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Royal Victorian Aero Club – Australiens ältester Fliegerclub

Am Moorabbin Airport südöstlich von Melbourne verbindet der Royal Victorian Aero Club ehrwürdige Geschichte mit moderner Pilotenausbildung. Wir waren vor Ort.

Von Rolf Stünkel
Freigaben im Minutentakt: Schulflugzeuge rollen in Moorabbin ohne Pause Richtung Piste. Bild: Rolf Stünkel

Schon beim Betreten des äußerlich schlichten Gebäudes spürt man die Noblesse. Pokale und Wimpel zieren die Wände; hinter dem Tresen residiert im dunkelblauen Club-Sweater die Membership-Managerin Lorrelle. Der Royal Victorian Aero Club (RVAC) am Melbourner Moorabbin Airport ist nicht nur der älteste Fliegerclub Australiens, sondern auch eine der aktivsten Pilotenschmieden des Landes, das im Englischen oft »down under« genannt wird, weil es auf der anderen Seite der Erde liegt.

Mit 250 bis 300 Privat- und Berufspilotenschülern jährlich sind rund 20 Fluglehrer gut ausgelastet, der Club hat dazu zahlreiche Vereinsmitglieder und Charterkunden, die ihre Lizenz bereits haben. Fluglehrer und Mitarbeiter tragen Uniform – wie an vielen anderen Flugschulen der Welt auch.

„Good morning“, begrüßt mich Lorrelle. Sie guckt auf ihren Plan und ruft: „Michael, Kundschaft!“ Ein Fluglehrer bittet mich in einen Briefing-Raum. „Ich habe hier selbst meinen Schein gemacht“, erzählt er. „Bei der Wahl zwischen den vielen Flugschulen wählte ich spontan die älteste.“ Australier pflegen eine eher lockere Verbindung zur britischen Krone. Sie schätzen aber den guten Ruf ehrwürdiger Vereine und Institutionen.

Schlichte Fassade, große Geschichte: Der Royal Victorian Aero Club ist Australiens ältester Fliegerclub. Bild: Rolf Stünkel

Moorabbin Airport hat fünf Runways

Michael erklärt mir die Eckdaten des großen Moorabbin Airports südöstlich der Millionenstadt Melbourne. „Er wurde 1949 für die aufstrebende Allgemeine Luftfahrt konzipiert und ist ziemlich üppig ausgestattet“, erläutert er. „Fünf Runways, davon zwei mit über 1300 Meter Länge, erlauben einen reibungslosen 24/7-Flugbetrieb. Hier haben sich rund 60 Betriebe angesiedelt, darunter etwa ein Dutzend Flugschulen, Wartungsfirmen, Charterunternehmen und ein Luftfahrtmuseum.“ Michael weist auf
die strikte Funkdisziplin hin. „Hier herrscht immer Hochbetrieb, da ist sauberes Funken absolut essenziell.“ Moorabbin bedeutet in der Ureinwohner-Sprache Boon Wurrung so viel wie „Ort der Ruhe“. Bei bis zu 300.000 Flugbewegungen pro Jahr, etwa so viele wie am Sydney International, passt das nicht mehr.

Sightseeing-Flug zur Innenstadt von Melbourne

Wir klettern in eine blauweiß lackierte Piper PA-28 und rollen bei schönstem Frühlingswetter zur Piste 35L. Schon auf dem Weg zeigt sich die Ausdehnung des Airports. Wir passieren zahlreiche geparkte ein- und zweimotorige Flugzeuge und Hubschrauber. „Cleared for Takeoff!“ Michael schiebt das Gas rein und geht auf Nordwestkurs.

Auf dem Sightseeing-Flug zur Innenstadt von Melbourne passieren wir Orte namens Cheltenham, Hampton, Brighton – Namen, die aus England vertraut klingen. Hinter dem St. Kilda Stadtstrand beginnen die Wolkenkratzer der Metropole.

Melbourne ist ein Mix aus historischer Architektur, modernen Wolkenkratzern und grünen Oasen. Bild: Rolf Stünkel

Mit der Piper auf der 35L landen

Melbourne stand lange im Schatten von Sydney. Heute kann sich die pulsierende Vier-Millionen-Stadt locker mit London, Vancouver oder Singapur messen. Im Zentrum wähnt man sich mal in Europa, mal in den USA, es gibt alle denkbaren Luxusläden, Cafés und Restaurants. Am Hafen schießen teure Lofts in die Höhe, die Mietpreise sind astronomisch. Das Klima ähnelt dem Südfrankreichs: Im Sommer steigen die Temperaturen teils auf über 40 Grad, im Winter schneit es nur äußerst selten.

Wir fliegen eine große Kurve um den Albert Park, überqueren Wolkenkratzer und historische Bauten, nehmen dann Kurs auf den Hafen. Große Frachter liegen an der Pier, Ausflugsboote schippern auf Sightseeing- Touren. Auf der gegenüberliegenden Seite liegen Newport, Williamstown und Altona – mein norddeutsches Herz schlägt höher, als ich den Namen auf der Karte entziffere.

Dann geht es langsam über die Port Philip Bay und weiße Traumstrände zurück nach Moorabbin. Michael landet die Piper auf der 35L und rollt vors Clubhaus: „Welcome back.“

Royal Victorian Aero Club hat eine ehrwürdige Geschichte

Der ehrwürdige Royal Victorian Aero Club wurde am 28. Oktober 1914 auf dem Militärstützpunkt Point Cook westlich von Melbourne gegründet. Taufpaten waren zwei Fluglehrer und vier Army-Flugschüler. Als Präsident des Australian Aero Club, wie er zunächst hieß, fungierte ein britischer Major.

Point Cook und seine wackeren Flieger wurden zur Keimzelle der späteren Royal Australian Air Force, der Aero Club stellte die ersten zivilen Pilotenlizenzen aus – mit Genehmigung des Royal Aero Club im fernen England, der seinerzeit noch die zuständige Lizenzstelle war.

Anfang der zwanziger Jahre siedelte der Club zum nahen Essendon Field um, dem späteren ersten internationalen Flughafen von Melbourne. 1935 erhielt der Verein für seine Verdienste um die Pilotenausbildung den Zusatz „Royal“. 1949 verlegte man seinen Sitz zum frisch eröffneten Flughafen Moorabbin.

Startklar für die nächste Platzrunde – Flugstunden sind begehrt, die teils einheitlich lackierte Flotte ist gut gebucht. Bild: Rolf Stünkel

Flugzeugpark des Fliegerclubs

Noch bis in die fünfziger Jahre bestand der Flugzeugpark vorwiegend aus Doppeldeckern vom Typ De Havilland Tiger Moths. Sie wurden nach und nach durch De Havilland Canada DHC-1 Chipmunk und Victa Airtourer ersetzt. Heute verfügt der Aero Club über Piper PA-28 der Varianten Warrior, Archer und Arrow, sowie Cessna 152 und 172, Piper Seminole, Partenavia-Twin und zwei Sling 2.

Der Royal Victorian Aero Club pflegt seit Jahrzehnten eine besondere Tradition. Jedes Jahr im September brechen rund 30 Flugzeuge in der Morgendämmerung zur »Dawn Patrol« auf. Sie brummen in dichter Formation über Melbourne und die Küste bis zum Geburtsort des Clubs in Point Cook – zu Ehren in der Luftschlacht um England gefallener australischer Militärflieger.

Sichere Zukunft für den Rocal Victorian Aero Club

Zum Abschied gönne ich mir eine dunkelblaue Windjacke mit Club-Logo, die auch für Gäste käuflich zu erwerben ist, und setze mich auf ein Bier ins benachbarte Clubhaus. Im Flur hängt ein Porträt des
britischen Königs, in den Vitrinen stapeln sich silberne Ehrenpokale. Auf der Aussichtsterrasse genieße ich den weiten Blick über das Flugfeld.

Mindestens ein halbes Dutzend Luftfahrzeuge sind gleichzeitig in der Luft, es geht zu wie im Bienenstock. Ein klares Zeichen: Moorabbin hat große Modernisierungs- und Ausbaupläne. Im Aero Club braucht sich niemand Sorgen um die Zukunft zu machen.

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Über den Autor
Rolf Stünkel

Rolf Stünkel ist seit 1998 freier Mitarbeiter beim fliegermagazin und dem dem Schwestermagazin Aero International. Der frühere Marineflieger und Lufthansa-Kapitän ist Autor mehrerer Bücher. Inspiration holt er sich am liebsten beim Blick aus einem kleinen Flugzeug. Sein Motto: Wir Flieger sind eine große Familie!

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