Camp Scholler: Eine Woche mitten in Oshkosh
Wer das EAA AirVenture wirklich erleben will, schläft nicht im Hotel, sondern im Camp Scholler. Online-Chefredakteurin Isabella Sauer hat es ausprobiert.
Do you need a ride?« Es ist kurz nach sechs Uhr morgens im Camp Scholler, unserem Zuhause beim Camping in Oshkosh. Die Sonne steht noch tief, trotzdem zeigt das Thermometer bereits 25 Grad. Irgendwo brummt ein Generator, ein paar Stellplätze weiter zischt ein Campingkocher, der Duft von frisch gebrühtem Kaffee liegt in der Luft. Gerade laufe ich vom ersten Toilettengang zurück, als ein Pärchen auf einem Golfcart neben mir anhält und die Frage stellt.
Ich muss kurz überlegen. Nein, eigentlich brauche ich keine Mitfahrgelegenheit. Aber genau dieser Moment bleibt mir im Gedächtnis. Wenige Minuten später sitze ich mit einer Tasse Kaffee vor unserem Zelt und denke: Genau das macht das Campen beim EAA AirVenture in Oshkosh aus. Diese Selbstverständlichkeit, mit der Menschen aufeinander zugehen. Die Hilfsbereitschaft. Das Gefühl, für eine Woche Teil dieser besonderen Gemeinschaft zu sein.
Isabella und ihr Freund bauen das Zelt aufCampingplatz oder Kleinstadt?
Ich darf bereits zum dritten Mal das weltweit größte Fly-in besuchen. Dieses Mal halb beruflich, halb privat. Und zum ersten Mal mittendrin – im Camp Scholler. Wer Oshkosh wirklich erleben möchte, übernachtet neben dem eigenen Flugzeug – oder eben hier. Westlich der Piste 18/36 erstreckt sich eine riesige Zelt- und Wohnmobilstadt mit einer Infrastruktur, die eher an eine Kleinstadt erinnert als an einen Campingplatz:
Shuttlebusse, kleine Supermärkte, Sanitärhäuser, Waschmaschinen, Ladestationen für Mobilgeräte und unzählige Straßen, die sogar ihren Weg in Google Maps gefunden haben. Auf den mehr als 13 600 Campingplätzen übernachten in dieser Woche über 40 000 Besucher.
Gebäude beim Camping in OshkoshCamping in Oshkosh braucht einiges an Vorbereitung
Für das perfekte Campingerlebnis haben mein Freund Michael und ich – beide erfahrene Zelter – unser Equipment in zwei Koffern über den Atlantik geschleppt: Luftmatratzen, Schlafsäcke, Campingstühle, Kochutensilien und sogar einen kleinen Tisch. Meine Kollegen haben herzlich gelacht, als ich ihnen vorher davon erzählt habe. Später sitzen sie allerdings regelmäßig bei uns unter dem Vordach, weil es dort angenehm schattig ist. Und weil das WLAN erstaunlich gut funktioniert. Schließlich müssen die Videos für unseren YouTube-Kanal irgendwie nach Deutschland gelangen.
Wer im Camp Scholler übernachten möchte, sollte allerdings früh planen. Bei der Platzvergabe gilt: Wer zuerst kommt, erhält die besten Stellplätze. An einem festen Termin, schon einen knappen Monat vor Beginn des Fly-ins, öffnet der Campingplatz. Von da an können Besucher ihren Bereich markieren und reservieren. Wir haben Glück: Über John, den Präsidenten der Vintage Area, landen wir nur wenige Gehminuten vom Eingang entfernt. Näher dran geht kaum. Voraussetzung ist außerdem eine EAA-Mitgliedschaft für rund 48 Dollar im Jahr, also etwa 42 Euro. Die Buchung online ist unkompliziert, das Ticket landet nur wenige Minuten später als Barcode im Postfach.
Frühstück in OshkoshUnser erster Abend im Camp
Als wir am Samstag unser Drei-Personen-Zelt aufbauen, lernen wir sofort unseren Nachbarn Gene kennen. Er war schon über 20 Mal in Oshkosh, erzählt der frühere Kapitän von Southwest Airlines. Noch bevor der letzte Hering im Boden steckt, stehen wir zusammen, reden über Flugzeuge, trinken das erste Bier und probieren Cheese Curds – die für Wisconsin typischen (frittierten) Käsehappen, die hier offenbar genauso dazugehören wie Flugzeuge am Himmel.
Als unser kleines Zuhause für die nächsten Tage steht, schaut Gene zu seinem riesigen Zelt hinüber, dann zu unserem, und lacht: »Ich fühle mich richtig schlecht. Ich bin allein und habe so ein großes Zelt. Typisch amerikanisch.« Später lädt er uns spontan zum Essen ein und entschuldigt sich noch einmal für den Größenunterschied. Dabei stört uns das überhaupt nicht. Im Gegenteil!
Airshow Oshkosh 2026Wie komfortabel ist Camping in Oshkosh?
In den nächsten Tagen erkunden wir das mehrere Hektar große Camp. Schon nach wenigen Minuten merke ich, wie hilfreich die Straßenkarte ist. Zwischen tausenden Wohnmobilen und Zelten sehen viele Wege plötzlich erstaunlich ähnlich aus. Alle paar hundert Meter stehen Dixi-Toiletten, die mich positiv überraschen: sauber, mit Desinfektionsmittel ausgestattet und selbst spät abends noch ordentlich. Auch die Duschhäuser sind besser als erwartet. Nur an einem Morgen ist das Wasser etwas kalt.
An den Außenwänden reihen sich Steckdosen aneinander. Weil ich mich für Interviews, Videodrehs und Kundentermine halbwegs vorzeigbar machen möchte, sitze ich morgens tatsächlich mit meinem Glätteisen auf einer Holzbank vor dem Spiegel. Ich muss grinsen. Im Sitzen habe ich mich wirklich noch nie frisiert. Purer Luxus!
Isabella frisiert sich OshkoshZwischen Pancakes und Planespottern
Auf meinen Spaziergängen entdecke ich immer neue Details. Vor den Wohnmobilen stehen kleine Vorgärten mit Windspielen in Flugzeugform, überdimensionierte Campingstühle mit sitzenden Skeletten, Lichterketten mit kleinen Flugzeugen und wehenden Flaggen. Fast überall läuft ein Generator. Fast überall riecht es nach Gegrilltem. Gefühlt werfen die Amerikaner zu jeder Tageszeit den Grill an. Pancakes am Morgen, Fleisch am Abend.
Als ich eines Morgens meine Powerbank und mein Handy von der Charging Station abhole, spricht mich eine ältere Dame an. »Brauchen Sie einen Stuhl? Ich hole Ihnen schnell einen.« Ich muss lachen und erkläre, dass ich meine Geräte nur kurz abholen möchte. Dann fragt sie, woher ich komme. Südafrika?
Isabella und Michael schauen die Airshow„Germany“ sorgt beim Camping in Oshkosh für Gesprächsstoff
Als ich antworte, dass ich aus Deutschland angereist bin, schaut sie mich mit großen Augen an. Diesen Moment erlebe ich in dieser Woche immer wieder. Sobald ich »Germany« sage, folgt meist ein erstauntes »Wow!«. Und ziemlich viele erzählen mir dann ihre ganz persönliche Verbindung nach Deutschland, jeder scheint irgendwen aus Deutschland zu kennen.
Auch unsere neuen Nachbarn, die am Sonntag aus South Carolina anreisen, heißen uns sofort willkommen. Neben ihrem großen Zelt bauen sie einen Pavillon und ein weiteres Zelt für Lebensmittel und Getränke auf. Natürlich dürfen wir alles mitbenutzen. Jake erzählt, dass er früher Chef-Fluggerätemechaniker war, heute restauriert und verkauft er Oldtimer. Am Mittwochmorgen sitzen Michael und ich gerade beim Frühstück, als unsere Nachbarn plötzlich rufen: »Kommt schnell!«
Cheese Curds und Spotted-Cow-BierWo der Campingkocher auf die F-35 trifft
Wir schauen uns verdutzt an, laufen hinüber, stellen uns zusammen – und genau in diesem Moment malt ein Himmelsschreiber einen riesigen Smiley über das Camp in die Luft. Klick! So entstehen Erinnerungen, mit denen man vorher nie gerechnet hätte.
Doch natürlich lebt Oshkosh nicht nur vom Camp. Es sind die Flugzeuge, die diese Woche so besonders machen. Während wir mittags Nudeln auf unserem Campingkocher kochen, donnern F-22 und F-35 mit ohrenbetäubendem Lärm über unsere Köpfe hinweg. Schon früh am Morgen laufen Planespotter mit langen Teleobjektiven Richtung Flightline oder radeln mit ihren Kameras über das Gelände, um keinen Moment zu verpassen. Es gibt wahrscheinlich keinen anderen Ort auf der Welt, an dem sich Campingplatz und Luftfahrt so selbstverständlich miteinander verbinden.
Videodreh Isabella und ThomasWürde ich Camping in Oshkosh empfehlen?
Nach einer Woche im Camp Scholler weiß ich: Ich würde jederzeit wiederkommen. Nicht nur wegen der Flugzeuge, sondern wegen der Menschen. Wegen Gene. Wegen der Dame mit dem Stuhl. Wegen des Paars auf dem Golfcart um sechs Uhr morgens. Genau sie machen Oshkosh zu mehr als einer Luftfahrtveranstaltung. Sie machen aus einer Woche Camping ein Erlebnis, das noch lange nachwirkt.
Feuerwerk in Oshkosh 2026– die ersten Worte der US-Verfassung. Bild: Isabella Sauer

Isabella Sauer ist Jahrgang 1991, studierte in Bamberg Kommunikationswissenschaft und absolvierte anschließend ein Volontariat bei Auto Bild. Seit ihrer Jugend ist sie journalistisch tätig und arbeitete für große Verlagshäuser, darunter Axel Springer und die Funke Mediengruppe. Print, Digital, Social Media - für Isabella hat jeder Inhalt das Potenzial, vielfältig aufbereitet zu werden. Und wie kam sie zum fliegermagazin? Das Thema Mobilität interessierte sie immer schon sehr. Ob Auto, Bahn, Camper, Airliner oder Fahrrad: Die Welt lässt sich aus vielen Perspektiven entdecken. Nun geht es für Isabella Sauer in die Luft. Seit Mai 2025 hat sie eine Privatpilotenlizenz (PPL).

