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Seenotrettung im Mittelmeer mit der Beechcraft Baron 58

Mit einer Zweimot hilft ein Berliner Pilot bei der Seenotrettung im Mittelmeer: Er startet mit anderen Freiwilligen von Lampedusa aus zu Überwachungsflügen.

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Pilot Gabriel Avenarius und die Beechcraft
Pilot Gabriel Avenarius aus Berlin fliegt die Beechcraft »Seabird 1« der Schweizer Organisation Humanitarian Pilots Initiative. Bild: Phillipp Steiner Pilot Gabriel Avenarius und die Beechcraft

Näher an der tunesischen Küste als an der von Sizilien liegt die italienische Insel Lampedusa. Auf dem kleinen Flughafen mit der ICAO-Kennung LICD ist es in der Vorsaison im April ruhig. Abseits des neuen Terminalgebäudes stehen an diesem sonnigen Montag drei Twins, die am Heck ein weißes Kreuz auf rotem Grund tragen – und die zugehörige Schweizer Kennung: zwei Beechcraft Baron 58 und eine Diamond DA42. Sie gehören der Schweizer Organisation Humanitarian Pilots Initiative (HPI).

Drei Männer und eine Frau in orangefarbenen Flieger-Kombis laufen zielstrebig auf eine Baron zu, auf deren Motorgondeln der Name »Seabird 1« steht. Sie bereiten alles vor, putzen die Scheiben und packen Proviant, Kameras und Ferngläser in die Maschine. Die vier wollen zu einem Rettungseinsatz starten. Ein Boot mit Menschen aus Afrika auf dem Weg nach Europa ist möglicherweise in Seenot. Sie wollen helfen.

Segeljacht »Nadir«Segeljacht »Nadir«
Die Segeljacht »Nadir« hat die Geflüchteten schon aufgenommen, als die Libyer ankommen. Bild: Phillipp Steiner

Wer sitzt bei der Seenotrettung im Cockpit?

Pilot ist Gabriel Avenarius, ein großgewachsener 31-Jähriger aus Berlin. Die anderen sind Elisabeth »Elli« Sellmeier (34) aus Wien, Nico, der nur seinen Vornamen nennt, und der Autor dieses Berichts. Während Avenarius und das Flugzeug zu HPI gehören, sind Sellmeier und Nico Mitglieder von Sea-Watch. Der deutsche Verein rettet seit Jahren mit Schiffen und Booten Flüchtende und Migranten aus Seenot. Zugleich ist Sea-Watch auch in der Luft an der Seenotrettung beteiligt und dokumentiert die Lage auf dem Mittelmeer. HPI stellt dafür Flugzeuge und Piloten. Basis dieser Einsätze ist Lampedusa.

Als die »Seabird 1« bereit ist, steuert Avenarius sie zur Startbahn. Nach dem Abheben verschwindet die Insel mit ihrem quirligen Hafen und den malerischen Buchten schnell aus dem Blick. Man sieht nur noch das Hellblau des Himmels und das Graublau des Meeres.

Lampedusa HafenLampedusa Hafen
Auf Lampedusa kommen viele Flüchtende an, die von Afrika nach Europa gelangen wollen. Bild: Phillipp Steiner

Frontex alarmiert Retter am Boden

Nico ist der »Tacco«, der taktische Koordinator, und erklärt die Lage: Sea-Watch habe im Internet den Flugweg der »Osprey 1« beobachtet, einer Maschine der EU-Grenzschutzagentur Frontex. Sie habe an einer Stelle ihr Flugmuster unterbrochen. Sea-Watch vermutet, dass »Osprey 1« ein Boot in Seenot entdeckt hat. Während der ersten Minuten des Flugs bestätigt sich das: Die Crew empfängt nun über Funk von Frontex selbst die Nachricht über einen Seenotfall. Mit rund 175 Knoten rast die »Seabird 1« gen Süden.

Frontex teilt später auf Anfrage mit, man habe an jenem Tag ein Schlauchboot mit zahlreichen Menschen an Bord gesichtet, das klare Anzeichen einer Notlage zeigte. Die EU-Agentur informierte demnach die für die Seenotrettung zuständigen Rettungsleitstellen in Italien, Malta, Tunesien und Libyen sowie über Funk potenziell anwesende Schiffe und Flugzeuge in der Nähe.

Gabriel Avenarius mit Flugzeug bei SeenotrettungGabriel Avenarius mit Flugzeug bei Seenotrettung
Gabriel Avenarius steuert die Rettungsflüge ehrenamtlich. Bild: Phillipp Steiner

Reicht der Sprit für die Seenotrettung?

Ungefähr eine halbe Stunde nach Abflug beginnt die Suche. Jeder Person an Bord wird ein Sektor zugewiesen, der drei Stunden eines Zifferblatts entspricht. Das Starren kann anstrengend sein, denn das Meer erscheint mal dunkel, dann wieder reflektiert es die südliche Sonne. Im Sommer werde es extrem heiß in der Kabine, berichtet eine Aktivistin von HPI zwei Tage später. »Wir könnten eine Klimaanlage einbauen. Aber die wäre halt so schwer, dass es uns wieder extrem viel Mission-Zeit kosten würde.«

Die Sonne ist nur eine der Herausforderungen. Er müsse den Treibstoffverbrauch genau und immer neu berechnen, schildert Avenarius eine andere. Einerseits wollen sie so lange wie möglich oder nötig in der Luft bleiben. Andererseits gibt es auf Lampedusa kein Avgas. »Man ist die ganze Zeit am Kalkulieren: Reicht es mit dem Sprit?«

1500 Fuß über dem Meer

Die Beechcraft Baron fliegt in der Regel auf 1500 Fuß. Damit ist sie nicht nur dem Wetter unterworfen. Die Höhe bedeutet auch: Wenn etwas passiert, bleibt sehr wenig Zeit, bis die Maschine im Wasser ist. Deshalb werden von HPI zweimotorige Flugzeuge eingesetzt. Bei extremen Schwierigkeiten wären eine Notwasserung oder eine Landung in freiem Gelände in Libyen oder Tunesien ein Szenario, sagt Avenarius. »Das wäre wirklich der absolute Notfall.«

Normale Missionen fliegt Avenarius nach VFR. Wenn sich das Wetter verschlechtert, besteht immer die Möglichkeit, einen IFR-Pick-up einzuholen, um wieder nach Hause zu kommen. Die Beech Baron wurde 1984 gebaut, inzwischen hat sie neue Avionik bekommen, unter anderem einen Garmin-Navigator GTN750Xi und ein Display vom Typ G500TXi. Als Antrieb dienen zwei IO-550-Sechszylinder von Continental mit je 300 PS.

Elisabeth Sellmeier mit FernglasElisabeth Sellmeier mit Fernglas
Elisabeth Sellmeier sucht das Meer mit dem Fernglas ab. Bild: Phillipp Steiner

Was passiert, wenn die Retter selbst in Not geraten?

Auf Notfälle hat ein Briefing am Vorabend des möglichen Einsatzes vorbereitet, das Avenarius und Nico dem mitfliegenden Journalisten geben. Rettungswesten sind demnach an Bord vorhanden, ebenso ein Rettungsfloß. Jedes Crew-Mitglied bekommt zudem ein Sicherheitsmesser, um sich zum Beispiel aus dem Gurt zu schneiden, eine Rettungsdecke und einen an der Person tragbaren PLB-Notsender (Personal Locator Beacon).

Avenarius ist ein erfahrener Pilot. Beruflich steuert er Jets. Dabei ist er meist in kontrolliertem Luftraum nach Instrumentenflugregeln unterwegs. Bei HPI dagegen fliegt er »wieder Flugzeuge, die ich seit meiner Flugausbildung eigentlich nicht mehr geflogen bin – viel manuelles Fliegen in niedriger Höhe.«

Seenotrettung aus Überzeugung: Warum Avenarius mitfliegt

Ein weiterer Unterschied: Während Berufspiloten im Reiseflug auch mal entspannen, müssen in der »Seabird 1« alle immer Ausschau halten – auch der Pilot. Noch etwas macht ihm manchmal zu schaffen: Mit seinen 1,85 Meter Körpergröße wird das Cockpit auf stundenlangen Flügen irgendwann sehr eng.

Warum tut er sich das an – und leistet die Arbeit bei der Seenotrettung sogar ehrenamtlich? »Ich bin hier, um Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmeer zu retten. Es gibt fast keine sicheren und legalen Fluchtwege in die Europäische Union. Daher nehmen die Menschen diesen tödlichen Weg auf sich«, sagt Avenarius, als wir zwei Tage nach dem Flug in einem Café auf Lampedusa sitzen.

Skipper Ingo Werth mit JachtSkipper Ingo Werth mit Jacht
Die Motorsegeljacht »Nadir«, geführt von Skipper Ingo Werth, ist ein Schiff der Organisation Resqship. Bild: Phillipp Steiner

Vom Berufspiloten zum freiwilligen Retter

Avenarius wurde in Dresden geboren und wuchs in Heidelberg auf. Die Pilotenausbildung absolvierte er bei der Flugschule RWL in Mönchengladbach, gekoppelt mit einem Studium im Fach »Aviation Business and Piloting – Technik und Wirtschaft in der Luftfahrt« an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes in Saarbrücken. Danach hatte er die Berufspilotenlizenz CPL samt »frozen ATPL«, der erst mit einer Mindeststundenzahl von 1500 Stunden aktiv wird, davon 500 Stunden im Multi-Pilot-Betrieb.

Seine erste Stelle bekam er bei SunExpress Deutschland auf einer Boeing 737. Durch Corona ging das Unternehmen jedoch unter. Später flog er Businessjets. Heute steuert er bei der DRF Luftrettung medizinische Evakuierungflüge mit einer Cessna Citation Sovereign+, wenn zum Beispiel ein Urlauber verletzt nach Hause muss. In der Freizeit hebt er mit einer Cessna 172 oder einer Diamond DA20 von Strausberg (EDAY) bei Berlin ab.

So bereitete sich Avenarius auf die Seenotrettung vor

Auf HPI wurde Avenarius 2019 aufmerksam. Beim Simulator-Training im Berliner Lufthansa-Trainingszentrum erzählte ihm jemand von der 2015 im schweizerischen Rehetobel gegründeten Organisation. HPI ist übrigens nicht nur im Mittelmeer aktiv. Die Organisation hat zum Beispiel auch ein System zum Abwerfen von Hilfsgütern entwickelt und half bei der Evakuierung von Opfern des Ukraine-Kriegs.

Seinen Einsatz bei der Seenotrettung bei HPI begann Avenarius dann 2025. Von Frankfurt-Egelsbach aus absolvierte er einen Checkflug auf der Baron, von der HPI zwei Exemplare besitzt. Auch die Diamond DA42 gehört zur Flotte der Hilfsorganisation. Es folgten Trainingsflüge, ein offizieller Check-Flug zum Erneuern seiner MEP-Lizenz sowie ein einwöchiges Training von Lampedusa aus. Zum Schluss kam ein Überführungsflug von Lampedusa nach Frankfurt-Egelsbach hinzu. »Dann konnte ich als Pilot-in-Command hier auf Mission gehen.«

»Nadir« auf Lampedusa»Nadir« auf Lampedusa
Die »Nadir« läuft auf Lampedusa ein. Bild: Phillipp Steiner

Dann entdeckt die Crew das Schlauchboot

So wie an diesem Tag. Die Crew hat Koordinaten des gesuchten Boots aus dem Notruf von Frontex. Aber die veralten jede Minute. Schließlich sichtet Nico das Objekt. Was man durch Fernglas und Teleobjektiv erkennt: Es ist ein Schlauchboot mit zahlreichen Menschen – 53, wie das UNHRC später mitteilt, aufgebrochen in Libyen. Einige sitzen auf den Schläuchen. Rettungswesten fehlen. All das rund 100 Kilometer von Land entfernt.

Eine weitere Gefahr aus Sicht der Retter: Libysche Akteure könnten die Flüchtenden verfolgen und gewaltsam zurückbringen. Sie könnten das nicht stoppen, nur dokumentieren, wie überhaupt alles festgehalten wird. Dafür ist Sellmeier zuständig, die fotografiert und filmt.

Die „Nadir“ erreicht das Schlauchboot

Zum Glück ist die »Nadir« auf dem Weg, das Schiff der Organisation Resqship. Sie fährt Such- und Beobachtungseinsätze im Mittelmeer und kommt Flüchtenden zu Hilfe. Die »Seabird 1« hat dem Motorsegler bereits die Koordinaten weitergeleitet. Nico informiert sie nun, dass das Boot ungefähr zweieinhalb Meilen voraus sei.

»Vielen Dank«, ertönt es aus dem Funk. Die »Seabird 1« verfügt neben der normalen Funkausrüstung, die Avenarius bedient, über Marine-VHF, also Seefunk, für den Nico zuständig ist. Zudem hat sie einen AIS-Empfänger (Automatic Identification System) an Bord, mit dem Schiffe in der Umgebung sichtbar werden.

Warum es bei der Rettung plötzlich schnell gehen muss

Vom Flugzeug aus erkennt man schließlich, wie das Schlauchboot und die »Nadir« sich aufeinander zubewegen. Von der »Nadir« legt ein Beiboot ab, das zum Schlauchboot hinüberfährt. Rettungswesten werden übergeben. Mehrmals dreht die »Seabird 1« von der Szene ab und fliegt nach Süden, um die Gesamtlage zu checken.

Dabei taucht eine mutmaßlich zur libyschen Küstenwache gehörende Einheit auf. Der Pilot bemerkt sie: »Schnellboot auf elf Uhr.« Das Fahrzeug zieht eine gewaltige Schleppe aufgewühlten Wassers hinter sich her. Funkspruch von Nico an die »Nadir«: »Patrouillenboot nähert sich vom Süden, aktuell sechs Meilen entfernt.« Antwort: »Wir beeilen uns.«

Flugzeug auf FlugplatzFlugzeug auf Flugplatz
Die Hilfsorganisation HPI besitzt zwei Beechcraft Baron und eine DA42. Bild: Phillipp Steiner

Nach der Rettung folgt der Dank über Funk

Der libyschen Küstenwache wird seit Jahren von Hilfsorgansationen vorgeworfen, Gewalt gegen Migranten und Flüchtende einzusetzen. Auch in einem neuen UN-Dokument ist von Menschenrechtsverletzungen durch sie die Rede. Ein Boot, das Nico dieser Gruppe zuordnet, fährt nun mit hoher Geschwindigkeit aufs Geschehen zu. Die Menschen vom Schlauchboot wurden zwar schon auf die »Nadir« evakuiert. Doch das Beiboot mit Crew befindet sich noch im Wasser. Die Libyer rasen bis auf wenige Meter heran – und drehen ab.

Eine Weile behält die »Seabird 1« das Geschehen noch im Auge, dann nimmt sie Kurs auf Italien, wohin auch die »Nadir« steuert. Über Funk dankt das Schiff dem Flugzeug: »Es war großartig, Eure Unterstützung zu haben.«

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