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Wann Piloten einen Flug absagen sollten
Gegenüber Mitfliegern ebenso wie vor sich selbst fällt es Piloten durchaus schwer, ein Flugvorhaben abzusagen. Wir geben Tipps für die Entscheidung und den Umgang damit.
Einen Flug kurzfristig absagen, ist als Pilot immer schwierig, egal ob es um einen Rundflug geht oder die Reise zu einem wichtigen Termin ansteht. Mal setzt man sich selbst erheblich unter Druck, mal sind es externe Faktoren, die Zwänge auslösen: Vercharterer oder Mitflieger müssen über die Absage informiert werden, die Enttäuschung des Gegenübers kann groß sein.
Dabei kann es für eine kurzfristige Umplanung sehr gute Gründe geben: Dazu zählen Krankheit oder auch nur Unwohlsein, schlechtes Wetter, technische Probleme oder schlichtweg, dass einem etwas dazwischengekommen ist. Am Ende geht es immer um Sicherheit. Das sollten sich auch Piloten stets klarmachen, getreu dem Motto: Es ist besser, am Boden zu sein und sich zu wünschen, man wäre in der Luft, als umgekehrt.
Diese Regeln gelten bei Charter und Verein
Unangenehm kann es sein, wenn man ein Flugzeug gechartert hat und dem Vercharterer nun mitteilen muss, dass die Maschine nicht wie geplant benötigt wird. Nicht selten verlangen Vereine und kommerzielle Charter-Anbieter bei einer Absage innerhalb eines bestimmten Zeitraums vor der vereinbarten Abholung eine gewisse Gebühr. Diese Regelung sollte man vorher klar abklären.
Als Charterkunde ist man gut beraten, sich bei Abschluss eines Chartervertrags oder Eintritt in einen Verein einen Überblick über möglicherweise anfallende Gebühren zu verschaffen. Häufig wird jedoch auch eine kulante Regelung angewendet, insbesondere dann, wenn das Wetter zu schlecht ist oder andere Gründe für die Absage vorliegen, die der Charterkunde nicht zu vertreten hat.
Illustration zum AbflugFlug absagen ohne schlechtes Gewissen
In jedem Fall freuen sich Vercharterer über eine rechtzeitige Mitteilung. Sich gar nicht zu melden und zum vereinbarten Zeitpunkt einfach nicht aufzutauchen, ist ein absolutes »No Go« und zieht meist eine Strafzahlung nach sich. Ein weiteres Unding ist das Blockieren eines Flugzeugs »auf Verdacht«, obwohl man zum Zeitpunkt der Reservierung noch gar nicht weiß, ob man am anvisierten Tag Zeit hat. Das ist gegenüber dem Vercharterer und anderen potenziellen Kunden unfair.
Noch unangenehmer als eine Charter-Stornierung kann das Gespräch mit Mitfliegern werden. Oft ist die Enttäuschung groß, haben sich die Passagiere doch schon lange auf den Flug gefreut. Gut möglich, dass dann Sätze wie »Wir haben uns doch extra frei genommen« fallen. Das kann beim Piloten zu Hemmungen führen, den Flug abzusagen, obwohl es gute Gründe dafür gibt. Man spricht dann vom »Plan Continuation Bias«. Dieses Phänomen meint das Festhalten an einem Plan, obwohl die Bedingungen sich derart verändert haben, dass der Plan nicht mehr sicher umsetzbar ist.
Warum Piloten trotz Warnzeichen weiterfliegen
Viele Unfälle entstehen so. Es geht also, man muss es so deutlich sagen, letztlich um Leben und Tod. Deshalb hilft es nichts: Getreu dem Motto »Better safe than sorry« ist eine Absage im Zweifel immer richtig. Argumentiert man gegenüber den Begleitern mit einer möglichen Beeinträchtigung der Flugsicherheit, dürfte Verständnis für die Absage vorhanden sein. Auch das Vereinbaren eines Ausweichtermins kann die Enttäuschung abmildern. In jedem Fall sollte man Mitflieger nicht mit Fachsprache überfrachten, sondern in nachvollziehbarer Art erläutern, warum ein Flug nicht stattfinden kann.
Die Entscheidung, ob ein Flug stattfindet oder nicht, sollte nicht unter Zeitdruck erfolgen. Es empfiehlt sich, am Morgen oder besser am Vorabend des Flugs ausreichend Zeit einzuplanen, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können. So besteht auch die Möglichkeit, eine Absage frühzeitig zu kommunizieren.
Zeichnung eines selbstbewussten Piloten mit FlugzeugWann sollte man einen Flug absagen?
Doch was sind denn nun wirklich gute Gründe, um einen Flug ausfallen zu lassen? Nicht immer gibt es eindeutige Fakten für eine Absage. Manchmal ist es ein schlechtes Bauchgefühl oder die Wahrnehmung einer diffusen Unsicherheit, die zu teils endlosen Abwägungen führt. An deren Ende steht dann entweder eine sichere oder aber weniger sichere Entscheidung hinsichtlich des Flugvorhabens. Doch wie kann man trotz der erwähnten Abwägungsschleifen zu guten und sicheren Entscheidungen kommen?
Schon beim Wetter gibt es keine festen Maßstäbe. Zwar gelten für Flüge nach Sichtflugregeln gemäß der Standardised European Rules of the Air (SERA) Mindestwetterbedingungen. Wettermeldungen, Vorhersagen oder auch Webcams am Zielflugplatz beziehungsweise entlang der Strecke helfen bei der Einschätzung. Auch eine telefonische Flugwetterberatung kann hilfreich sein.
Eigene Grenzen statt Gruppendruck
Allerdings ist es gut möglich, dass die persönlichen Limits viel enger sind als die des Gesetzes. Man ist gut beraten, sich die eigenen Grenzen vor Augen zu führen. Sie können sich je nach aktuellem Übungsstand oder Erfahrung mit dem zu fliegenden Muster durchaus verändern. Strengere Maßstäbe als das Gesetz anzulegen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern im Gegenteil Ausdruck von Sicherheitsbewusstsein und guter Airmanship.
Andere Piloten, die einem in solche Entscheidungen reinreden, sind keine guten Berater. Man darf sich auch nicht davon beeindrucken lassen, wenn andere Piloten hinsichtlich des Wetters zu einer anderen Einschätzung kommen und abheben, während man selbst entscheidet, am Boden zu bleiben.
Flug absagen, wenn der Seitenwind zu stark istIm Zweifel lieber den Flug absagen
Technische Probleme sind ein weiterer Grund für Absagen: Bei leisesten Zweifeln an der Lufttüchtigkeit eines Flugzeugs sind Fachleute hinzuzuziehen, die das Problem bewerten können. Mit Fachleuten sind nicht Vereinskameraden gemeint, die technisch versiert tun, sondern Mitarbeiter eines Werftbetriebs, die über die nötige Ausbildung und Erfahrung verfügen.
Stellt man zum Beispiel bei der Vorflugkontrolle einen Schaden an der Flügelnase fest, so kann ein Prüfer anhand eines Fotos eventuell sogar aus der Ferne eine Einschätzung abgeben, ob mit dem Schaden geflogen werden kann oder nicht. Falls ein Schaden oder ein Problem aus der Ferne nicht abschließend beurteilt werden kann, hilft es alles nichts: Ein Mechaniker oder Prüfer muss anreisen, um das Problem zu lösen.
Ruhe bewahren statt Risiken eingehen
Das ist insbesondere dann ärgerlich, wenn man zum Beispiel mit einem Flugzeug auf einer Nordseeinsel steht und abends nach Hause möchte. Die Gefahr des Tunnelblicks, bei dem der dringende Wunsch vorhanden ist, den geplanten Flug doch durchführen zu wollen, ist auch hier wieder besonders groß.
In solchen Fällen gilt es, Ruhe zu bewahren, nach einer Übernachtungs- oder alternativen Reisemöglichkeit zu suchen und etwaige Mitflieger in den Entscheidungsprozess miteinzubeziehen. Hat man das Flugzeug gechartert, muss man selbstverständlich Vercharterer oder Verein informieren, bevor man eigenmächtig Kontakt mit einer Werft aufnimmt.
Aus gesundheitlichen Gründen den Flug absagen
In der Regel kümmert der Eigner sich dann um die Lösung des Problems oder kann den Kontakt zu einem Techniker herstellen. Auch ist es ihm so möglich, auf den Ausfall des Flugzeugs zu reagieren. Was die persönliche Fitness und die eigene Verfassung angeht, so gibt es auch hier klare und weniger klare Anzeichen, die gegen die Durchführung eines Flugs sprechen.
Plagen einen hohes Fieber oder eine dicke Erkältung, so dürfte völlig klar sein, dass man im Cockpit eines Flugzeugs nichts zu suchen hat. Aber was ist, wenn man zwar schlecht geschlafen hat, nicht voll auf der Höhe ist, sich aber nicht wirklich krank fühlt? Auch dann sind Zweifel an der Flugtauglichkeit angebracht.
Flug absagen bei StressI’M SAFE hilft beim Entscheiden
Ein gutes Werkzeug, um die eigene Fitness zu bewerten, ist die Checkliste gemäß des Kürzels »I‘M SAFE«. Es steht für:
Illness:
Gibt es bestehende Krankheitssymptome, die meine Fähigkeit, ein Flugzeug zu steuern, beeinflussen könnten?
Medication:
Nehme ich Medikamente, die meine Flugtauglichkeit beeinträchtigen?
Stress:
Bin ich besonders hohem Stress oder psychischem Druck ausgesetzt? Das kann zum Beispiel auch beruflicher oder privater Ärger auslösen.
Alcohol:
Bin ich nach Alkoholgenuss wieder fit? Liegt mein Blutalkoholwert sicher unter dem erlaubten Grenzwert?
Fatigue:
Bin ich (zu) müde oder erschöpft? Hatte ich ausreichend Schlaf?
Eating/Emotion:
Hatte ich ausreichend zu essen und zu trinken? Befinde ich mich in einer extremen Gefühlssituation?
Für die Sicherheit entscheiden und den Flug absagen
Es empfiehlt sich, den I’M-SAFE-Check zu Beginn eines jeden Flugtags durchzugehen. Sollte bei einem der Punkte Zweifel an der eigenen Flugtauglichkeit aufkommen, so ist ein Flug abzusagen. »Im Zweifel gegen den Flug« ist also das Motto. Das gilt übrigens nicht nur für den Antritt eines Flugs, sondern auch für einen Abbruch. Alle genannten Gründe können auch während eines Flugs auftreten und Grund genug für eine Landung auf einem Ausweichflugplatz sein.
Letztendlich haben weder der Pilot selbst noch Passagiere oder Vercharterer etwas davon, wenn man in ein Flugzeug steigt, obwohl gute Gründe dagegen sprechen. Falscher Stolz hat keinen Platz. Jeder noch so schöne Flug ist überflüssig, wenn er nicht mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einer sicheren Landung endet.

Martin Schenkemeyer begann im Jahr 2007 mit dem Segelfliegen. Inzwischen ist er ATPL-Inhaber und fliegt beruflich mit Businessjets um die ganze Welt. In seiner Freizeit ist er als Vorstand seines Luftsportvereins tätig und fliegt an seinem Heimatflugplatz Bad Pyrmont Segelflugzeuge, Ultraleichtflugzeuge und Maschinen der E-Klasse. Für das fliegermagazin ist der Fluglehrer seit 2020 als freier Autor tätig und beschäftigt sich hauptsächlich mit Themen rund um die Flugsicherheit.


