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Flugplatz Wick: Die Anlaufstelle für Atlantiküberquerungen

Ein Serviceunternehmen im schottischen Wick ist die Anlaufstelle für alle, die mit kleinen Flugzeugen den Nordatlantik überqueren.

Von Christof Brenner
Auf dem Weg nach Oshkosh
Zu Gast in Wick: Auf dem Weg zum EAA AirVenture in Oshkosh machte fliegermagazin-Redakteur Christof Brenner im vergangenen Jahr Stopp bei Far North Aviation. Foto: Christof Brenner

Ein bisschen ruhiger ist Andrew schon geworden: Er genießt den Garten seines Hauses, hat auch mal Gelegenheit durchzuatmen. Auch wenn es ihm offenbar nicht ganz leicht fällt: „Nach 32 Jahren ununterbrochener Sieben-Tage-Woche braucht es doch einige Zeit, sich umzugewöhnen.“ Einige Zeit? Zweieinhalb Jahre ist Andrew Bruce schon im Ruhestand.

Über drei Jahrzehnte leitete er sein Dienstleistungsunternehmen Far North Aviation am schottischen Flughafen Wick. Nein, mehr noch, Andrew war Far North Aviaton. Rund um die Uhr kümmerte er sich um die Bedürfnisse von Piloten, die es auf dem Weg über den Atlantik in den Norden Schottland verschlagen hat. Dann hat Andrew sein Lebenswerk übergeben – und seinen ehemaligen Mitarbeiter Bruce Murray damit zum Chef und Unternehmer gemacht. Der heute 27-jährige bereut die Entscheidung nicht: „Jeden Tag treffe ich neue Menschen aus aller Welt. Für mich ist das ein Traumjob.“

FirmengründerFirmengründerFoto: Christof Brenner
Firmengründer: Andrew Bruce war 32 Jahre lang jeden Tag rund um die Uhr für Piloten und ihre Flugzeuge da.

Dienstleister für Atlantiküberflüge: Far North Aviation ist am Flugplatz Wick niedergelassen

Far North Aviation ist eine Institution bei den Ferrypiloten aus aller Welt: Hier muss jeder vorbei, der in kleinen Flugzeugen zwischen Europa und Amerika unterwegs ist. Denn der Firmenname des Serviceunternehmens kommt nicht von ungefähr: Wick (EGPC) ist tatsächlich der nördlichste Flughafen Schotttlands, von den Plätzen auf den vor der Küste liegenden Orkney-Inseln abgesehen. Deswegen ist Wick für Transatlantikpiloten so wichtig.

DokumentationDokumentationFoto: Christof Brenner
Ordnung muss sein: Für jedes angekündigte Flugzeug hält Far North Aviation alle Dokumente bereit.

Die Route für Kleinflugzeuge über den Atlantik bietet einige Optionen, gerade Maschinen mit geringerer Reichweite oder ohne Turbolader sind bei der Wahl allerdings stark beschränkt. Wer sich auf den Weg nach Amerika machen will, landet dabei in Schottland, Island, Grönland und Kanada. Wählt man die kürzesten Strecken über Wasser, so ist das Leg zwischen Schottland und Island mit 521 Nautischen Meilen das längste. Zwar gibt es auf den Färöer Inseln auf halber Strecke die Chance auf eine Zwischenlandung, wirklich planen sollte man damit jedoch nicht. Das Wetter kann innerhalb von Minuten die Bedingungen am dortigen Flugplatz Vágar unter IFR-Minima rutschen lassen. Dann heißt es umkehren oder weiterfliegen. In beiden Fällen beträgt die Gesamtstrecke gut 500 Nautische Meilen.

Längste Strecke über Wasser: Die Distanz zwischen Schottland und Island beträgt 521 nM

Neben den in Wick stationierten Hubschraubern eines nahegelegenen Windkraftanlagen-Parks machen die Atlantikflieger den Großteil der dortigen Flugbewegungen aus. Gerade fünfmal am Tag starten kleine Turboprops im Linienverkehr nach Aberdeen und ins gut 400 Kilometer entfernte Edinburgh. Durchschnittlich 40 Maschinen fertigt Drew Murray dagegen täglich ab – in den Sommermonaten von Juni bis August mehr, dann sind die Chancen auf passables Wetter für eine Atlantiküberquerung am größten.

ÜberlebensanzügeÜberlebensanzügeFoto: Christof Brenner
Lagerware in Wick: Überlebensanzüge sind überm Atlantik unverzichtbar.

Bei der Beratung der Piloten kann der Chef von Far North Aviation auf seine Erfahrung als Ortsansässiger zurückgreifen, bleibt eine Crew mal hängen, organisiert er ihr eine Unterkunft und fährt sie ins Hotel. Darüber hinaus gibt es bei Far North auch alles, was Crews für ihre Trips benötigen: Sprit, Öl und Sauerstoff für die Flugzeuge, aber auch das teure Notfall-
equipment lässt sich hier mieten. 200 Britische Pfund kostet beispielsweise eine Überlebensinsel, für den einfachen Weg bis Goose Bay in Kanada. Dort arbeiten die Schotten mit Irving Aviation zusammen, wo die Ausrüstung nach erfolgreicher Atlantiküberquerung abgegeben werden kann – so lässt sich die Ausrüstung auch für einzelne Strecken in West- und Ostrichtung ausleihen.

Am Flugplatz Wick in Schottland werden durchschnittlich 40 Maschinen pro Tag abgefertigt

Wäre Andrew dabei nicht von Beginn an streng gewesen, hätte dieses Geschäftsmodell wohl keine Zukunft gehabt. Da war zum Beispiel die Crew eines Business Jets, die sich auf dem Weg nach USA eine Rettungsinsel leihen wollte, den Rückweg aber nicht über Wick planen wollte und Andrew die Notfallausrüstung auf dem Postweg zurückschicken wollte. „Wenn ihr sie nicht persönlich zurückbringt, müsst ihr ohne Insel fliegen.“, machte Andrew deutlich.

„Andernfalls wäre unser Equipment längst über die ganze Welt verteilt und ich hätte den Laden schon vor Jahren schließen müssen. Die Gulfstream-Crew hat die Insel übrigens nach einigen Wochen zähneknirschend wieder abgeliefert. Heute hat sich das Prozedere längst eingespielt. Und professionelle Ferrypiloten haben ohnehin ihre eigene Ausrüstung dabei.

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Über die Risiken, die seine Kundschaft bei ihren Trips über den großen Teich eingehen, hat Drew Murray eine Einstellung, die der seines Vorgängers sehr ähnlich ist: „Alles im Leben birgt ein gewisses Risiko. Genauso leicht könnte man auch vom Bus überfahren werden, während man die Straße überquert. Viele unserer Stammkunden lieben ihren Beruf als Ferry-Pilot. Es ist ihr ganz spezieller Lebensstil. Und wegen dieser Leidenschaft und Liebe zu dem Beruf nehmen viele auch das Risiko in Kauf. Drew sagt:  „Die Anzahl der Unfälle ist im Laufe der Jahre immer mehr zurückgegangen, dank immer besserer Technik in den Flugzeugen.“

Urlaubsort Wick: der Norden Schottlands hat einiges zu bieten

Vielleicht kann Drew künftig aber auch Piloten überzeugen, gar nicht weiterzufligen und in Wick zu bleiben: „Wir starten gerade eine Werbekampagne, in der wir unsere Gegend den Menschen als touristische Region näherbringen wollen“, sagt er. Denn eigentlich sei der Norden Schottlands ja mindestens genauso spannend, wie durch die Welt zu fliegen. Und ganz unrecht hat er dabei nicht. Seien es die unzähligen Schlösser und Burgen, die Destillerien für Whisky. Liebhaber oder Outdoor-Aktivitätet wie Jagen, Fischen oder Golfen: „Hoffentlich können wir künftig noch mehr Gäste unserer Region am Flughafen begrüßen.“

CastleCastleFoto: Christof Brenner
Hotelbetrieb eingestellt: 30 Jahre lang konnten Piloten im Ackergill Castle übernachten, Heute ist das Schloss Feriendomizil einer US-Millionärin.

Drew ist jedenfalls gerüstet, Far North Aviation hat er mittlerweile zum hundertprozentigen Familienunternehmen gemacht: auch seine Mutter Adrienne und Bruder Benn helfen tatkräftig mit. Ob Andrew seinem Nachfolger auch noch unterstützt, wenn man Not am Mann ist? Drew sagt: „Ob Du es glaubst oder nicht, aber der Tag, als er mir die Andrew die Firma übergeben hat und in Ruhestand gegangen ist, war es das letzte Mal, dass man ihn am Flughafen gesehen hat“ Nach 32 Jahren Abstand gewinnen – es ist ihm nicht zu verdenken.

Text & Fotos: Christof Brenner

Über den Autor
Christof Brenner

1970 in München geboren, stieg Christof Brenner mit einem Volontariat beim Münchner Merkur in den Journalismus ein. Danach arbeitet er unter anderem bei der Bild. 1996 erwarb er seine PPL in Landshut; IFR, MEL und CPL folgten später in den USA. Brenner besitzt eine Piper Arrow II PA-28R-200, die zur Zeit in Florida stationiert ist.

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