Unfallakte

Überladen in die Talfalle: Cessna 172 Skyhawk-Absturz in den Alpen

Erfahrung ist oft das, was man nicht hat, wenn man es am dringendsten braucht.
Das gilt vor allem für frischgebackene Piloten. Es bedarf Zeit und Training, um fliegerische Souveränität zu erlangen – riskant, wenn man auf beides verzichtet…

Von Redaktion

Angenommen Sie haben erst vor wenigen Tagen ihre PPL-Prüfung bestanden. Würden Sie dann als verantwortlicher Pilot bereits einen Flug durch anspruchvolles Gelände wie etwa die Alpen wagen? Mit Gästen an Bord? Wohl kaum. Allenfalls unter Anleitung eines erfahrenen Gebirgsfliegers, der Sie zuerst mit den Tücken der Bergwelt vertraut macht. Doch genau auf diese Unterstützung verzichtete ein blutiger Anfänger, der in den Walliser Alpen mit einer Cessna verunglückte. Und an realistischer Selbsteinschätzung mangelte es offenbar ebenso.

Am 19. August 2005 steigt der 37-jährige tschechische Pilot zusammen mit einem Fliegerkameraden und zwei Passagieren in eine Cessna 172. Der Trip soll von Prag nach Friedrichshafen am Bodensee führen. Geplant ist eine Route über Norditalien durch die Alpen ans Nordufer des Bodensees – eine Herausforderung für einen Piloten, der eine Gesamtflugerfahrung von gerade mal 79 Stunden hat. Der Mann vorne links im Cockpit hat seine PPL-Prüfung erst zwei Wochen zuvor bestanden. Das Flugzeugmuster kennt er ganze 15 Stunden. Sein elf Jahre jüngerer Begleiter kommt auf immerhin 216 Stunden. Er besitzt seinen PPL seit vier Jahren, hat aber während der letzten zwölf Monate gerade mal ein Dutzend Flugstunden absolviert. Und wie sieht’s bei beiden mit Gebirgserfahrung aus? Fehlanzeige.

Der Start glückt noch – trotz verkorkstem Schwerpunkt

Schlechtes Wetter zwingt die Besatzung am 22. August nach kurzem Flug zu einer Zwischenlandung in Locarno am Nordende des Lago Maggiore. Am nächsten Tag soll es zunächst in westlicher Richtung weitergehen, via Domodossola über den Simplonpass in die Schweiz. Dieser Pass verbindet das Tal Val d’Ossola in der italienischen Provinz Verbano-Cusio-Ossola mit dem Rhonetal im Schweizer Kanton Wallis. Der direkte Weg nach Friedrichshafen wäre die wesentlich kürzere Nordroute. Die aber scheidet wegen schlechten Wetters aus. Gegen Mittag des 23. August geben die Piloten im Büro des AIS Locarno einen Flugplan auf. Die vorgesehene Reiseflughöhe soll demnach 9500 Fuß betragen. Ein tragbares GPS unterstützt die Crew bei der Sichtnavigation.

Mit vollen Tanks, 60 Kilogramm Gepäck im Stauraum und zwei Passagieren startet die Cessna um 14:50 Uhr Richtung Domodossola. Mit einer Abflugmasse von 1180 Kilo. Dass der Hochdecker damit überladen ist und zudem aus dem hinteren Trimmbereich fällt, scheint den Piloten nicht weiter aufzufallen. Immerhin kommt die Einmot trotz des Gewichts- und Trimmhandicaps noch vom Boden, mit 700 Metern Bahnlänge reicht die Piste 08C in Locarno. Auch die Wettervorhersage für den ersten Abschnitt liefert keinen Anlass, sich zu sorgen: drei bis vier Achtel Bewölkung mit Untergrenzen in 8000 bis 9000 Fuß, 30 Kilometer Sicht und Nord- bis Nordostwind um zehn Knoten, in Böen um 20 – das hört sich machbar an. Lediglich leichte bis mäßige Turbulenzen durch Nordföhnlage könnten den Komfort etwas beeinträchtigen. Stärkere Bewölkung mit tiefen Untergrenzen sind laut METAR erst weiter im Norden zu erwarten.

Einflug in die Talfalle – und die Crew ahnt nichts

Doch soweit kommt die Skyhawk gar nicht. 35 Nautische Meilen westlich von Locarno erreicht sie ihre größte Höhe von knapp 7000 Fuß. Von da ab geht sie in einen kontinuierlichen Sinkflug über. Nahe Varzo, wenige Meilen vor dem Simplonpass, verliert die Cessna innerhalb von drei Minuten 800 Fuß. Das geht aus der Rekonstruktion der GPS-Daten hervor. Die Ursache: starke Abwinde. Eine Tücke der Gebirgsfliegerei, die beide Piloten offenbar überrascht. Nur wer alpine Flugerfahrung hat, weiß, dass bei Föhnwetterlagen in den Alpentälern mit starken Fallwinden gerechnet werden muss. Um in einer derartigen Situation die Höhe halten und dem Sinken entgegen wirken zu können, hilft also nur: Gas rein und raus aus dem Abwindfeld.

Doch die Cessna hat keine Powerreserven mehr. Und die Zeit wird knapp. Noch bevor die Crew etwas ahnt, hat die Talfalle zugeschnappt. Zu spät bemerken die Pioten, dass die überladene Cessna den nur noch zweieinhalb Meilen entfernten und 6560 Fuß hohen Pass nicht mehr schaffen wird. Der verzweifelte Versuch einer Umkehrkurve scheitert an der schlechten Performance und der verkorksten Schwerpunktlage. Die Maschine stallt, kippt über die rechte Fläche ab und zerschellt in einem Wald nahe des Dorfes Simplon. Alle Insassen sterben.

Noch bevor die Crew etwas ahnt, hat die Talfalle zugeschnappt

In ihrem Abschlussbericht kommen die Experten des Schweizerischen Büros für Flugunfalluntersuchungen (BFU) zu dem Ergebnis, „dass die anspruchsvollen Windverhältnisse sowie das zu schwere und falsch beladene Flugzeug für die Piloten Rahmenbedingungen darstellten, die sie mit ihrer geringen Flugerfahrung nicht mehr bewältigen konnten.“ Die Auswertung der GPS-Aufzeichnungen offenbart zudem, dass die Cessna 172 trotz Abwind weiter Richtung Simplonpass flog und zu spät in eine Umkehrkurve gesteuert wurde. Ungeklärt bleibt, warum der Pilot in seinen Berechnungen mit 998 Kilogramm eine zu niedrige und damit falsche Abflugmasse aufgeführt hat. Das Flughandbuch der 172er erlaubt eine maximale Abflugmasse von 1089 Kilo. Tatsächlich wog der Viersitzer beim Start 1180 Kilo, also 91 Kilo zuviel. Vielleicht ein Rechenfehler. Vielleicht aber auch grobe Fahrlässigkeit – die vier Menschen das Leben gekostet hat.

Text: Peter Berg/ Markus Wunderlich, fliegermagazin 6/2007

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