Kurs auf Oshkosh: Atlantiküberquerung mit einer TBM 700B
Vater und Sohn träumen vom Flug über den Nordatlantik zum größten Fliegertreffen der Welt in Oshkosh. Und sie finden sogar einen Weg, bei diesem Plan auch den weniger flugverrückten Teil der Familie glücklich zu machen.
Wir waren so gut auf unsere Atlantiküberquerung im Kleinflugzeug vorbereitet. Intensiv hatten wir die Oceanic Clearance geübt – jede Koordinate, jede Rückmeldung, korrekte Position Reports. Im Transatlantikführer wird einem eingebläut, dass hier nichts schiefgehen darf. Also sitzen wir im Cockpit unserer TBM 700B, Baujahr 2002, in Reykjavik auf dem Vorfeld, erbitten unsere IFR-Clearance und warten schreibbereit und hochkonzentriert.
Die Antwort von Reykjavik Ground: »You are cleared as filed.« Fünf Worte. Das war’s! Wochen der Vorbereitung – für die kürzestmögliche Freigabe, die es gibt. Keinen einzigen Position Report mussten wir später auf der gesamten Strecke machen. So viel zur Theorie.
Begonnen hatte alles mit der Idee, selbst von Hamburg nach Oshkosh zu fliegen. Mehr Flugzeuge, mehr Flugzeugatmosphäre und mehr Flugzeugbegeisterung gibt es nirgendwo auf der Welt. Fünf Jahre träumten wir. Aber was für ein Flugzeug? Eine Cirrus, die wir oft chartern? Schließlich ergab sich die Möglichkeit der TBM 700. Also wurden wir fast ein Jahr vorher konkret. Wir, das sind Vater und Pilot Tobias und Sohn Jonathan, 16, BZF-Inhaber und Segelflugschüler.
Tobias und Jonathan vor Atlantiküberquerung im KleinflugzeugWie plant man eine Atlantiküberquerung im Kleinflugzeug?
Startpunkt war das Nordatlantik Seminar der AOPA von Arnim Stief. Schnell stößt man dann auf den wirklich guten Guide von Pilot & Flugzeug namens »Flying Across The North Atlantic«. Und plötzlich waren wir mitten in den Vorbereitungen, tauschten uns mit anderen Piloten aus und lasen alles, was es im Netz zu Atlantiküberquerungen zu finden gibt. Nachdenklich wurden wir noch einmal, nachdem wir ein Sea-Survival-Training gemacht hatten.
Es zeigt einem sehr eindrucksvoll, wie groß und lebensfeindlich der Nordatlantik sein kann – und macht auch ein wenig demütig. Glücklicherweise empfahl uns der Trainer die Life Guard Association in Schleswig als Vermieter von Ausrüstung. So kamen wir zu einer Insel mit Dach und doppeltem Boden, richtigen Überlebensanzügen, Grab Packs mit Signalraketen, einem Trinkwasseraufbereiter, PLB-Notsendern und einem Satellitentelefon.
Survival Equipment und Camping-Ausrüstung für Atlantiküberquerung mit KleinflugzeugDer erste Schreckmoment auf dem Weg nach Island
Freitags holten wir alles ab und lernten bereits am nächsten Tag auf dem Weg nach Wick in Schottland, wie dicht die Anzüge sind: Komplett durchgeschwitzt kamen wir schließlich in Wick an. Es soll wohl auch atmungsaktive Anzüge geben …
Ein großer Dank geht an das Team von Porta Air Service, die unsere TBM auf den Tag genau aus der Werft freigaben. Die Controller in Hamburg verabschiedeten uns mit besten Wünschen. Der IFR-Flug nach Wick verlief bis auf kurzen, heftigen Eisansatz in einem in Wolken eingebetteten Gewitter vor Schottland unspektakulär. Einen Schreckmoment gab es im Landeanflug, als ein aufsteigender Vogelschwarm knapp am Flugzeug vorbeizog.
Familienurlaub auf zwei verschiedenen Flugrouten
Wick war an diesem Samstag offiziell geschlossen. Der dortige Dienstleister Far North Aviation hat aber nach vorheriger Koordination gleichwohl geöffnet, man kann dann auch ohne Tower landen. Für uns ging es nach dem Tanken gleich weiter in FL 240 Richtung Reykjavik. Dort wartete schon der bestellte Mietwagen. Während wir noch unterwegs waren, saß die übrige Familie – Mutter Frauke und die Töchter Clara, 18, und Philippa, 13 – schon im Linienflug über Kopenhagen nach Island.
Sie brauchten länger als wir via Schottland! Das war unser Plan, um die gesamte Familie für diesen Urlaub zu begeistern: Die weniger flugverrückten Mitglieder kommen per Airline mit, wir treffen uns entlang des Wegs immer wieder. Statt Camping in Oshkosh ist – im fliegermagazin schwer nachvollziehbar, schon klar – Shopping in Chicago angesagt. Danach folgt noch eine Woche gemeinsamer Urlaub in den Outer Banks von North Carolina.
Hallgrimskirche, ReykjavikEinfluss des Wetters auf die Atlantiküberquerung im Kleinflugzeug
Das Timing war perfekt, wir konnten die drei gleich in Keflavik abholen. Drei leider verregnete Tage blieben für Island, aber das Geysir-Gebiet mit dem zuverlässig ausbrechenden Strokkur und der zweistufige Wasserfall Gullfoss machen auch bei Regen Spaß.
Vor dem Weiterflug nach Grönland haben wir uns doppelt abgesichert: Walter Adam von Adam Aircraft Services aus Speyer lieferte telefonisch eine zusätzliche, detaillierte Wetteranalyse. Ein Glücksfall, denn über Grönland lag eine Vereisungsschicht von 4000 Fuß Dicke zwischen FL120 und FL160.
Nebelbank beim AnflugDurch Eis und Wolken nach Grönland
Die TBM zeigte ihre Stärken: Mit 160 bis 180 Knoten, geringem Anstellwinkel und flacher Steigrate stiegen wir zügig durch das Gebiet, komplett in IMC, bis sich erst an der Ostküste Grönlands die Wolken öffneten. Zwei italienische Ferry-Piloten in einer Tecnam auf demselben Weg baten uns unterwegs per Funk um ein Relais zu Reykjavik, weil ihre Funkabdeckung nicht reichte. Fliegerkameradschaft in der Einsamkeit des Nordatlantiks, schöner geht’s nicht.
Bootsfahrt zwischen EisschollenKurz vor Ilulissat lag die Eiskappe Grönlands dann hinter uns. Bei strahlendem Wetter folgten wir dem GPS-Signal für den NDB-Approach. Der Tower warnte uns glücklicherweise vor der neuen, riesigen, aber noch gesperrten Landebahn: Landen sollten wir auf der winzigen alten daneben. Die hätten wir fast übersehen.
Hotel Icefjord in Ilulissat aus der LuftDas war der Höhepunkt der Atlantiküberquerung im Kleinflugzeug
Ilulissat liegt direkt an der Diskobucht, umgeben von Eisbergen, die schon im Anflug ins Auge fallen. Wieder kam die Familie per Airline dazu. Vier Nächte verbrachten wir im Hotel Icefjord, machten Bootstouren zu den Gletschern und Wanderungen durch den Sermermiut-Nationalpark. Weil das Flugzeug ja nun schon da war, war auch Zeit für einen Rundflug zu den beiden größten Gletschern der Region, teils nur 1000 bis 1500 Fuß über dem Eis. Die ganze Zeit kämpften wir mit etwas anderem Flugverkehr: Die Sommermücken Westgrönlands sind berüchtigt für ihre Größe. Es ist ein zauberhafter Ort und einer der Höhepunkte der gesamten Reise.
Frauke, Clara und Philippa mit Jonathan und Tobias während Atlantiküberquerung im KleinflugzeugDer nächste Tag hatte es in sich: Ilulissat–Nuuk–Goose Bay–Québec – bis in den Süden Kanadas an nur einem Tag. Starker Gegenwind zwang uns zu einer Zwischenlandung in Nuuk auf Grönland, wo die Lotsen erst keinen Slot für uns hatten, dann aber doch kurzfristig einen fanden.
Dorfkirche in IlulissatLandung in letzter Sekunde vor dem Nebel
Wir landeten im perfekten Moment, Sekunden bevor sich eine Nebelbank über die Bahn schob, bei geschätzt 100 Metern Sicht. Zwei Minuten später wäre nichts mehr gegangen. Und nach dem Tanken war der Nebel auch schon wieder weg. Der Flug über die Davis Strait nach Kanada war der einsamste Abschnitt der Reise. Etwa eine halbe Stunde lang waren wir ganz ohne Funkkontakt und sahen nur Wasser.
In Goose Bay stand eines der für Kanada typischen Canadair-Löschflugzeuge. Eine heranziehende Gewitterfront zwang uns zum zügigen Weiterflug nach Québec. Wir landeten Sekunden vor dem Regen, dann ging es per Uber mitten ins größte Festival Kanadas. Nach Tagen der Einsamkeit war das ein Kulturschock aus vollen Straßen und Restaurants.
Löschflugzeug in KanadaIm Kleinflugzeug eine Atlantiküberquerung bis nach Oshkosh
Die US-Einreisemachtenwirin Watertown, wo der US-Zoll gründlich, aber entspannt Visa, Zulassung und Medical prüfte. Dann ging es weiter nach Rochester, wo Johann, ein Freund von Jonathan, zustieg. Dann wurde es spannend: Eigentlich wollten wir am Sonntag vor der Show nach Oshkosh.
Aber der Rauch von Waldbränden in Kanada drückte die Sicht auf nur eine Meile. VFR-Anflüge wurden gesperrt, die raren IFR-Slots waren längst vergeben. Doch die TAF-Wettervorhersagen versprachen Besserung für den Nachmittag. Von Osten kommend war am Horizont die Dunstglocke der Waldbrände gut sichtbar. Wir sanken langsam in vier bis fünf Meilen Sicht. Im Anflug nach Oshkosh war die Hölle los: Nach der Verzögerung wollte jetzt alle auf einmal reinkommen.
Far North Aviation am Flugplatz WickDer spektakuläre Anflug auf Oshkosh
Wir reihten uns wie vorgeschrieben entlang der Eisenbahnlinie nach Fisk ein ausgerechnet hinter einer Piper Cub! Die war für unsere Turboprop zu langsam. Abbruch, neuer Anflug eine Etage höher bei den schnellen Maschinen. Weil der Sprit knapp wurde, setzten wir demonstrativ Fahrwerk und Klappen. Der Lotse verstand: »Rock your wings« über Fisk, Landung auf der »36L« und plötzlich waren wir da: Mittendrin, an der North 40, umgeben von Tausenden anderen Flugzeugen.
Was für außergewöhnlich freundliche Menschen überall! Volunteers wiesen uns anhand des ins Cockpitfenster gehaltenen Schilds »GAC« – General Aviation Camping – zu unserem Platz. Jeder nahm sich die Zeit, uns willkommen zu heißen, zu helfen oder ein wenig über Flugzeuge zu plaudern. Trotz 734 000 anderer Flugzeugverrückter hatte man nie das Gefühl von Gedränge, Platzmangel oder Hektik.
Camp auf dem AirVenture in Oshkosh nach Atlantiküberquerung im KleinflugzeugDas große Finale der Atlantiküberquerung im Kleinflugzeug
Sieben Etappen, ein Ozean, sechs Länder mit eigenem Charakter – und am Ende ein Zeltplatz unter dem eigenen Flügel, mitten im größten Fliegertreffen der Welt.
Der Rückweg sollte noch zwei Highlights liefern: Nach dem Familienurlaub auf den Outer Banks flogen wir tief über Kitty Hawk hinweg, wo die Gebrüder Wright ihre Flüge machten. Und dann kam der Hudson River Corridor: In 1100 Fuß ging es an Manhattan vorbei, ohne Freigabe oder Lotsen, tiefer als einige der Wolkenkratzer. Doch das ist eine andere Geschichte.

