Reisen

Rundreise durch die Schweiz – mit einer Cessna 172

Schokolade, Käsefondue, mondäne Skiorte, Bergriesen und
idyllische Seen – immer diese Klischees! Oder ist die Schweiz
wirklich so? Ein Realitätscheck zum Nachahmen für Piloten.

Von Redaktion
Dicht am Hang Flugplatz Saanen, aus Norden betrachtet. Für den Anflug auf die »26« (linkes Bahnende) holt man von Süden her aus – die Piste ist erst im Endanflug zu sehen. Foto: Michael Weinmann

Der Höhenmesser zeigt 6600 Fuß. Ich habe die Geschwindigkeit der Cessna 172 reduziert und die Klappen gesetzt. Gleich landen wir in Samedan (LSZS), dem höchstgelegenen Flughafen Europas. In der Höhe, die man sonst eher mit Reiseflug verbindet, liegt hier die Platzrunde. An imposanten Berggipfeln und Felswänden vorbei ist der Anflug vor allem im Hochsommer bei schwindelerregender Dichtehöhe eine Bewährungsprobe für jeden Piloten. Doch was für ein Erlebnis!

Samedan sollte die letzte Station unserer Rundreise durch die Schweiz mit dem Flugzeug sein. Begonnen haben wir sie am größten Flughafen des Landes, in Zürich (LSZH). Und zwar nicht etwa auf einer Nebenpiste, sondern dort, wo auch die Passagierjets starten und landen. Dies ist allerdings mit einigen Hürden verbunden. So benötigt man für LSZH einen VFR-Slot, der begrenzt verfügbar ist und für die Landung vorab reserviert werden muss, was nur am Tag des Flugs oder für den Folgetag möglich ist.

Mit einer Cessna 172 durch die Schweiz fliegen – ein Reisebericht

Auch einen Handlingagenten muss man buchen; am günstigsten ist die lokale Motorfluggruppe MFGZ. Zudem steht vorab ein Online-Safety-Training an. Wer also die Einreise in die Schweiz im großen Stil zelebrieren möchte, der sollte sich ausführlich mit den Bedingungen in Zürich beschäftigen. Aber ganz ehrlich, es lohnt sich. 

Berühmt  Die Doppeltürme des Grossmünsters gelten als Wahrzeichen von Zürich. Eine Brücke weiter in Blickrichtung beginnt der Zürichsee, aus dem die Limmat fließt (Vordergrund). Von hier ist man zu Fuß gleich in der Altstadt.

Ist das Flugzeug abgestellt, gelangt man am besten mit der Tram in die Stadt. Sie hält praktisch vor der Tür des General Aviation Centers und führt direkt zum Hauptbahnhof und zur berühmten Bahnhofstraße. 

Zürich sollte man am besten zu Fuß erkunden

Zürich ist das wirtschaftliche Zentrum der Schweiz und bietet die Vielfalt einer Weltstadt auf kleiner Fläche. Am besten erkundet man Zürich zu Fuß. Am Fluss Limmat und in den Gassen der Altstadt findet man zahlreiche Kaffeehäuser, Restaurants, Geschäfte und Museen. Für Tierfreunde empfiehlt sich ein Besuch im Zoo. Besonderer Hingucker: Der Zoo hat auch einen »Lewa Airstrip«, inklusive Cessna 172 im Zebralook. 

Wer in Zürich startet, sollte für den Ausflug unbedingt die Route Sierra wählen. Sie führt über das Stadtzentrum, in dem man nach dem Besuch vieles aus der Luft wiedererkennt. Am Horizont lockt die beeindruckende Bergkulisse der Alpen. Doch unsere Reise führt zunächst in die Westschweiz. 

Fluginformationsdienst Zürich Information deckt Großteil des Landes ab

Wir verabschieden uns vom Towerlotsen und machen uns auf ein paar Frequenzwechsel gefasst. Zuerst melden wir uns auf 124,700 MHz beim Fluginformationsdienst Zürich Information, der einen Großteil des Landes abdeckt. Da wir aber auf dem Weg nach Westen die Kontrollzone des Flughafens Bern kreuzen, werden wir an den dortigen Lotsen weitergegeben. Die Transitroute vom VOR Willisau zum VOR Fribourg fliegt man in 6000 Fuß.

Gegensätze  Der Thunersee liegt im Berner Oberland auf 558 Meter. Die Berge im Südwesten gehören zu den berühmten Viertausendern an der Grenze zum Wallis.

Diese Route bietet einen tollen Ausblick auf die Hauptstadt rechts unter uns. Gut zu erkennen ist das Bundeshaus mit seinen türkisfarbenen Kuppeln. Hier tagt das Schweizer Parlament. Manchmal frage ich beim Lotsen, ob er auch eine geringere Flughöhe akzeptiert – so sieht man die Stadt noch besser. 

Tipp: Neuchâtel mit der Straßenbahn oder dem Fahrrad erkunden

Unser Ziel heißt Neuenburg oder korrekterweise Neuchâtel, denn wir sind nun in der französischsprachigen Schweiz. Entweder wechselt man jetzt gleich auf Geneva Information (126,350 MHz) oder auf die
Flugplatzfrequenz. Die 700 Meter lange Asphaltpiste liegt direkt am See. Besonders schön ist der Anflug aus Osten, weil er bis kurz vor dem Aufsetzen übers Wasser führt. Aber Vorsicht: Die Piste wird von einem Weg gekreuzt, gleich hinter der Schwelle 23. Ich musste schon durchstarten, weil Fußgänger auf der Bahn waren und nicht mit Flugzeugen gerechnet haben. 

Für einen Besuch von Neuchâtel bieten sich Straßenbahn oder Fahrrad an. In einer knappen halben Stunde erreicht man die malerische Altstadt, die zum gemütlichen Bummeln einlädt. Wer die Landschaft erkunden will, plant besser eine oder zwei Übernachtungen ein. Das Juragebirge ist nämlich ein wahres Wanderparadies. 

An Schweizer Grasflugplätzen ist Englisch im Funk die Standardsprache

Doch wir machen heute noch einen kleinen Hüpfer. Nur etwa eine Viertelstunde dauert der Flug zu unserem Tagesziel Gruyères. Die Landung auf dem Grasflugplatz erfordert eine Anmeldung per Telefon. Wie an allen Schweizer Flugplätzen ist Englisch im Funk die Standardsprache. An kleineren Westschweizer Plätzen hört man allerdings häufig auch Französisch. Wer nicht versteht, was gesagt wird, muss beim Einflug besonders umsichtig sein und sollte lieber eine Positionsmeldung mehr durchgeben als eine zu wenig – verstanden wird Englisch ja von allen Piloten, auch wenn manche es nicht (gern) sprechen. 

Nur wenige Gehminuten vom Flugplatz entfernt erreicht man eine Bushaltestelle. Der öffentliche Verkehr ist gut ausgebaut; so kann man die Gegend entspannt erkunden. In Gruyères sollte man sich Zeit nehmen für verschiedene Sehenswürdigkeiten. Zum einen ist da der mittelalterliche Stadtteil mit seinen massiven Mauern und Wehrgängen sowie dem imposanten Schloss. Nicht erschrecken: Der Ort ist häufig voll mit Touristen aus der ganzen Welt, und so finden sich viele Souvenirshops in den alten Gemäuern. Genauso wie Fonduestuben – schließlich ist Gruyères auch die Heimat des gleichnamigen Käses, in Deutschland gelegentlich Greyerzer genannt.

In Broc befindet sich die Schokoladenfabrik der Marke Cailler

Etwas eigenartig mutet in dieser historischen Umgebung das Museum an, das die Arbeiten von HR Giger zeigt. Der Schweizer Künstler hat
die außerirdischen Wesen im Film »Alien« geschaffen und dafür 1980 einen Oscar gewonnen. Im Museum tauchen Besucher in Gigers Fantasiewelt ein. Dazu passt die gegenüberliegende Bar, in der man sich auf dem Set eines dystopischen Science-Fiction-Films wähnt. Landestypischer ist freilich eine Fonduestube.

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Wer nach geschmolzenem Käse in Gruyères noch Lust auf Nachtisch hat, sollte ins benachbarte Broc fahren. Dort ist die Schokoladenfabrik der Marke Cailler. Ein interaktives Museum lädt Besucher ein, sich auf eine eindrucksvolle Reise durch die Geschichte der Schokolade zu machen, wobei am Ende selbstverständlich die Produkte verkostet werden können. 

Flugplatz Saanen: Die Landebahn ist erst spät zu sehen

Gleich hinter der Schokoladenfabrik ist man am Lac de la Gruyère. Das Ufer des Stausees eignet sich ideal für einen Spaziergang oder ein Picknick. Zum Übernachtung empfehle ich eine Unterkunft im Mittelalterstädtchen mit seiner historische Atmosphäre. Wer mit leichtem Gepäck unterwegs ist, kann am nächsten Tag zum Flugplatz hinunter spazieren.

Die nächste Etappe führt uns ins alpine Gebirge. Von Gruyères fliegen wir zuerst Richtung Süden, um dann bei Montbovon nach Osten abzudrehen. Vor uns liegt der Flugplatz Saanen. Die Landebahn erstreckt sich unmittelbar am Fuß einer Bergflanke. Deshalb ist die Platzrunde für die Piste 26 alles andere als normal. Nahe am Gelände holt man zuerst nach Süden aus. Die Bahn ist lange nicht zu sehen. Und im Endanflug wird sofort klar, dass Durchstarten in Verlängerung der Pistenachse nicht funktioniert, da dort ein Berg im Weg steht. Vorausschauende Planung ist hier zwingend.

Viele Piloten nutzen im Anflug als Orientierungspunkt das Luxushotel Palace

Der Flugplatz Saanen bietet eine leicht surreale Szenerie: Auf der Wiese neben unserer Cessna grasen Kühe, das Flughafengebäude hingegen ist hochmodern. Gebaut wurde es nicht für Besucher wie uns, sondern für zahlungskräftige Kundschaft mit Privatjets. Am Terminal steht denn auch nicht »Flugplatz Saanen«, sondern »Gstaad Airport«. Das macht klar, was das eigentliche Ziel der Klientel ist. 

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Den mondänen Ferienort Gstaad, in dem Ex-Formel-1-Boss Bernie Ecclestone ein Ferienhaus besitzt und Günter Netzer offenbar Stammgast ist, erreicht man zu Fuß, oder man fährt eine Station mit der Bahn. Die Häuser des Bergdorfs sind durchwegs im Chalet-Stil gehalten, ein Heile-Welt-Ambiente. Überragt wird Gstaad vom Luxushotel Palace, das Piloten im Anflug gern als Orientierungspunkt nutzen. 

Am dritten Tag für uns die Rundreise durch die Schweiz quer durchs Land

In Gstaad kann man sich entweder dem Jetset hingeben; Boutiquen und Hotelbars laden dazu ein. Oder man nimmt sich etwas mehr Zeit und besucht die Gletscherwelt des Skigebiets Glacier 3000. Übrigens bietet Gstaad Unterkünfte und Restaurants nicht nur im Luxussegment. 

Am dritten Tag führt unsere Reise quer durchs Land. Das Ziel heißt Samedan. Zuerst gilt es, das südlich gelegene Bergmassiv zu überqueren, um ins Wallis zu gelangen. Drei Pässe kommen dafür in Frage: Sanetsch, Rawil und Gemmi. Alle drei sind höher als 7000 Fuß. Nach dem Start müssen wir also erstmal rund 4000 Fuß steigen. Das braucht im Sommer mehr Geduld als im Winter. Ich bevorzuge den Sanetschpass, weil mir die Landschaft dort am besten gefällt. Auf der anderen Seite erreichen wir Sion, drehen nach Osten ab und fliegen das Rhonetal hoch. 

Besonderer Anblick: Wir fliegen am Matterhorn vorbei

Rechterhand zieht das unverkennbare Matterhorn die Blicke auf sich. Häufig steckt der 14 690 Fuß hohe Gipfel aber in Wolken. Unter uns liegen mehrere ehemalige Militärflugplätze, deren Rollwege immer noch verdächtig im Berg verschwinden. Ich muss jedes Mal lachen, wenn ich über den Flugplatz Turtmann fliege. Auf der Piste steht in riesigen Buchstaben »DORT IST EIN MANN«. 

Respekt einflößend  Das Matterhorn ist einer der berühmtesten Berge der Welt und ragt auf 4478 Meter empor – eine ikonische Erscheinung 

Unsere Route führt via Furkapass und Andermatt in den Kanton Graubünden. Am Oberalppass sollte man nicht verpassen, die vielen Wasserläufe zu bestaunen: Genau hier entsteht der Rhein. Wir lassen ihn nach Norden ziehen, wo er in den Bodensee mündet und dann durch halb Deutschland fließt, und drehen nach Süden ab. Die Berge sind hier imposant, alle 3000 Meter und höher. Ich schieße immer viel zu viele Fotos, wenn ich in dieser Region bin, weil der Ausblick in jedem Moment noch schöner oder mystischer erscheint.

Piloten müssen für Samedan einen Online-Test absolvieren

Um ins Engadin zu gelangen, passieren wir den Julierpass, der für die Region besonders wichtig ist: Die Straße, die am höchsten Punkt 2284 Meter erreicht, wird auch im Winter offengehalten, um die Anbindung des Tals ganzjährig zu gewährleisten. Nun steht die Landung in Samedan bevor, auf 5602 Fuß! Dichtehöhe, Dichtehöhe, Dichtehöhe – man kann es nicht oft genug sagen. An heißen Sommertagen kommt man in Teufels Küche, wenn man sich nicht eingehend mit den klimatischen Bedingungen auseinandergesetzt hat.

Eine zu enge Kurve kann hier verheerende Folgen haben, ebenso der nachlässige Umgang mit dem Gemischhebel. Verständlicherweise müssen Piloten für Samedan vorab einen ziemlich anspruchsvollen Online-Test absolvieren. Am besten übt man vorher nochmal die Formeln zur Berechnung von Dichtehöhe, True Airspeed sowie Start- und Landestrecke unter »hot and high«-Bedingungen.

Lecker: Eine Portion Pizzocheri, Buchweizenteigwaren

Viele Piloten landen in Samedan, trinken etwas im Flugplatzrestaurant und fliegen weiter. Schade eigentlich. Denn die Region ist sagenhaft schön. Natürlich liegt St. Moritz gleich nebenan. Doch mein Tipp heißt Bernina Express. Der Zug der Rhätischen Bahn fährt von Chur nach Tirano in Italien. Diese Strecke gehört zum Schönsten und Spektakulärsten, was Bahnreisende erleben können. Sie führt durch die Rheinschlucht, vorbei an Gletschern und über weltbekannte Brücken. Der Zug fährt nur wenige Male am Tag; man sollte sich also vorab informieren, wann man in Samedan zusteigen kann. Zu Fuß sind wir in einer Viertelstunde am Bahnhof.

Ausflugstipp  Sonnenterrasse auf der Alp Grüm. Das Restaurant liegt an einer Station des Bernina Express. 

Wir verlassen den Zug auf der Alp Grüm. Das Bergrestaurant direkt am Bahnsteig liegt auf 2100 Meter und ist nur per Bahn oder zu Fuß erreichbar. Von der Sonnenterrasse hat man einen atemberaubenden Panoramablick auf das Val Poschiavo und die umliegenden Berge. Wer noch eine Station weiter fährt, kann den beeindruckenden Gletschergarten Cavaglia besuchen. Wir bleiben auf der Terrasse und bestellen eine Portion Pizzocheri, eine lokale Spezialität aus Buchweizenteigwaren, serviert mit Wirsing, Kartoffeln und Käse – köstlich! Wer nicht gleich mit dem nächsten Zug zurückfahren will, kann von der Alp Grüm in etwa zwei Stunden durch unberührte Natur hoch zum Lago Bianco wandern, dem »weißen See« am Berninapass. Sein Wasser – an sonnigen Tagen keineswegs weiß, sondern türkisfarben – sieht einladend aus, ist aber eiskalt. Wanderer, die lieber auf den großen Steinen am Ufer in der Sonne entspannen, sollten an UV-Schutz denken: Auf 2300 Meter brennt die Sonne unerbittlich, auch bei Wind. 

Die Schweiz lässt sich sehr gut mit dem Flugzeug erkunden

Gut gesättigt nehmen wir die Bahn zurück zum Flugplatz Samedan, der übrigens auch ein Zollflugplatz ist. Von dort geht’s heim nach Zürich, wo unsere Cessna der Motorfluggruppe Zürich stationiert ist. 

Schokolade in der Schokoladenfabrik, Käsefondue im mittelalterlichen Ambiente, Kühe neben dem Flugplatz, Glamour im Nobelort, alles eingebettet in eine alpine Landschaft – tatsächlich: So kann man die Schweiz mit dem Flugzeug kennenlernen! Manchmal sind Klischees dicht an der Realität. 

Text und Fotos erstmals erschienen in fliegermagazin 1/2021

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