REISEN

So begeistern Sie Ihre Passagiere im Privatflugzeug

Auf gerade Linie zur Destination, weil’s nur ums Ankommen geht? Wer seine Flüge so plant, verschenkt die Chance, seine Passagiere zu begeistern. Kleine Umwege ermöglichen oft große Einsichten. Der Pilot sorgt für die Bordunterhaltung.

Von Thomas Borchert
Leuchtturm auf Jersey
Das will man gesehen haben: Einmal sanft den Flügel senken und den Passagieren einen Leuchtturm auf Jersey zeigen – das macht Spaß! Bild: Christina Scheunemann

Der konkrete Anlass für diesen Artikel ist ein Erlebnis mit einem Fliegerfreund: Aufgeregt berichtete er, dass er am nächsten Tag nach Tours in Frankreich starten würde, um die Loire-Schlösser zu besichtigen. Ich bot ihm sofort an, die GPS-Koordinaten für unsere Schlössertour aus der Luft zu schicken, die einen Umweg von vielleicht 15 Minuten bedeutet. Sie führt über fünf oder sechs der bedeutenden Schlösser der Region, die sich aus der Luft ganz leicht besuchen lassen. Doch er sagte: »Lass mal, dafür haben wir keine Zeit. Wir springen sofort ins Auto und fahren zum ersten Schloss.«

Warum überhaupt mit dem eigenen Flugzeug bis tief nach Frankreich fliegen, wenn man die Vorteile unseres so individuellen Reisemittels nicht nutzt? Zu denen gehört nun mal nicht nur größtmögliche zeitliche Flexibilität, sondern auch die Möglichkeit, aus der Luft einmalige Ausblicke zu genießen, die weder im Linienflugzeug noch aus dem Auto oder zu Fuß jemals möglich wären. Für so einen Genuss sollten 15 Minuten Umweg immer drin sein.

Pilot und Passagiere: Planung der FlugroutePilot und Passagiere: Planung der Flugroute
Es muss nicht auf Papier sein, aber mit mehreren Flugzeugen profitieren alle davon, die Route gemeinsam zu besprechen. Bild: Christina Scheunemann

Fliegen Sie nur für sich oder auch für Ihre Passagiere?

Piloten vergessen in ihrer Leidenschaft fürs Fliegen gerne, dass ein Zwei-Stunden-Ritt für ihre Passagiere womöglich alles andere als erstrebenswert ist. Für uns Piloten ist die Planung eines solchen Flugs, die präzise Vorbereitung und erst recht die sichere Durchführung schon Herausforderung genug – die uns vollständig erfüllt. Und darum soll es hier vorrangig gehen.

Aber am Ende gibt es noch ein weiteres Ziel – zumindest, wenn Sie auch mit der Familie oder nicht fliegenden Freunden unterwegs sein wollen: Sie sollten alles dafür tun, das Flugerlebnis so einzigartig oder zumindest angenehm zu machen, dass die Begleiter – oft sind es Partnerin oder Partner sowie die Kinder – gerne nochmal mitkommen. Das gilt umso mehr, wenn die Destination nicht nur die eine Stunde entfernte Nordseeinsel ist, sondern ein weiter entferntes Land, womöglich auf einer Rundreise, bei der an mehreren Tagen geflogen werden soll. Auch darum geht es hier.

Karte Kroatien RoutenplanungKarte Kroatien Routenplanung
Manche Adria-Routen in Kroatien (blaue Linie) bieten den Passagieren rechts nur den Blick aufs offene Meer. Andere gewähren Aussicht auf Inseln. Bild: ForeFlight

Wie Sie Ihre Passagiere fürs Fliegen begeistern

Unterschätzen Sie niemals, dass das Interesse Ihrer Mitflieger am eigentlichen Fliegen viel geringer ist als Ihr eigenes – wenn Sie den Flug nicht spannend machen. Ihnen als Pilot verschafft es Befriedigung, wenn Sie einen Flug planen und vorbereiten und dann Ihr Flugzeug samt Insassen sicher von A nach B bringen. Der Funk, die Navigation, das Management von Motor und Systemen und die Bewegung in drei Dimensionen – die Bewältigung dieser Herausforderungen sorgt dafür, dass Sie Ihre Leidenschaft ausleben können. Ihren Passagieren geht das ganz anders.

Für sie ist der Flug in einem kleinen Flugzeug womöglich ungewohnt, vielleicht wackelig, bei Turbulenzen meist richtig unangenehm, oft scheinbar gefährlich und im Zweifel ohne Toilette länger als beim Linienflug – und deshalb, so schwer es für unsereinen vorstellbar sein mag, auch langweilig. Es ist also Ihre Aufgabe, für Bordunterhaltung und einen angenehmen Flug zu sorgen.

Gruppenfoto auf Fliegerreise in SchottlandGruppenfoto auf Fliegerreise in Schottland
Der perfekte Lunch-Stopp: Glenforsa in Schottland begeistert nicht nur aus der Luft, sondern auch mit Hotel und Restaurant direkt neben der Graspiste. Bild: Christina Scheunemann

So betreuen Sie Ihre Passagiere im Privatflugzeug optimal

Diese Aufgabe, also die Betreuung der Passagiere im Privatflugzeug, kann übrigens erheblich von der sicheren Durchführung des Flugs ablenken. Dieser Faktor sollte durchaus einbezogen werden bei der Bewertung, ob ein Flug unter den gegebenen Bedingungen von Wetter, Flugerfahrung und all den anderen Aspekten sicher durchführbar ist.

Mit Kindern an Bord wissen die Eltern am besten, wie man sie über längere Zeit beschäftigt. Manchen Nachwuchs fasziniert der Blick aus dem Fenster, andere brauchen ein Video oder Hörbuch vom Tablet-PC – und viele schlafen nach kurzer Zeit ohnehin ein. Für Erwachsene dagegen lohnt die sorgfältige Routenplanung auf einer Karte oder in der App. Mit wenigen, sehr kleinen Umwegen kann man oft wunderbare Ausblicke zum Flugweg hinzufügen.

Kleine Passagiere im PrivatflugzeugKleine Passagiere im Privatflugzeug
Zufriedene Passagiere: Kinder halten auch auf längeren Flügen durch, wenn man sie beschäftigt – bis sie einschlafen. Bild: Christian Bayerlein

Mehr sehen statt nur ankommen

Die Fotobeispiele in diesem Beitrag zeigen Sehenswürdigkeiten aus Frankreich und von den Kanalinseln, aber das Prinzip gilt auch für andere Länder. Googeln Sie ein wenig – und scheuen Sie sich nicht, einen Wegpunkt ins GPS zu programmieren, bei dem es etwas zu sehen gibt. Wenn Sie dann an einem Schloss, einem Leuchtturm, der Steilküste oder etwas anderem Sehenswerten ankommen, denken Sie daran, dass viele Passagiere Steilkurven als unangenehm empfinden. Steuern Sie also so um das Objekt am Boden, dass die Paxe zwar etwas sehen, ihnen aber nicht danach schlecht ist.

Gewöhnen Sie sich an, die Mitflieger auf Sehenswertes aufmerksam zu machen. Manche haben Spaß daran, den Flug auf Karte oder iPad mitzuverfolgen – ForeFlight bietet dafür sogar eine kostenlose Passagier-App, bei der die geplante Route automatisch vom Piloten-iPad übernommen wird.

Quiberon von obenQuiberon von oben
Der Strand nah an der Bahn, ein Mittagessen im französischen Quiberon – da kommt jeder gerne mit. Bild: Christina Scheunemann

Sind wir bald da?

Die Flughöhe hat ebenfalls wesentlichen Einfluss auf den Genuss für Passagiere im Privatflugzeug: Grundsätzlich gibt es mehr zu sehen, wenn man in geringeren Höhen unterwegs ist. Die vielerorts auf 1500 Fuß beschränkten Adria-Routen in Kroatien zum Beispiel sind ein Leckerbissen. Wenn jedoch die Thermik brüllt und es sehr turbulent ist, tritt der Sightseeing-Tiefflug hinter dem Bedürfnis zurück, einen ruhigen Flug zu haben. Den gibt’s – wenn das Wetter mitspielt – weiter oben.

Nehmen Sie auch Rücksicht auf das Durchhaltevermögen Ihrer Begleiter. Zwei Stunden ist für unerfahrene Mitflieger schon ein sehr langer Flug. Und eine Pause ist auch für Sie als Pilot ein Plus: Erstens können Sie eine weitere Landung verbuchen, zweitens können Sie den Spritvorrat kleiner halten und so die vermutlich ohnehin knappe Zuladung verbessern.

Was Ihre Passagiere vor dem Start wissen müssen

Am Beginn jedes Flugs mit Gästen sollte eine Einweisung stehen. Dabei geht es erstmal um Sicherheit: Wie öffnet man Türen und Gurte, wie funktionieren Rettungswesten und (wenn vorhanden) Rettungssystem, wo sind Feuerlöscher und Verbandskasten? Aber auch um Bequemlichkeit: Wo sind Lüftung und Heizung, wie verstellt man den Sitz, wo darf man sich festhalten?

Ganz wichtig ist, klare Regeln für die Kommunikation aufzustellen. Eine Möglichkeit, die sich für uns bewährt hat: »Ihr könnt mich jederzeit etwas fragen, außer während Start und Landung oder wenn ich die Hand hebe«.

Was Sie dabei haben sollten:

  • K…tüten: Es ist ein unangenehmes Thema, aber Beutel für den Fall, dass es einem Passagier schlecht geht, brauchen Sie. Und Ihre Gäste müssen wissen, wo sie sind.
  • Kissen & Decken sorgen für Gemütlichkeit und helfen fröstelnden Passagieren.
  • Getränke: Auch ohne Toilette ist Dehydration keine Lösung.
  • Snacks: Es geht nicht um Hunger, sondern um Zeitvertreib und Wohlgefühl.
Austernbecken an der südfranzösischen AtlantikküsteAusternbecken an der südfranzösischen Atlantikküste
Die will man essen! Die Austernbecken an der südfranzösischen Atlantikküste sehen aus der Luft toll aus und lassen auf Genüsse am Boden hoffen. Bild: Christina Scheunemann

Die Passagiere bitte nicht stressen!

Wenn möglich sollten Sie, wie am Anfang dieses Artikels beschrieben, auf jeden Fall einplanen, vor der Landung am Ziel die Destination aus der Luft zu inspizieren. Soll’s auf eine Insel gehen? Drehen Sie vorher eine Runde um das Eiland und erklären Sie: Dort wohnen wir, das da sehen wir uns übermorgen genau an, da hinten gibt es wohl ein gutes Restaurant, schaut mal, der Fahrradweg da unten.

Einen klassischen Fehler im Umgang mit Passagieren im Privatflugzeug – gerade solchen, die zur Familie gehören – sollten Sie übrigens nicht begehen. Es liegt in der Natur des Piloten, sich kaum nach der Ankunft mental schon auf den Rückflug vorzubereiten. Passt das Wetter, reicht der Sprit, habe ich den Zoll angerufen – solche Fragen gehen jedem durch den Kopf, während er am Strand liegt.

Halten Sie diesen Drang im Zaum! Für Ihre Begleiter ist nichts langweiliger oder anstrengender als ein Pilot, der den Aufenthalt in der Fremde nicht entspannt genießt, sondern ständig in seinem Tablet-Computer die Flugvorbereitung macht. Vielleicht helfen unsere Tipps, damit Ihre Passagiere gleich nach der Rückkehr die Frage stellen, die sich jeder Pilot wünscht: Wohin geht’s als nächstes?

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Über den Autor
Thomas Borchert

Thomas Borchert begann 1983 in Uetersen mit dem Segelfliegen. Es folgte eine Motorsegler-Lizenz und schließlich die PPL in den USA, die dann in Deutschland umgeschrieben wurde. 2006 kam die Instrumentenflugberechtigung hinzu. Der 1962 geborene Diplom-Physiker kam Anfang 2009 vom stern zum fliegermagazin. Er fliegt derzeit vor allem Chartermaschinen vom Typ Cirrus SR22T, am liebsten auf längeren Reisen und gerne auch in den USA.

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