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Flugplatz Gotha-Ost: Das können Sie hier erleben

Durch alle Zeiten hinweg war die Stadt am Norden des Thüringer Walds ein überaus bedeutsamer Ort. Das gilt auch für die Luftfahrt-Historie. Wir besuchen den Flugplatz Gotha-Ost.

Von Redaktion
Schon von weitem ist Schloss Friedenstein aus der Luft als Landmarke zu erkennen, mit den grünen Parkanlagen auf der einen und den roten Dächern der Altstadt auf der anderen Seite.

Der Flugplatz Gotha-Ost nördlich der Stadt liegt dicht am Rand der Kontrollzone des Flughafens Erfurt. Man könnte die kleine Graspiste auf der Karte fast übersehen. Wir landen bei schönstem Wetter auf einer gepflegten, 1000 Fuß hoch gelegenen und nach Westen abschüssigen Bahn.

Ein paar Schritte entfernt empfängt uns der Zweite Vorsitzende des Aero-Clubs vor einem kleinen Holzgebäude. Jan Michael Ziert sagt ein wenig geheimnisvoll: »Ihr steht auf historischem Boden«. Wir blicken uns um: ein paar Hütten, im Hintergrund ältere Gebäude; eines trägt die verwitterte Aufschrift »Gotha«. Was auch immer hier war – es muss lange her sein.

In früheren Zeiten hatten Gotha bis zu vier Flugplätze, übrig geblieben ist EDEG, Gotha-Ost.

Gotha war schon zu Kaisers Zeiten Fliegerstadt

Unser Gastgeber fährt uns persönlich ins Hotel und erzählt von seinem Flugplatz Gotha-Ost. Schon zu Kaisers Zeiten sei Gotha eine richtige Fliegerstadt gewesen. Seit 1913 sei der heutige Flugplatz Gotha-Ost Werksflugplatz der Gothaer Waggonfabrik um die Ecke gewesen. Er sei einer von vier Plätzen in der Stadt und der letze, der noch existiere. Das klingt ein wenig verwirrend, zumal der Name Gotha-Ost an einen Vorstadtbahnhof erinnert. Ziert scheint unsere Gedanken zu lesen.

»Gotha-Ost hieß mal Gotha-Nord«, fährt er fort. »Außer dem Werksflugplatz gab es noch einen Landeplatz am Boxberg, einen Luftschiff-Platz samt Halle und gleich südlich von hier einen Fliegerhorst der Wehrmacht.«. An drei der früheren Plätze erinnern nur noch wenige Überbleibsel, darunter das ehemalige Offizierscasino des Fliegerhorstes, heute ein Reha-Zentrum.

EDEG hieß früher Gotha-Nord, und dort ist der Flugplatz auch zu finden. Die anderen drei Flugplätze der Stadt sind längst Geschichte.

Flugplatz Gotha-Ost: Hier wurden Ein- und Doppeldecker gebaut

Kaum zu glauben, dass hier auf dem beschaulichen Grasgelände an der früheren Waggonfabrik mal der Teufel los gewesen sein muss. Tausende von Arbeitern bauten die berühmten »Gothas«, Ein- und Doppeldecker, die gleich vor Ort eingeflogen wurden. Die stoffbespannten Brummer versetzten schon im Ersten Weltkrieg die englische Bevölkerung in Angst und Schrecken:

Am 2. September 1914 warf der Pilot einer Gotha-Taube die ersten Bomben über Großbritannien ab. Noch mehr Schaden richteten im Juni 1917 zweimotorige »Großkampfflugzeuge« Gotha G.V beim Bombardement von London an. Seitdem führe das englische Königshaus nicht mehr den alten Namen Sachsen-Coburg und Gotha, sondern Windsor.

Fünfgrößte Stadt Thüringens mit langer Geschichte

Mit dem aufwändig inszenierten Barockfest lässt Gotha immer am letzten Augustwochenende die prunkvollen Zeiten auferstehen.

Wir sind nicht nur der Luftfahrtgeschichte wegen gekommen, denn Gotha ist auch eine stattliche alte herzogliche Residenzstadt mit langer Geschichte. Der Name stammt von »gothata«, gutes Wasser – zumindest ist das eine Version. Eine andere deutet schlicht auf die Goten hin, denen man die Stadtgründung zuschreibt. Die Stadt am Thüringer Wald wurde erstmals 775 erwähnt. Gotha galt auch als Zentrum der Verlagswirtschaft sowie Hort der Naturwissenschaft und Bildung.

In der Stadt wurde im Jahre 1875 die Sozialistische Arbeiter-Partei gegründet, Vorgängerin der SPD. Politisch diametral dazu ist der einst hier verlegte Adels-Kalender. Nicht zuletzt erinnert eine heute in Göttingen ansässige Versicherung an Gothas Ruf als Gründungsort der gesamten Branche. Heute hat Gotha fast 46 000 Einwohner und ist die fünftgrößte Stadt Thüringens. Wichtige Erwerbszweige sind der Maschinen- und Kranbau, die Fahrzeugtechnik und das Brauwesen. Gotha hat die mit Abstand größte Brauerei des Bundeslandes.

Schloss Friedenstein – größter frühbarocke Feudalbau Europas

Die Orangerie gehört zum großzügig angelegten Park von Schloss Friedenstein. 2021 ist die Residenzstadt Gotha offizieller Außenstandort der Bundesgartenschau.

Jan-Michael bringt uns ins Hotel am Schloss Friedenstein, dem Wahrzeichen Gothas. Schon der erste Eindruck ist überwältigend: Es ist der größte frühbarocke Feudalbau Europas mit dem ältesten Englischen Garten. Wir umrunden die ausgedehnte Schlossanlage, die nach der Wende mit anderen kostbaren Gebäuden der Stadt umfassend renoviert worden ist. Im Westflügel von Friedenstein steht das älteste vollständig erhaltene Schlosstheater der Welt mit einer original barocken Bühnenmaschinerie.

Seit 2001 findet am Schloss jedes Jahr im August das Barockfest statt. Bei diesem Fest schlüpfen rund 200 Laiendarsteller in historische Kostüme. Sogar der »leibhaftige« Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg und sein Hofstaat sind dabei. Ein tolles Event mit Wachparaden, Audienzen und Ausfahrten in die Stadt.

Beim Gothardusfest feiert die Stadt drei Tage lang ihren Schutzpatron. Dafür schlüpfen Darsteller in die historischen Rollen von Gothardus und Landgraf Balthasar.

Märchenhaftes Reiseziel mit interessanten Sehenswürdigkeiten

Über Kopfsteinpflaster geht es den Berg hinab zur Altstadt. Wir laufen zum Markt mit dem Alten Rathaus, an dem noch zahlreiche alte Patrizierhäuser stehen. Gotha bietet viele architektonische Höhepunkte wie die Stadtkirche St. Margarethen oder die gotische Augustinerkirche mit dem Augustinerkloster. Beim Schlendern durch die gemütlichen alten Gassen lässt man sich entspannt in alte Zeiten versetzen.

Wer will, besucht eins der interessanten Natur-, Geschichts- oder Versicherungsmuseen. Oder man genießt ein Stück »Gothaer Kranz« (er wird seit 1905 mit Buttercreme und Schokolade hergestellt). Mit einem Reiseführer kann man sich währenddessen der abwechslungsreichen Feudalgeschichte widmen. Diese hat so viel mit den Verwandten jenseits des Ärmelkanals zu tun.

Die Altstadt zeigt sich heute herausgeputzt und farbenfroh. Viele der Wohn- und Geschäftshäuser stehen unter Denkmalschutz.

Flugplatz Gotha-Ost: Segelflieger und Ultraleichtflugzeuge

Vor dem Abflug schauen wir uns noch ein wenig am Flugplatz Gotha-Ost um. Das Holzhaus, an dem uns Michael empfing, stammt noch aus DDR-Zeiten. Es gehörte der Gesellschaft Interflug. Der Mann vom Flugsportverein erzählt, dass 1957 Segelflieger hier auf dem ehemaligen Waggonbau-Platz wieder anfingen. Aus ihrem bescheidenen Stützpunkt wurde bald ein Sportflugplatz der DDR-Ausbildungsorganisation GST, Gesellschaft für Sport und Technik. Mit der Fliegerei war abrupt Schluss, als 1979 einem Segelflieger die Flucht in die nahe Bundesrepublik gelang.

Unmittelbar nach der Wende ging der Flugbetrieb mit den Segel-
fliegern des Flugsportvereins Gotha wieder los; sie sind noch heute Halter des Geländes. Seit 1992 existiert der Aero-Club mit seinen
Ultraleichtflugzeugen. Dieses Jahr soll eine neue Aeroprakt A32 aus der Ukraine mit 600 Kilogramm Abflugmasse hinzukommen.

Auszeit vom Alltagsstress: Flugplatz Gotha-Ost

Der zweite Vorsitzende berichtet: »Wir haben 52 Mitglieder und aktuell 17 Flugschüler«. Er zeigt sich froh, dass alle zwischenzeitlich diskutierten Schließungspläne für den Platz vom Tisch sind. Der Verein muss nicht wie befürchtet umziehen. So können vom Flugplatz weiterhin schöne Touren ins In- und Ausland stattfinden; dieses Jahr sind Trips nach Kempten und an die Nord- und Ostsee geplant.

Godehard, Gothardus, Gotthart: Der heilige Mann aus dem Mittelalter wird vielerorts verehrt. In Gotha ziert sein Standbild den Markt.

Wer ein schönes Flugziel sucht und mal eine Auszeit vom Alltagsstress braucht, sei in Gotha-Ost genau richtig, findet Jan-Michael Ziert. »Am besten montags hier landen, da ist Bratwurstrunde«, empfiehlt er. »Nach der Landung einfach den Klappstuhl aufschlagen, die Natur genießen und die Seele baumeln lassen – Hektik gibt´ s bei uns nicht.«

Text & Fotos: Rolf Stünkel

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