Unfallakte

Ernstfall statt Training: Unfall bei Heli-Schulungsflug mit Schweizer/Hughes 269C

Es sollte ein ganz normaler Überprüfungsflug werden, bei dem der Profi einen anderen Piloten checken sollte, bevor dieser den Hubschrauber chartern durfte. Doch in der dritten Platzrunde lief etwas völlig aus dem Ruder

Von Redaktion
Der Flugplatz Ellwangen nach dem Unfall; am unteren Rand das Wrack des aufgeschlagenen Helikopters (Foto: Archiv)

Es war ein angenehmer Sommertag im Juni 2002, als sich die Helipiloten am Flugplatz Paderborn-Lippstadt um die Mittagszeit trafen. Der Ältere der beiden hatte Grund zur Freude. In vier Tagen sollte der 60-Jährige als Ausbildungsleiter beim Halter des Helikopters, einer dreisitzigen Schweizer/Hughes 269C, eingestellt werden. Damit hätte der Berufspilot einen weiteren Meilenstein in seiner Luftfahrt-Karriere erreicht. Bis zu seinem Ausscheiden bei der Bundeswehr zwei Jahre zuvor hatte er als Hubschrauberführer Alouette II, Bell UH-1D, Sikorsky CH-53G und Bo 105 geflogen. Mehr als 6600 Stunden lang. Da er zudem seit 1991 berechtigt war, Privatpiloten auf Hubschraubern auszubilden, standen insgesamt sogar fast 7200 Helistunden in seinem Flugbuch.

Sein fünf Jahre jüngerer Cockpitkollege hatte deutlich weniger Erfahrung. Mit rund 2200 Stunden war er zwar ein routinierter Privatpilot, davon entfielen aber lediglich 110 auf die drei Helitypen Hughes 269, Robinson R22 und Bell 206, der Rest auf Flugzeuge. Vorgesehen war, dass der Jüngere einige Platzrunden unter Aufsicht des Profis fliegen sollte, um den Heli anschließend chartern zu können. Gegen 12.48 Uhr starteten die beiden. Das Wetter und die Sicht waren einwandfrei, lediglich ein leichter Bodenwind blies mit sechs Knoten. Die ersten zwei Platzrunden mit Aufsetzen auf einem Grasstreifen neben der Runway verliefen ereignislos, die dritte Platzrunde sollte eigentlich mit einer Autorotationslandung enden. Doch als der Heli im Gegenanflug auf die „24“ war, überschlugen sich die Ereignisse. Plötzlich änderte der Hubschrauber seinen Kurs um 30 Grad nach rechts in Richtung Runway, wie drei Augenzeugen später berichteten.

Einer der Piloten wurde aus dem Cockpit geschleudert, beide hatten keine Überlebenschance

In einer geschätzten Höhe von etwa 200 Meter über Grund ging der Heli vom Horizontalflug plötzlich fast senkrecht nach unten. Aufschlag! Dabei soll das Heck nach unten geneigt gewesen sein, zudem hörten die Zeugen Flattergeräusche. Einer der Piloten wurde aus dem Cockpit geschleudert, beide hatten keine Überlebenschance. Was war passiert? Bei der Untersuchung des Wracks fanden die Unfallforscher keine Hinweise, die auf ein technisches Versagen hindeuteten. Triebwerk, Hauptgetriebe mit Riemenantrieb, Heckrotor und weitere technische Komponenten wiesen nur Schäden auf, die durch den Aufprall zu erklären waren. Auch die Zündkerzen zeigten ein normales Verbrennungsbild. Dass die Flugrichtung des Heli plötzlich geändert wurde und die Besatzung anscheinend versuchte, das für eine Landung besser geeignete unbebaute Gebiet am Flughafen zu erreichen, spricht dafür, dass ein unvorhergesehenes Ereignis eingetreten ist. Andernfalls wäre die Autorotationsübung wohl erst am Ende der Platzrunde geplant gewesen, nicht aber aus dem Gegenanflug heraus.

Das von den Zeugen beschriebene Flugmanöver war einem Autorotationssinkflug ähnlich. Allerdings deutete das von ihnen beobachtete nach unten ragende Heck darauf hin, dass die Piloten versuchten, durch sogenannten Zwischenflare die Drehzahl des Hauptrotors zu erhalten beziehungsweise wieder aufzubauen. Dieser Zwischenflare führte aber dazu, dass zum Abfangen in Bodennähe keine Vorwärtsgeschwindigkeit mehr zur Verfügung stand. Im Unterschied zu einer Autorotation wäre bei diesem Verfahren aber Leistungszufuhr notwendig gewesen, um die Hauptrotordrehzahl erhalten beziehungsweise die Sinkrate in Grenzen halten zu können. Anhand der Stellung des Gasdrehgriffs und der Beschädigung des Triebwerks rekonstruierten die Unfallermittler allerdings , dass zum Zeitpunkt des Aufpralls der Motor nur mit geringer Leistung oder sogar im Leerlauf betrieben wurde.

Hughes H269: Zum Zeitpunkt des Unfalls lief der Motor nur mit geringer Leistung

Die beobachtete hohe Sinkrate und der Aufschlag sowie typische Spuren am Haupt- und Heckrotor beweisen nach Ansicht der Unfallsachverständigen, dass es zu einem Einbruch der Hauptrotordrehzahl gekommen war, wodurch der Heli unsteuerbar wurde und crashte. Dennoch bleiben Fragen offen. Als Ursache für den Absturz wurden zwar eine mangelhafte Überwachung oder Bedienung des Hautrotors und/ oder des Triebwerks sowie ein daraus folgender aerodynamisch nicht mehr auszugleichender Drehzahlverlust festgestellt. Ob aber ein fliegerischer oder technischer Anlass dazu führte, dass sich die beiden Piloten aus dem Gegenanflug heraus spontan zu einem Landeversuch entschlossen, wird ein Geheimnis bleiben.

fliegermagazin 12/2004

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