Helikopter-Streichquartett: Dieses Konzert hebt ab!
Vier Orchester-Musiker spielen in vier Helikoptern, Töne verschmelzen mit Rotorgeräuschen. Ton- und Bildaufnahmen dieses Quartetts gehören zur Stockhausen-Oper »Mittwoch aus Licht«. Sie wird nur selten aufgeführt.
Es blieb spannend bis zuletzt: Die Generalprobe von dem »Helikopter-Streichquartett« am Flugplatz Schönhagen bei Berlin hatte wegen eines Unwetters abgebrochen werden müssen. Auch den Gästen des restlos ausgebuchten Bus-Shuttles am nächsten Tag konnte bei Abfahrt in Berlin nicht versprochen werden, dass das Event draußen in EDAZ tatsächlich stattfinden würde. Es regnete und stürmte.
Doch worum geht es überhaupt? Die Deutsche Oper Berlin eröffnete ihre neue Spielzeit mit Karlheinz Stockhausens »Mittwoch aus Licht«, einem Teil von dessen Wochentage-Zyklus »Licht«. Aufführungen dieses in den 1990er-Jahren geschriebenen Stücks sind ein seltenes Ereignis, denn der Aufwand ist gigantisch:
Personen mit RegenschirmWenn klassische Musik plötzlich abhebt
Einige Musiker gehen buchstäblich in die Luft, und zwar mit vier Helikoptern gleichzeitig. In jedem davon sitzt ein anderer Instrumentalist eines Streichquartetts, die Töne verschmelzen mit den Rotorgeräuschen und werden mittels einer ausgeklügelten Klangregie live gemischt. Das Quartett ist ein mehr oder weniger selbständiger Teil der Oper, der dann bei den Aufführungen in Bild und Ton übertragen oder eingespielt wird.
Für Stockhausen, dem unter anderem von den Beatles, Kraftwerk oder Björk verehrten Pionier der elektronischen Musik, war Fliegen so etwas wie ein Symbol künstlerischer Freiheit und Fantasie. Als Junge wünschte er sich, Pilot zu werden, kam dann aber zur Musik, die er auf vielfältige Weise revolutionierte.
Vier Eurocopter Vom Traum des Fliegens zum Helikopter-Streichquartett
Seine enge Beziehung zur Luftfahrt blieb indes. Während seiner fast täglichen Flüge auf einer Konzertreise in den USA Ende der fünfziger Jahre kam ihm die Idee zu »Carré« für vier Orchester und vier Chöre, einem Werk, das die im Luftmeer erlebte Ruhe und Weite ausstrahlen sollte. »Es gab nur winzig kleine Veränderungen von Blautönen«, sagte er, »und immer das harmonische Spektrum des Motorengeräuschs. Ich entdeckte das Innenleben des Motorenklangs.«
Wenn Stockhausen bei Proben dirigierte, kam es schon mal vor, dass er das Orchester dämpfte, um das Brummen einer zufällig gerade vorbeifliegenden Maschine einzubeziehen. »Ich habe mein Leben lang geträumt, dass ich fliegen kann«, sagte er in einem späten Interview. Seine Vision bestand aber darin, dass auch »die Musik fliegt« – und das gelang schließlich mit dem berühmten »Helikopter-Streichquartett«.
Helikopter hebt abWenn das Wetter die Musik in Gefahr bringt
Zurück nach Schönhagen: Die rund 150 Besucher standen dort entlang einer Absperrung vor den vier Eurocopter AS350 »Écureuil« (Eichhörnchen) der Helix Fluggesellschaft aus Neuenstein. Die vorsorglich ausgeteilten Capes und Regenschirme flatterten im Wind, die Dramaturgin und die Musiker wurden fast vom Podium geweht, als sie – wie von Stockhausen vorgesehen – Ablauf und Konzept erklärten.
Das Publikum war aufgefordert worden, Smartphones oder Tablets und Kopfhörer mitzubringen, um die Performance über einen Livestream aus den Hubschraubern zu verfolgen. »Wir haben alle Vomex genommen«, sagte eine Geigerin vor dem Start ins Mikrofon. Ein Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen prophylaktisch zu nehmen, leuchtete bei dem Wetter selbst flugerprobten Gästen ein.
Helikopter- StreichquartettDas Helikopter-Streichquartett hebt endlich ab
Doch wundersamerweise kam es wirklich zur vorhergesagten kurzen Wetterberuhigung. Die Hubschrauber stiegen in den plötzlich blau gewordenen Himmel auf. Per Tablet konnte man in die Cockpits sehen und die Streicher spielen hören. Das funktionierte nicht bei allen Gästen, manchmal fror das Bild ein oder der Ton war plötzlich weg. Aber es war doch ein Erlebnis. Dafür, dass die Musiker, die einander weder hören noch sehen konnten, rhythmisch überhaupt zusammenblieben, sorgte eine elektronische Taktspur.
Der Jubel war groß, als die Hubschrauber nach einer knappen halben Stunde wieder landeten, ebenso das Interesse an Interviews mit den Beteiligten. Viel Zeit dafür blieb nicht mehr, denn das Schönwetterfenster war so schnell vorbei, wie es gekommen war. Als der Regen wieder einsetzte, rannten die meisten Besucher zum Shuttle-Bus zurück, ich selbst harrte mit anderen unter einem Festzelt aus, das allerdings festgehalten werden musste, um nicht wegzufliegen. Das Wichtigste aber war geschafft: Der Mitschnitt für die Aufführungen war im Kasten.
Zuschauer in SchönhagenWarum auch die Piloten Teil des Orchesters sind
Und wie ist der Opernabend nun geworden, dieser »Tag des Fliegens, Mittwoch der Lüfte«, wie der – musikalisch übrigens grandiose – Chor an einer Stelle singt? Stockhausens Markenzeichen ist eine eigenartige Verbindung von Technikbegeisterung und Spiritualität (die in seinen späten Jahren Züge einer Privatmythologie annahm, was man auch an diesem Werk gut sehen kann). Eine Handlung im herkömmlichen Sinn gibt es nicht, die Oper gleicht über weite Strecken eher einer musikalischen Zeremonie, bei der Live-Musik und Elektronik zusammenwirken. Der vom Komponisten selbst geschriebene Text ist ein Kuriosum, von seinem bizarren Humor zeugt unter anderem der Auftritt eines singenden Kamels.
Hubschrauber steht auf Wiese Aus diesem überwiegend statischen Stück ragt das energetische Helikopter-Streichquartett heraus, das bei der Premiere denn auch mit einem Beifallssturm gefeiert wurde. Erst jetzt erschloss sich Stockhausens Idee der Verschmelzung von Rotorgeräuschen und Streicherklang zur Gänze – in Schönhagen hatte man sich die Hälfte dazudenken müssen. Und nun wurde auch klar, dass es sich in gewissem Sinne um ein Oktett handelt: Zu den vier Musikern des Streichquartetts gesellen sich die vier Piloten, deren Musikinstrumente nur eben die Rotoren sind.

