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Die berühmtesten Hollywood Stunt-Piloten und ihre Filme

Das Berufsbild ist heute fast ausgestorben: Stunt-Pilot in der Filmproduktion. Hochleistungsrechner und digital erzeugte Fluggeräte haben ihn nahezu überflüssig gemacht. Vor einem Jahrhundert und noch lange danach riskierten die abgebrühten Profis für spektakuläre Bilder so ziemlich alles.

Von Redaktion
Hollywood Stunt-Piloten
Sein vorletzter Stunt »Skywayman« Ormer Locklear nimmt einen Kirchturm mit. Der Einschlag in die Attrappe ist so heftig, dass die Curtiss JN-4 fast außer Kontrolle gerät. Foto: Universal Pictures

Das Flugzeug ist kaum erfunden, da taucht es schon im zappeligen Stummfilmkino auf. Es dient als Spannungselement und Retter in der Not, in Komödien ebenso wie in Action-Filmen. Einer der ersten Tonfilme ist, wie es der Zufall will, ein Fliegerfilm: Howard Hughes’ legendäres Spektakel »Hell’s Angels«, das nach Verzögerungen und Zwischenfällen 1930 endlich in die Kinos kommt. Zwei Stunt-Piloten sterben bei der Produktion.

Wer als Pilot in Amerikas aufstrebender Filmindustrie landet, stammt zumeist aus der US-Fliegertruppe und hat danach sein Brot als Zirkusflieger verdient. Auf den Tragflächen laufen, Handstand auf dem Flügel, Umsteigen aus Automobil oder Boot – all das zählt zum Standardrepertoire der Barnstormers.

In »The Great Air Robbery« übernimmt ein echter Pilot die Hauptrolle

Der wohl erste Stummfilm, in dem ein echter Pilot die Hauptrolle übernimmt und seine Stunts selbst fliegt, heißt »The Great Air Robbery« aus dem Jahr 1919. Der zweite: »The Skywayman« von 1920. Beide Filme sind ganz auf den Stunt-Piloten Ormer Locklear zugeschnitten. Der ehemalige Army-Fluglehrer hat 1919 über einem Jahrmarkt erstmals das Kunststück vollbracht, im Flug von einer Machine in eine andere zu kraxeln. Der Plot von »Skywayman«: Locklear spielt einen traumatisierten Kriegsveteranen mit Gedächtnisverlust.

Leicht und lässig: Ormer Locklear, Hollywoods erster Stunt-Pilot. Seine kurze Karriere endet 1920 mit dem heute verschollenen Film »Skywayman«. Foto: Twentieth Century Fox, Universal Pictures

Der 50-Minuten-Film gilt heute als verschollen. Nur ein paar Fotos sind erhalten geblieben, etwa jene Szene, in der Locklear einen Kirchturm über den Haufen fliegt. Der ist freilich eine Attrappe, der Aufschlag aber dennoch so heftig, dass der Pilot Mühe hat, die angeschlagene Curtiss JN-4 wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ein anderer Stunt endet katastrophal. Er wird in der Nacht zum 2. August 1920 gedreht, in Scheinwerferlicht.

Locklear bringt die Curtiss Jenny drehbuchgemäß ins Trudeln. Doch die Filmcrew löscht das Flutlicht nicht rechtzeitig, und so verschätzt sich Locklear offenbar in der Höhe. Er und sein Co-Pilot Milton Elliott sind sofort tot. Aber Hollywood kennt kein Erbarmen – die Szene wird im Film verwendet und entsprechend beworben.

Sicherheit der Stunt-Piloten hat in Hollywood eine geringe Priorität

Ersatz für Locklear ist schnell gefunden. »13 Black Cats« nennt sich eine im Jahr 1925 gegründete Stuntflieger-Truppe, die für harte Dollars fast alles macht. Ein Crash in Bäume oder Häuser beispielsweise kostet 1200 Dollar. Sicherheit hat in diesem Geschäft untergeordnete Priorität, und so tragen nur wenige Stunt-Piloten einen Fallschirm. Anfang der Dreißiger schätzt man, dass von 23 ausgewiesenen Stunt-Piloten 18 ums Leben gekommen sind.

Der Schein trügt: Beim inszenierten Crash von Dick Grace in »Wings« reißt ungewollt der
Pilotengurt. Grace spielt weiter – mit gebrochenen Halswirbeln. Foto: Twentieth Century Fox, Universal Pictures

Der Klassiker »Wings« von 1927 gilt als letzter Höhepunkt des Stummfilms. Er erzählt die Story der freiwilligen US-Jagdflieger in der Lafayette Escadrille im Ersten Weltkrieg. Zu sehen sind Luftkämpfe, Bombenangriffe und ein paar höchst spektakuläre Bruchlandungen. Spezialist für letzteres ist Dick Grace, einer der Top-Stunt-Piloten jener Jahre. Er hat ein paar authentische Jagdflugzeuge auftreiben können, lässt sie reparieren, aber auch an einigen Stellen schwächen, damit sie sich beim Crash möglichst spektakulär in ihre Einzelteile zerlegen.

Stunt-Pilot fast kopflos: Ein massiver Pfosten bohrt sich durchs Cockpit

Grace sitzt selbst am Steuer, als im September 1926 eine SPAD S. XIII gezielt im Kino-»Niemandsland« aus Schützengräben und Bombentrichtern, Stacheldraht und Holzpfosten geschrottet wird. In einem Teilbereich des Geländes hat man den Draht durch Wäscheleinen und die Pfosten durch Balsaholz ersetzt. Als Grace den Doppeldecker mit 90 Meilen pro Stunde bruchlandet, verfehlt er den »sicheren« Bereich und überschlägt sich. Regisseur William Wellman bekommt den gewünschten Effekt, aber ein massiver Pfosten, der sich durchs Cockpit bohrt, rasiert dem Piloten fast den Kopf ab.

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Beim nächsten Stunt erweist sich die Fokker D.VII als beste Wertarbeit. Als sie aufschlägt, verformt sich ihr Rumpf kaum, aber die Gurte reißen, und Grace wird gegen die Instrumente geschleudert. Benommen rappelt er sich auf. Tags darauf stellt man fest, dass sich der Bruchpilot vier Halswirbel gebrochen hat. Die Genesung dauert lang, doch dann fliegt Dick Grace weiter.

US-Luftwaffe erkennt das Kino als Rekrutierungsinstanz für Pilotennachwuchs

Nach diesem aufregenden und opferreichen Jahrzehnt ändert sich die Filmfliegerei. Zum einen liegt das an der ausgefeilteren Tricktechnik, die mit Modellen und Rückprojektion zu überzeugenden Ergebnissen kommt. Zum anderen erkennt die US-Luftwaffe das Kino als Rekrutierungsinstanz für seinen Pilotennachwuchs. Das Pentagon stellt den Filmleuten künftig gern Ausrüstung und Personal zur Verfügung – sofern das Drehbuch patriotisches Wohlgefallen in Washington findet. Dieser Deal gilt noch heute. »Test Pilot« (mit Clark Gable und Spencer Tracy) ist ein Beispiel aus dem Jahr 1938.

Fast ohne Tricktechnik: In »Der Blaue Max« gibt die Stunt-Piloten-Truppe um Allen Wheeler ihr Bestes. Das Heldenepos spielt in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Foto: Twentieth Century Fox, Universal Pictures

Tollkühne Flieger braucht man aber immer noch, wenn Tricks und Modelle nicht mehr weiterhelfen. Die sechziger Jahre sind eine gute Zeit für strammes Heldenkino und prächtige Unterhaltung, siehe »The Blue Max«, eine wilde Geschichte über den aufhaltsamen Aufstieg eines vom Ehrgeiz zerfressenen Jagdfliegers im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs. Der Film wird 1965 in Irland gedreht. Zum Einsatz kommen nachgebaute Fokker Dr.I und Fokker D.VII sowie britische S.E.5a. Dazwischen mischen sich modernere Tiger Moth DH.82 und Stampe SV-4.

Viele Hollywood Stunt-Piloten stammen aus der Royal Air Force

Die meisten Piloten stammen aus den Reihen der Royal Air Force. Allen Wheeler, Ex-Commodore, ist der Kopf der Truppe und verantwortlich für die reibungslose Durchführung der Dreharbeiten. Im Jahr zuvor hatten sich Wheeler und seine Leute bei den schwierigen Aufnahmen zu »Die Tollkühnen Männer in ihren Fliegenden Kisten« glänzend bewährt, und diese authentisch nachgefertigten Kisten aus den Pionierjahren des Motorflugs flogen sich noch um einiges zickiger als die Jäger aus dem Ersten Weltkrieg.

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Den vielen »Blue Max«-Fans bleibt insbesondere eine Sequenz in Erinnerung: der per Flugzeug ausgetragene, keineswegs kameradschaftliche Zweikampf zwischen dem bürgerlichen Leutnant Bruno Stachel und dem adligen Willi von Klugermann. Der britische Stunt-Pilot Derek Piggott schreibt ein Stück Filmgeschichte, als er mit dem nervösen Fokker-Dreidecker fünfzehn Mal unter dem breiten Teil einer Eisenbahnbrücke durchfliegt und vierzehn Mal unter dem schmaleren Teil daneben – was im Film den Adligen das Leben kostet.

Bekannte Hollywood-Filme mit Stunt-Piloten: »Catch-22« und »Murphy’s War«

In den USA läuft zur selben Zeit fast nichts ohne Tallmantz Aviation in Orange County, Kalifornien. In dieser Firma haben die beiden legendären Stunt-Piloten Paul Mantz und Frank Tallman ihre Erfahrungen und Flugzeugsammlungen gebündelt. Sie sind gut im Geschäft; die Liste ihrer Filme ist lang.

Haarsträubend Aus einem Wrack entsteht in »Der Flug des Phoenix« ein improvisierter Apparat. Die P-1 kostet Stunt-Pilot Paul Mantz das Leben. Foto: Twentieth Century Fox, Universal Pictures

Mantz ist schon über 60, als er in die Phoenix P-1 steigt – der heimliche Hauptdarsteller von »Flight of the Phoenix«. Am 8. Juli 1965 zerplatzt der improvisierte Apparat bei einer harten Landung in einer Staubwolke. Mantz ist sofort tot; im Abspann des Films wird er ausdrücklich gewürdigt. Tallman macht weiter mit der Stunt-Fliegerei – trotz seiner Beinprothese, die er sich bei einem häuslichen Unfall zugezogen hat. Filme wie »Catch-22«, »Murphy’s War« und »Capricorn One« sind Tallman-Fans ein Begriff.

1974 fliegt Tallman in einem herrlich altmodischen Film, der allen Stunt-Fliegern ein liebevolles Denkmal setzt: »The Great Waldo Pepper«. Die zweite Hälfte der Story spielt in Hollywood. Dort versucht der abgehalftere Luftzirkusflieger Waldo Pepper (Robert Redford) als Stuntman und Stunt-Pilot Fuß zu fassen. Die Vorlagen dieser fiktiven Figur sind unschwer zu identifizieren: Ormer Locklear und Dick Grace.

Text: Stefan Bartmann

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