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Platzrunde: Wie fliegt man richtig am Flugplatz?

Nirgendwo geht’s im Motorflug so eng zu wie in der Platzrunde. Deshalb sind hier die Spielregeln besonders wichtig. Aber auch Flexibilität, wenn es die Verkehrssituation verlangt.

Von Peter Wolter
In der Platzrunde gelten die normalen Ausweichregeln. Ausnahme bei gleichrangigen Luftfahrzeugen: Wer höher ist, gewährt dem Tieferen den Vortritt. Foto/Zeichnung: Helmut Mauch

»Melden Sie Queranflug«. Super. An einem anderen unkontrollierten Platz heißt es nach dem Erstanruf sogar: »Nächste Meldung Endanflug.« Noch besser. Beide Flugleiter wollen entgegenkommend sein und anfliegenden Piloten eine, ja sogar zwei Meldungen ersparen – jene beim Eindrehen in den Gegenanflug beziehungsweise in den Gegen- und in den Endanflug. Sehr freundlich. Geschenke nimmt man an, sie auszuschlagen wäre unhöflich. Aber hier die einzig richtige Reaktion. 

Was im Cockpit als freundliche Geste ankommen mag, ist eine gefährliche Falle, wenn ein Pilot dann tatsächlich darauf verzichtet, seine Position beim Einflug in die Platzrunde sowie bei jeder Richtungsänderung zu melden – und zwar anderen Verkehrsteilnehmern. Schließlich müssen die wissen, wo sich jeder Einzelne befindet, nicht der Flugleiter. Das muss man aushalten: Kopfschütteln des Flugleiters, wenn man sein gut gemeintes Angebot ignoriert. Dabei wären Betriebspiste und Wind alles gewesen, was man wissen wollte.

Was ist bei der Platzrunde zu beachten?

Ein erstes Lagebild der Verkehrssituation ermöglicht Reinhören in die Platzfrequenz mindestens fünf Minuten vor dem Erstanruf. Werden Fallschirmspringer abgesetzt oder Segelflugzeuge geschleppt? Findet Kunstflug statt? Sind Maschinen im Anflug? Wie viele? Wo? In welcher Höhe? Die Antworten kommen meist schon, bevor man sich selbst meldet. Und das passende QNH? Verrät die ATIS-Ansage eines nahen Verkehrsflughafens oder der Fluginformationsdienst.

Zu dicht! In Wirbelschleppen droht Kontrollverlust. Präzise Positionsmeldungen aller Piloten helfen, sich ein Bild vom Verkehr zu machen.

Bei der Positionsmeldung kann der Pilot neben der Höhe und Himmelsrichtung, aus der er anfliegt, die eigene Entfernung zum Platz nennen (»fünf Meilen«) oder die Zeit (»fünf Minuten«), die bis zu seiner Ankunft vergehen wird. Für die Entfernung spricht, dass jeder weiß, wo sich der Anfliegende aktuell befindet, für die Zeit, dass bekannt ist, wann er die Platzrunde erreicht haben wird, wann es dort also eng werden kann.

Checkliste für den Anflug vor Erreichen der Platzrunde abhaken

Die Angabe der Zeit hat den Nachteil, dass nur dann auf die aktuelle Position der anfliegenden Maschine geschlossen werden kann, wenn man deren Geschwindigkeit kennt. Aber wie schnell fliegt eine »Culver Cadet«, »Wheeler Express« oder »Asso IV«? Bei einem unbekannten Muster wiederum weiß niemand, wann es am Platz ist, wenn der Pilot seine Entfernung nennt. Doch in diesem Fall besteht wenigstens Klarheit darüber, wo das Flugzeug sein muss: zwischen der genannten Position und dem Platz. Bodenmerkmale durchzugeben (»über der Kapelle«) macht Ortsunkundige rasend, außer es handelt sich um eindeutige, unübersehbare Orientierungspunkte wie die einzige Autobahnkreuzung in der Gegend, eine Küstenlinie oder Flussmündung. 

Bei Kollisionsgefahr genügt mit 45 Grad Einflugwinkel eine kleinere Korrekur als beim 90-Grad-Einflug. Außerhalb der Platzrunde entzerrt ein Vollkreis den Verkehr. Illustration: Eric Kutschke

Die Checkliste für den Anflug sollte vor Erreichen der Platzrunde abgehakt sein. Später ist erhöhte Aufmerksamkeit für Verkehr und Flugverlauf gefragt, da darf der Blick nicht bei irgendetwas im Cockpit verharren. 

Wann ist ein langer Endanflug wirklich sinnvoll?

Wann eine Maschine für die Landung konfiguriert wird, hängt vom Muster und dessen Komplexität ab (Einziehfahrwerk, Gemischregulierung, Vergaservorwärmung, Landeklappen, Verstellpropeller). Der Prop, sofern verstellbar, ist zuletzt dran – erhöhte Drehzahl für die Landung bedeutet mehr Lärm, und den will man der Umgebung so lang wie möglich ersparen. 

Direktanflug oder Platzrunde? Grundsätzlich gilt: Platzrunde! Ein »langer Endanflug« kann allerdings sinnvoll sein, falls er weder die Kollisionsgefahr noch die Lärmbelästigung erhöht. Niemand hat etwas davon, wenn ein Flugzeug vor der Landung länger als notwendig Sprit verfliegt und die Gegend beschallt. Das kann durch einen Direktanflug über unbewohntem Terrain vermieden werden, vorausgesetzt die Verkehrslage gestattet es. Auch in diesem Fall sind Positionsmeldungen wichtig, sowohl im »langen Endanflug« als auch dort, wo normalerweise ins »Endteil« gekurvt wird. Die lokalen Verhältnisse kennt der Flugleiter am besten, er weiß, wo lärmsensible Gebiete sind – einen Direktanflug mit ihm abzusprechen, gebietet sich. 

Die Anflugkarte zeigt, wo in die Platzrunde eingeflogen wird

Wo in die Platzrunde eingeflogen wird, zeigt für manche Plätze die Anflugkarte. Gibt es dazu keine Hinweise, bestehen mehrere Möglichkeiten. Gängig ist der Einflug dort, wo der Gegenanflug beginnt, und zwar per Geradeausflug, 90-Grad-Kurve oder irgendetwas dazwischen. Möglich ist auch ein Einflug auf halber Länge des Gegenanflugs. Beträgt der Einflugwinkel dabei 45 Grad zum Gegenanflug, genügt bei drohender Kollision eine kleinere Richtungskorrektur als beim 90-Grad-Einflug. Kommt man aus der »falschen« Richtung, muss der Platz weiträumig umflogen oder mindestens 500 Fuß oberhalb der Platzrunde überflogen werden. 

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Auf jeden Fall muss die Höhe der Platzrunde erreicht sein, sobald sich das Flugzeug auf einem ihrer Schenkel befindet. Erst dort zu sinken ist gefährlich – Tiefdeckerpiloten sehen schlecht nach unten, Hochdeckerpiloten schlecht nach oben. In Kurven bedeutet das: Aus Tiefdeckern ist die Sicht zur Außenseite hin verdeckt, aus Hochdeckern zur Innenseite hin. Deshalb empfiehlt es sich, vor Richtungswechseln kurz die Querneigung zu variieren und »hinter« die eigene Tragfläche zu schauen. So kann man »Schweiger« entdecken, die auf Kollisionskurs unterwegs sind.

Wichtige Regel: Der höher Fliegende lässt den tiefer Fliegenden vor

Besondere Umsicht ist sowohl beim Einflug in die Platzrunde geboten als auch im Turn to final, wo sich Platzrunden– und Direktanflieger treffen können. Alle Warnlampen müssen angehen, wenn jemand im Funk eine Position meldet, die mit der eigenen übereinstimmt: Nichts wie weg! Aber mit Umsicht – ein Crash beim Ausweichen ist nicht besser als einer durch Ahnungslosigkeit

Besondere Ausweichregeln kennt die Platzrunde insofern, als einem Luftfahrzeug auszuweichen ist, das sich im Endanflug befindet. Und: Der höher Fliegende lässt den tiefer Fliegenden vor. Um Abstand zwischen sich und anderem Verkehr zu schaffen, genügt es meist, die Flugrichtung leicht zu korrigieren oder einen Schenkel der Platzrunde etwas zu verkürzen oder auszudehnen. Vollkreise chaotisieren den Flugbetrieb – wenn, dann vor dem Einflug und immer weg vom Platz, weil sonst andere Bereiche der Platzrunde aufgemischt werden.

Frühes Eindrehen ist bei der Platzrunde sehr wichtig

Ausweichen oder Verkehrsentzerrung kann dazu führen, dass ein Pilot die veröffentlichte Platzrunde nicht exakt einhalten kann. Das darf aber auch niemand verlangen, weil es unsinnig und gefährlich wäre. Ein Gutachten der FH Aachen aus dem Jahr 2014 nennt Gründe: Schon die Darstellungen der Platzrunde und ihrer Umgebung weichen in verschiedenen Karten (DFS, Jeppesen) deutlich von einander ab; eine Orientierung an nahe gelegenen Bodenmerkmalen ist schwer möglich, da gängige Maschinen nicht die hierfür notwendige Cockpitsicht bieten; konzentriert sich ein Pilot zu sehr darauf, die Platzrunde einzuhalten, leidet die Verkehrsüberwachung, was die Kollisionsgefahr erhöht; auch Angst vor Strafandrohung verschlechtert das Sicherheitsniveau.

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Fazit: Dem veröffentlichten Platzrundenverlauf ist zwar zu folgen, doch mit der im Flugbetrieb nötigen, erheblichen Flexibilität. Damit etwa bei Rückenwind im Queranflug die Pistenachse nicht überschossen wird, ist frühes Eindrehen notwendig. Nur um einer »blauen Linie« zu folgen, sollte kein Pilot bei dünnem Geschwindigkeitspolster mehr als 30 Grad Schräglage riskieren.

In der Platzrunde geht es besonders eng zu

Beim Abflug darf die Platzrunde verlassen werden, sobald ihre Höhe erreicht ist, in der Regel 900 bis 1000 Fuß AGL. Als in Deutschland noch eine generelle Überlandflughöhe von mindestens 2000 Fuß AGL galt, konnte man damit rechnen, bis zu dieser Höhe keinem Verkehr zu begegnen. Heute sind lediglich die Sicherheitsmindesthöhen einzuhalten: 500 Fuß AGL über freiem Gelände und 1000 Fuß AGL über bebautem Gebiet oder Menschenansammlungen – da kann schon mal jemand auf Platzrundenhöhe daherkommen. Also auch hier: Rausschauen, das GPS oder iPad kann warten! 

Nirgendwo geht’s so eng zu wie in der Platzrunde. Die Unfallstatistik belegt es.

Text: Peter Wolter Zeichnungen: Helmut Mauch Illustrationen: Eric Kutschke

Über den Autor
Peter Wolter

Peter Wolter kam vom Drachenfliegen zur motorisierten Luftfahrt und von der Soziologie zum Journalismus. Er steuert ULs sowie E-Klasse-Maschinen und hat sein eigenes UL (eine Tulak) gebaut.

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