sollte sich bei 
den Gyro-Piloten umsehen. Wir haben 
die älteste Tragschrauberflugschule 
Deutschlands in Hildesheim besucht

Von Christina Scheunemann
Viel Freiheit fürs Geld: Die Tragschrauberausbildung kostet für Neueinsteiger je nach Begabung bis zu 10 000 Euro Foto: Christina Scheunemann

Die Szene erinnert an eine rasante Seilbahnfahrt ins Tal, nur ohne Seil und ohne Tal: In steilem Winkel schießt ein knallorangefarbener Drehflügler auf die Piste 11 des Verkehrslandeplatzes Hildesheim zu. Über der Schwelle wird das Gerät dann unvermittelt langsamer, 
um seine Flugbahn schließlich in einem sanften Bogen abzurunden und Augenblicke später mit hochgereckter Nase auf dem Asphalt aufzusetzten. Schon nach wenigen Metern steht die Maschine, fast wie ein Hubschrauber.


Spätestens jetzt stellen sich Zuschauer die Frage: Wozu braucht ein solches Gerät eine 1220 Meter lange Asphaltpiste? Auf diese Diskrepanz zwischen technischen Möglichkeiten und gesetzlichen Zwängen stößt man beim Gyrofliegen ständig. Und vielleicht macht gerade das den Reiz der ultraleichten Drehflügler aus: der Blick über den Tellerrand der traditionellen Fliegerei hinaus.

Anders als viele Segelflugvereine und Aero-Clubs können sich die Tragschrauber-Flugschulen jedenfalls nicht über Nachwuchssorgen beklagen. Lizenzanwärter stehen bei der Flugschule Thomas Kiggen in Hildesheim an manchen Tagen sogar Schlange. Im Jahr 2009 wurden dort über 40 Gyro-Piloten ausgebildet. Auf sechs Gyrokoptern schulen hier insgesamt fünf Fluglehrer. Im vergangenen Jahr haben sie über 3000 Stunden mit ihren Schülern in der Luft verbracht.

Die Hildesheimer Tragschrauber-Flugschule ist die erste in Deutschland

Die Hildesheimer Tragschrauber-Flugschule war die erste ihrer Art in ganz Deutschland. Schon in den achtziger Jahren tüftelte Thomas Kiggen an einer Wiederbelebung der legendären Drehflügler des Spaniers Juan de la Cierva aus den zwanziger Jahren. Von den späten Neunzigern bis 2003 war Kiggen maßgeblich an der ersten deutschen Zulassung für ein UL auf Basis des spanischen ELA 07 beteiligt. Sein Name: MT-03.

Das Nachfolgegerät, der MTOsport von AutoGyro, ist heute der Weltmarkt-führer. Kiggen, der Mann mit der Tragschrauber- und Tragschrauberlehrlizenz Nummer eins in Deutschland, hat sich indes ganz der Ausbildung verschrieben. Seit 2005 leitet er die Hildesheimer Flugschule – und ist einer der Trendsetter in Sachen Gyro-Boom.

Fluglehrer Thomas Kiggen hat die erste Tragschrauberlizenz in Deutschland erworben – auch die erste Lehrlizenz

Inzwischen rollt der orangefarbene Tragschrauber, der gerade noch am Himmel herumgeturnt ist, vor der Gyro-Halle aus. Am vorderen Knüppel sitzt Sandra Nagel aus Rinteln im Weserbergland. Die 41-Jährige ist gelernte Versicherungskauffrau, außerdem Hausfrau und Mutter. Und sie liebt Gyrokopterfliegen. In Hildesheim ist sie da keine Ausnahme, Frauen im Tragschrauber-Cockpit sind ein gewohnter Anblick und fühlen sich dort genauso wohl wie Männer. Dabei hatte Sandra Nagel Bedenken, als sie zum ersten Mal vor einem der ultraleichten Geräte stand: „Ich hab diese Kisten anfangs nicht ganz ernst genommen, aber jetzt will ich gar nicht mehr aufhören, damit durch die Gegend zu fliegen“. Nach ihrem Debüt mit Fluglehrer Reinhard Lompa ist für Sandra klar: „In zwei Wochen hab ich den Schein.“

Piloten mit PPL oder UL-Schein benötigen lediglich eine Einweisung auf dem Tragschrauber

Bei einer Umschulung ist dieser ehrgeizige Plan mit etwas Wetterglück sogar zu schaffen. Für Piloten mit PPL oder UL-Schein für Dreiachser, reicht eine Einweisung aus. Eine Mindeststundenzahl wird nicht verlangt. In der Regel brauchen Umschüler von der Fläche acht bis zehn Stunden, bis sie den Tragschrauber gut im Griff haben. Eine Prüfung ist nach den Ausbildungsrichtlinien für die praktische Umschulung nicht notwendig.

Allerdings muss man für den Eintrag im Schein die Theoriefächer „Technik“ und „Verhalten in besonderen Fällen“ pauken. Dazu sind jeweils zehn Unterrichtsstunden und eine abschließende Theorieprüfung vorgeschrieben. Die Kosten: 250 Euro. Bei rund 160 Euro pro Flugstunde fallen für die komplette Umschulung demnach etwa 2000 Euro an.

Foto: Christina Scheunemann
Blick über den Tellerrand: Für Flächenpiloten ist die Sicht aus dem Gyro-Cockpit anfangs ungewohnt. Der Drehflügler erweitert aber den fliegerischen Horizont
Foto: Christina Scheunemann

Auf die Frage, warum es denn gerade ein Tragschrauber sein muss, sprudeln die Antworten wie ein Wasserfall aus Sandra hervor: „Im Gyro hat man ein ganz spezielles Fluggefühl. Die Wendigkeit ist unglaublich“, so die Erklärung. Außerdem könne man mit den Maschinen viele Dinge anstellen, die mit Flächenflugzeugen nicht gehen. Als Segelfliegerin mit PPL-A und -B weiß Sandra, wovon sie spricht. Die quirligen Drehflügler punkten aber besonders beim Spaß-Faktor: „Gyro-Fliegen bringt einfach richtig Fun. Ich kann das jedenfalls nur empfehlen!“ Ein wesentliches Argument sind außerdem die Kosten. „Hubschrauber sind zwar auch toll, aber dafür fehlt mir dann doch der Sponsor“, sagt die Pilotin.

Fliegen heißt landen: auch bei den Drehflüglern wird die Landung ausgiebig trainiert

Wie bei der Ausbildung auf Flächenflugzeugen müssen auch angehende Tragschrauberpiloten besonders das Landen ausgiebig trainieren. Üblicherweise fliegt man mit etwas Schleppgas an, nimmt kurz vor dem Touchdown das Gas raus und fängt dann sanft ab, bis der Drehflügler mit sehr wenig Fahrt aufsetzt. Das fühlt sich etwas anders an als im Flächenflugzeug, denn bei Fahrtänderungen bleibt die Rumpfneigung des Tragschraubers praktisch konstant. Nur der Anstellwinkel der Rotorebene verändert sich.

Wer fliegerisch nicht vorbelastet ist, muss bei der Gyro-Ausbildung etwas tiefer in die Tasche greifen. In den Ausbildungsrichtlinien werden mindestens 30 Flugstunden für die Schulung verlangt. Die Praxis zeigt aber, dass 40 bis 50 Stunden realistischer sind. 8000 Euro hat man da schnell zusammen. Hinzu kommen Landegebühren und 60 Theoriestunden, die mit 650 Euro zu Buche schlagen. Für Lehrmaterial wie Bücher, Navigationsrechner und ähnliches fallen nochmals etwa 70 Euro an. Die Prüfungsgebühren (Theorie: 90 Euro, Praxis: 80 Euro) werden separat berechnet. Die kompletten Kosten für die Ausbildung liegen damit je nach Auffassungsgabe des Flugschülers zwischen 8000 und 10 000 Euro.

Eine Ausbildung zum Tragschrauberpiloten kostet rund 10000 Euro

Einen Tragschrauber kann man aber trotz des anhaltenden Booms in der Szene bislang nur an wenigen Flugplätzen chartern. Wer den Schein machen will, sollte deshalb rechtzeitig überlegen, wie das Fliegerleben nach der bestandenen Prüfung weitergehen soll. Ist die Anfahrt zum nächstgelegenen Flugplatz mit Chartermöglichkeit zu aufwändig, und eine Haltergemeinschaft scheidet aus Mangel an passenden Mitstreitern aus, dann bleibt nur eines: selbst einen Tragschrauber kaufen. 53 000 Euro kostet das in Deutschland beliebteste Muster, der MTOsport von AutoGyro mit Standardausstattung (Rotax 912 S, Garmin-GPS und Funk) ab Werk. Damit ist jedoch bei vielen potenziellen Gyro-Fliegern die finanzielle Schmerzgrenze schon überschritten. Wohl auch deshalb sind Kiggens Schüler meist jenseits der Vierzig und bringen eine solide finanzielle Basis mit.

Foto: Christina Scheunemann
Praktisch: Gyros brauchen deutlich weniger Hangarplatz als Flächenflugzeuge. Nicht nur für Flugschulen ein Plus! Foto: Christina Scheunemann

Thomas Martin ist einer von ihnen. Schon immer war er einer dieser Jungs, die an jedem Flugplatzzaun stehen bleiben, um den Maschinen beim Starten und Landen zuzusehen. Selbst fliegen zu lernen kommt ihm aber lange Zeit nicht in den Sinn. Sein Beruf als Stahlbaumeister führt ihn dann jedoch zu den Hildesheimer Gyro-Fliegern: Das Unternehmen von Thomas bekommt den Auftrag, die neue Produktionshalle für den Tragschrauberhersteller AutoGyro zu bauen. Außerdem arbeitet seine Frau dort als Prokuristin. Er ist begeistert von den Drehflüglern und will selbst fliegen lernen.

Die neue Herausforderung kommt für den 44-Jährigen nach seinem beruflichen Erfolg und privater Zufriedenheit mit Frau und Kind gerade recht. Auch gefällt ihm diese Art zu fliegen besser als das, was man sonst auf den Flugplätzen sieht. „Gyro-Fliegen ist wie Motorrad fahren, nur dass man sozusagen von der Straße abheben kann“, so der Flugschüler. „Außerdem brauche ich nur eine sehr kurze Startstrecke und habe einen großen Aktionsradius.“

Seit August 2009 hat Thomas 37 Stunden im Gyro-Cockpit verbracht, 229 Landungen sind in seinem Flugbuch eingetragen. Jetzt steht die Prüfung an – und er sieht sich gut gerüstet. „Die Ausbildung hier ist so gut, da braucht man sich keine Sorgen zu machen.“

Inzwischen surren die Tragschrauber wie Hummeln über die Hildesheimer Asphaltpiste hinweg. Vor der Halle wird die Maschine für den Prüfungsflug startklar gemacht. Der Gyro ist sonnengelb und blitzblank poliert. Ruhig und entspannt bereiten sich Fluglehrer und Prüfling auf ihr Unternehmen vor. Thomas Martin ist gelassen: „Aufgeregt bin ich eigentlich nicht“, sagt er, „Ich hab ja gelernt, wie man fliegt.“ Eine Belohnung hat er sich auch schon gekauft: einen fabrikneuen Gyrokopter.

Text: Samuel Pichlmaier; Fotos: Christina Scheunemann; fliegermagazin 05/2010

Gyro-Ausbildung in Hildesheim

  • Ausbildung ohne Vorkenntnisse: zwischen 8000 und 10 000 Euro (inklusive 40 bis 50 Flugstunden à 160 Euro und Landegebühren, Theorie: 650 Euro, Prüfungsgebühren: 170 Euro, Unterrichtsmaterial: 70 Euro)
  • Umschulung von PPL/SPL: ca. 2000 Euro (inklusive 8 bis 10 Flugstunden à 160 Euro und Landegebühren, Theorie: 250 Euro)

Kontakt Ultraleicht-Flugschule Thomas Kiggen:

Ultraleicht-Flugschule Thomas Kiggen
Hottelner Weg 65
31137 Hildesheim
Telefon: 05121/176 22 03
E-Mail: info@ul-schule.de
www.ul-schule.de

Über den Autor
Christina Scheunemann

Schwerpunkte: Bild-Redaktion, Online-Redaktion, Fotografie, Specials, Organisation. Christina Scheunemann hat die praktische Fliegerei in einem Pinch-Hitter-Kurs kennen gelernt. Als Fotografin bereichert sie das Heft mit eigenem Bildmaterial. Regelmäßig begleitet sie Leserreisen und Flugzeugtests. Außerdem kümmert sie sich um den Online-Auftritt, betreut freie Mitarbeiter kümmert sich um die Buchhaltung der Redaktion.

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