Unfallakte

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Zusammenstoß in der Luft: Kollision zweier Cessna 152

Zwei Flugzeuge kommen sich im Anflug auf einen Verkehrslandeplatz nahe, ohne dass die Piloten es merken. Die Folgen der Annäherung sind fatal

Von Redaktion

Erst vor wenigen Wochen kollidierten nahe dem mittelhessischen Reichelsheim zwei Kleinflugzeuge in der Luft, acht Menschen starben dabei. Am Steuer beziehungsweise an Bord saßen erfahrene Piloten, das Flugwetter war bestens – und dennoch kam es zu dem fürchterlichen Unfall, dessen Ursachen derzeit noch erforscht werden.
Auch der 28. September 2002 ist ein sonniger Tag. Der Wind bläst mit zwei Knoten über das flache Land am Niederrhein, und bei mehr als zehn Kilometern Sicht ist der Himmel bis 1500 Meter über dem Boden wolkenlos – ideale Sichtflugbedingungen.

Ein Flugschüler, der kurz vor seiner praktischen Prüfung steht, nähert sich gegen 10.30 Uhr in einer Reims Cessna F152 dem Verkehrslandeplatz Mönchengladbach. Von dort ist er am Morgen zu einem Soloflug nach Münster-Telgte gestartet. Über den Pflichtmeldepunkt Tango will er in die Kontrollzone von EDLN einfliegen, die aktive Piste ist die „13“. In ihrer Richtlinie „VFR-An- und Abflugverfahren an kontrollierten Flugplätzen“ fordert die Deutsche Flugsicherung unter anderem, dass für Pflichtmeldepunkte Stellen ausgewählt werden sollten, die auf der ICAO-Karte Maßstab 1:500 000 zu erkennen sind.

Foto: BFU
Kraft und Gegenkraft: Die tiefer fliegende Maschine rollt nach links, als das Rad ihre Fläche berührt. Ihr Propeller richtet großen Schaden an (Foto: BFU)

Für den Pflichtmeldepunkt Tango nördlich der Kontrollzone von Mönchengladbach trifft das nicht zu; allein die Anflugkarte im AIP VFR lässt eine Straßenkreuzung am nordwestlichen Rand der Ortschaft Tönisvorst als mögliche Orientierungshilfe erkennen. Der aus Westen anfliegende Schüler hat trotz der guten Sicht Probleme, Tango zu finden, und bittet den Towerlotsen um navigatorische Hilfe. Dieser weist ihm einen Transpondercode zu und nennt einen Steuerkurs, der zum Pflichtmeldepunkt führt.

Nahe Mönchengladbach: Zwei Maschinen, ein Ziel


Nur wenig später meldet sich eine weitere Cessna F152 zum Anflug über Tango. Die blau-weiß lackierte Maschine wird ebenfalls von einem Flugschüler gesteuert und fliegt aus nördlicher Richtung an, an Bord ist auch ein Fluglehrer. Der Lotse weist die Besatzung auf die andere Cessna hin und erhält kurz darauf die Bestätigung: „Traffic in sight.“ Fluglehrer und Schüler sehen die andere Maschine in der Zwei-Uhr-Position, eigenen Schätzungen zufolge etwa 100 bis 150 Fuß über der eigenen Flughöhe. Obwohl sich die Kurse beider Maschinen kreuzen, schätzen Fluglehrer und Schüler die Situation als normal ein und weichen nicht aus.

Wenige Sekunden nach ihrem Funkspruch – die Crew funkt in englischer Sprache, der Soloflieger als Besitzer eines BZF II auf Deutsch – melden sie den Anflug auf den Pflichtmeldepunkt, ohne dabei Entfernung und Flughöhe zu nennen. Radaraufzeichnungen zufolge sind Schüler und Lehrer zu diesem Zeitpunkt noch eine Nautische Meile von Tango entfernt, in einer Höhe von zirka 1400 Fuß MSL. Die Besatzung hat mittlerweile die andere Cessna wieder aus den Augen verloren. Nur 13 Sekunden später meldet der allein fliegende Schüler den Überflug desselben Pflichtmeldepunkts; eine gesonderte Warnung vor der nahen zweiten Maschine erhält er vom Lotsen zunächst nicht. Er leitet aus 1700 Fuß einen leichten Sinkflug ein, um die für An- und Abflüge vorgeschriebene maximale Flughöhe von 1500 Fuß einzuhalten.

Kollision zweier Cessna 152: Rad trifft auf Flügel

Dabei nimmt seine Cessna Fahrt auf; sie fliegt nun auf gleichem Kurs und etwas schneller als die vorausfliegende Maschine – und nur noch ein paar Fuß höher. Ohne es zu wissen, schließt der Soloflieger zur blau-weißen Cessna auf, die in einer Position leicht rechts und unterhalb versetzt fliegt. Die Motorhaube verdeckt die Sicht voraus auf den anderen Hochdecker, der aus der anderen Maschine ebenfalls nicht mehr zu entdecken ist – der linke Flügel blockiert die Sicht nach hinten oben. Der Lotse erteilt dem Solopiloten die Einflugfreigabe in die Kontrollzone und weist ihn nun auf die andere Schulmaschine hin, erhält jedoch für Freigabe und Verkehrswarnung keine Bestätigung mehr. Kaum ist der Funkspruch abgesetzt, meldet der Fluglehrer einen Zusammenstoß.

Foto: BFU
Chancenlos: Ohne rechte Tragfläche stürzt die Reims Cessna in die Tiefe, der Pilot stirbt (Foto: BFU)

Dabei berührt die von hinten kommende Cessna mit dem rechten Hauptfahrwerk zunächst den linken Flügel der vorausfliegenden Maschine, wodurch diese nach links rollt und mit dem Propeller die rechte Fläche der anderen Cessna so beschädigt, dass sie in großen Teilen abgetrennt wird. Der Solopilot überlebt den folgenden Crash nicht. Obwohl bei der doppelt besetzten Cessna das linke Querruder durch den Zusammenprall verklemmt, linker Flügel und Propeller schwer beschädigt sind, gelingt den Insassen die Landung in Mönchengladbach. Sie kommen mit dem Schrecken davon.

Keine genügende Luftraumbeobachtung

Die Ermittler der Bundesstelle für Flug- unfalluntersuchung (BFU) nehmen die Arbeit auf. Neben den Spuren auf den Unfallmaschinen konzentrieren sie sich vor allem auf den aufgezeichneten Funkverkehr zwischen Tower und Piloten sowie auf die Radardaten. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Zweierbesatzung der kreuzenden Maschine zu rasch keine Beachtung mehr geschenkt und es versäumt habe, wieder Sichtkontakt herzustellen und gegebenenfalls den Abstand zu vergrößern. Selbst bei einem geringeren Kollisionspotenzial, so die BFU, wäre es pädagogisch durchaus sinnvoll gewesen, einen Flugschüler zu einem aktiven, rechtzeitigen Ausweichmanöver zu veranlassen: ganz im Sinne guter Airmanship.

Doch auch der Solopilot habe den Luftraum nur ungenügend beobachtet – wohl auch, weil er sich vor allem auf die Suche nach dem Pflichtmeldepunkt konzentrierte. Die an ihn gerichtete Warnung des Lotsen vor dem vorausfliegenden Zweisitzer kam am Ende zu kurzfristig, um noch eine reelle Chance zu haben, die Gefahr zu erkennen und auszuweichen. Zusätzlich dürfte es ihm die lückenhafte und noch dazu zweisprachige Kommunikation zusätzlich erschwert haben, allein durch Zuhören ein Bild der Situation um den Pflichtmeldepunkt Tango zu bekommen.

Text: Samuel Pichlmaier, fliegermagazin 2/2013

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