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Kunstflug endet tödlich: Wie eine Fassrolle zum Unfall führte
Beim Rückflug von einer Airshow fliegt ein Warbird-Pilot seine T-28 Trojan im Tiefflug in Formation mit einem B-25-Bomber. Der Versuch, für den mitfliegenden Fotografen ohne Ankündigung eine Fassrolle zu fliegen, endet für den Piloten tödlich.
Kunstflugmanöver sind für Zuschauer eindrucksvoll. Für Piloten sind sie anspruchsvoll und erfordern das Einhalten präziser Sicherheitsmargen. Immer wieder kommt es zu schweren Unfällen, weil diese Margen ausgereizt oder gar nicht erst beachtet werden. So geschah es beim Kunstflug-Unfall eines Warbirds vom Typ North American T-28B Trojan der Flying Bulls im Juni 2021.
Nach der Teilnahme an der Antidotum Airshow im polnischen Leszno (EPLS) wollen die Besatzungen der Flying-Bulls-Flugzeuge gemeinsam zurück zu ihrer Basis nach Salzburg (LOWS) fliegen. Im Anschluss an zwei Fotoflüge sind die Crews der T-28B Trojan sowie des Bombers B-25J »Mitchell« als erste startbereit. An Bord der Trojan befindet sich neben dem Piloten noch ein Fotograf. Dieser nimmt auf dem hinteren Sitz der Einmot Platz. Die B-25J wird von einer zweiköpfigen Besatzung gesteuert, außerdem befinden sich drei Passagiere an Bord.
North American T-28B TrojanAls der Pilot die Sicherheitsmarge verließ
Nach einem Briefing heben beide Flugzeuge um 13.45 Uhr als Formation in Leszno ab und fliegen in den tschechischen Luftraum ein. Die Maschinen fliegen in nur etwa 500 Fuß über Grund. Der Pilot der T-28B vollführt dabei riskante Manöver in unmittelbarer Nähe zum vorausfliegenden Bomber.
Währenddessen werden sowohl aus dem Bomber als auch aus der Trojan Foto- und Filmaufnahmen des Formationsflugs gemacht. Das Wetter ist für einen solchen Fotoflug gut geeignet. Während der Wind nur schwach weht, beträgt die Sicht ungefähr 35 Kilometer und auch die hohe Cirrus-Bewölkung beeinträchtigt das Flugvorhaben nicht.
Wie es zu dem Unfall beim Kunstflug kam
Als sich die Formation gegen 14.44 Uhr der tschechischen Ortschaft Jickovice nähert, fliegt die T-28B links unterhalb der zweimotorigen B-25J. Der Pilot der Trojan geht nun unvermittelt in den Steigflug über und setzt zu einer Fassrolle an. Bei diesem Manöver verliert er die Kontrolle über das Flugzeug und die Maschine stürzt mit hoher Geschwindigkeit in ein Waldstück. Der Flugzeugführer kommt durch den heftigen Aufprall ums Leben. Der Fotograf wird aus dem Cockpit geschleudert und überlebt das Unglück schwer verletzt.
Die Besatzung der B-25J bemerkt den Unfall und informiert die Flugsicherung über den Absturz. Nach einigen Vollkreisen über der Unfallstelle entscheidet sie sich, den Flug nach Salzburg fortzusetzen. Bei der Untersuchung des Unfalls können die Ermittler des tschechischen Air Accidents Investigation Institute (AAII) auch auf das unterwegs entstandene Foto- und Videomaterial zurückgreifen.
Grafik des FlugesKamera mit dem Fuß fixiert
Einen ersten Hinweis auf die Unfallursache liefert eine Aufnahme des Passagiers der Trojan. Sie zeigt, dass während des Flugs eine drei Kilogramm schwere Fotokamera auf dem Boden stand, die der Fotograf mit seinem rechten Fuß fixiert hatte. Zusätzlich hielt der Mann eine weitere Kamera in der Hand.
Der Fotograf, der selbst Privatpilot ist und laut Unfallbericht über eine umfangreiche Erfahrung sowohl als Luftfahrtfotograf als auch als Pilot verfügt, gab bei einer Befragung zu Protokoll, dass er seine Ausrüstung auch auf vorherigen Flügen so gesichert habe und dies seiner Auffassung nach kein Risiko darstelle. Außerdem gab er an, dass er sich an den Unfallflug nur teilweise erinnern kann.
Unfall durch Ablenkung beim Kunstflug?
So berichtete er von einem Schrei beziehungsweise Fluch des 54-jährigen Piloten, dessen genauen Inhalt er nicht rekapitulieren konnte. Bei der Untersuchung des Wracks fiel den Ermittlern auf, dass das Einziehfahrwerk der T-28B beim Aufprall offenbar nahezu ausgefahren, wenn auch noch nicht in seiner Endposition angelangt war.
Eine Nachfrage bei einem Warbird-Experten des amerikanischen National Transportation Safety Board (NTSB) sowie eine Analyse des betreffenden Mechanismus haben ergeben, dass das Fahrwerk nur dann ausfährt, wenn der Fahrwerkshebel im Cockpit deutlich in Richtung »Fahrwerk ausfahren« bewegt wird. Da das Ausfahren des Fahrwerks laut Flughandbuch zirka vier bis sechs Sekunden dauert, muss der Pilot den Hebel also kurz vor dem Aufprall betätigt haben.
Wrackteil des FlugzeugesEine Fassrolle mit tödlichen Folgen
Auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse erstellen die Ermittler eine Theorie zum Unfallablauf. Sie halten es für wahrscheinlich, dass der Pilot sich spontan dazu entschieden hat, eine Fassrolle zu fliegen, ohne seinen Passagier vorab darüber zu informieren. Dieser dürfte entsprechend überrascht und möglicherweise nicht mehr in der Lage gewesen sein, seine Fotoausrüstung ausreichend zu fixieren.
Die Unfalluntersucher halten es außerdem für denkbar, dass der Pilot gar keine vollständige Fassrolle fliegen wollte. Stattdessen wollte er am Scheitelpunkt ausleiten und im Rückenflug weiterfliegen. Jedenfalls gehen sie davon aus, dass eine Veränderung des Lastvielfachen an Bord während der Fassrolle dafür sorgte, dass die Kamera, die auf dem Boden lag, lose durch das Flugzeug flog. Da es zum vorderen Sitz keine Abtrennung gab, halten sie es für möglich, dass der Pilot die Kamera wahrgenommen hat, von ihr abgelenkt wurde und versucht hat, diese zu greifen.
Kunstflug-Unfall: Der entscheidende Fehler
Dabei hat er laut Abschlussbericht mit hoher Wahrscheinlichkeit den Fahrwerkshebel betätigt. Durch den plötzlich erhöhten Widerstand ist es dann mutmaßlich zu einem Geschwindigkeitsverlust sowie einem Nickmoment gekommen, das der Pilot nicht vorhergesehen hat, sodass er in der Folge die Kontrolle über das Flugzeug verlor. Die sehr niedrige Flughöhe hat ein Recovern schließlich unmöglich gemacht.
Ausschlaggebend für den tödlichen Ausgang ist jedoch die Entscheidung des Piloten, spontan ein Kunstflugmanöver in zu geringer Höhe einzuleiten. So weist auch der von der AAII konsultierte NTSB-Experte darauf hin, dass eine Vielzahl von tödlichen Unfällen mit Warbirds auf spontane Kunstflugmanöver in zu geringer Höhe zurückzuführen seien.

Martin Schenkemeyer begann im Jahr 2007 mit dem Segelfliegen. Inzwischen ist er ATPL-Inhaber und fliegt beruflich mit Businessjets um die ganze Welt. In seiner Freizeit ist er als Vorstand seines Luftsportvereins tätig und fliegt an seinem Heimatflugplatz Bad Pyrmont Segelflugzeuge, Ultraleichtflugzeuge und Maschinen der E-Klasse. Für das fliegermagazin ist der Fluglehrer seit 2020 als freier Autor tätig und beschäftigt sich hauptsächlich mit Themen rund um die Flugsicherheit.

