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Flugangst bei Piloten: Ein großes Tabuthema
Ängste beim Fliegen sind bei Piloten weiter verbreitet, als oft zugegeben wird. Zur Bewältigung gibt es Strategien und professionelle Hilfe. Ein Text von Sascha Rodiek und Martin Schenkemeyer.
Flugangst bei Piloten, das klingt zuerst unvereinbar oder gar bizarr, ist aber keineswegs ausgeschlossen und dennoch ein Tabuthema. Wie viele Piloten aufgrund von Ängsten seltener oder gar nicht mehr fliegen, wird statistisch nicht erfasst. Doch es gibt sie!
Sei es nach einem schwerwiegenden Unfall oder Zwischenfall, durch belastende Lebensumstände oder andere Einflüsse. Denn Ängste können sich entwickeln. Sie sind kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken – wohl aber ein Anlass, genauer hinzuschauen.
Wann wird Flugangst bei Piloten zum Problem?
Angst ist zunächst ein Grundgefühl, das jeder Mensch kennt. Sie hilft uns, Situationen einzuschätzen und auf mögliche Gefahren zu reagieren. Dieser Mechanismus zeigt sich auf vielfältige Weise: Die Atmung verändert sich, der Herzschlag wird schneller, die Muskulatur spannt sich an, Gedanken werden enger oder kreisen um ein bestimmtes Thema.
Ausprägung und Wahrnehmung dieser körperlichen und geistigen Reaktionen unterscheiden sich von Mensch zu Mensch. Dennoch erkennen wir sie meist als Ausdruck von Angst: Man fühlt sich nicht wohl. Wer könnte beispielsweise mit geschlossenen Augen eine vielbefahrene Straße überqueren, ohne Angst zu empfinden? In einer solchen Situation ist Angst eine sinnvolle Schutzfunktion.
Illustration Flugzeug: Flugangst bei PilotenWas bei Angst im Gehirn passiert
Doch woher kommt sie eigentlich? Eine rein rationale Erklärung – etwa, dass Fahrzeuge uns physikalisch gefährden können – greift zu kurz. Ein wesentlicher Teil der Angstreaktion entsteht tief im Gehirn, unter anderem in der sogenannten Amygdala. Dieser Bereich arbeitet weitgehend unabhängig von bewussten, rationalen Entscheidungen. Selbst wenn uns der glaubwürdigste Statistiker versichern würde, dass die Überquerung der Straße ungefährlich sei, würden die meisten von uns zögern.
Problematisch wird es erst dann, wenn Angst in Situationen auftritt, in denen objektiv keine entsprechende Gefahr besteht. Würde ich zum Beispiel beginnen, auch mit offenen Augen Straßen zu meiden, wäre meine Lebensqualität deutlich eingeschränkt. Angst ist also grundsätzlich eine normale und oft hilfreiche Reaktion. Auch im fliegerischen Kontext erfüllt sie eine wichtige Funktion. Würden Piloten völlig angstfrei ins Cockpit steigen, wären riskante Entscheidungen, Einflüge in schlechtes Wetter oder waghalsige Manöver wahrscheinlicher. Die Angst vor Kontrollverlust oder einem Unfall sorgt für Sicherheit.
Flugangst durch Überschätzung von Gefahren
Zum Problem wird Angst, wenn Gefahren und deren Eintrittswahrscheinlichkeiten überschätzt werden – und wenn sie nicht mehr zur Sicherheit beiträgt, sondern das Handeln einschränkt oder blockiert. Dabei geht es nicht um gelegentliche Zweifel oder einen »schlechten Tag«. Gemeint sind anhaltende Muster und wiederkehrende, belastende Gefühle.
Im fliegerischen Alltag zeigt sich problematische Angst zum Beispiel dann, wenn ein Pilot trotz objektiv guter Wetterbedingungen und ausreichender Qualifikation wiederholt Flüge absagt, weil er starke körperliche Stressreaktionen verspürt. Auch permanentes Grübeln über mögliche technische Defekte oder ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten – etwa das Meiden bestimmter Wetterlagen, Flugzeuge oder Strecken – können Hinweise sein. Die Angst steht dann nicht mehr im Verhältnis zur tatsächlichen Gefahr und beeinträchtigt die fliegerische Leistungsfähigkeit.
Wo endet der Normbereich?
Doch wo verläuft also die Grenze zwischen normaler, tolerabler Angst und einer Angst, die nicht mehr hilfreich ist? Die Psychologie beschäftigt sich seit über hundert Jahren mit dem Versuch, menschliches Erleben und Verhalten zu messen und zu normieren. Dass dies nur begrenzt möglich ist, zeigt sich etwa daran, dass selbst der Intelligenzquotient regelmäßig neu normiert werden muss.
Zur Veranschaulichung betrachten wir Hansi, einen erfahrenen Privatpiloten. Nach einem unbeabsichtigten Einflug in ein Gewitter entwickelte er ausgeprägte Ängste. Er geht seltener zum Flugplatz, grübelt viel über seine Erlebnisse und vermeidet Flüge bei nahezu jeder Wolkenbildung. Das Fliegen macht ihm keinen Spaß mehr. Bestimmte Wetterlagen führten bei ihm zu Vermeidungsverhalten.
Illustration vom AbflugWie Flugangst bei Piloten den Alltag verändert
Es gibt viele fliegerische Situationen, die mit Unsicherheit verbunden sein können: anspruchsvoller Funkverkehr, komplexe Lufträume, Verkehrsflughäfen, Überquerungen großer Wasserflächen, Gebirgsflüge und vieles mehr. Hier lohnt es sich, ehrlich innezuhalten und sich selbst zu prüfen: Führt meine Angst zu besserer Vorbereitung und Respekt? Oder schränkt sie mich dauerhaft ein?
Ich möchte die Alpen nicht unvorbereitet und ohne Training überqueren – ein gewisses Maß an Angst ist hier sinnvoll. Gleichzeitig möchte ich aber einen großen Verkehrsflughafen regelmäßig anfliegen können, um im Notfall sicher und handlungsfähig zu sein. Angst lässt sich also nicht einfach in »gut oder schlecht« einteilen. Entscheidend ist, ob sie aufmerksam macht oder nachhaltig blockiert.
Vorfälle positiv bewältigen
Nach akuten Vor- oder Unfällen gibt es mit dem Stiftung Mayday Critical Incident Stress Management (CISM) ein etabliertes Angebot, das sich auch an Privatpiloten richtet. Mehr als 250 speziell geschulte Berufs- und Privatpiloten, aber auch Notärzte, Sanitäter und Psychologen – sogenannte »Peers« – stehen rund um die Uhr über eine Hotline und ein Online-Formular zur Verfügung.
Die Stiftung schreibt dazu: »Das Leben oder die Unversehrtheit des Besatzungsmitgliedes oder einer Person in unmittelbarer Umgebung ist oder scheint bedroht. Dabei ist die individuelle Wahrnehmung, nicht die Situation selbst, entscheidend.«
Gibt es Ängste ohne Auslöser?
Unbetreute kritische Ereignisse können in etwa vier Prozent der Fälle zu chronischen psychischen Erkrankungen führen. CISM setzt hier an. In maximal drei Gesprächen geht es um psychologische Erste Hilfe. Das Erlebte wird eingeordnet, körperliche Reaktionen werden verständlich gemacht und bei Bedarf wird weitere Hilfe vermittelt. Die Arbeit der Stiftung erfolgt ehrenamtlich und kostenlos.
Hansi kennt die Stiftung Mayday leider nicht und hat den Eindruck, dass sein Problem nicht zu einem einzelnen Ereignis passt. Er entscheidet sich für einen offenen Umgang mit seinen Ängsten und spricht mit einem Fluglehrer darüber. Es kann sehr hilfreich sein, sich mit Freunden, Familie, Vereinskameraden oder insbesondere Fluglehrern auszutauschen. Scham ist dabei fehl am Platz. Wer sich seinen Problemen stellt, schafft die Voraussetzung für Veränderung.
Illustration von Flug bei UnwetterOffen über Flugangst bei Piloten sprechen
Gerade im Sinne der in der Luftfahrt etablierten Just Culture – also eines offenen und konstruktiven Umgangs mit allen sicherheitsrelevanten Faktoren – sollte ein solches Vorgehen selbstverständlich sein. Sollte einem dennoch Unverständnis oder Häme begegnen, hilft es, sachlich zu bleiben und auf die gängige Praxis hinzuweisen: Risiken, menschliche Faktoren und persönliche Grenzen werden benannt und aktiv gemanagt.
In der Psychotherapie wird Angst nicht direkt »abgestellt«. Sie ist nicht willentlich steuerbar. Einem Piloten zu sagen, er solle »keine Angst haben«, ist so wenig hilfreich wie einem Kind zu sagen, es solle nicht weinen. Ein bewährtes Verfahren ist die Exposition: Man setzt sich einer angstbesetzten, aber objektiv ungefährlichen Situation bewusst aus und hält sie aus. Der Körper kann sich dabei schrittweise herunterregulieren und lernt, die Angst wieder angemessen zu modulieren. Dieses Verfahren ist gut erforscht und sehr wirksam. Manchmal ist dabei Unterstützung sinnvoll, manchmal gelingt es allein.
Die Grenzen des Solo-Trainings
Hansi nimmt sich vor, bei labilen Wetterlagen mit Cumulusbewölkung und Thermik zu fliegen. Anfangs ist er stark angespannt und nimmt seine Symptome wahr. Doch schon nach wenigen Flügen merkt er, dass es ihm zunehmend leichter fällt, zum Flugplatz zu fahren. Am Ende der Saison muss er sich regelrecht bemühen, noch Angstsymptome wahrzunehmen.
Wenn Angst nach einem Manöver auftritt, bei dem tatsächlich Unsicherheit über die fliegerische Kompetenz besteht – etwa nach einer missglückten Landung bei starkem Wind – ist ein Selbsttraining nicht sinnvoll. Hier sollten Übungen gemeinsam mit einem Fluglehrer geplant und durchgeführt werden. Ein Fluglehrer kann sowohl fliegerisch als auch als sicherer Begleiter unterstützen. Danach kann man selbstständig weiter üben.
Wann ist Profi-Hilfe sinnvoll?
Auch regelmäßiges Fliegen, egal ob mit oder ohne Fluglehrer, sowie die sinnvolle Nutzung von Auffrischungsschulungen helfen, Unsicherheiten zu reduzieren und Ängste gar nicht erst entstehen zu lassen. Doch wann sollte ich nicht mehr fliegen oder professionelle Hilfe suchen? Nicht alle Probleme lassen sich allein lösen. Die Fähigkeit zur Selbstbeurteilung ist begrenzt – kein Therapeut behandelt sich selbst, kein Pilot begutachtet sich selbst. Dafür gibt es Hausärzte, Psychotherapeuten und Flugmediziner.
Wenn starke körperliche Reaktionen auftreten, das Gefühl entsteht, die Kontrolle zu verlieren, sich Gedanken dauerhaft um das Thema drehen oder andere einen darauf ansprechen, ist es sinnvoll und verantwortungsvoll, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Flugangst bei Piloten ist kein Zeichen von Schwäche
Und ja: Es ist natürlich auch in Ordnung, ein Hobby aufzugeben, das dauerhaft belastet. Fliegen ist kein Beweis für Wert oder Stärke. Grundsätzlich gilt: Angst beim Fliegen ist kein Zeichen von Schwäche oder mangelnder Professionalität. Auch erfahrene Piloten erleben Phasen der Unsicherheit. Angst ist menschlich – und sie ist behandelbar.
Wer sich frühzeitig damit auseinandersetzt, schützt nicht nur sich selbst, sondern trägt auch zur Flugsicherheit bei. Übrigens: Hansi ist heute wieder jedes Wochenende auf dem Flugplatz. Er ist froh, dass er den Mut hatte, sich seinen Ängsten zu stellen.

Martin Schenkemeyer begann im Jahr 2007 mit dem Segelfliegen. Inzwischen ist er ATPL-Inhaber und fliegt beruflich mit Businessjets um die ganze Welt. In seiner Freizeit ist er als Vorstand seines Luftsportvereins tätig und fliegt an seinem Heimatflugplatz Bad Pyrmont Segelflugzeuge, Ultraleichtflugzeuge und Maschinen der E-Klasse. Für das fliegermagazin ist der Fluglehrer seit 2020 als freier Autor tätig und beschäftigt sich hauptsächlich mit Themen rund um die Flugsicherheit.

