So gelingen spektakuläre Bilder bei der Air-to-Air-Fotografie
Flugzeuge Air-to-air abzulichten, gilt als kompliziert. In Ballenstedt im Harz trafen sich rund 25 Fotografen und Piloten auf der Jagd nach perfekten Luftbildern.
Am Verkehrslandeplatz Ballenstedt (EDCB) sammeln die Zaungäste. Aufgeregt tobt eine Meute Kindergarten-Kids an der niedrigen Brüstung am Vorfeld entlang. »Warum stehen hier Türen rum und wann startet die weiße Maschine?« Das sind nur einige neugierige Fragen an die großen Menschen jenseits des Zauns. Doch das lässt sich einfach erklären. Denn hier findet zum sechsten Mal die sogenannte FotoFlugFiesta statt. Dabei treffen sich Fotografen und Piloten, um unter professionellen Bedingungen Air-to-air-Fotografie zu trainieren. Mitinitiator der Veranstaltung ist Tobias Barth aus Stade, dessen Fotos auch regelmäßig im fliegermagazin erscheinen. Er hat die Veranstaltung gemeinsam mit fünf Piloten und Fotografen organisiert.
Die Flugzeuge auf dem Vorfeld spiegeln die ganze Breite der Privatluftfahrt. Hier stehen insgesamt 24 Fotoobjekte vom einsitzigen Segelflugzeug PZL Bielsko SZD-24 Foka über ULs wie die Dynamic WT9 und kunstflugtauglichem Gerät vom Schlage der Pitts Modell 12 bis zu Klassikern der Luftfahrt in Form von Wilga und Dornier Do 27. Das Vorfeld füllte sich mit zunehmendem Sonnenschein über die Tage deutlich. Als Fotoflugzeuge stehen eine ultraleichte Ikarus C42 A und eine kräftige Cessna 182 bereit. Beide haben sich standesgemäß jeweils einer Tür entledigt.
Air-to-Air FotografieWarum Ballenstedt der perfekte Ort für die FotoFlugFiesta ist
Den Standort im Harz, südöstlich des Ausflugsorts Quedlinburg, haben die Veranstalter clever gewählt. Gastfreundschaft und Infrastruktur überzeugen. Ballenstedt bietet zwei parallele Pisten mit Gras und Asphalt in Ost-West-Ausrichtung mit 560 beziehungsweise 685 Metern Länge. An der südlichen Platzgrenze stehen Hütten zur Übernachtung bereit. Natürlich gibt es auch eine leckere Gastronomie mit Außenterrasse.
Die fliegenden Crews finden Briefing-Räume sowie flächendeckendes WLAN vor. Auch die lokalen Behörden zeigen sich extrem kooperativ und genehmigen für die FotoFlugFiesta Starts und Landungen außerhalb der normalen Betriebszeiten. Im nicht weit entfernten Wernigerode kann man zudem das Luftfahrtmuseum besuchen – eine Option, die durch teilweise unfliegbares Wetter auch einige Teilnehmer nutzen. Hier wird es nun spannend, denn wer besucht ein so spezialisiertes Event?
Offene Tür beim FlugWie gelingt Air-to-Air-Fotografie auch ohne Erfahrung?
Die Mischung an Teilnehmenden war so bunt wie der Flugzeugpark. So tummelten sich Luftbildexperten neben Neulingen in der Air-to-air-Fotografie. Bei den Pilotinnen und Piloten reicht die Spanne von formationsgewohnten Routiniers bis zu Eignern, die einfach ihr Flugzeug ablichten lassen möchten. Um die Sicherheit zu gewährleisten und gleichzeitig dicht genug ans Objekt zu kommen, hatten die Veranstalter einige Vorkehrungen getroffen.
Auf Wunsch nimmt ein erfahrener Safety-Pilot im zu fotografierenden Flugzeug Platz auf der Copilotenseite Platz. Außerdem ist vor jedem Flug ein umfangreiches Sicherheitsbriefing obligatorisch. Dazu gehören Absprachen über Geschwindigkeiten, Abstände in vertikaler und horizontaler Richtung, Mindestflughöhen über dem Terrain und Ausweichregeln für den Fall, dass sich die Crews aus dem Blick verlieren.
Was vor einem Fotoshooting in der Luft geklärt werden muss
Auch Notsituationen, die unabhängig vom Formationsflug sind, wie Funkausfall und technische Probleme wurden thematisiert. Immer gilt die globale Vereinbarung: Wenn einem der beiden Formationspiloten der Abstand zu gering wird, endet die Annäherung ohne Diskussionen. Damit die Konzentration nicht nachlässt, werden die einzelnen Shootings auf eine Flugdauer von 30 bis 45 Minuten beschränkt. Auch gibt es ausreichend Pausen für Fotografen und Piloten.
Über das Sicherheitsbriefing hinaus wurden natürlich auch Fotospots über interessantem Terrain und das Fliegen von Kurven besprochen. Das Briefing erfordert volle Konzentration. Denn es gibt viel Information in kurzer Zeit. Während des Fluges nutzen die Fotocrews eine eigene Air-to-air-Frequenz fürs Funken. Standardisierte Kommandos helfen, das Fotoziel in der Luft in perfekte Position zu rücken: sinken, steigen, weiter vorn, nach hinten.
Gruppenfoto FotoFlugFiestaDas Geheimnis perfekter Air-to-Air-Fotografie
Das perfekte Bild entsteht übrigens meist nicht auf Augenhöhe, sondern indem das Fotoflugzeug etwas höher und in einem Winkel von circa 40 Grad schräg über dem Fotoobjekt fliegt. Bei der ersten Annäherung kommt die Fotocrew immer von hinten angeflogen, während das zu fotografierende Flugobjekt Kurs und Höhe stabil hält. Die Abstände werden dann Stück für Stück verkleinert. Dabei beeinflussen Wind und Thermik die Minima ebenso wie die individuelle Erfahrung im Formationsfliegen. Einen praktischen Tipp, von dem auch Laien profitieren können: Wenn man im Flug als Fotograf das Cockpit der anderen Maschine mit allen Plätzen sieht, ist meist auch das Foto brauchbar.
Eigentlich sind wir vom fliegermagazin nur nutznießende Zaungäste. Denn unser Plan ist, hier zwei Maschinen für zukünftige Artikel ablichten zu lassen und anschließend selbst für Demoflüge mit ins Cockpit zu steigen. Das gelingt uns auch. Doch nach dem »stille-Maus-Spielen« beim Foto-Briefing macht der Autor einen strategischen Fehler. Die offene C42, ein Muster das er gut kennt, aber lange nicht mehr bewegt hat, reizt zum Mitflug. Pilot Felix Schlenker ist auch sofort bereit für eine erweiterte Platzrunde über das Schloss Quedlinburg »mit ohne Tür«.
Dirk Oberländer in der C42 ohne TürWie fühlt sich ein Fotoshooting ohne Flugzeugtür an?
Es zieht wie Hechtsuppe und trotz der niedrigen Geschwindigkeit wäre ein Gurt für Handy und Kamera nicht verkehrt gewesen. Nur so zur Beruhigung. Bei der Rückkehr zum Platz ist mit der Binder EB28 ein eigenstartfähiger Motorsegler mit aktiviertem Triebwerk und einer ausladenden Spannweite von 28 Metern querab der Platzrunde. Schnell einigen sich beide erfahrenen Formationspiloten per Funk auf ein simuliertes Fotoshooting – soll der fliegermagazin-Redakteur doch selbst mal das Briefing in Realität erleben.
Es ist beeindruckend, den eleganten Segler ganz nah vorm Handy zu haben. Obwohl die Spannweite doch einen gewissen Mindestabstand erfordert, um überhaupt das ganze Objekt aufs Bild zu bekommen. Fasziniert beobachte ich das Einfahren des Klapptriebwerks vor der Landung des Doppelsitzers. Natürlich ist die Kombination von Hoch- und Tiefdecker bei Air-to-air-Fotos optimal. Ohne Tür bietet die C42 ein erstaunlich großes Sichtfeld.
Was ein gutes Fotoflugzeug wirklich ausmacht
Das Rohr-Tuch-Gerät offenbart ungeahnte Talente. Zumal sich das etwas träge Flugverhalten bei der langsamen Annäherung als Vorteil erweist. Nicht jede kleine Böe oder thermische Ablösung muss sofort »mit Rumrudern« korrigiert werden. Zur Landung geht es wieder mit gewohntem Platzrundenabstand.
Am Boden herrscht derweil trubelige, aber nicht hektische Betriebsamkeit. Über vier Tage reisen die verschiedenen Crews je nach Zeitpolster und passendem Wetter für die geplante Strecke an und ab. Die Reihenfolge der Shootings wird nach Füllstand des Vorfelds und Wetterlage tagesaktuell geplant. Man merkt der Crew die Routine an. Was außerdem auffällt, ist der Spaßfaktor.
Isabella und Volker in der C150Was die FotoFlugFiesta so besonders macht
Jeder Halter ist bereit, über sein Luftfahrzeug Auskunft zu geben. Dabei ergeben sich zum Teil spannende Geschichten. Sei es die intensive Suche nach einem bestimmten Muster, die Entstehungsgeschichte von Selbstbauten oder das Geständnis eines gestandenen Ex-Linienpilotens, ein besonders rares Muster ohne vorherige Besichtigung im Urlaub angezahlt zu haben. Der Kauf erwies sich zum Glück auch im Nachhinein als solide Investition.
Das tolle Gemeinschaftsgefühl zieht sich auch durch alle Flugzeug- und Erfahrungsstufen. Es ist hier schlicht egal, ob du mit einem »abgerockten UL«, einer werksfrischen Maschine oder einem Klassiker auftauchst. Erfahrene Piloten teilen auf Nachfrage gerne ihr Know-how, ohne den Chefkapitän heraushängen zu lassen. Mit einem gewissen Galgenhumor betrachten alle die hohen Spritpreise. Die manuell gesteckte Preistafel neben der Tankstelle wird zum populären Fotomotiv.
Air-to-Air-Fotografie – So geht es weiter
Die Veranstaltung liefert nicht nur viele beeindruckende Fotos, sie fördert auch die fliegerische Weiterbildung. Wann kann man sich als Pilot schon unter so optimalen Bedingungen ans Thema Zweierformation wagen? Das entspannte Zusammensitzen bei Frühstück oder gemeinsamen Abendessen samt Landebier kommt dabei natürlich auch nicht zu kurz. Eins steht bereits fest: Auch 2027 wird es wieder eine FotoFlugFiesta geben. Wo, ist noch nicht bekannt, aber es wird sicher wieder eine passende Foto-Location sein. Bis dahin haben wir vielleicht auch Gurte für unsere eigene Ausrüstung.
Tobias bei der Air-to-Air FotografieTipps für erfolgreiche Air-to-Air Fotografie:
Gut gebrieft: Rollen, Geschwindigkeiten, Positionen, Funk und Abbruchverfahren müssen vor dem Start eindeutig geklärt sein. Formationsflugerfahrung ist wichtiger als die Jagd nach möglichst geringem Abstand.
Alles sichern: Bei geöffneter Tür müssen Kamera und Ausrüstung zuverlässig gesichert sein. Lose Gegenstände haben im Fotoflugzeug nichts verloren. Aber besonders wichtig ist die Sicherung des Fotografen.
Passende Verschlusszeit: Zu kurze Belichtungszeiten lassen einen Propeller scheinbar stillstehen. Für sichtbare Bewegung eignen sich bei Kolbenflugzeugen längere Verschlusszeiten – am besten bis maximal 1/125 Sekunde.
Das Umfeld zählt: Sonnenstand, Landschaft und Hintergrund gehören zur Bildplanung. Und lieber etwas Luft ums Flugzeug lassen, enger beschneiden lässt sich das Foto später immer noch.

Dirk M. Oberländer, Jahrgang 1975, verbrachte seine Jugend beim Segelfliegen am Flughafen Braunschweig-Wolfsburg. Später folgte der Abschied vom Schieben und Umstieg zum Ultraleicht-Fliegen. Die zweite große Leidenschaft, das Schreiben, brachte Dirk zu Stadtmagazinen, Tageszeitungen, Kundenmedien und in die wunderbare Welt der Werbung. Immer mit einem Faible für Technik und die Menschen dahinter. So war es nur eine Frage der Zeit, bis der studierte Kultur- und Medienmanager beim fliegermagazin landete. Am Boden ist Dirk bevorzugt mit Laufschuhen und Rad unterwegs – im Urlaub auch gern mal mit Zelt in Richtung Süden.

