Wissen

Mister Überschall: Testpilot Chuck Yeager (1923–2020)

Kein Wissenschaftler wagte genau vorauszusagen, was mit einem Flugzeug passiert, wenn es die Schallmauer durchbricht. Manche glaubten, es würde schlichtweg platzen. Chuck Yeager hat es herausgefunden.

Von Stefan Bartmann
Geschwindigkeitsjäger
Geschwindigkeitsjäger: Yeager mit der Rekordmaschine, die er nach seiner Ehefrau Glennis benannt hat. Bevor er die Schallmauer überwindet, fliegt er die Bell X-1 dreimal ohne Antrieb, erst bei seinem neunten Flug ist er schneller als der Schall. Foto: USAF

Eigentlich hätte Chuck Yeager an diesem Tag in gar kein Cockpit steigen dürfen – erst recht nicht in diesen Sitzkäfig, die Bell X-1, die ihren Piloten wie ein Hightech-Gewächshaus umgibt. Es ist der 14. Oktober 1947. Zwei Tage zuvor hatte er sich bei einem Reitunfall ein paar Rippen gebrochen und den Unfall verschwiegen. Ein Kumpel reichte ihm vor dem Start einen abgesägten Besenstiel, damit er die Haube verriegeln konnte. So zumindest will es die Legende, die Yeager später gern erzählt hat.

Die X-1 hängt unter einer B-29 Super Fortress, soll in großer Höhe ausgeklinkt werden und erstmals schneller als der Schall fliegen – im Horizontalflug. Das in scheußlichem Orange gestrichene Fluggerät mit den eckigen Flächen und dem rundlichen Rumpf hat ein Bündel simpler Raketen im Heck. Inspiriert wurde es vom Design eines Projektils. Im Fall des Falles hat der Pilot keine Chance, hier lebendig herauszukommen.

Im Fall des Falles hat Testpilot Chuck Yeager keine Chance lebendig herauszukommen

Diese Überlegung dürfte auch Chalmers „Slick“ Goodlin beschäftigt haben, einen zivilen Testpiloten im Dienste der Bell Laboratories. Goodlin verlangte 150 000 Dollar für den Ritt durch die Schallmauer, womit er den Bogen überspannte. Als Folge nahm die Air Force das X-1-Programm in eigene Hände. So kam er ins Spiel: Charles Elwood „Chuck“ Yeager aus West Virginia, 24 Jahre alt. Der karg besoldete Captain hatte den Luftkrieg über Europa überstanden und sich als Testpilot in Wright Field, Ohio, bewährt.

LESEN SIE AUCH
Luftpost
News

Boeing: Die Geschichte eines Weltkonzerns

Seine Biographie ist eine sehr amerikanische Karriere, in der die bescheidene Herkunft zur Grundausstattung zählt. Nach einer spröden Kindheit hatte sich Yeager zum U. S. Air Corps gemeldet. Ein paar Monate später zwingt Japan die USA in den Zweiten Weltkrieg, und Yeager gelingt der Sprung vom Mechaniker zum Piloten; sein Ehrgeiz und sein Talent fallen auf.

Abenteuerliche Rückkehr: 1943 wird Chuck Yeager über Frankreich abgeschossen

Mit der 357th Fighter Group kommt er im Dezember 1943 an die englische Ostküste. In einer P-51 Mustang erringt er im März 1944 seinen ersten Luftsieg. Tags darauf wird er selbst über Frankreich abgeschossen; die Resistance hilft ihm bei der abenteuerlichen Rückkehr zu seiner Einheit, wo er wieder Einsätze fliegt. Dabei geht auch eine Me 262 auf sein Konto.

Junger MannJunger Mann
Junger Mann mit Zukunft: Chuck als Flugschüler im Zweiten Weltkrieg. Seine Fähigkeiten machen seine geringe Schulbildung wett – über Deutschland erzielt er fünf Luftsiege an einem Tag.

Die Air Force leistet sich ein eigenes Erprobungszentrum in Ohio. Dort ist Chuck Yeager nach dem Krieg genau richtig. Sein Vorgesetzter ist beeindruckt und schlägt ihn als Testpilot für die X-1 vor, deren Finanzierung das Pentagon sichergestellt hat. Die Muroc Army Air Base, später Edwards Air Force Base, liegt in der brettharten kalifornischen Mojave-Wüste. Dort hat man die X-1 wie eine Bombe an den Bauch einer B-29 geklammert.

Nur die Pflicht erfüllt: Der Überschallflug bleibt vorerst geheim

Diese Einheit klettert am 14. Oktober 1947 auf knapp 14 Kilometer Höhe. Über eine Art Fahrstuhl muss Yeager von dem Bomber in das winzige Experimental-Flugzeug kraxeln. Nach dem geglückten Abwurf beginnt Yea-gers epochaler Flug, sein neunter mit der X-1. Vierzehn Minuten später steht „Glamorous Glennis“ wieder in der Wüste. Yeager hat sich mit 1,06 Mach vorwärtsbewegt und die Schallmauer überwunden – für 18 Sekunden.

X-1X-1
Raketen gezündet: Am 14. Oktober 1947 gelingt der Beweis, dass die Schallmauer über- windbar ist – die X-1 fliegt Mach 1,06.

Der Vorgang selbst war durchaus unspektakulär, von der einzigartigen Position des Piloten aus betrachtet, während man am Boden den Überschallknall vernahm. Fast bemerkenswerter scheint, was danach geschieht: nämlich nichts. Erst im Juni 1948 machen die Geheimniskrämer im Pentagon den Überschallflug öffentlich. Auch dann wird Captain Yeager nicht über Nacht zum Star. Er habe „seine Pflicht getan“, antwortet er etliche Jahre später, wenn man ihn nach dem Überschallflug fragt.

Kontrollverlust: Chuck Yeager bekommt die Maschine gerade noch so in den Griff

Der Geschwindigkeitswettlauf beginnt jetzt erst, und das Bell-Raketenflugzeug ist noch nicht am Ende seiner Entwicklung. Die X-1A kommt am 12. Dezember 1953 auf Mach 2,44. Wieder sitzt Yeager am Steuer. Diesmal jedoch kratzt er an unbekannte Grenzen der Aerodynamik: Nach einem jähen Kontrollverlust bekommt er die taumelnde Maschine gerade noch so in den Griff.

GlascockpitGlascockpit
„Glascockpit“: Zumindest nach oben hat der Pilot im X-1-Cockpit gute Sicht. Im Notfall wäre die Chance aber verschwindend gering, die Maschine durch die Luke rechts zu verlassen.

Bald rückt eine andere Herausforderung in den Fokus der Öffentlichkeit und des Militärs. Ende der fünfziger Jahre, im Windschatten des Kalten Kriegs und des Sputnik-Schocks, wendet sich Amerika ehrgeizigeren Zielen zu: dem Weltraum. Andere Namen stehen nun in den Zeitungen und Magazinen. Amerikas erste Astronauten, die „Mercury Seven“, werden landesweit berühmt und hochbezahlt.

Fehlender akademischer Abschluss: Ende der fünfziger Jahren greift Amerika nach den Sternen

Chuck Yeager, der nie ein College besucht hat, fehlt ein akademischer Abschluss, um nach den Sternen greifen zu dürfen; da hilft auch sein fliegerischer Schneid nichts. Der Top-Pilot mit dem breiten Dialekt hat nie öffentlich durchblicken lassen, es bedauert zu haben. Als er ab 1962 in Edwards die Testpilotenschule kommandiert, gehen künftige Astronauten durch seine Hände – auch Neil Armstrong (von dem er nicht viel hielt).

TestpilotTestpilot
Als Testpilot: Alles Neue, das für die US Air Force vorgesehen ist, geht durch Yeagers Hände. Hier nimmt er sich die Convair XF-92A vor, das erste Strahlflugzeug der USAF mit Deltaflügel (1949).

Mit dem Überschallflug von 1947 ist Yeagers Platz in den Geschichtsbüchern der Luftfahrt gesichert. Er setzt seine militärische Karriere fort, geradezu mustergültig. Glaubt man seiner Autobiografie (mit dem schlichten Titel „Yeager“), hat er nie tiefschürfend über das nachgedacht, was ihm befohlen wurde. Egal, auf welchen Kommandoposten man ihn versetzt – er ist immer richtig, ob auf der Hahn Airbase in Deutschland (von 1954 bis ’57) oder 1966 auf den Philippinen, von wo aus er 127 Einsätze über Vietnam fliegt. 1975 wird Brigadegeneral Charles Elwood Yeager in den Ruhestand verabschiedet, hochgeachtet in seinen Kreisen, aber ohne viel öffentliches Getöse.

Ohne öffentliches Getöse: Yeager ist hochgeachtet in seinen Kreisen

Vier Jahre später veröffentlicht der Schriftsteller Tom Wolfe den Reportage-Roman „The Right Stuff“ (Deutsch: „Die Helden der Nation“), der den Draufgänger- und Raumfahrtmythos mit feiner Ironie dekonstruiert. Hollywood macht daraus 1983 ein äußerst erfolgreiches Testpiloten-Epos gleichen Titels. „Der Stoff, aus dem die Helden sind“, so der deutsche Filmtitel, katapultiert den Namen Chuck Yeager ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit.

Held der NationHeld der Nation
PR fürs Militär: Der „Held der Nation“ in den späten sechziger Jahren mit TV-Star Barbara Eden, die durch die Serie „Bezaubernde Jeannie“ berühmt wurde.

Jetzt kann auch der Veteran etwas vom Rahm abschöpfen, der ihm bislang versagt geblieben war – unter anderem durch Werbung und Beratertätigkeiten. Die Yeagers residieren in einer Ranch nordöstlich von San Francisco am Fuß der Sierra Nevada. „Chuck Yeager“ ist bis heute ein eingetragenes Warenzeichen, und wer den Namen für geschäftliche Zwecke verwendet, kann juristischen Ärger bekommen – wie Airbus 2017 erfahren musste: bloß weil Chuck Yeager und die Schallmauer in einem Atemzug mit einer Kostenmauer genannt wurde, die der Flugzeugbauer durchbrechen wolle.

Am 7. Dezember 2020 verstarb Chuck Yeager 97-jährig in Los Angeles. In „The Right Stuff“ hatte er eine winzige Nebenrolle als Barmann bekommen. Der Film warf bereits 1983 einen verklärenden, bisweilen ironischen Blick zurück auf die heroischen Jahre, in denen „der Weltraum geöffnet“ wurde – mit dieser selbstbewussten Formulierung beschrieb Yeager 2007 seinen beherzten Sprung durch die Schallmauer.

Text: Stefan Bartmann

Über den Autor
Stefan Bartmann

Schlagwörter
  • chuck yeager
  • B-29
  • Bell X-1
  • Überschall
  • Rackete