Unfallakte

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Absturz in Zeitlupe: Strömungsabriss des Oldtimers Klemm L 25

Beim Übungsflug mit einem Oldtimer kommt der Pilot in geringer Höhe in Schwierigkeiten: In einer Linkskurve lässt sich die Maschine plötzlich nicht mehr steuern und schmiert ab. Doch aus welchem Grund?

Von Redaktion
Foto: Samuel Pichlmaier

Einmal selbst am Steuer eines Luftfahrtklassikers sitzen – für viele Piloten ist das ein großer Traum. Nicht wenige haben wegen ihrer Liebe zu einem ganz bestimmten Muster überhaupt erst mit der Fliegerei angefangen. Beim Fliegenden Museum in Großenhain bei Dresden gibt es die Möglichkeit, diesen Traum wahr werden zu lassen. Etwa mit einer Klemm L 25, einem Oldtimer mit klangvollem Namen.

Doch auch das gutmütigste Flugzeug will gemeistert werden, und so treffen sich am Abend des 6. Juli 2014 einige Mitglieder des Vereins für historische Flugzeuge am Flugplatz Großenhain, um auf dem legendären Tiefdecker ein paar Übungsflüge zu absolvieren. Die 1929 gebaute L 25 a I gilt als klassisches Schul- und vielseitiges Sportflugzeug der zwanziger und dreißiger Jahre. Das Muster zeigte schon in dieser frühen Epoche der Luftfahrt, welche Flugleistungen mit konsequentem Leichtbau möglich sind. Seine Einflüsse finden sich heute noch in der modernen UL-Fliegerei.

Den Oldtimer Klemm L 25 fliegen: Piloten stehen Schlange

Die moderaten 45 PS des Salmson-Neunzylinder-Sternmotors bringen die maximale Abflugmasse des Zweisitzers von 620 Kilo auf immerhin bis zu 110 km/h, das Leergewicht der Maschine liegt bei zirka 320 Kilogramm. Die Klemm aus Großenhain ist orignalgetreu und ihrer Zeit entsprechend rustikal und spartanisch ausgestattet: offene Cockpits, Schleifsporn und ungebremste Speichenräder. Die elektrische Anlage besteht aus der Magnetzündung und einem Kurbelinduktor für die Anlasszündspannung. Das schmale Panel im hinteren Cockpit – hier sitzt üblicherweise der Pilot – ist mit Fahrtmesser, Höhenmesser, Variometer und Kompass bestückt. Auch das vordere Cockpit hat einen Fahrtmesser.

Foto: Archiv
Ausgefeilt: Der Zweisitzer gilt als großer Wurf, die Flugleistungen waren beeindruckend (Foto: Archiv)

An diesem ruhigen Hochsommerabend wird der Tandemsitzer nach einem ausführlichen Check zur Piste geschleppt. Von dort starten drei Piloten nacheinander zu ihren kurzen Platzrundenflügen. Bei der ersten Runde ist der vordere Passagiersitz noch besetzt, anschließend starten zwei der Piloten zu Alleinflügen. Die Wechsel finden jeweils bei laufendem Triebwerk statt, und das fast im Zwei-
Minuten-Takt. Insgesamt ist die Maschine dabei nur rund acht Minuten in der Luft.


Der historische Tiefdecker ist am Abend des Unfalls nur rund acht Minuten in der Luft

Um 19.22 Uhr startet erneut ein Pilot mit Passagier. Der Oldtimer hebt auf der Graspiste 11 nach kurzer Beschleunigung ab und steigt in östlicher Richtung auf knapp 50 Meter über Grund. Danach dreht der Pilot in einer Umkehrkurve zurück Richtung Startbahn. Über dem Platz fliegt der 27-Jährige mehrere Vollkreise und kreuzt die Betonpiste Richtung Norden. Kurz darauf dreht er eine weitere Linkskurve. Doch die Schräglage der Klemm nimmt mit einem Mal mehr und mehr zu; der Oldtimer neigt langsam die Nase nach unten. Der Pilot kann die Kurve nicht mehr ausleiten, Meter um Meter verliert er an Höhe. Schließlich kippt der Tiefdecker aus etwa 30 Metern über die linke Tragfläche ab und schlägt auf dem Flugplatzgelände auf.

Pilot und Fluggast werden bei dem Aufprall nur leicht verletzt, stehen jedoch unter Schock und werden in ein Krankenhaus gebracht. Die L 25 wird schwer beschädigt. Der Bericht des Unfallpiloten, der bei den Ermittlern der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) eingeht, klingt fast so, als sei der Absturz in Zeitlupe passiert: Kein plötzlicher Strömungsabriss, keine abrupte Änderung der Fluglage, sondern eine Kurve, aus der die alte Klemm einfach nicht mehr aussteigen wollte. Tatsächlich deuten Spuren am Unfallort auf eine geringe Vorwärtsgeschwindigkeit hin.

Foto: BFU
Trauriges Bild: Durch den Crash wird der historische Tiefdecker schwer beschädigt, die beiden Insassen kommen glimpflich davon (Foto: BFU)

Zuerst hatte die Maschine den Boden mit dem Randbogen des linken Flügels berührt; die linke Tragfläche war zirka 1,5 Meter innerhalb des Randbogens abgebrochen. Die rechte Fläche war über die gesamte Länge der Nasenkante bis zum Hauptholm zersplittert.

Flug der Klemm L 25: Kurve ohne Ausgang

Das Geschwindigkeitsspektrum der L 25 liegt zwischen 65 und 110 Stundenkilometern. Ein kurzer Film, den der vorn sitzende Passagier beim Unfallflug mit seinem Handy aufgenommen hat, zeigt den Fahrtmesser des vorderen Cockpits nur eine Sekunde vor dem Absturz: Die angezeigte Geschwindigkeit war demnach 47 Meilen pro Stunde, zirka 75 Stundenkilometer – scheinbar deutlich über der Mindestfahrt. Dennoch gilt den Ermittlern das Video als Hinweis auf die Unfallursache. Insbesondere bei langsam fliegenden Maschinen mit großer Spannweite, so die BFU, macht sich zwischen rechter und linker Tragfläche im Kurvenflug die Differenz der Strömungsgeschwindigkeit bemerkbar. Ist das Staurohr des Fahrtmessers an einer ungünstigen Stelle montiert, kommt es zu einem nicht repräsentativen Messwert – so auch bei der Klemm, wo das Bauteil an der Oberseite der rechten Tragfläche etwa drei Meter vom Randbogen entfernt angebracht ist.

Die BFU-Experten errechnen für die Maschine bei einer Linkskurve mit angezeigten 75 km/h eine tatsächliche Strömungsgeschwindigkeit an der linken Flügelspitze, die um 8,5 km/h niedriger ist. Damit hätte der Pilot die historische Maschine bedenklich nah am Strömungsabriss bewegt – möglicherweise zu nah. Für die Maschine gibt es übrigens ein Happy End: Beim Fliegenden Museum heißt es, die Klemm sei so gut wie repariert und komme noch in diesem Jahr wieder in die Luft. Der Traum kann weitergehen.

Text: Samuel Pichlmaier, fliegermagazin 9/2015

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