Praxis

Crew Resource Management

Weniger Stress und mehr Sicherheit im Cockpit 
– das lernen Privatpiloten im Seminar von fliegermagazin und ConAvia

Von Redaktion
Schlechtes Beispiel: Die Checkliste am Steuerhorn, die Karte 
vor den Instrumenten, der 
Flugplan halb verdeckt – so 
wird der Steigflug zum 
Husarenritt durchs Chaos Foto: Christina Scheunemann

Sonnenschein, einige Wolken am Himmel und leichter Wind – ein perfekter Tag für einen Ausflug mit Freunden. Doch dann kommt eins zum anderen: Das Auto springt nicht an, schließlich kommt man eine Viertelstunde später als geplant zum Platz. An der Tankstelle stehen schon vier Flugzeuge. Am Himmel wachsen die Wolken in die Höhe, die Mitflieger drängeln: Schnell, schnell abheben, die Strecke kennt man ja wie seine Westentasche, und um Alternates und Anflugkarten will man sich in der Luft kümmern. Doch nach einer Viertelstunde ist dem Kind auf dem Rücksitz schlecht und es weint. „Riecht’s hier nicht verschmort?“, fragt etwas später der Passagier vorn und guckt besorgt. Sicherungen checken! Öldruck prüfen! FIS meldet Verkehr auf drei Uhr – auch das noch, rausgucken! Höhe halten. Noch eine Tüte nach hinten reichen! Plötzlich stottert der Motor: Wann wurde der Tankwahlschalter umgelegt? Wo ist der nächste Flugplatz für eine Sicherheitslandung? Spätestens jetzt steht dem Piloten der Schweiß auf der Stirn, die Schwelle zur Überforderung ist erreicht. „Wenn im Flug nur ein Problem auftritt, passiert kein Unfall. Meist verketten sich Ereignisse und dann reagiert der PIC falsch,“ erklärt Oliver Will, Ausbildungsleiter der Flugschule ConAvia.

In der Ruhe liegt die Kraft

Seine plastische Schilderung ist der Einstieg zum Intensiv-Safety-Training des fliegermagazins, bei dem Crew Resource Management für Privatpiloten ein zentraler Punkt ist. Mancher Teilnehmer ist skeptisch: Wie soll man in der Einmot Techniken anwenden, die ConAvia aus den Abläufen im Berufspilotencockpit entwickelt hat? Schließlich kann man auf keinen Co zurückgreifen, wenn man allein unterwegs ist. „Aber es gibt Verhaltensweisen aus der Berufsfliegerei, die man auch als Single Pilot üben und im Fall der Fälle benutzen kann,“ sagt Will. Dabei geht es nicht ums fliegerische Können, sondern um andere Fähigkeiten: Kommunikation, Organisation, Standardabläufe.

Foto: Judith Preuss
Erfahrung weitergeben: Oliver Will ist auch Flugkapitän auf Airbus und hat 18 000 Flugstunden

Denn: Inzwischen ist der Pilot im Duett von Maschine und Mensch der Risikofaktor Nummer eins. 80 Prozent der Unfälle gehen auf einen Fehler des PIC zurück. Davon wiederum wären drei Viertel zu vermeiden gewesen: Sie passieren, weil Flugzeugführer wider besseres Wissen gegen Regeln verstoßen, sei es eine Figur fliegen, die mit dem Muster nicht möglich ist, der Einflug in schlechtes Wetter oder die Besuchskurve dicht über dem Haus der Verwandten. Aber auch wer verantwortungsbewusst ist, kann an Grenzen stoßen: Ob Handheld-GPS oder gar Glascockpit, moderne Geräte sind komplizierter als klassische Instrumente und damit eine potenzielle neue Fehlerquelle. Lauter gute Gründe zu lernen, wie ein Single Pilot das Fliegen optimiert und die Arbeitsbelastung niedrig hält – um dann in einer schwierigen Situation richtig zu reagieren.

Reden ist Gold

Kommunikation ist das A und O, gerade wenn man allein am Steuer sitzt. Schließlich gibt es draußen Flugleiter und Flugsicherung: „Wer die Standardphraseologie im Schlaf beherrscht, kann einfacher sicherstellen, dass nichts falsch verstanden wird. Und man hat weniger Hemmungen, sich über Funk Hilfe zu holen, wenn man sie braucht.“ Wir springen zurück im Beispiel: Nahegelegene Plätze? Beim Controller erfragen – und sich auch gleich den Kurs geben lassen. Und ob es nun verbrannt riecht oder in der Nähe eine Maschine im Steigflug entdeckt wird, Passagiere können wertvolle Hinweise geben. Rausgucken oder sich ums schreiende Kind kümmern: Mitflieger sollte man als Entstatt Belastungsfaktor betrachten und bereits am Boden fragen, inwieweit man sie einbeziehen kann. In der Kabine gilt dann: reden, reden, reden. Braucht der Pilot Hilfe, muss er sie deutlich einfordern. Fühlt sich jemand schlecht, muss er das sagen dürfen – und nicht schweigend leiden, bis es vielleicht zu spät ist. Mitreisende können auch Stresssymptome erkennen, die man selber nicht wahrnimmt: „Durch Tonaufzeichnungen weiß man, dass Piloten in schwierigen Situationen angefangen haben, vor sich hin zu pfeifen oder von Dingen zu erzählen, die aktuell ganz unwichtig sind,“ so Oliver Will. Ob das nun Ignorieren der Gefahr oder Selbstberuhigung ist – solches Verhalten trägt nicht zur Lösung bei. Da kann ein beherzter Rüffel vom Nebensitz die Anspannung brechen.

Von Anfang an entspannt

Ein sicherer Flug beginnt bereits vor dem Start. Es darf nur abheben, wer wirklich fit ist. Single Pilots müssen sich selbst einschätzen können. Der Merksatz lautet: I’m safe – Ich bin sicher. Die Buchstaben stehen für:

  • Illness
  • Medication
  • Stress
  • Alcohol
  • Fatique
  • Eating

Gesund, entspannt, nüchtern, ausgeschlafen und satt – nur so geht es in die dritte Dimension. Wird einem unterwegs unwohl, heißt es schnellstmöglich landen. Schnell, schnell abheben? Und den Rest der Routenführung unterwegs erledigen? Auf keinen Fall. Egal wer drängelt, es muss immer Zeit für eine komplette Flugvorbereitung sein. Konzentriertes Selbstbriefing und genaue Planung entlasten unterwegs.

Foto: Thomas Borchert
Ablenkung verhindern: Wer sich beim Vorflugcheck von anderen stören lässt, macht leichter Fehler. 
Wird dadurch die Zeit bis zum Abflug knapp, kommt weiterer Stress dazu

Alle den Flug betreffenden Aspekte müssen verstanden sein, vom Wetter über die Luftraumstruktur und NOTAMs. Wer mögliche Probleme bereits am Boden durchspielt und Alternativen erarbeitet, hat oben weniger Arbeit: Das Wetter könnte eventuell zu schlecht zum Weiterfliegen werden – Ausweichplätze raussuchen. Möglicherweise wird man nicht mehr vor SS + 30 unten sein: Der Zielplatz muss auf jeden Fall Nachtflug-geeignet sein. Und im Zweifel muss man auch mal am Boden bleiben und die Paxe nach Hause schicken.

Überforderung vorbeugen

Der wichtigste Faktor im Flug ist die Höhe der Arbeitsbelastung (Workload Management) – es sollte so viel wie möglich vorher erledigt sein. Denn sind Piloten allein unterwegs, können sie keine Aufgaben delegieren, und es kommt schneller zur Überlastung, sobald eine ungewöhnliche oder gar eine Notfallsituation eintritt. Im Ernstfall ist es wichtig, sich an Standardverfahren zu halten. Das hilft bei der Diagnose der Situation und schützt vor Fehlern. Auch ohne Crew, die sich gegenseitig überwacht – von Berufspiloten kann man lernen, wichtige Aktionen zu hinterfragen, bevor man handelt.

Foto: Christina Scheunemann
Alles an seinem Platz: Egal wie ein „Pilotenkoffer“ aussieht, geordnet gelingt die Vorbereitung besser

“Aber wenn ich einen Motorausfall nach dem Start habe, dann muss ich doch sofort etwas tun,“ zweifelt ein Seminarteilnehmer. „Klar,“ sagt Oliver Will. „Aber nur ganz wenige Situationen erfordern so eine Reaktion. In den meisten Fällen bleibt einige Minuten Zeit, um tief durchzuatmen und ein FORDEC zu machen.“ FORDEC heißt das Entscheidungsfindungsmodell im Multicrew-Cockpit. Es enthält die sechs wichtigsten Schritte, eine Lage zu analysieren und die beste Wahl zu treffen. Und es hilft auch Privatpiloten, nicht überhastet zu reagieren. Die Reaktion auf etwas Ungewohntes ist häufig Erschrecken oder schlicht Ungläubigkeit – beides verleitet dazu, eine schnelle Bauchentscheidung zu fällen und zu handeln, statt erstmal eine überlegte Wahl zu treffen. Dabei werden aber eventuell nicht alle Fakten berücksichtigt, und man entscheidet falsch. Also: Ruhig bleiben, das Flugzeug fliegen, die Gedanken ordnen und die Lage analysieren.

  • Facts: Wie sieht die Situation aus?
  • Options: Welche Möglichkeiten gibt es, das Problem zu lösen?
  • Risks and Benefits: Was kann schief gehen, was wäre der beste Ausgang?
  • Decision: Aus den Optionen wird eine Entscheidung getroffen.
  • Execution: Es wird entsprechend der Entscheidung gehandelt.
  • Check: Die Vorgehensweise wird noch einmal geprüft.

Der letzte Check ist wichtig: Eine getroffene Entscheidung muss geändert werden, sobald neue Faktoren dazu kommen oder die Situation sich ändert. Sicher, bei einem Single Pilot läuft FORDEC auf eine Art Selbstgespräch hinaus. Aber schon als Schüler hat man gelernt, Checklisten laut vorzulesen und so sicher abzuarbeiten. FORDEC funktioniert ähnlich und reißt Piloten aus instinktiven Handlungen heraus.

Bestmögliche Wahl treffen

Was heißt das in unserem Beispiel? Dem Kind ist übel, das Heulen nervt, aber weiter kann wenig passieren – es ist erstmal zu vernachlässigen. Der Verkehr ist wichtig, man könnte aber den Gast auf dem Nebensitz auffordern, danach zu schauen. Der Motor hat die höchste Priorität, dicht gefolgt vom Verdacht auf einen Brand. Nun sollten die Notfallchecklisten bereit liegen – und im GPS mit der Nearest-Funktion nach den nächstgelegenen Plätzen gesucht werden. Nach dem Umstellen des Tankwahlschalters läuft die Maschine wieder reibungslos, aber der leichte Schmorgeruch bleibt – Grund genug für eine Sicherheitslandung. Wo am besten? Es sind mehrere Ausweichplätze möglich – durchatmen. Und ganz in Ruhe prüfen und eine Liste mit Checkpunkten machen:

  • Time
  • Runway
  • Weather
  • NOTAMs
  • Maintenance
  • Taxi
  • Bar
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Passagierflüge

Wie lange fliegt man jeweils? Reicht die Bahnlänge zum sicheren Landen? Kommt man unter Sichtflugbedingungen hin? FIS weiß, ob ein Platz vielleicht gerade gesperrt ist, sei es wegen eines Fly-ins oder einer Baustelle. Gibt es dort eine Werkstatt, die die Elektronik untersuchen kann? Wie kommen die Passagiere weg, kann man übernachten und essen gehen? Dabei sind die letzten Punkte die Kür, die ersten vier die wichtigen: Stimmt da alles, wählt man den nächstgelegenen Platz aus. Das war eine Menge Theorie. Nun gilt es, die Praxis zu üben: „Nur wenn man das immer wieder mal aktiv durchspielt, wendet man es im Ernstfall wirklich an,“ entlässt uns Oliver Will in den Fliegeralltag. Ideal wäre ein besseres Gespür dafür, was sich aus einer Situation entwickeln kann, ein kürzerer Schreck und viel mehr Gelassenheit. Wir sind uns einig: Das Schwierigste wird bleiben, sich selbstkritisch zu hinterfragen – wir sind eben meist Single Pilots.

Text: Judith Preuß, Fotos: Thomas Borchert, Christina Scheunemann fliegermagazin

Schlagwörter
  • Crew Ressource Management
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  • mangelhafte Kommunikation
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  • Vorflugcheck