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Kontrollverlust beim Aufsetzen: Cirrus SR22 kommt von der Piste ab

Kontrollverlust: Der Landeanflug einer Cirrus SR22 verläuft erst normal, doch nach dem Aufsetzen beginnt die Maschine zu springen und kommt von der Piste ab

Von Redaktion
Foto: Cirrus Aircraft

Aufsteigen, das war kein Problem. Wie aber kam man wieder runter?“, so heißt es in einer Erzählung von Patrick Süskind.  Der Satz stammt aus einer kindlichen Fantasie übers Fliegen, ohne technische Hilfsmittel. Er bringt ein Grundproblem der Luftfahrt gut auf den Punkt: Die Landung ist deutlich anspruchsvoller als der Start. Selbst erfahrenen Piloten kann dabei ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit zum Verhängnis werden. Ein Fall aus dem vergangenen Jahr zeigt, wie schwer es in dieser sensiblen Flugphase ist, selbst kleine Fehler wieder gutzumachen.

Am 9. September 2017 nähert sich ein Tiefdecker vom Typ Cirrus SR22 dem Verkehrslandeplatz Straubing-Wallmühle. Der Pilot ist gegen Mittag im tschechischen Ostrava gestartet. Er hat eine Berufspilotenlizenz und eine Gesamtflugerfahrung von rund 1000 Stunden, davon aber nur etwa 30 Stunden im Cockpit der SR22. In der Lizenz ist auch die Berechtigung für Instrumentenflug eingetragen. Als die Cirrus mit dem Landeanflug auf die Straubinger Piste 27 beginnt, ist es früher Nachmittag. Die Bedingungen sind bestens: Der Wind bläst mit zwei bis vier Knoten moderat aus 270 Grad, genau auf die Piste, die Sichtweite liegt bei über zehn Kilometern. Als sich der Tiefdecker der Asphaltbahn nähert, scheint der Pilot für einen Moment unkonzentriert zu sein.

Unkonzentriert bei der Landung: Durchstarten misslingt

Er lässt die Maschine nicht ausschweben, sondern drückt sie mit dem Bugrad auf die Piste. Beim ersten Bodenkontakt springt die SR22 wie ein launisches Pferd wieder in die Luft. Daraufhin will der Pilot durchstarten. Doch aus dem Manöver wird ein wilder Ritt quer über den Flugplatz. Die Cirrus dreht sich um ihre Längsachse nach links, dann streift der linke Randbogen den Boden und bringt die Maschine vollends aus der Spur. Sie springt nach links und rumpelt über den Grünstreifen. Offenbar verliert der Pilot nun vollends die Kontrolle über das Flugzeug. Die Maschine durchschlägt einen Wildschutzzaun am Rand des Flugplatzgeländes und stürzt schließlich in einen kleinen See, etwa 100 Meter südlich der Piste und rund 600 Meter westlich der Schwelle 27. Dort versinkt sie nahezu senkrecht im Wasser. Der Pilot kann sich glücklicherweise aus der Kabine befreien. Er rettet sich schwimmend und unverletzt ans Ufer.

Foto: BFU
Aufgetaucht: Per Kran wird der Viersitzer aus einem See geborgen. Nach dem Unfall konnte sich der Pilot selbstständig ans Ufer retten (Foto: BFU)

Das Wasser hinterlässt erhebliche Schäden; Rumpf und Tragflächen sind an einigen Stellen sogar delaminiert. Die Fahrwerksverkleidungen sind durch das missglückte Durchstartmanöver stark beschädigt worden und abgerissen. Die linke Tragfläche ist zudem am Randbogen gesplittert und verformt, die rechte Höhenruderklappe nach unten abgeknickt.Die Ermittler der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen (BFU) stellen am Wrack außerdem fest, dass zwei der Propellerblätter nach hinten verbogen sind, auch das dritte ist beschädigt – ein Hinweis darauf, dass das Triebwerk bis zum Versinken im See lief. Die Stellung des Gashebels im Cockpit bestätigt diese Einschätzung: Er steht in einer mittleren Position, der Mixture-Hebel ist auf Gemisch „voll reich“ eingestellt. Die Landeklappen sind eingefahren – der Klappenhebel befindet sich in der entsprechenden Stellung.

SR22-Pilot: Völliger Kontrollverlust knapp über dem Boden

Die vorgefundenen Hebelstellungen im Cockpit der Cirrus weisen darauf hin, dass der Pilot nach dem missglückten Durchstartmanöver die Kontrolle über das Flugzeug praktisch vollständig verloren hatte. Was genau die verunglückte Landung und das sich anschließende Desaster beim Durchstarten ausgelöst hatte, lässt sich im Nachhinein nur schwer rekonstruieren. 


Zwar soll ein Durchstarten eigentlich dazu dienen, Gefahrensituationen zu entschärfen – doch besonders wenn Stress im Spiel ist, kann das Manöver selbst zur Gefahr werden. Möglicherweise war dem springenden Bugrad ein zu hoher oder auch zu schneller Anflug vorausgegangen. Die Maschine könnte jedoch ebenso durch einen Thermikschlauch oder eine bodennahe Böe ins Straucheln geraten sein. Auch die psychologischen Faktoren sind bei einer missglückten Landung nicht zu vernachlässigen. Die Angst vor einer vermeintlichen Blamage mag dabei manchmal stärker wirken als die Vernunft beziehungsweise die frühzeitige Entscheidung, durchzustarten und einen neuen Anlauf für eine sichere Landung zu nehmen.

Foto: BFU
Kapitaler Schaden: Das Wasser hat der SR22 stark zugesetzt. Die verbogenen Propellerblätter weisen darauf hin, dass das Triebwerk bis zuletzt noch unter Last lief (Foto: BFU)

Je später aber die Entscheidung für den Go-Around fällt, desto kritischer kann eine solche Situation werden. Insbesondere kurz vorm Aufsetzen kann ein Durchstartmanöver sehr anspruchsvoll sein, vor allem in Hinblick darauf, dass die Antriebseffekte wie Slipstream und Propeller-Rückdrehmoment (Torque) dann umso stärker wirksam werden. Im schlimmsten Fall sind sie nicht mehr beherrschbar und führen, wie dieser Fall anschaulich zeigt, zum Ausbrechen der Maschine.

Text: Samuel Pichlmaier, fliegermagazin 5/2018

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