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Crash beim Sightseeing: Hubschrauber-Triebwerksausfall eines Hughes 369HS

Nördlich von Hamburg startet ein Hubschrauber zum Sightseeing über der Hansestadt. Doch die Maschine kommt nicht einmal bis zum Stadtrand

Von Redaktion
Foto: Sabine Bühlmann

Bei einmotorigen Luftfahrzeugen ist die Möglichkeit eines Triebwerkausfalls stets zu bedenken.“ Dieser oder ähnliche Sätze sind in Lehrbüchern für Flugschüler oft zu lesen – und gelegentlich auch in Berichten der Bundestelle für Flugunfalluntersuchung (BFU). Bei einem Motorausfall nach dem Start birgt die Suche nach einem geeigneten Landeplatz oder der Versuch einer Umkehrkurve besonders für Flächenpiloten viele Gefahren: schwieriges Gelände, zu geringe Höhe, Hindernisse im Anflug, ungünstiger Wind. Hubschrauberpiloten haben es nur scheinbar besser: Ihr Fluggerät benötigt bei einer Notlandung nicht so viel Platz wie ein Flächenflugzeug, doch ist das Manöver der Autorotation anspruchsvoll, und es kann vieles dabei schiefgehen.

Vier Passagiere und ein Pilot starten am 4. April 2009 mit einem Helikopter vom Typ Hughes 369HS vom Verkehrslandeplatz Hartenholm zu einem Rundflug über Hamburg. Die Hansestadt ist nur wenige Flugminuten entfernt und auch für fliegende Touristen ein beliebtes Ausflugsziel. Um 13.37 Uhr hebt der Turbinenhelikopter ab und holt über der Piste 23 Fahrt auf, dann steigt er in einer Kurve Richtung Süden. Der Pilot nimmt Kurs auf den Pflichtmeldepunkt November am Rand der Kontrollzone Hamburg. Doch nur rund 100 Meter über dem Boden blinken im Cockpit plötzlich mehrere Warnleuchten zugleich auf. Auch ein akustisches Alarmsignal ertönt: Die Rotordrehzahl fällt abrupt ab. Sofort leitet der Pilot die Autorotation ein – erst wenige Monate zuvor hatte er genau diese Notsituation bei einer Befähigungsüberprüfung trainiert.

Hughes 369HS: Die Rotordrehzahl fällt abrupt ab – der Pilot reagiert rasch

Der Hubschrauber verliert jetzt rasch an Höhe. Vor der Maschine taucht eine Pferdekoppel auf, die dem Piloten für eine Notlandung tauglich scheint. Das Gelände ist zwar eingezäunt, aber ohne Richtungskorrektur erreichbar – ein Vorteil, da jede Richtungsänderung wertvolle Höhe kostet. Der Pilot überfliegt den Zaun und versucht, den Heli über der Pferdekoppel abzufangen. Doch Rotordrehzahl und Geschwindigkeit verringern sich schlagartig. Dann fällt die Maschine aus etwa drei Metern mit der Nase nach unten auf die Koppel. Dabei wird das Heck abgerissen, der Hubschrauber überschlägt sich nach vorn und kippt schließlich noch zur Seite.

Foto: BFU
Kurzentschlossen: Nach dem Ausfall des Triebwerks sucht der Pilot sofort eine Notlandefläche, doch das Abfangen aus der Autorotation misslingt (Foto: BFU)

Der Pilot kann sich aus dem Wrack befreien und den Passagieren zu Hilfe kommen. Zwei Fluggäste sind schwer verletzt, die anderen Insassen kommen mit leichten Verletzungen und einem Schock davon. Der Heli ist stark beschädigt. Außer dem abgerissenen Heckausleger sind auch die Steuerstangen zwischen Taumelscheibe und Rotorkopf mehrfach geborsten, die rechte Kufenspitze ist beim Aufprall ebenfalls abgebrochen. Bei den Ermittlungen der BFU steht zunächst die Ursache des Ausfalls der Allision-Wellenturbine im Fokus. Die Suche danach erweist sich jedoch als ebenso aufwändig wie vergeblich.

Ende des Sighseeing-Rundflugs: Der Helikopter überschlägt sich

Die Experten bergen und untersuchen zuerst das Triebwerk und den Antriebsstrang. Die mechanischen Teile sind von Hand frei und ohne auffällige Geräusche drehbar. Der Ölstand ist im Normalbereich; es gibt keine Metallspäne oder andere Verschmutzungen. Auch beim Kraftstoffsystem ist offenbar alles in Ordnung: Alle Leitungen vom Tank bis zur Brennkammer enthalten ausreichend Sprit. Aus dem Haupttank pumpt man 130 Liter Kraftstoff ab. Kraftstoffproben werden zudem im Labor untersucht. Ergebnis: Obwohl die Grenzwerte für die so genannten Abdampfrückstände überschritten wurden, bleibt unterm Strich ein unauffälliger Befund, da Filter und Einspritzdüsen sauber sind.

Foto: BFU
Eingesunken: Der weiche Boden verhindert Schlimmeres, Passagiere und Pilot überleben (Foto: BFU)

Zwar finden die Experten in der Brennkammer kleine Schäden, doch für den kompletten Ausfall des Triebwerks können sie nicht ursächlich gewesen sein. Selbst eine endoskopische Untersuchung der Turbinenräder führt nicht zur Ursache des Motorausfalls. Die BFU-Spezialisten lassen aber immer noch nicht locker: Auf einem Teststand wird das ganze Triebwerk bei einem Probelauf unter die Lupe genommen. Hier zeigen sich zwar geringfügige Schwächen der Dichtung im Schmierstoffsystem; dennoch erreicht das Turbinen-Triebwerk die für den Start erforderliche Leistung. Der Grund für den Leistungsverlust bleibt im Dunkeln, der Motorausfall lässt sich nicht rekonstruieren.

Notlandung des Hubschraubers: Landmanöver zu früh beendet

Bei der Einleitung der Autorotation reagierte der Pilot nach Meinung der BFU schnell und richtig: Den Geradeausflug zum nächstliegenden Landefeld bewerten die Ermittler auch angesichts der kritischen Flugphase und der beschränkten Möglichkeiten bei der Wahl einer Notlandefläche ausdrücklich als korrekte Entscheidung. Dennoch führen sie den Absturz aus geringer Höhe auf einen Pilotenfehler zurück: Die Autorotation sei zu früh beendet worden, so das Fazit. Dadurch sei es zu dem verheerenden Crash gekommen.

Text: Samuel Pichlmaier, fliegermagazin 12/2014

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