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Touch & Go Erfurt-Weimar – Der stille Airport

Viel Platz für General Aviation und eine freundliche Genehmigung unseres Fotoflugs über der Innenstadt – auch kulturell lohnt sich der Flug nach Erfurt.

Von Gernot Krämer
Lichtverzaubert - Der Weihnachtsmarkt findet wieder auf dem großen Erfurter Domplatz statt, und zwar vom 22. November bis zum 22. Dezember.
Lichtverzaubert - Der Weihnachtsmarkt findet wieder auf dem großen Erfurter Domplatz statt, und zwar vom 22. November bis zum 22. Dezember.

Unter den Verkehrsflughäfen der Bundesrepublik zählt Erfurt-Weimar zu den beschaulichen. Nur etwa zwei bis vier Charterflüge täglich nutzen den Luftraum D der Kontrollzone, die meisten fliegen zu bekannten Urlaubszielen in Europas Süden. Da bleibt viel Raum für die Allgemeine Luftfahrt – und wir nutzen ihn. Unsere Bitte, für ein paar Luftbilder über die Innenstadt zu fliegen, wird anstandslos gewährt, auch eine zusätzliche Platzrunde zum Fotografieren ist drin.

2.600 Meter Asphaltpiste bietet der internationale Flughafen Erfurt-Weimar. Kontrolliert wird er von Lotsen in Leipzig über einen Remote Tower.
Bild: Gernot Krämer

Fliegerisch bietet Erfurt seit April eine Besonderheit, die es derzeit in Deutschland nur ein weiteres Mal gibt – in Saarbrücken. Die Lotsen lenken den Flugverkehr über einen Remote Tower. Sie sitzen in Leipzig; in Erfurt sind Kameras und Sensoren installiert, mit deren Hilfe die Controller aus der Ferne den Überblick behalten. Freundlich, unkompliziert und preislich moderat gestaltet sich das Begleichen der Gebühren wie auch später die Abfertigung. Es dauert nicht lang, bis wir auf dem Vorplatz neben einer eingezäunten Iljuschin Il-18 der Interflug stehen. Dort warten wir auf die Straßenbahn, die uns in die Stadt bringen soll.

Auf den Spuren Napoleons

Eine Viertelstunde später steigen wir am Brühler Garten aus und orientieren uns Richtung Domberg. Die insgesamt sechs Türme von Dom und Sankt Severi beherrschen nicht nur die Skyline der Altstadt, sondern auch den überraschend großen Domplatz zu ihren Füßen. Bei der Belagerung der von Napoleons Truppen besetzten Stadt wurde hier 1813 ein ganzes Viertel so zerschossen, dass nur noch der Abriss blieb. Seitdem hat Thüringens Landeshauptstadt mitten im Zentrum einen großen freien Raum, der für alles Mögliche genutzt wird. Open-air-Konzerte, die Domstufen-Festspiele, das Erfurter Oktoberfest oder jüngst die Feiern zum Tag der deutschen Einheit.

Weithin bekannt ist auch der Weihnachtsmarkt, der als einer der schönsten Deutschlands gilt und in diesem Jahr vom 22. November bis zum 22. Dezember stattfindet. Steigt man die Freitreppe zwischen beiden Kirchen hinauf, öffnet sich der Blick auf die dann wohl wieder festlich beleuchtete Altstadt. Besonders imposant ist der mächtige Unterbau des Doms, der sich über den Hang hinaus stadtwärts vorschiebt. Mehrfache Erweiterungen im Laufe der vielhundertjährigen Baugeschichte machten es nötig.

Käpt’n Blaubär und Tigerente

Das heute wunderschön sanierte historische Zentrum von Erfurt war in der DDR trotz einzelner Bemühungen jahrzehntelang dem Verfall preisgegeben. Im Dezember 1989 wurde es von den Erfurtern mit einer Bürgerinitiative und einer Menschenkette „gerettet“. Dieser Erfolg wird besonders augenfällig, wenn man gegenüber der Freitreppe in die Marktstraße hineinläuft. Hier befindet man sich auf der mittelalterlichen Fernhandelsstraße Via Regia, die quer durch Europa bis nach Moskau und Kiew führte und am Aufstieg und frühen Reichtum der Stadt großen Anteil hatte.

Das imposante Erfurter Rathaus am Fischmarkt aus der Luft.
Bild: Gernot Krämer

Je näher man dem zentralen Fischmarkt kommt, wo das Rathaus steht, desto prächtiger werden die Bürgerhäuser. Neben dem Rathaus steht die Skulptur eines TV-Stars, an dem sich die Geister scheiden: Für die einen ist „Bernd das Brot“ einfach Kult – eine skurrile Figur, die sich dem Gute-Laune-Diktat der Fernsehunterhaltung verweigert. Für die anderen ist er eine witzlose Jammergestalt. Fest steht jedenfalls, dass die Plastik zu den meistfotografierten Objekten Erfurts zählt, und sie ist nicht die einzige ihrer Art.

Bewohnte Brücke

Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, wird auch das Sandmännchen, Käpt’n Blaubär und Hein Blöd, Pittiplatsch, die Tigerente und noch viele andere Figuren des in Erfurt ansässigen Kinder Fernsehkanals KiKA finden. Ganz heißer Tipp für alle, die mit Nachwuchs unterwegs sind: In der Tourist Information wenige Schritte weiter den Kinderstadtplan mitnehmen, mit dem die Kleinen nach ihren Fernsehlieblingen suchen und sich auf diese Weise Erfurt selbst erschließen können. Die meisten Skulpturen stehen sowieso an den bekannten Sehenswürdigkeiten, also strategisch betrachtet eine Win-win-Situation für Groß und Klein.

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Jetzt ein besonderes Abo-Angebot zur Power Week sichern! Bild: Jahr Media

Gleich hinterm Benediktplatz gelangt man zum wohl größten Besuchermagneten und Wahrzeichen von Erfurt: der 128 Meter langen Krämerbrücke. Wer nicht aufpasst, kriegt es vielleicht gar nicht mit, denn in dem gleichnamigen Sträßlein sieht man nichts vom Wasser. Es handelt sich um die einzige vollständig bebaute und bewohnte Brücke nördlich der Alpen. Früher waren solche bebauten Brücken in Europa weit verbreitet, meist wurden die Häuser jedoch später abgerissen, um mehr Platz für den Verkehr zu schaffen. Wer Erfurt auslässt, muss heute bis Florenz reisen, um etwas ähnliches zu sehen: den Ponte Vecchio.

Wie sehr der Fluss – die Gera – Erfurt geprägt hat und noch immer prägt, wird an vielen Orten deutlich. Bei schönem Wetter baden oder rasten die Menschen mitten in der Stadt am oft nur knietiefen Wasser und es ist leicht nachzuvollziehen, warum die Via Regia gerade hier an dieser flachen Stelle die Gera überquerte. Von dieser Furt, die im Mittelalter noch Erphesfurt hieß, erhielt die Stadt den Namen. Auch etliche Biergärten und Terrassenlokale profitieren von der herrlichen Lage fast ebenerdig am Fluss.

Nach Adam Riese …

Am unteren Ende der Michaelisstraße, gleich neben der Krämerbrücke – die übrigens nach den Händlern heißt, die dort ihren „Kram“ verkauften, ragt am Haus Nummer 48 die Büste eines bärtigen Mannes aus der Wand. Es ist der sprichwörtlich gewordene Mathematiker Adam Ries, der entscheidende Jahre in Erfurt lebte und wirkte. Sein Lehrbuch
„Rechnung auff der Linihen“ (gemeint ist: auf der Linie) wurde 1518 in eben diesem Haus gedruckt und hatte auch deshalb so großen Erfolg, weil es auf deutsch und nicht in der damaligen Gelehrtensprache Latein geschrieben war.

Apropos Gelehrsamkeit: Die Erfurter Universität, deren Ursprünge in diesem Viertel liegen, bringt das Kunststück fertig, gleichzeitig die älteste und die jüngste Deutschlands zu sein. 1379 stellte der Papst das Gründungsprivileg aus. Weil sich die Aufnahme des Lehrbetriebs aber noch einige Jahre hinzog, traten derweil Heidelberg und Köln auf den Plan und erheben nun gleichfalls Anspruch auf den Ehrentitel. Die Blütezeit der Universität lag im 16. Jahrhundert, als Martin Luther hier studierte und von Erfurt wichtige Impulse für die Reformation ausgingen. Nach langem Niedergang erfolgte 1816 – beim Tiefststand von nur noch 20 Studenten – die Schließung, 1994 allerdings eine Neugründung, und inzwischen geht
die Zahl der Studierenden wieder in die Tausende.

Mit einem Spaziergang über den Anger, eine Prachtstraße, an der sich in einem Barockpalais heute unter anderem die Thüringer Staatskanzlei befindet, schließen wir unsere Runde für diesmal ab und nehmen die Straßenbahn zurück. Am Flughafen bleibt es ruhig, erneut sind wir der einzige Verkehr. Das ist bestimmt nur wegen Corona so und Spötter, die das Projekt Airfurt (so der Name des angrenzenden Büroparks) zu Erdfurt verballhornt haben, übertreiben gewiss schamlos.

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