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Touch and Go Flugplatz Granville – Mont-Saint-Michel

Direkt am Strand und gegenüber den britischen Kanalinseln bietet ein französischer Flugplatz viel Abwechslung und Erholung. Auf in die Normandie!

Von Redaktion
Felsen im Meer
Ikonisch: Wie aus der Zeit gefallen wirkt der berühmte Felsen mit dem Kloster mitten im Meer. Der Flugplatz Granville trägt seit einigen Jahren den Mont-Saint-Michel als Zusatz – auch der Touristen wegen. Foto: Rolf Stünkel

„Bienvenue!“ Roger und Didier winken schon von weitem, als wir aus dem Flugzeug am Flugplatz Granville klettern. Die beiden waren einmal Aeroclub-Präsident und Schatzmeister, damals, bei meinem ersten Besuch vor etwa 40 Jahren.

„Ein Platz am Wasser“ lautete die Devise, als unsere Handvoll Schleswig-Holsteiner Flieger nach einem Reiseziel in Nordfrankreich suchte. Die Wahl fiel auf den Flugplatz Granville in der Normandie, dessen Flugplatz-Symbol auf der Karte halb im Meer lag. Ein Anruf, und wir waren angemeldet. Nach der Ankunft an einem Sommerabend überraschten uns die Gastgeber (sie hatten eine Stunde tapfer auf uns gewartet) im festlich geschmückten Clubhaus. Nach einem opulenten Mahl und reichlich Rotwein blieben wir fast eine Woche und wurden gute Freunde.

Flugplatz Granville: Die Startbahn wurde asphaltiert

Am Flugplatz im Norden des Hafenstädtchens Granville hat sich in den letzten vier Jahrzehnten einiges verändert. Klar, er liegt noch immer genau am Strand, und die Piste 25 führt direkt ins Meer. Auch der Golf- und die beiden Campingplätze, Radwege und Dünen sind noch da. Aber die „25“ ist jetzt asphaltiert, die Gras-Querbahn nur noch für ULs in Gebrauch. Der Flugplatz trägt nun den stolzen Zusatz Mont-Saint-Michel, als touristischen Hinweis auf den nahe gelegenen weltberühmten Klosterfelsen im Wattenmeer der Bucht.

Anflug GranvilleAnflug Granville
Hindernisfrei: Anflug übers Meer oder über das flache Land – und der Atlantikstrand liegt in Laufweite.

Wir nehmen einen Aperitif in der Flugplatz-Bar, und die französischen Flieger blicken zurück. „1920 verkauften zwei Piloten Rundflüge und Trips nach Jersey und St. Malo“, erzählt Roger. „Die Passagiere erhielten ihre Tickets im Grand-Hotel des Bains. Die beiden Flieger hatten für damalige Verhältnisse viel Flugerfahrung, 300 und 400 Flugstunden, und alle Passagiere waren unfallversichert.“

Aufschwung 1980: Flugplatz Granville bekommt Lininenverbindung zu Kanalinseln

1947 bauten die Amerikaner einen richtigen Grasplatz für ihre Verbindungsflugzeuge, dann kam der Aeroclub. An die ersten Jahre erinnern einige ältere Hallen, das erste Clubhaus brannte irgendwann nieder. „Um 1980 ging plötzlich die Post ab“, berichtet Didier. „Granville bekam Linienverbindungen zu den Kanalinseln. Wir hatten Zoll, einen richtigen Tower mit Fluglotsen und ein ungerichtetes Funkfeuer.“ Jersey European Airways flogen Twin Otter, Charterflüge gingen von Granville aus zu Plätzen in Großbritannien und Frankreich. Auch im Club war ordentlich was los: Große Flugtage zogen Gastpiloten und Kunstflugteams aus dem In- und Ausland an.

WappenWappen
Patriotisch: Das Vereins-Logo zeigt natürlich eine Robin aus heimischer Produktion.

Neben dem Aeroclub mit seinem hauptamtlichen Cheffluglehrer gab es eine UL-Schule, die auf dem Dreiachser Vector 600 ausbildete. Didier erinnert sich lachend an trinkfeste irische Privatpiloten, die öfter mit ihren Maschinen und eigenem Fluglehrer anreisten: „Nach einer Woche waren unsere Calvados-Vorräte ausgetrunken.“

Auf Umwegen nach Jersey: Direktflüge sind seit 2012 nicht mehr möglich

Die Boom-Jahre sind lange vorbei, Zoll und Tower fort. Direktflüge nach Jersey oder Guernsey sind seit 2012 nicht mehr möglich – „ein Verwaltungsakt, der uns und andere Plätze an der Küste wie ein Keulenschlag traf“, bedauert Roger. Seither liegt der Abfertigungsbereich für internationale Passagiere im neuen Mehrzweckgebäude brach; dort sind auch Flugleitung, Restaurant und die Räume des Aeroclubs untergebracht. Doch Schengen-Flüge sind weiterhin völlig unproblematisch, man kann zum Beispiel (mit Flugplan) von jedem beliebigen deutschen Platz ohne weitere Formalitäten direkt anfliegen.

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Fliegen in Frankreich: Unterwegs im idyllischen Südwesten

Granville ist unkontrolliert, hier ist Flugbetrieb praktisch rund um die Uhr ohne Flugleiter möglich. Es gibt eine 24-Stunden-Tankstelle mit Kartenleser (TOTAL), die Landegebühren kann man auch im Briefkasten des Aeroclubs abgeben. Auf dem weitläufigen Gelände existiert neben der UL-Flugschule und dem alteingesessenen Aeroclub noch ein weiterer Verein, auch zahlreiche Fallschirmspringer gehen ihrem Hobby nach. Wer es drauf anlegt, kann hier mehrere Luftsportarten parallel betreiben. Es kommt gar nicht so selten vor, dass Ausländer hier ihre Fliegerferien verbringen. Einige haben sogar den eigenen Tragschrauber am Anhänger, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. „Granville ist ein aktiver Sportflugplatz“, nickt Roger und blickt auf die derzeit leere Sitzbank vor dem Clubgebäude. „Bis zur Corona-Krise schauten auch viele Rundflug-Gäste vorbei.“

Sehenswert: Mont-Saint-Michel ist nur wenige Flugminuten entfernt

Von hier aus sind es nur wenige Flugminuten zum legendären Mont-Saint-Michel, und gleich gegenüber liegt das größte Archipel Europas, die Chausey-Inselgruppe mit ihren wunderschönen Felsen, Ufern und Stränden – eine Idylle, die man bequem per Fähre erreichen kann.

ZeitzeugenZeitzeugen
Zeitzeugen: Das Hôtel des Bains und dahinter das Casino stammen aus der Blütezeit des Orts, im Hotel konnte man schon 1920 Flugtickets kaufen.

Sehenswert ist auf alle Fälle auch die alte Festungsstadt Granville. Das frühere Seeräuber- und Fischernest schmückt sich seit über einhundert Jahren mit dem Attribut „Monaco des Nordens“; feine Sandstrände und feudale alte Hotels machen den 12 000-Einwohner-Luftkurort zu einem attraktiven Ziel. Auf einem Felsen erbaut, ist er heute ein Zentrum für Thalasso-Therapie. Bei einem Bummel durch die von Festungsmauern umgebene Oberstadt und die Gassen am Yachthafen kommt man am alten Casino aus dem Jahr 1911 vorbei.

Hollywood-Reif: Der Hafen wurde im zweiten Weltkrieg spektakulär überfallen

Hier ereignete sich in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, lange nach Ende der Kampfhandlungen, ein Hollywood-reifer nächtlicher Überfall auf den Hafen: Ein Kommando der deutschen Kriegsmarine kam vom besetzten Jersey aus herüber, nahm die Hafenanlagen unter Feuer, kaperte ein alliiertes Schiff und entführte verdutzte US-Offiziere, teils noch im Schlafanzug, aus ihren Hotels nach Jersey. Die beiden Luxusherbergen sind noch heute in Betrieb, eines davon als Kurzentrum.

Der Hafen ist Anlegestelle der Fähren zu den Chausey- und Kanalinseln und Liegeplatz nobler Privatyachten. Touristen bummeln in den Straßen und auf dem früheren Festungsfelsen, bevölkern die Restaurants und Cafés oder besuchen die Hauptsehenswürdigkeiten Granvilles: das Dior-Museum in der ehemaligen Villa des Modeschöpfers, das Aquarium, das Altstadtmuseum oder die Kirche aus dem 15. Jahrhundert. Einige Tage Aufenthalt lohnen sich durchaus.

Ein Fliegertraum wird wahr: Rundflug nach Moint-Saint-Michel

Am Flugplatz treffe ich Richard, der sich zur Rente ein nagelneues UL aus Tschechien gegönnt hat, eine Bristell, und mich zum Rundflug einlädt. „Du solltest mal wieder putzen“, necken ihn seine Vereinskameraden, denn auf der blitzenden Maschine ist kein Stäubchen zu sehen. Noch einmal geht es über den Mont-Saint-Michel, den Felsen von Granville und das türkisblaue Meer rüber zu den Chausey-Inseln – ein Anblick, von dem man sich nur schwer losreißen kann. Bald sind wir wieder im Anflug und warten über dem Strand die Landung einiger Fallschirmspringer ab.

GranvilleGranville
Mehr Meer? Das ist kaum möglich, wie der Blick aus dem Flugzeug auf Granville zeigt.

Noch eine letzte Kurve über der Schafwiese vor der Küste, und wir landen sanft auf der Asphaltbahn. Irgendwann, so hofft Richard, kann er auch wieder ohne Umwege nach Jersey fliegen. Der frühere Businessjet-Pilot hat dicht am Flugplatz Granville ein altes Haus gekauft, um jeden Tag fliegen zu können. „Ein Traum, so direkt am Strand“, lächelt er. „Das geht nur hier in der Normandie.“

Text & Fotos: Rolf Stünkel

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