WISSEN

/

Volunteer beim EAA AirVenture in Oshkosh – ein Erfahrungsbericht

Mitten drin, statt nur dabei: Nach seinem ersten Besuch beim AirVenture bewirbt sich unser Autor kurz entschlossen als freiwilliger Helfer fürs nächste Jahr. Im Sommer 2025 erlebte er das berühmte Fly-In dann als Teammitglied.

Von Redaktion Fliegermagazin bei Google bevorzugen
Volunteer beim EAA AirVenture: Gut vorbereitet: Am FLO-Gebäude in der »North 40« findet vor Platzöffnung das Briefing mit Freiwilligen und Fluglotsen der FAA statt.
Gut vorbereitet: Am FLO-Gebäude in der »North 40« findet vor Platzöffnung das Briefing mit Freiwilligen und Fluglotsen der FAA statt. Bild: Florian Reuter

Es ist der Freitag vor der großen Show, der wolkenlose Himmel gibt sprichwörtlich den Startschuss ins Ankunftswochenende zum AirVenture 2025 in Oshkosh. Der reflektierende Beton lenkt das Sonnenlicht bereits seit zwölf Stunden über die Sonnencreme auf meiner Haut. Aber in knapp zwei Stunden wird der Platz für heute schließen – Feierabend. Im Herbst zuvor, kurz nach meinem ersten Besuch der Airshow, habe ich mich als Freiwilliger bei der Flight Line Operations (kurz FLO) gemeldet. Als Einweiser auf dem Feld – zwischen Pisten und Airshow. Motorengeräusche von früh bis spät und damit noch zur Sicherheit beitragen, das ist für mich ein wahrer Traum.

In Stein gemeißelt – den legendären Haupteingang zum Oshkosh Fly-in durchqueren pro Woche gut 700.000 Besucher. Bild: Florian Reuter

Aufgeweckt vom Funkspruch »Mooney Massenankunft, 10 Meilen draußen«, blicke ich in den Himmel. Knapp 70 Maschinen in Dreiergruppen halten auf Oshkosh zu. Jeweils zwei setzen auf der Piste 36 L auf, der Dritte auf der 36 R. Dienst am Turn & Curve, der Mündungsstelle beider Pisten, bedeutet: Die Gruppe im Reißverschlussverfahren wieder zusammenführen, ohne Berührungen, ohne Stehenbleiben. „Die rollen gerne sehr schnell“, hieß es im Briefing. „Bremse sie in jedem Fall etwas ab.“ Ich versuche krampfhaft, die Parallelen zum Straßenverkehr zu verdrängen. Nun stehe ich hier und schaue der ersten Mooney ins Cockpit. Kurzer Blick zum Supervisor in der nächsten Kurve, der Weg ist frei.

Durchwinken, eine, zwei, umdrehen. Nummer drei war schon fast an mir vorbei – abbremsen, einreihen, zurückdrehen. Sekunden später rollt Gruppe zwei an. Das Ganze Prozedere beginnt von vorne. Einzelne rollen mit genug Geschwindigkeit zum Vordrängeln, also muss ich energischer winken. Sie bremsen ab. Ich deute auf den nächsten in der Sequenz zum Einreihen. Ob sie meine Signale wohl richtig deuten? Was wie eine erste Tanzstunde aussieht, fühlt sich nur wie ein kurzer Moment an, dauert aber tatsächlich 15 Minuten. Der Blick auf die Perlenkette der Flieger auf der Rollbahn erfüllt mich mit Stolz.

Ein Team aus erfahrenen Helfern

Am Tag zuvor schien noch alles ruhig. Am Gebäude der FLO-Gruppe »North 40« angekommen, konnte ich meine Kontaktperson sowie die ersten Urgesteine der Flightline, die teilweise bereits seit 30 Jahren dabei sind, kennenlernen und bekam ein T-Shirt, Warnweste und die Parkplakette fürs Auto. Ein freundlicher Austausch über die gemeinsame Leidenschaft, eine kurze Tour durchs Gebäude und dann, Punkt zwölf Uhr mittags, traten die »Oshkosh Rules« in Kraft, veröffentlich in einem 30-seitigen NOTAM-Pamphlet.

Blick vom Pistenkreuz auf die Warbirds-Flightline, am Himmel
überfliegen die Goodyear-Blimps anlässlich ihres 100. Geburtstages den Platz.
Blick vom Pistenkreuz auf die Warbirds-Flightline, am Himmel
überfliegen die Goodyear-Blimps anlässlich ihres 100. Geburtstages den Platz. Bild: Florian Reuter

Herabgesetzte Staffelung, Fisk VFR Arrival Procedure, Schild mit Kürzel des Parkplatzes ins Fenster hängen, keine Rollkontrolle – das sind die wichtigsten Punkte. Was dort nicht geschrieben steht, ist die tatsächliche Bedeutung für den Bodenbetrieb: Alles über den Pistenrand hinausgehende ist als Non-Movement Area deklariert. Die US-Luftfahrtbehörde FAA gibt somit jede Aufsicht über den Flugplatz mit Ausnahme der Pisten ab. Rollhalte verlieren ihren Status und eine ganze Heerschar an FLO-Freiwilligen tritt auf den Plan.

Nicht nur Ramp Service

Die »North 40« ist dabei nicht nur für das Parken der Besucherflugzeuge in ihrem Bereich, also General Aviation Camping (GAC) und Parking (GAP), sondern auch für den Verkehrsfluss auf der Nordhälfte des Wittman Airport, beginnend ab der Schwelle der 18, verantwortlich. Es wird eine Grasrollbahn rund um das Westende der Piste 09/27 angelegt. Schilder mit wichtigen Frequenzen, Anweisungen und Wartebereichen werden angebracht – alles Marke Eigenbau. Entlang des Grasstreifens winken Kadetten der Civil Air Patrol Maschinen von der Piste und schicken sie zu den Freiwilligen der FLO, die an strategischen Punkten und Kreuzungen entlang des Platzes aufgestellt sind und mithilfe der Einweiserzeichen jedes Flugzeug zum passenden Parkplatzbereich dirigieren, der auf dem Schild im Cockpitfenster prangt.

Rundum versorgt: Der Hänger der „Operation Thirst“ wird von einem Golfcart gezogen und versorgt die Freiwilligen mit Getränken, Sandwiches und Süßigkeiten. Bild: Florian Reuter

Dort übernimmt eine weitere Gruppe von Volunteers die Einweisung in die Parkposition. Zum Kreuzen der Pisten werden Fluglotsen zu Einweisern und stehen mit Headsets hörbereit an den Rollbahnen, um die Maschinen herüberzuwinken. Dieses beeindruckende Zusammenspiel ist nur durch klare Kommunikation und Koordination möglich. Dafür ist das Gebäude der North 40 Flightline dauerbesetzt – gut situiert mit klarem Blick auf die Piste 09/27 – und steht in direktem Funkkontakt mit dem Tower. Die Mitarbeitenden dort verfügen über Pläne von Sonder- und Massenanflügen, um immer den Überblick zu behalten. Vor Ort werde ich schnell in die Gruppe aufgenommen, so als sei ich schon immer dabei gewesen. Ich werde Teil einer Kultur, die sich über Jahrzehnte entwickelt hat – mit eigenen Ritualen, Regeln und einem großen
Schatz an Insider-Witzen.

Volunteer beim EAA AirVenture – Start auf der Flightline

Früh morgens, kurz nach sechs Uhr, beginnt der Tag auf der Flightline. Aufgeteilt ist er in vier Schichten von drei bis vier Stunden Dauer, für die man sich einzeln oder gleich als Team eintragen kann. Dabei hat man selbst die Wahl, ob man lieber an die Rollwege oder zur Parkfläche möchte. Wer sich für »Traffic« entscheidet, sorgt dafür, dass der Fluss nicht stockt. Wer das »Parking« übernimmt, sorgt für Ordnung auf den letzten Metern und bringt die Maschinen in Reih und Glied. Noch vor der offizieller Platzöffnung kommen Fluglotsen der FAA zum FLO-Gebäude und geben ein Briefing über die zu erwartende Betriebsrichtung, Probleme oder Besonderheiten. Es wird viel gescherzt, viel gelacht, aber ebenso viel gedankt für die Arbeit vor Ort.

Gut vorbereitet: Am FLO-Gebäude in der „North 40“ findet vor Platzöffnung das Briefing mit Freiwilligen und Fluglotsen der FAA statt. Bild: Florian Reuter

Die Belohnung dafür ist nicht gering. Für jeden Tag, an dem man eine Schicht übernimmt, gibt es das Einlass-Armband geschenkt. Wer die ganze Woche geplant ist, betritt das Gelände mit dem Weekly-Armband. Der Parkplatz auf dem eigentlichen Flughafengelände spart lange Wege sowie Wartezeit und von „Operation Thirst“, der Versorgungsgruppe mit den Golfcarts, wird man wie ein Rockstar behandelt. Es gibt eisgekühltes Wasser, Softdrinks, Snacks und so viele Sandwiches, wie man tragen kann. Dazu gibt es Abzeichen fürs Volunteer-Shirt: Ein FLO-Patch oder der hölzerne Challenge-Coin zeigen 20 Stunden Mitarbeit. Ab 40 Stunden gibt es außerdem einen Camping- Gutschein fürs kommende Jahr. Vor allem aber ist da das Gefühl, nicht nur Zuschauer, sondern Teil dieses gewaltigen Uhrwerks zu sein.

Volle Konzentration am Taxiway

Nun wird es ernst. Stäbe oder Kellen zum Winken abholen, Sonnencreme auftragen und den Rucksack mit den bereitgestellten Getränken auffüllen, bevor das interne Briefing startet. Hier werden Besonderheiten,
die aktuell genutzten Parkbereiche und die Team-Einteilung besprochen. Innerhalb der Verkehrsschichten wird man einem Supervisor zugeteilt, der zwei bis drei Freiwillige betreut. Ist man zum ersten Mal in Oshkosh dabei, bekommt man eine Tour über das ganze Gelände. Jede zu besetzende Position mit ihren Besonderheiten und die örtlichen Gegebenheiten sowie Prozesse werden dabei genauestens erklärt. Nützliche, aber nicht notwendige Vorkenntnisse sind die Flugplatzkarten und Einweiserzeichen. All dies
ist aber auch in einem Taschenheftchen zum Nachlesen zusammengefasst.

Stilechte Dienstwagen: Im VW Käfer fährt das Team mit seinem Supervisor zum Einsatzort – auf dem Rücksitz links sitzt unser Autor Florian Reuter. Bild: Florian Reuter

Kurze Toilettenpause, dann schwärmt die Flotte umgebauter VW Käfer, ATVs und Kleinbussen zu den Einsatzorten aus. Und dann gibt es diese Momente, die hängen bleiben. Wenn man sich wie auf einem Flugzeugträger fühlt, als die F-22 zur Airshow kommen und die Piloten den eigenen Winkzeichen folgen müssen, wie normale Cessna-Crews. Wenn man eine Gruppe von RV-6 mit komisch wirkenden Handbewegungen in eine kleine asphaltierte Ecke einweisen muss, damit die Douglas DC-8 mit ihrer mächtigen Spannweite noch vorbei passt. Wenn die nachgebaute Messerschmidt Me-262 landet und die Kollegen humorvoll darauf bestehen, dass für die historisch korrekte Darstellung „der Deutsche“ das Flugzeug dirigieren muss. Oder wenn das Zelt eines Campers vom Propwash einer T-6 in gänzlich neue Formen gebracht wird, man spontan beim Wiederaufstellen hilft, und dafür abends zum Grillen eingeladen wird. Manche Freiwillige verzichten bewusst auf die offizielle Flugshow, weil das, was man an der Flightline erlebt, viel intensiver ist.

Ein Teil des großen Ganzen

Vielleicht sind es aber gar nicht die Superlative, die Oshkosh ausmachen, sondern es sind die Menschen. Ingenieure stehen Schulter an Schulter mit Studenten, Rentner neben Azubis. Man lernt voneinander, erzählt Geschichten, lacht über Missgeschicke, gibt Tipps. Alte Freundschaften treffen auf neue Gesichter. Abends, wenn die Beine müde sind, reicht es manchmal nur noch für ein Bier im Zelt der SOS-Brothers oder ein kurzes Gespräch am Parkplatz. Am letzten Tag sitzen dann aber hunderte Volunteers aus allen Bereichen des Events bei der großen Wind-Down-Party mit Burger-Buffet zusammen, trinken, lachen, reflektieren und erinnern sich. Ein letzter gemeinsamer Abend bevor der Alltag beginnt. Die Airshow wird dabei ausnahmsweise zur Nebensache. Das Orange der FLO-Shirts sticht an jeder Ecke hervor. Es entsteht eine Verbindung aller Bereiche, die bis spät in die Nacht vertieft wird.

Im Nature Center treffen sich die Helferinnen und Helfer aller Bereiche abends zur Wind-Down-Party am Buffet zu Gesprächen bis in die Nacht. Bild: Florian Reuter

Als Teil der Flightline Ops beginnt man schnell das große Ganze zu verstehen. Man erkennt Muster, begreift das kontrollierte Chaos, sieht den Wechsel vom Tower zum Airboss, wenn die Airshow übernimmt, wird vom Tower direkt angefunkt, wenn eine größere Maschine am Threshold 18 mehr Platz braucht. Aus einem Zuschauer wird ein Zahnrad im Getriebe, das über zehntausend Flugbewegungen in einer Woche sicher ermöglicht. So geht die Woche zu Ende. Direkt am Pistenrand stehend, blickt man jeder startenden Maschine hinterher, die eben noch auf der Boeing Plaza ausgestellt war. Wehmütig fliegt man nach Hause, im Gepäck das Gefühl, Teil von etwas Größerem gewesen zu sein. Man verspricht sich in diesem Augenblick: „Ich komme zurück.“

Text & Fotos: Florian Reuter

Schlagwörter