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Jetstream kommt von Bahn ab: Crew vergisst Ruderverriegelung zu entfernen

Eine Berufspiloten-Crew startet mit arretierten Steuerflächen. Der Take-off endet neben der Bahn im Gras. Was die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung sagt.

Von Christof Brenner
Die Jetstream 32 hat Platz für bis zu 19 Passagiere. Die Unfallmaschine wurde im Linienverkehr zwischen Münster und Stuttgart eingesetzt. Foto: RALF MEYERMANN/AIRTEAMIMAGES

Es gibt manchmal Unfälle, über deren Ursachen jeder Pilot nur verwundert den Kopf schüttelt – zu banal sind die Nachlässigkeiten, die vorangegangen sind. Checklisten nicht konsequent zu lesen ist eine davon. Dass auch routinierte Verkehrspiloten vor derartigen Fehlern nicht sicher sind, verwundert sehr: Schließlich sind die Klarlisten fester Bestandteil der Aufgabenteilung in einem Zweimanncockpit.

Am 8. Oktober 2019 ereignete sich ein Jetstream-Unfall. Die Besatzung einer Jetstream 32 soll ihren einzigen Passagier von Münster/Osnabrück nach Stuttgart bringen. Die Turboprop ist auf dieser Strecke im Liniendienst eingesetzt. Der 26-jährige Copilot soll den Flug durchführen, der für 17.30 Uhr geplant ist. Nachdem er sein Type Rating erworben hat, ist es sein erster Flug im Linienverker, dabei wird er vom daneben sitzenden Kapitän überwacht. Derartige »Supervision«-Flüge sind fester Bestandteil der Verkehrspilotenausbildung.

Die Crew ist pünktlich und arbeitet den Außencheck und die Preflight-Checkliste ab

Mehr als rechtzeitig trifft die Crew um 16 Uhr am Flughafen ein, nach dem Außencheck arbeitet sie im Cockpit den Rest der Preflight-Checkliste ab. Doch der Start verzögert sich: Dem Linienflug wird ein Slot zugewiesen, der die neue Abflugzeit auf 18.01  Uhr festlegt.

Von der Bahn geraten Ohne wirksame Seitenrudersteuerung biegt die Jetstream auf einer Strecke von 530 Metern nach rechts ins Gras ab (Blickrichtung Nordost, zirka 70°). Foto: DFU

Das Rollen zur Startbahn 25 übernimmt der Kapitän. Die Bugradlenkung der 7,4 Tonnen schweren Turboprop erfolgt nicht über die Seitenruderpedale, sondern wie bei vielen größeren Flugzeugen hydraulisch. Nur auf der linken Cockpitseite gibt es hierfür einen Hebel, mit dem gesteuert werden kann.

Die Jetstream verfehlt nur knapp eine Jodel Robin DR400

Im Startlauf übernimmt der Copilot bei 70 Knoten die Kontrolle. Erst als er die Maschine bei 108 Knoten rotieren will, bemerkt er, dass die Rudersteuerung blockiert ist. Weder Abheben noch die Richtungskontrolle auf der Runway ist möglich. Die Jetstream ist bereits 130 Knoten schnell, als der Co den Start abbricht. Beiden Piloten gelingt es nicht, die Maschine auf der 45 Meter breiten Runway zu halten – sie gerät nach rechts von der Bahn ab. Dabei passiert die außer Kontrolle geratene Turboprop mit einer Geschwindigkeit von 119 Knoten nur knapp eine Jodel Robin DR400, die nördlich der »25« am Rollhalt auf ihre Startfreigabe wartet.

Nach über 500 Metern auf Gras kehrt die Zweimot wieder auf befestigten Grund zurück. Während sie die Piste verlassen hatte, war sie mit einem Hinweisschild und einer Lampe der Bahnbeleuchtung kollidiert. Mit kleineren Beschädigungen und einem demolierten Propeller rollt die Maschine zurück zum Vorfeld. Die Jetstream-Besatzung und der Passagier an Bord kommen glimpflich davon, bei dem Unfall wird niemand verletzt.

Piloten haben vergessen, die Ruderverriegelung zu entfernen

Die Ursache für den misslungenen Startverlauf teilen die Piloten schon über Funk mit: Sie haben vergessen, die Ruderverriegelung zu entfernen – ein Hebel an der rechten Seite der Mittelkonsole im Cockpit, den der Copilot hätte betätigen müssen.

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Weil das Linienflugzeug einen Flugdaten- und Cockpit-Sprachrekorder an Bord hatte, kann die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) den Unfallhergang detailliert analysieren. Die Auswertung ergibt: Die Crew hatte ihre Checklisten für die Vorflugkontrolle, beim Rollen und schließlich beim Line-up nur unvollständig abgearbeitet. An zwei Stellen enthalten die Klarlisten den Punkt, die Freigängigkeit der Ruder zu überprüfen. Zudem ist natürlich ebenfalls dort zu lesen, dass das Gust Lock entfernt werden muss.

Warum konnten die Piloten mit verriegelten Rudern starten?

Dass die Piloten mit verriegelten Rudern überhaupt starten konnten, lag an einem mechanischen Defekt. Normalerweise blockiert eine Sperre die Gashebel bei aktivem Gust Lock. Wegen einer verbogenen Schub-
stange in der Mechanik funktionierte sie jedoch nicht.

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Startversuche mit nicht entfernter Ruderverriegelung sind kein Einzelfall. 2014 überschoss in den USA ein Gulfstream Businessjet die Piste beim Start, ebenfalls weil die Piloten das Gust Lock vergessen hatten. Sieben Menschen starben. Auch hier versagte die Sicherung, die verhindern sollte, dass die Piloten Startleistung setzen.

Die US-amerikanische Unfalluntersuchungsbehörde National Transportation Safety Board (NTSB) listete bereits Mitte der sechziger Jahre 23 Vorfälle innerhalb von fünf Jahren auf, bei denen Ruderverriegelungen vorm Start nicht entfernt worden waren. Betroffen waren dabei 19 Flugzeugmuster von zehn Herstellern. Die Dunkelziffer, bei der das Rudder Lock noch rechtzeitig vor dem Start bemerkt wird, dürfte indes weit höher liegen, vermutete die Behörde.

Nicht alle Flugzeuge haben eine Ruderverriegelung

Auch der Flugzeugbauer Beechcraft veröffentlichte einen Sicherheitshinweis für Flugzeughalter und Betreiber, um auf die Gefahr durch vergessene Gust Locks aufmerksam zu machen. Darin betont der Hersteller explizit, nur die originalen Sperren zu verwenden: In einem Fall hatte ein Pilot einen Nagel als Verriegelungspin zweckentfremdet und ihn bei seiner Vorflugkontrolle im dunklen Cockpit vor einem nächtlichen Start übersehen.

Nicht alle Flugzeuge haben eine Ruderverriegelung. Bei älteren Mustern sieht das Handbuch vor, die Steuerflächen zu arretieren, indem der Pilotengurt um das Steuerhorn gelegt wird. Unter anderem Piper verlangt bei seiner Cherokee-Reihe diese nicht unbedingt elegante Methode, bei der aber Fehler praktisch ausgeschlossen sind. »Aus Sicherheitsgründen« auf das Gust Lock zu verzichten, ist allerdings auch keine gute Idee: Vor allem Wind, der von hinten auf die Ruder trifft, kann sie umherschlagen und beschädigen.

Über den Autor
Christof Brenner

1970 in München geboren, stieg Christof Brenner mit einem Volontariat beim Münchner Merkur in den Journalismus ein. Danach arbeitet er unter anderem bei der Bild. 1996 erwarb er seine PPL in Landshut; IFR, MEL und CPL folgten später in den USA. Brenner besitzt eine Piper Arrow II PA-28R-200, die zur Zeit in Florida stationiert ist.

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