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Alex Henshaw: Legendärer Rennpilot auf der Langstrecke

Im Vereinigten Königreich wird Alex Henshaw bis heute verehrt. Vor allem wegeneines Husarenstücks: Im Februar 1939 fliegt er in Rekordzeit von England nach Kapstadt und zurück – eine Bestleistung, die mehr als 70 Jahre bestehen bleibt.

Von Stefan Bartmann
Mew Gull
Kompromisslos: Die Mew Gull ist schon von Haus aus "heiß". In der "Cape configuration" bietet sie Alex Henshaw nach vorn praktisch keine Sicht – Speed ist alles! Foto: Age Fotostock

Sportfliegen ist im England der zwanziger und dreißiger Jahre eine Sache der Upper Class. Die Überland-Rennen, die bisweilen in die entferntesten Winkel des Empire führen, sind gesellschaftliche Großereignisse mit viel Prominenz. In dieser hochkompetitiven Szene steigt Alex Henshaw bis ganz nach oben. Aus einer wohlhabenden Familie in Lincolnshire stammend kommt der kaum 20-Jährige übers Motorradfahren zur Fliegerei – beide Leidenschaften teilt er mit seinem Vater. 1932 erwirbt er die Pilotenlizenz, schon ein Jahr später nimmt er mit seiner Comper Swift am renommierten King’s Cup teil. Das Rennen wird seit 1922 ausgetragen und soll die britische Sportfliegerei fördern. Und siehe da: Hinter dem großen Geoffrey de Havilland wird der Newcomer Zweiter – und schlagartig in Luftfahrtkreisen bekannt.

Im Ausland ist Henshaw bislang kaum gewesen, und so macht er sich mit anderen rennbegeisterten Briten am Freitag, dem 13. Dezember 1933, auf den Flug zum Oasis Race nach Kairo. Der Trip im offenen Cockpit der einsitzigen Swift ist eine Schinderei. Das Wetter über Frankreich macht dem Piloten zu schaffen, und der Pobjoy-Sternmotor zickt. Henshaw schafft es bis Neapel. Dort muss er einsehen, dass ein Weiterflug keinen Sinn mehr hat. Er dreht um und ist am Weihnachtstag wieder daheim. Dort steht eine komfortable DH.85 Leopard Moth, die sein Vater angeschafft hat. Die beiden nehmen damit an Flugzeugrennen teil oder gehen auf Tour – etwa nach Deutschland, wo sie die Bücker-Werke in Rangsdorf besuchen.

Rennpilot Alex Henshaw fliegt Rennen in ganz Europa

1935 ist für Alex ein aufregendes Jahr: Beim King’s Cup schert ihm über der Irischen See der Propeller ab. Er lässt seine Miles M.2T Hawk Major aufs Meer klatschen und wird im hohen Bogen aus dem Cockpit geschleudert. Ein Dampfer fischt ihn auf. Zur Jahreswende platzt ihm beim Kunstflug mit einer Arrow Active der Motor, die Maschine fängt Feuer. Alex rettet sich mit einem Irvin-Fallschirm, den ihm sein Vater geschenkt hat.

Mew GullMew Gull
Schlank, schnell, sexy: Die Percival Mew Gull gilt als bester britischer Racer der dreißiger Jahre. Für einen Langstreckenrekord wurde sie aber nie konzipiert.

Im folgenden Jahr sind die Henshaws mit ihrer DH.85 viel in Europa unterwegs. Von der Erfahrung im Navigieren, die Alex dabei gewinnt, wird er noch sehr profitieren. Sie kommen auch wieder nach Deutschland, nach Frankfurt, wo sich der 24-Jährige von den Fassaden des NS-Staats blenden lässt, wie er später erkennt. Eine andere Einsicht dämmert ihm in fliegerischer Hinsicht: dass mit der DH.85 kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Sein Blick fällt auf die Mew Gull, die „Sturmmöwe“, die Edgar Percival in Kleinserie baut. Es ist wohl das beste britische Rennflugzeug jener Jahre, aber nichts für Durchschnittspiloten. Selbst Alex ist sich nicht sicher, ob er diesem kompromisslosen Gerät gewachsen ist.

Mit der Mew Gull auf Pokaljagd

Beim Schlesinger Race, das 1936 von Portsmouth nach Johannesburg führt, bleiben drei Mew Gull auf der Strecke. Im April des nächsten Jahres bietet sich den Henshaws die Chance, ihre Leopard Moth gegen eine der gescheiterten Mew Gull einzutauschen. Die G-AEXF hat einen de Havilland-Sechszylinder des Typs Gipsy Six mit 200 PS.

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Nach vorn bietet der Racer wenig Sicht, und für Start und Landung braucht man eine befestigte lange Piste. Beim Isle-of-Man-Race im Mai ’37 macht Alex eine gute Figur, muss sich aber der Bf 108 Taifun geschlagen geben. Noch im Herbst des gleichen Jahres spendiert er seiner Mew einen 223 PS leistenden Gipsy Six R mit Verstellpropeller. Sein Ehrgeiz richtet sich nun auf Afrika: Im November hat Arthur Clouston mit Passagier in einer zweimotorigen DH.88 Comet die Strecke England–Kapstadt und zurück in 5 Tagen, 17 Stunden und 30 Minuten zurückgelegt. Ist dieser Rekord zu schlagen?

Der größte Triumph: Henshaw gewinnt den King’s Cup 1938

Mit ihrer neu erworbenen Percival Vega Gull, einer viersitzigen Reisemaschine, erkunden Vater und Sohn im Frühjahr 1938 die Route an die Südspitze des afrikanischen Kontinents. Vom Heimatflugplatz Gravesend in Kent geht’s auf einer westlichen Route hin, auf einer östlichen zurück. Das Ganze kann man als Generalprobe betrachten: Bald will Alex mit der Mew Gull allein zum Kap und zurück, schneller als Clouston.

Kings CupKings Cup
King of Speed: 1938 gewinnt Alex Henshaw den King’s Cub – bis dahin sein größter Erfolg

In seiner Abwesenheit hat sein Freund Jack Cross die G-AEXF getunt. Jetzt schafft sie über 270 Meilen pro Stunde, mehr als eine Hawker Hurricane in geringer Höhe. Und so geht der King’s Cup am 2. Juli 1938 an Alex Henshaw – jeder gönnt dem 25-Jährigen diesen verdienten Sieg. Es ist sein bislang größter Triumph in der britischen Rennszene.

Wüste, Wasser, Urwald

Für das Kap-Abenteuer plant der Engländer akribisch genau. Er entscheidet sich für die kürzere westliche Route über die Sahara und den Kongo, wohl wissend, dass auf der Strecke nur wenige brauchbare Flugplätze für seine „XF“ zu finden sind. Mit Zusatztanks bietet sie ihm etwa 1500 Meilen Reichweite. Zur „Cape configuration“ gehört auch ein Gipsy Six Series II, der mit 205 PS zwar schwächer ist als der „R“, aber zuverlässiger. Widerstandsersparnis verspricht eine flacher geneigte Frontscheibe mit niedrigerer Kanzel und entsprechend angepasstem hinteren Rumpfrücken. Dass der Pilot nach vorn jetzt kaum noch was sieht, nimmt er in Kauf. Auch Flüge bei Nacht, ohne die der Rekord nicht zu knacken sein wird. Alex’ Navigation ist dabei traditionell: Kompass, Kurskreisel, Künstlicher Horizont, Stoppuhr, Karte, Rechenschieber. Ein Funkgerät hat er nicht.

In den nebligen Morgenstunden des 5. Februar 1939 geht’s los: Start um 3.35 Uhr in Gravesend. Bei 230 Meilen pro Stunde Reisegeschwindigkeit ist Paris schon nach 53 Flugminuten erreicht. In diesem Tempo geht es weiter: über Marseille, die Balearen, das Atlas-Gebirge. Die schier endlose Sahara erweist sich als fliegerische Nervenprobe. Am Abend dieses langen Tages steht die XF schließlich auf der sandverwehten Piste von Gao, Mali. Mitten in der Nacht startet Henshaw wieder; die Richtung auf der stockdunklen Bahn kann er nur mit Hilfe seiner Instrumente halten. „Night of Hell“ wird er viele Jahre später dieses Kapitel in seinem Buch „The Flight of the Mew Gull“ nennen, ein Flug durch Regentropfen wie MG-Feuer, Turbulenzen, Blitz und Donner; VFR im Dunkeln, ohne Orientierungspunkte. Am Morgen muss er sein ganzes navigatorisches Geschick aufbringen, um Libreville in der französischen Kolonie Gabun zu finden. Bis zum nächsten Etappenziel, dem portugiesischen Mossamedes in Angola, sind es 1200 Meilen übers Meer. Wieder steht ihm eine trickreiche Landung auf einem hitzeglühenden Flugplatz bevor.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Überall wird der Pilot freundlich empfangen, auch das Nachtanken und Abstempeln der Papiere klappt wie bestellt. Erneut fliegt Alex in die Nacht hinein. Diese Etappe nach Kapstadt zum Flugplatz Wingfield ist die ruhigste bisher. Am Zwischenziel bleibt er nur 28 Stunden. Dann geht’s auf derselben Route zurück ins winterliche England; er will einen Rekord aufstellen, keine Ferien machen. Es wird eine Tortur. Die dynamisch instabile Mew will ständig geflogen werden. Vor allem vollgetankt, mit rückwärtiger Schwerpunktlage, sind die ersten Stunden nach dem Start kein Zuckerschlecken. Mossamedes, Libreville, Gao, Oran – durch Tag und Nacht bringt der Getriebene seine Etappenziele so schnell wie möglich hinter sich. In dem engen Cockpit wird er von Malaria und Magenkrämpfen gequält, sein Kopf schlägt gegen die Kanzel, er ist der Ohnmacht nahe. Nebenbei muss er die schwierige Navigation bewältigen.

SchwerpunktlageSchwerpunktlage
Schönes Biest: Vollgetankt mit 395 Liter Sprit an Bord hat die G-AEXF eine rückwärtige Schwerpunktlage und ihre Längsstabilität verloren – sie will permanent geflogen werden.

Vollkommen erschöpft In Gao fällt er nach der Landung entkräftet aus dem Flugzeug. Frankreich liegt unter Schnee und Nebel. Endlich zuhause in Gravesend – vierzig Stunden nach dem Start am Kap – schafft es der blutverschmierte Pilot nicht mehr allein aus dem Cockpit. Jack Cross hebt ihn aus der „XF“; ein erschütternder Anblick für die Freunde und Zuschauer an diesem kalten Donnerstag, dem 9. Februar 1939. In 4 Tagen, 10 Stunden und 16 Minuten hat die kleine Einmot sagenhafte 12 754 Meilen hinter sich gebracht. Der Rekord bleibt mehr als 70 Jahre bestehen, über Alex Henshaws Lebzeiten hinaus.

Alex Henshaw wird Testpilot

Bald nach diesem Triumph ist Weltkrieg und das „golden age“ ziviler Fernflüge und Rekorde vorbei. Alex Henshaw leitet ab Juni 1940 die Test- und Einfliegerei der Spitfire-Produktion in Castle Bromwich. Aber das ist ein Kapitel für sich. Danach findet der Mittdreißiger, er sei jetzt genug geflogen, und zieht 1948 einen radikalen Schlussstrich: Er gibt das Fliegen auf. Aber noch zum siebzigsten Geburtstag der Spitfire, 2006, steigt der inzwischen 93-Jährige in ein zweisitziges Exemplar des britischen Jägers. Seine famose G-AEXF ist heute top-restauriert in Old Warden zu sehen, wo die Shuttleworth Collection residiert.

Shuttleworth CollectionShuttleworth Collection
Immer noch im Einsatz: Die Shuttleworth Collection hegt und pflegt Henshaws restaurierte Rekordmaschine. Auf Airshows ist sie in Old Warden zu sehen.

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Stefan Bartmann

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